Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seile 616 Dr. Blvch's Wochensürrlft. Sir. 33 feit, den Verein auch ferner aufrecht zu erhalten, ja noch mehr, ihn weiter auszugestalten und ihn in den Stand zu versetzen, daß er kräftiger, wirkungsvoller seinen Pflichten obliegen könne. Die zehnjährige Erfahrung, wie die Beobachtung des täglichen Lebens, haben in uns die Ueberzeugung gefestigt, daß die Lage des jüdischen Handwerkers und Gewerbetreibenden sich verschlechtert und zu einer so precären gestaltet hat, daß die umfassendsten Mittel ergriffen werden müssen, um diese ehrenhaften, fleißigen Staatsbürger als solche zu erhalten. Wie der nichtjüdische Handels- und Gewerbetreibende, hat auch der jüdische gegen alle Factoren anzukämpfen, welche das Kleingewerbe bedrohen; bei den mangeln die Kräfte des Capitols und der Association, aber der Jude leidet überdies noch unter den Einwirkungen einer confessionellen, politischen und gesellschaftlichen Gegnerschaft, die ihm materielle und moralische Lasten so gewaltiger Art auferlegt, daß nur ein im Leiden so gefestigter, im Entsagen geübter, von Gottvertrauen und Zuversicht auf seine Glaubensgenossen erfüllter Arbeiter, wie es der jüdische Handwerker und Gewerbetreibende ist, es vermag, auf die Dauer Widerstand zu leisten. Wenn wir ihn im Kampfe unterstützen, in seiner Hoffnung beleben, in seinem Vertrauen kräftigen, so üben wir Menschenpflicht, so üben wir unsere Pflicht als Glaubensgenossen, so erhalten wir dem Staate einen nützlichen Stand und den Familien ihren Ernährer. Uns diese Pflichterfüllung im weitesten Umfange möglich zu machen, rufen wir aufs Neue Alle an, unsere bewährten Vereinsgenossen ebenso wie die außerhalb unseres Vereines stehenden Glaubensgenossen, die bisher noch, ohne unser Wirken zu beachten, scheinbar gleichgiltig an unserer Thätigkeit vorübergegangen sind. Wir sind -überzeugt, daß sie uns blos nicht kannten oder, nicht eingeweiht in die Verhältnisse, unser Wirken nicht genugsam abzuschätzen wußten, daß sie aber nun, in Kenntniß der Noth und in Kenntniß unserer Absichten, der Noth entgegen zu wirken, nicht säumen werden, auch ihrerseits die Pflicht der Nächstenliebe und der Glaubensgenossenschaft zu erfüllen. Wir rechnen nunmehr auf diese reichhaltige, dauernde, ausgiebige, umfassende Mitwirkung, als wir eben daran gehen, das Arbeitsfeld des Vereines wesentlich zu erweitern. Haben wir bisher vorwiegend durch Ertheilung von Darlehen und in vereinzelten Fällen durch Zuweisung von Arbeit helfend zu wirken versucht, so wollen wir nunmehr daß letztere Mittel mit mehr Nachdruck als bisher zur Anwendung bringen. Nicht blos unsere Erfahrung, sondern, auch die in anderen Städten gemachten Beobachlungeu belehren uns, daß gerade gegen die Noth, unter welcher der jüdische Handwerker und Gewerbetreibende mehr als zuvor und mehr als ein Anderer zu leiden hat, kein Mittel wirksamer ist, als die Zuweisung von Arbeit. Der ethische und der materielle Werth der Arbeit kommen da in gleichem Maße in Betracht, und wir wollen daher alle Kräfte aufbieten, um die israelitischen Handwerkern und Kleingewerbetreibenden durch Arbeitszuweisung in die Lage zu versetzen, daß sie die ungünstige Periode, für die sie und uns kein directes Verschulden trifft, überdauern können. Erkennend, daß unsere eigenen materiellen wie persönlichen Kräfte nicht ausreichen würden, um diese Aufgabe erfolgreich zu lösen, haben wir uns an die israelitische Cultusgemeinde in Wien mit der Bitte gewendet, uns ihre materielle und moralische Mitwirkung zu diesem Zwecke zu gewähren, und die Verhandlungen, die hierüber geführt wurden, geben der Erwartung Berechtigung, daß uns von dieser Seite die erwünschte, überaus werthvolle Unterstützung nach jeder Richtung in ausgiebigem Maße zu Theil werden wird. Zugleich haben wir uns an den israelitischen Humanitätsverein „LTnai B’ritli“ mit der Einladung gewendet, in Gemeinschaft mit uns einen unentgeltlichen Arbeitsnachweis zu gründen, und wir freuen uns ganz besonders, daß von Seite dieses Vereines, in dessen: Schoße selbstständig die Gründung eines Arbeitsnachweises erwogen worden war, die von uns ergriffene Initiative so sympathischen Widerhall fand, daß die Delegirten dieses Vereines gemeinsam mit den Mitgliedern unseres Vorstandes nach langen und eingehenden Verhandlungen übereingekommen sind, einen eigenen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis ins Leben zu rufen, dessen Statuten bereits von der hohen Regierung genehmigt worden sind, und hat auch bereits die Constituirung dieses Vereines in den letzten Tagen stattgefunden. * Wir dürfen demnach der Hoffnung Raum geben, daß dieser Arbeitsnachweis baldigst ins Leben gerufen werden wird, in welchem wir ein Hilfsmittel zur Erfüllung der von uns übernommenen Pflichten erblicken. Wir wälzen diese Pflichten nicht von uns ab, sondern wollen vielmehr an diesem Verein materiell und persönlich Mitwirken und unausgesetzt arbeiten, damit wir mit diesem Verein das Ziel erreichen, dessen Erfüllung uns als Herzenspflicht und Lebensaufgabe erscheint. Ueber die Vereinsthätigkeit im Jahre 1898 gibt die folgende Darlegung Aufschluß: Im abgelaufenen Vereinsjahre haben wir das Ableben unseres Ehrenmitgliedes, des Herrn Bernhard K o h n zu beklagen. Herr Kohn. welcher unserem Vereine seit seiner Gründung auch in der Eigenschaft als stiftendes und ordentliches Mitglied angehörte und viele Jahre in unserem Vorstande mit hingebungsvollem Eifer und bewunderungswürdiger Opferfreudigkeit wirkte, hat sich durch seine zahllosen, zumeist stillen und geheimen Wohlthätigkeitsacte in den Herzen seiner Freunde und Verehrer und in den Herzen seiner Schützlinge ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Allgemein war der Schmerz bei seinem Hinscheiden und aufrichtig die Trauer. Den Mann haben wir zu den Unserigen gezählt, er war ein Ideal an Güte, und nun wird nran unseren Schmerz und unsere Trauer begreifen, da er nicht mehr ist. Wir wollen ihm ein treues Andenken bewahren für immerwährende Zeiten! Im Verwaltungsjahre 1898 sind uns zwei namhafte Spenden zugekommen, u. zw. von Herrn Alois Lemberg er, Fabriksbesitzer, fl. 200.—, wodurch derselbe in die Reihe unserer stiftenden Mitglieder ausgenommen wurde, und von Herrn Max Ritter von Gut m a n n als neuerliche Spende fl. 100.—. Am 16. Mai 1898 wurde im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde die nennte ordentliche Generalversammlung unseres Vereines abgehalten. Der vom Vorstande erstattete Rechenschaftsbericht über das Verwaltungsjahr 1897 wurde seitens der in großer Anzahl erschienenen Mitglieder mit lebhaftem Beifall zur Kenntniß genommen, und dem Vereinsvorstande das Absolutorium ertheilt. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder, die Herren Max Fleischer, Emil Jelinek, Jacob Kan n, Salomon K o h n b e r g e r, Dr. Arthur K u r a n d a und Carl Tagleicht wurden mit der statutenmäßigen dreijährigen Functionsdauer einstimmig und mit Acclamation wiedergewählt. Zu Censoren für das Jahr 1898 wurden die Herren Hermann Beck, S. Steiner und Alfred W a i z n e r wiedergewählt. Wir gestatten uns an dieser Stelle, dem löblichen Cultus- Vorstand für die seit so vielen Jahren stets bereitwilligst gewährte Benützung des Sitzungssaales zum Zwecke der Abhaltung unserer Generalversammlungen den wärmsten Dank auszusprechen. Am Ende des Verwaltungsjahres 1898 hatte der Verein folgenden Mitgliederstand: 2 Ehrenmitglieder. 28 Stifter mit dem Gesammt-Stiftungscapital von ö. W. fl. 3600.— und Nominale ö. W. fl. 300.— vincul. Noten-Rente, sowie Nominale Kronen 200.— ung. Rente, endlich 319 ordentliche Mitglieder mit einem Gesammt-Jahresbeitrage von ö. W. fl. 1311.— An Spenden erhielt der Verein im Jahre 1898 insgesammt ö. W. fl. 300.- Als Ergebniß der von einigen Mitgliedern in ihrem Familien- und Bekanntenkreise veranstalteten Sammlungen wurde der Vereinscassa der Betrag von ö. W. fl. 73.18 zugeführt (siehe E, Spenden aus den Sammelbüchsen). Von den im abgelaufenen Jahre an den Vereinsvorstand gerichteten 220 Darlehens- und Unterstützungsgesuchen wurden 31 (u. zw. 30 Darlehen und eine Unterstützung) in zustimmendem und 96 in ablehnendem Sinne erledigt. 93 Gesuche wurden zur Behandlung in das nächste (XI.) Bereiusjahr übernommen; dagegen wurden von den vorjährigen Heuer 14 bewilligt. Die Summe der im Bereinsjahre 1898 laut vorstehender Detaillirung insgesammt bewilligten 44 Darlehen beträgt ö. W. fl. 3065.—, die Summe der liquidirten Unterstützung ö. W. fl. 5.—