Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Woärenschrift Seite V15 und Ganzen sind, namentlich unter Berücksichtigung der fortgeschrittenen Technik, die Bedingungen noch die gleichen sind, Palästina kann heute wieder der „Süden" und die Kornkammer für das ganze südöstliche Mittelmeergebiet und für Europa werden. Wir halten eine Vervierfachung der heutigen Bevölkerung, also drei Millionen, 100 Köpfe auf 1 Km-, für durchaus möglich, lediglich durch Entwicklung des Anbaues des Bodens, ohne Hinzutreten einer irgendwie ins Gewicht fallenden Gewerbethätigkeit, für welche bei völligem Fehlen innerer Schätze des Bodens, also auch des Bergbaues, eben die Bedingungen nicht gegeben sind. . Im West-Jordanlande ist zunächst die ganze Küstenebene mit ihren ungemessenen Wasservorräthen im Untergründe dichtester Besiedlung fähig. Für Apfelsinenzucht, Baumwollen-, Tabak- und Zuckerohrbau sind dort die Bevingungen im großen gegeben. Auch auf dem Hochlande des West-Jordanlandes bedarf es nur der Verwerthung der vorhandenen und der Aufspeicherung der winterlichen Wassermassen zu Anbauzwecken, um einen sehr großen Theil des Landes in Gartenlandschaften zu verwandeln, wie wir sie heute nur um Bethlehem, Nabulus, Dschenin und einige andere Orte sehen. Ueberall können mit Hilfe künstlicher Bewässerung werthvollere Erzeugnisse hervorgebracht werden, für die es (z. B. Oel, Apfelsinen, Wein) im südöstlichen Mittelmeergebiet, besonders in Egypten, also in nächster Nähe, an Käufern nicht fehlt. Das Ghür (Jordanthal) ist in seiner ganzen Ausdehnung in einen tropischen Garten zu verwandeln. Die Dattel, die dort reift, wird, wie im Alterthum, zu den besten gehören, die man kennt, und weit besser sein, als die egypt'sche. Dazu können Apfelsinen, Baumwolle, Zuckerrohr, Bananen, im Winter vor allem Gemüse gezogen werden. Jericho, heute bereits über Saloniki, nur fünf Tagereisen von Berlin,- von Jerusalem auf einem Morgeuspazirgange erreichbar, aber 1050 Meter tiefer gelegen, im Januar um 2° C. wärmer als Kairo, kann wieder werden, was es zur Zeit des Herodes war, eine prachtvolle Winterresidenz, deren Werth noch durch die dicht dabei sprudelnden heilkräftigen Thermen von Tell el-Hammäm ('Ain es Sultan), durch das Todte Meer mit seinen großartigen Scenerien und seinen Thermaquellen, wie 'Ain Dfchidi-Hammäm ez-Zertä (Kallirhoö), schon im Alterthum ein Luxusbad, 'Ain es- Sara u. A., durch die Fülle anziehender Alterthümer ringsum, durch den fischreichen Jordan n. A. m. erhöht wird. Eine Berieselungsoase von etwa 55 Km'. Flächeninhalt kann hier geschaffen .werden. Wie von T h a l e s von Milet erzählt tpird, daß. er einem Spötter den Beweis geliefert habe, daß seine Philosophie auch großen praktischen Werth haben könne, indem er, eine reiche Ölivenernte voraussehend, alle Oelpressen in Jonien pachtete und dann, als die reiche Ernte wirklich eintrat, mit großem Gewinn wieder verpachtete, so kann der Geograph heute den Rath zur Errichtung einer Gesundheitsstation in Jericho ertheilen, wie die deutschen Ansiedler von Haifa eine solche auf dem Karmel bereits zu errichten im Begriff sind. Das Ost-Jordanland in seiner ganzen Ausdehnung von Moab bis zum Hermon und Haurän, ist ein natürliches W e i z e n l a n d, wie es ausgezeichneter kein zweites gibt. Die fruchtbarsten Gebiete, die, wenn Ende Mai der Weizen geerntet ist, bald im Sonnenbrände einer Wüste gleichen mtb von den Bewohnern verlassen werden müssen, können, wenn man die winterlichen Regenmengen aufspeichert, dauernd bewohnbar gemacht werden und waren in der Blüthezeit bis zum Einbruch der Araber von hochgesitteten Menschen dicht besiedelt, wie die vielen Hunderte in Trümmern liegenden Städte und Dörfer bezeugen. Die Natur leitet selbst dazu an, da die Winterwasser sich vielfach in felsigen Vertiefungen von selbst sammeln und erhalten. Noch heute sind diese Anlagen, riesige offene oder bedeckte Cisternen, mit deren Hilfe allein sich Bosra (Bostra) als Knotenpunkt römischer Straßen zu einer Großstadt im Wettbewerb mit Damaskus entwickeln konnte, erkennbar, ja vielfach noch in Benützung; noch heute lassen sich die Wasserleitungen verfolgen, deren eine noch heute, die Pharaonische genannt, beispielsweise in eine Länge von 44 Km. mit zum Theil großartigen Viaducten aus dem noch vorhandenen reichen Quellbecken El Gab bei Dilli, mitten in En Nukra, nach Der'rät (Adraa) — heute schon wieder ein ansehnlicher Ort, an dessen antiken Ringmauern noch jeder Stein einen vier Zoll hohen griechischen Buchstaben, das Steinmetzzeichen trägt, — und , von da nach Westen bis Mulös oder Um Kös (Gadara) 5 Km. von der Mündung des Jarmük führte. Vermuthlich waren damals, wo das ganze Land angebaut und große Flächen berieselt waren, auch die Mißernten seltener. Die Cultur von ganz Palästina, das von zwei Seiten von der Wüste umgeben wird, aber namentlich dieser Grenzlandschaften, ist eine zarte Pflanze, die sorgsamer Pflege und starken Schutzes bedarf; sie verdorrt, sobald beide nicht mehr gewährt werden können. Diese Grenzlandschaften sind der Schauplatz des ewigen Kampfes der Wüste mit dem Cnlturlande, und darum, weil der am Besten gekannte dieser Schauplätze, von besonderer Bedeutung für den Geographen. In Zeiten, wo eine starke Hand sich schützend über das Land breitet, eine geordnete Verwaltung herrscht, drängen sich die Ansiedler in diese Grenzlandschaften, sie schieben die Grenzen des Culturlandes immer weiter vor, immer dichter werden die Siedelnngen, immer wohlhabender die Bewohner, immer höher der Bildungsstand: das Cultnrlaud siegt über die Wüste. Das Umgekehrte tritt ein, sobald die Macht der Bewohner des Culturlandes unter irgend welchen Einflüssen erlahmt. Dieser Vorgang hat sich nachweisbar hier öfter wiederholt. Am auffallendsten waren diese Gegensätze in spätrömischer Zeit, über die wir auch, freilich fast nur aus den Denkmälern selbst, am besten unterrichtet sind. Wie ausgezeichnete Organisatoren und Vermalter die Römer waren, ist bekannt. Fünf römische Legionen deckten die Grenzen von Syrien, römische Straßen verbanden die Grenzlandschaften mit dem Innern, römische Castelle umsüumten das Cultnrlaud. Ja, noch mehr! Die Wüstenbewohner sind zum Theil, sollen ihre Herden nicht verhungern, verdursten, gezwungen, im Sommer in die niederschlagsreicheren (und Gebirgs-jGegenden zu wandern; es ist einfach ein Kampf ums Dasein. Wie die Franzosen iu Algerien gezwungen waren, um das Cultnrlaud zu schützen, immer weiter gegen die Wüste vorzudringen, sich die Bewohner derselben zu unterwerfen, so verfolgten die Römer die Nomaden der arabischen Wüste bis in ihre anscheinend unangreifbaren Schlupfwinkel. Einen solchen bildet heute, von den Nhiük-Arabern bewohnt, die Lavaküste der Harra östlich vom Haurän. Mitten in derselben liegt mit fruchtbarsten vulkanischen Zerfetznngsstoffen gefüllt, im Winter reichste Weizenernten hervorbringend, das Becken der Ruchbe. Im Sommer, wo alles Wasser verschwindet und die einzige in der ganzen Harra vorhandene Quelle von Nemara nicht ausreicht, muß die ganzeBevölkerung, nachdem die Getreidevorräthe verborgen oder in sicherem Schutze eines Heiligen untergebracht sind, davon ziehen. Die Römer suchten die Feinde auch in diesem Schlupfwinkel aus, unter unsäglicher Mühe wurde eine Straße durch die Steinwüste gebahnt, Castelle schützten die Quelle von Nemara und die Ruchbe, selbst Ansiedler drängten nach und sicherte!! sich Seßhaftigkeit durch Aufspeicherung der Winterregen. Mit dem Niedergange des oströmischen Reiches erlagen die schützenden Bollwerke dem gewaltigen Vorstoße der durch eine neue Idee begeisterten und zusammengeballten Söhne der Wüste im Jahre 635 v. Chr.; Araber schlugen mitten im Culturlande ihre Zelte auf. So wurden die steinernen Städte fast unversehrt bis auf unsere Tage erhalten. Schwache Anfänge zur Wiederkehr eines goldenen Zeitalters für Palästina sind heute, selbst unter türkischer Herrschaft, die jetzt auch im Haurän Besatzungen hält, wie wir gesehen haben, allenthalben zu erkennen. Die weitere Entwicklung hängt von der Gestaltung der Tinge im Orient ab. Doch scheinen uns die europäischen Einflüsse in dem wankenden Türkenreich: so mächtig zu sein, daß wohl Störungen, aber keine wirkliche Umkehr in dem einmal eingeleiteten Vorgänge denkbar sind. Mit Zuversicht kann man es daher aussprechen: Palästina hat nicht nur eine große, geschichtsreiche Vergangenheit, nein! es hat auch eine hoffnungsreiche Zukunft!" Verein;ur Unterstützung jüdischer Handwerker. Dieser unter dem Präsidium des Herrn Baurathes S t i a ß n y so überaus verdienstvoll wirkende Verein veröffentlicht soeben seinen 10. Jahresbericht, dem wir folgende interessante Stellen entnehmen, die auch aus die allgemeinen politischen und socialen Verhältnisse ein charakteristisches Licht werfen: „Heute, am Ende eines zehnjährigen Abschnittes stehend, sind wir mehr als je überzeugt von der dringenden Nothwendig-