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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-18 · 33 (18.8.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 610 Dr. Bloch's Wochenschrift» Nr. 33 bedenkliche Miene und hatte leider recht. Sarah's Zustand verschlimmerte sich rapid. Der behandelnde sowohl, als der am zweiten Tage aus Brünn zur Consultation berufene Arzt erklärten in voller Uebereinstimmung: Die Kranke sei unrettbar, die Wissenschaft stehe hier an ihrer äußersten Grenze, sie besitze kein Mittel, das Leben der Kranken zu erhalten, nicht einmal es zu verlängern. Sarah war eine ihres Gatten würdige Frau. Sie hatte in dem Momente, als Lebensgefahr bei ihr eingetreten, ihren Zustand erkannt und richtig beurtheilt. Sie war bis zn dem letzten Momente ihres Daseins bei voller Besinnung, klaren Geistes und der Sprache vollkommen mächtig, und jener gestaltete sich zu einem tief erschütternden, für jeden der Anwesenden zu einem ewig unvergeßlichen. Es war ein Freitag Nachmittag, als die Umstehenden erkannten und die Kranke fühlte, daß es nun mit ihr zu Ende gehe. Sie winkte ihrem Gatten, sich auf den Stuhl niederzulassen, ihre Stimme war schon schwach geworden, sie wollte mit ihm sprechen, von ihm verstanden werden, von ihm Abschied nehmen. „Mein lieber, lieber Aron .... ich muß von Dir gehen .... ich dank' Dir viel tausendmal für all' die Lieb' und Treue, die Du mir bewiesen .... ich Hab' Dich lieb gehabt von dem Augenblicke an, wo Du als armer Knabe die Schwelle meines Vaterhauses betratest, bis jetzt, bis zu meinem letzten Athemzuge. Ich wäre herzlich gerne bei Dir geblieben, — aber es soll nicht sein .... so muß ich mich denn mit dem Glücke bescheiden, das Gottes Huld mir so lange gewährt hat und danke ihm jetzt in meiner letzten Stunde aus voller Seele dafür, daß er mir die unaussprechliche große Huld erwiesen, Dich mir zu geben .... Ich weiß es, mein Scheiden wird Dir wehe thun, aber geliebter Mann, wir scheiden ja nicht für ewig .... Wir sehen uns wieder, noch edler, noch reiner. und Du selbst hast mir's am Todtenbette meines Vaters gesagt: Meß beerew schabbos, simon tow lo *) . . . . ich irre mich doch nicht, es ist ja Crew schabbos heute? ... . und so können wir ja ruhig, ergeben in den Willen Gottes, von einander scheiden! — Nur etwas habe ich noch auf dem Herzen, darf ich's aussprechen?" und als Brack vor Rührung sprachlos nur mit dem Kopfe nickte, fuhr sie mit immer mehr verklingender Stimme fort: „Zwei Bitten sind's an Dich, die ich Dich, wenn's in Deiner Macht steht, mir zu erfüllen bitte .... Wenn Du unserem kleinen Mädchen eine zweite Mutter gibst, prüf' sie genau .... ich ... . will nicht, daß mein armes, mutterloses Kind eine böse Stiefmutter bekommt. . . ." „Sarah", unterbrach sie Brack, die Thränen hinunterschluckend, in geflügelter Eile, „auch ich Hab' Dich geliebt von dem Momente an, wo ich in Deines Vaters Haus getreten, und werd' Dich ewig lieben! Ich lieb' kein zweites Weib, — ich werde Dir die Treue über's Grab bewahren .... So wahr ich hoffe, Dich einst wiederzusehen, so wahr ich vor Gottes Thron gerecht bestehen will, so wahr ich will, daß Du der höchsten Seligkeit theilhaftig werden sollst — ich bleib Dir treu, ewig treu 1 . . . . Kein zweiter Mensch soll sich zwischen Dich und mich stellen .... Mein theures, edles Weib, Du kannst ruhig eingehen in die Pforten der Ewigkeit.... aber Du hast noch einen zweiten Wunsch, sprich auch diesen aus!" Ein wehmüthiges Lächeln des Dankes überflog Sarah's bleiche Züge. „Halt' unseren zweiten Michael, als wär's unser erster, als wär's unser Sohn .... ich habe ihn nicht unter meinem Herzen getragen, nicht geboren, aber ich lieb ihn so, als wäre er mein leiblich Kind .... und schelte mich in meiner letzten Lebensstunde kindisch .... ich glaub' .... Du kamst als armes, verwaistes Kind in meines Vaters Haus, und hast ihm reich all' die Gutthaten, die er Dir erwiesen, dadurch vergolten, daß Du sein einzig Kind, mich, als Dein Weib beglücktest .... Glaub' mir's, mein Aron, unser zweiter Michael wird einst mein kleines, mutterloses Mädchen als Gatte beglücken! .... Du gewährst mir auch d i e Bitte, Du läßt ihn nicht von Dir?" „Gewiß, bestimmt," erwiderte Brack erschüttert. „Und nun, wo ist Michael? Wo mein kleines Mädchen?" Jener, der still weinend in einer Ecke stand, nahm das Kind, das in der Wiege lag und trat rasch an das Bett der Sterbenden. Sarah konnte schon die Personen nicht mehr unterscheiden, sie tastete mit ihren Händen nach den Häuptern der *) Wer am Nüsttage des Sabbaths stirbt, für den ist es ein gutes Zeichen. (Ksuboth 103 b.) Kinder, legte ihre Rechte auf ihres Kindes, ihre Linke auf Michael's Haupt und sprach den Priestersegen: „Gott segne Dich und behüte Dich und sei Dir gnädig; er wende Dir sein Antlitz zu und gebe Dir Frieden!" Als er sich erhob, sprach Sarah : „Lebt Alle wohl.... ich geh' zu meinem Kinde, zu meinem ersten Michael .... auf... . Wiedersehen .... Ah! Der große Sabbath naht . . . Ihre Lippen bewegten sich noch einige Zeit zu unhörbaren Worten .... endlich wurden jene regungslos .... ein tiefer, langer Seufzer entströmte ihnen, ein edles Menschenherz hatte zu schlagen aufgehört! Während der letzten Minuten waren die im anstoßenden Zimmer versammelten Mitglieder der frommen Schwesterschaft eingetreteu und hatten die Gebete, die bei einer Sterbenden gesprochen werden, begonnen. Jetzt trat die Vorsteherin der Schwesterschaft ans Bett und neigte sich horchend über dasselbe. „Todt?" frug Brack, in der Erschütterung des Momentes nur das eine Wort von seinen bebenden Lippen erzwingend, aber als er die wortlose Antwort in den Zügen der bekümmerten, alten Frau las, ergriff er unwillkürlich Michael's Hand und hatte die Seelengröße, mit äußerlicher Ruhe jene Benediction auszusprechen, welche dem Juden vorgeschrieben ist, wenn ihm ein geliebter Mensch entrissen wird: „Bornch Dajon emmes" *) . . . . und Michael, der den Sinn und die Bedeutung dieser Worte genau kannte, sprach sie schluchzend nach. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der „Union-Kalender". Der VIII. Jahrgang des von dem Vereine „Oesterreichischungarische Union" herausgegebenen „Kalenders für Israeliten" **) hat soeben die Presse verlassen und gelangt demnächst zur Expedition. Der mit großer Exactheit und Präcision von einem bewährten Fachmann (Rabbiner Freund) ausgearbeitete kalendarische Theil hat einige Verbesserungen erfahren, die den praktischen Gebrauch erleichtern und den Werth des Werkes erhöhen. Nicht mindere Sorgfalt ist dem nun folgenden schematistischstatistischen Theile gewidmet — von Seite der Redaction. Wir betonen dies ausdrücklich, weil es noch immer einzelne Gemeinden und Vereine gibt, welche die geringe Mühe scheuen, die Namen ihrer Functionäre niederzuschreiben und kostenlos der „Union" einzusenden. — Wir können uns nicht enthalten, hier einige Daten wiederzugeben. Wir haben in W i e n fünf Gemeinde- und neunundzwanzig Vereinsbethäuser. Hiezu kommt noch die Prachtsynagoge der Sephardim, welche Eigenthum der türkisch-israelitischen Gemeinde in Wien ist. Abschnitt IV des Kalenders gibt uns Aufschluß über die „jüdischen Vereine in Wien und ihre Anstalten". Es existiren hier 34 Vereine für C u l t u s z w e ck e, 15 Vereine für Bildung s- und Unterrichtszwecke, 76 Vereine für Wohlthätigkeitszwecke, und zwar: 24 für Krankheitsfälle, 28 zur U n t e r st ü tz u n g, 10 für Armenpflege, 13 Frauen-Ve reine und 1 V e rein fürFerie n-C olonien;Fried hofangelege nheilen besorgen 6 und anderweitige Zwecke 24 Vereine. Abschnitt V und VI geben Aufschluß über die Cultusg e m e'i n d e n in den beiden Reichshälften. Auch hier finden wir so Manches, das uns beachtenswecth erscheint und unser Interesse erregt. So z. B. S. 383 : Nagy-Marton-Mattersdorf, eine der ältesten Gemeinden Ungarns, gleichzeitig eine selbstständige politische Gemeinde mit Staatsmatrikel und Standesamt. Die Synagoge ist laut Aufschrift auf derselben 1354 gebaut worden. — Uebrigens sind in unserem Staate aus dem Mittelalter erhaltene Synagogen und Friedhöfe keine Seltenheit. Holleschau in Mähren besitzt einen Tempel, der viel Aehnlichkeit mit der berühmten Prager Altneuschule hat und dessen Alter sich nicht genau bestimmen läßt. Auch der Friedhof dieser Gemeinde ist sehr alt. Recht zeitgemäß und nachahmenswerth ist die Organisation der Talmud-Thora zu Stompfa in Ungarn: Um den Schulbesuch zu erleichtern und auch dem minder Be- *) Gelobt sei'st Du, gerechter Richter. **) Druck und Verlag von Moritz W a i tz n e r und Sohn in Wien« Preis 70 kr.

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