Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 603 Diesmal hat sich der Antisemitismus in seinen allerscheußlichsten Gestalt gezeigt, und es muß zum ewigen Gedächtniß festgenagelt werden, daß die Wiener Antisemitenblätter nicht blos als Anwälte und Verherrliche der Fälscher und der falschen Zeugen aufgetreten sind, sondern auch über den Mordversuch iit Rennes so geschrieben haben, daß ihre Sympathien für den Meuchelmörder unverkennbar sind. Das „Deutsche Volksblatt" hat die That sofort „erklärlich" gefunden; die Nachrichten darüber seien „furchtbar erlogen und übertrieben", Labori werde in acht Tagen wieder vertheidigen können, und so scheine es, daß Labori „in puncto Attentate eben so viel Glück hat wie Milan". Der Vergleich mit dem bekanntlich als fingirt geltenden Attentat auf König Milan drängte sich selbstverständlich auch der „Ostdeutschen Rundschau" auf, aber so unmöglich es scheint, das „Deutsche Volksblatt" an Gemeinheit der Gesinnung, an Gemüthsroheit und an Dummheit zu überbieten, so ist es der „Ostdeutschen Rundschau" doch gelungen. Sie spottet über den „angeschossenen" Labori, diesen fetten Herrn mit seinem athemraubeuden Pathos, der einen Haupttrumpf ausgespielt habe, indem er, schwer getroffen, mit dem Kopfe aufs Pflaster schlug. Das sei ein „Mordskerl", dieser Labori, den man sich zum Vertheidiger aussuchte, weil er die große geistige und körperliche Widerstandskraft besitzt, und dieser „Knalleffekt" sei bestimmt gewesen, „dem ermüdenden Trott des Proceß-Verfahrens einen beschleunigenden Ruck zu geben oder wohl gar die vorzeitige Einstellung der Verhandlung zu erzwingen". Die Freunde des Angeklagten haben also, um dem Dreyfus zu helfen, auf den Vertheidiger Labori mit dessen Einverständniß schießen lassen, und die Kraft des Schusses war so genau ausgerechnet, daß die Revolverkugel ihn nicht tobten, sondern nur ihn gerade so weit verwunden durfte, daß sich ihm das Geschäft rentirt. Ein ehrlicher gerader Sinn gilt als einer der größten Vorzüge des deutschen Volkes. Wer fähig ist, über das Verbrechen in Rennes sich einen solchen Gedankeugang zurechtzulegen, wie es die „Ostdeutsche Rundschau" gethan, dem sollte das Recht abgesprochen werden, sich einen deutschen Mann zu nennen. Es wäre eine Schande für das deutsche Volk, wenn es viele Individuen von einer derartigen Verworfenheit des Charakters und der Gesinnung in seiner Mitte zählen sollte. * * * Unter den Verbrechern, die in der Dreyfus-Affaire die Erforschung der Wahrheit zu hindern bemüht waren, haben wir auch den General M e r c i e r genannt, der vielleicht ursprünglich, verleitet durch die Veranstaltungen Esterhazy's und Henry's, in gutem Glauben war, als er Dreyfus für einen Verräther hielt. In Rennes hat Mercier aber schon wissentlich gelogen und die handgreiflichste Lüge war seine Behauptung, daß wegen des Dreyfus ein Krieg mit Deutschland drohte und daß alle Fäden der bei den auswärtigen Mächten betriebenen Spionage in den Händen des Deutschen Kaisers zusammenliefen. Oder wird vielleicht die alldeutsche, reichsdeutsche, urteutonische, wurzelhaft germanische „Ostdeutsche Rundschau" die Möglichkeit zulassen, daß der brave General, indem er dem ritterlichen Kaiser Wilhelm II. eine so niedrige Rolle insinuirt, die Wahrheit gesagt hat? Wenn aber ein Zeuge in einem so wichtigen Punkte lügt, wenn er als General und ehemaliger Kriegsminister eine den Deutschen Kaiser beleidigende Verleumdung ausspricht, welche, wenn sie nicht zu dumm und zu lächerlich erschiene, sondern ernst genommen würde, geradezu einen Kriegsfall bilden würde, welchen Glauben verdienen alsdann seine übrigen Angaben? -i- * * Die anderen ehemaligen Kriegsminister, die vor dem Gerichte erschienen und erklärten, sie seien von der Schuld des Dreyfus auch derzeit noch überzeugt, als ob es niemals eine oberstgerichtliche Enquote gegeben hätte, gaben immer und immer wieder als die Quelle dieser ihrer Ueberzeugung diejenigen Actenstücke an, von denen unerschütterlich bewiesen ist, daß sie gefälscht sind. Von den drei Briefen Cavaignaic's sind zwei gefälscht und der dritte bezieht sich nicht auf Dreyfus, das ist das Beweismaterial Cavaignaic's. An Thatsachen haben diese sogenannten 'Zeugen nichts vorgebracht, sondern sie haben blos ihre subjective Ansicht erklärt.. Kann diese die mangelnde Thatsachen ersetzen? Man ist überall, wo man nach dem muthmaßlichen Verräther forschte, auf Dreyfus gestoßen, sagte einer dieser Zeugen, als ob das nicht vollständig begreiflich wäre, da die wirklichen Spione und Verräther einen ganzen Apparat von Fälschungen aufboten, damit eben überall der Name des Dreyfus auftauche. Wie es mit diesem verschiedenen Auftauchen des Dreyfus und insbesondere mit der Glaubwürdigkeit des Generals Mercier bestellt ist, geht auch aus Berliner Meldungen hervor. Der Zeuge Villon, auf den sich Mercier beruft, soll im Berliner Centralhotel, in welchem er wohnte, ein Gespräch zweier Officiere über Dreyfus' Schuld gehört haben. Solche Gespräche, falls sie wirklich stattgefunden hätten, könnten auch von den Feinden des Dreyfus veranstaltet worden sein. Herr Villon kann aber dieses Gespräch unmöglich gehört haben, weil ein Reisender Namens Villon dort niemals gewohnt hat und die von Villon beschriebene Localität im Speisesaale gar nicht existirt. Ein Herr de Müller soll im Schlafzimmer des Deutschen Kaisers die „Libre Parole" mit der Randbemerkung gesehen haben.-„Dreyfus i st verhaftet". Das ist an sich unwahrscheinlich und geradezu plump erdacht. Dieser Herr de Müller hat aber auch schon bekanntgegeben, daß er vor dem Kriegsgericht in Rennes nicht erscheinen werde, und der Grund dieser Scheu vor dem Gerichtssaale wird auch schon in den Berliner Depeschen angegeben. Sowohl dem Herrn de Müller, als auch dem Herrn Villon könnte es nämlich passiren, daß ihnen, falls sie die hier mitgetheilten Angaben auch vor Gericht beschwören, der Meineid nachgewiesen wird, und es wäre dies nicht der erste falsche Eid, der in der Aff.rire Dreyfus geschworen worden ist. Nun wird man fragen: Woher rühren diese Berliner telegraphischen Meldungen? Sie sind ohne jeden Zweifel das Ergebniß officioser Mittheilungen, aus denen hervorgeht, wie man in den allermaßgebendsten Kreisen in Berlin über Herrn Mercier denkt, und dieser Weg der Aeußerung wird eingeschlagen, weil man den albernen Verleumdungen Mercier's gegenüber nicht officiell Stellung nehmen will. Die Ueberzeugnng von der Unschuld des Dreyfus werden alle antisemitischen Umtriebe nicht mehr erschüttern, und die versuchte Ermordung seines Bertheidigers war das letzte Gewaltmittel, um die Freisprechung vielleicht doch noch zu verhindern. Die Antisemiten wundern sich geradezu darüber, daß dieses abscheuliche Verbrechen die Entrüstung der ganzen Welt hervorruft, und in dem Kampfe für eine bodenlos schlechte Sache ist ihnen kein Mittel zu schlecht. Man kann sagen, daß die Wiener Antisemiten den französischen Nationalisten weit voraus sind. Das Bergauiblatt erinnert anläßlich des Attentates auf Labori an das tragische Schicksal unserer Kaiserin, welches dem Blatte den Vergleich „aufdrängt", zwischen dem Verhalten der Judenpresse jetzt und damals. Als die Kaiserin durch Mörderhand fiel, habe „die Wiener Judenpresse, „soweit sie geleitet wird vom internationaljüdischen Geiste", nicht im Entferntesten jene Töne von Entrüstung, jene Ausdrücke tiefster Ergriffenheit gefunden, über die sie jetzt beim Attentat auf Labori so reichlich verfügt. Sie habe versucht, sich L u c ch e n i's a n z u n e h m e n; auf alle mögliche Art sei für ihn Stimmung gemacht worden. Das ist eine Verleumdung, ekelhaft wie das Gift einer Kröte und die nur verzeichnet sein mag, nicht um sie auch nur eines Wortes der Widerlegung zu würdigen, sondern als Probe antisemitischer Niedertracht. Die infame Anschuldigung, als ob auch nur ein einziges österreichisches Blatt nicht der tiefen Trauer und dem Entsetzen über die That von Genf Ausdruck gegeben hätte. — vielleicht einige antisemitische deutschv ö l k i s ch e B l ä t t e r ausgenommen — ist übrigens nicht darauf berechnet, den sogenannten Judenblättern zu schaden. Der Haß gegen die Juden selbst soll damit gezüchtet werden, und um den zu schüren, wird die Loyalität der Bevölkerung, ihre Verehrung vor der idealen Frauengestalt, deren Andenken verklärt ist, ihr Mitgefühl mit dem großen Unglück, das unseren geliebten Kaiser heimgesucht, als Waffe mißbraucht. Es soll der Eindruck hervorgerufen werden, als ob die jüdische Bevölkerung außerhalb der Treue zum Landessürsten und seinem Hause, außerhalb der Liebe zum Vaterlande stünde, und um diesen schimpflichen Zweck zu erreichen, wird der Schatten der ermordeten Kaiserin heraufbeschworen. Diese Leute sprechen vom „internationalen Geist" der Judenschaft, um ihr die Vaterlandsliebe und die staatsbürgerliche Treue abzustreiten. Die Juden sind international auf dem Gebiete der Menschlichkeit und der Nächstenliebe. Wer aber die Jnteruationalität der Antisemiten kennen lernen und richtig benrtheilen will, dem ist jetzt dazu reichlich Gelegenheit geboten. Die Pariser Verschwörer finden hier die lebhafteste Theilnahme, und die Schüsse der Meuchelmörder, die von den Feinden der Republik gedungen werden, erwecken in den gleichgestimmten und auch den Meuchelmord „erklärlich" findenden Seelen der Wiener Antisemiten sympathischen Widerhell. Robert Wolf.