Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 602 Dr. Blvch'-e WochenschrM. Nr. 33 Nun lege ich keinen allzugroßen Werth darauf, daß in der Regel nicht nur von Ihnen das Verschwinden der Race unrichtig als „Assimilation" bezeichnet wird. Ich weiß, was Sie meinen, weiß, daß Sie die Abtödtung der Race durch Taufe und Mischehe wünschen, möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß wir Juden in dieser Hinsicht stets und reichlich mit guten Rathschlägeu versehen waren. — Als ob diese Abtödtung nicht seit Jahrtausenden versucht wurde und sich als unmöglich erwiesen hätte! Wenn Sie es heute unternehmen, die Juden zur Taufe und Blutvermischung aufzufordern, so sage ich Ihnen, Herr Kraus, daß He ein agitatorischer Stümper sind gegen die Agitationsgewalkoer Jnquisitionsgefängnisse und rauchenden Scheiterhaufen in Spanien im XV. und XVI. Jahrhundert. In Spanien waren sämmtliche Juden schon getauft. Und was hat sich gezeigt? In der dritten Generation noch sind aber diese Christen mit allen Beobachtungen des Ritus, also mit Gefährdung des Lebens zum Judenthume zurückgekehrt, und getaufte Juden sind ins Kloster gezogen und Mönche geworden, um in der Zelle in größerer Sicherheit den Talmud studiren zu können! Und alle diese Leute wußten, daß der Scheiterhaufen ihrer bei Entdeckung harre! So überwältigend und allgewaltig war die Liebe dieser Juden zum Judenthum, und Sie wollen mit Verstandesgründen die Zweckmäßigkeit des Abfalles erläutern? Die Liebe zu der zukünftigen Generation, sagen Sie, soll die Juden bestimmen, Mischehen einzugehen. Wenn es die Liebe zum gegenwärtigen Geschlechte nickt bewirkt, diejenige zum zukünftigen ist für die Mehrzahl der Ehecandidaten von nebensächlichem Einflüsse. Es fällt wirklich schwer, diesem jugendlichen Optimismus ernst entgegen zu treten. Woher wissen Sie schon, Herr Kraus, daß die Christinnen die Juden heiraten? Und dann!'Ist damit schon die „Assimilirung" nach Ihren Begriffen herbeigeführt? Die erste Generation besteht noch immer aus Judenkindern, die zweite Generation aus Judenenkeln, die Dritte aus Judenstämmlingen und in den Adern der vierten Generation fließt noch jüdisches Blut. Wollen Sie, Herr Kraus, die Juden belehren, im Interesse der Kinder, eigentlich in demjenigen der fünften Generation die Fahnenflucht zu ergreifen, dann dünkt es mir viel besser, letztere gar nicht in die Welt zu setzen. Das ist gewiß eine bessere Fürsorge für die nachfolgenden Generationen als diejenige, ihnen ein Beispiel unveranwortlicher Heuchelei zu geben. Die Bezeichnung der Taufe als Fahnenflucht ist aber die einzig zutreffende. Würden wir Juden nicht beständig geschmäht und angegriffen, dann besäße die Taufe für uns nicht die Bedeutung, die ihr jetzt zukommt. Da wir aber unfreiwillig zum Kampfe gedrängt werden, so besteht der Kamps, und das Verlassen des Judenthums bedeutet nichts anderes als das Verlassen der Schlachtreihen. So ist die Sache aufzusaffen und nicht anders, und ebenso wenig wie sich durch Vernunftgründe die Fahnenflucht verdammen läßt, gelingt durch die gleichen Gründe die Verdammung der Taufe für die Juden. Aber die durch viertausend Jahre diesem Volke anerzogene und geübte Ethik verleiht ihm das Gefühl, auch unbewußt eine Charakterschwäche zu mißbilligen. Es ist üljo nicht „jene Verstandesart", Herr Kraus, wie Sie wieder in unverzeihlicher Weise behaupten, die den Lockungen des Blutes, unvortheilhafte Mischehen zu schließen, wenig Rechnung trägt, sondern es ist die großartige und in der Geschichte unerhörte Hartnäckigkeit eines erhabenen Volksckarakters! Denn diese Verstandesart, sich bei der Heirat mit einer Mitgift zu versehen, ist gewiß keine specifisch jüdische, sondern war von jeher auch diejenige der christlichen Mehrzahl. Beispiele ffnden Sie genug, wenn Sie sich nur mit offenen Augen umsehen wollen. Ueberdies kann ich Ihre Logik wahrhaftig nicht begreifen! Warum m u ß denn der Jude ein armes christliches Mädchen heiraten und die reiche Jüdin einen armen Christen? Sie nehmen diese Verhältnisse als gegeben an und bescheiden sich damit. Sie haben Recht, aber Sie ziehen nicht die Konsequenz daraus. I ch will es thun! Nicht nur wohlhabende, sondern auch social höher stehende Christen gehen mit unbemittelten oder auch nur social gleichstehenden Juden eine Ehe selten ein, so daß der Vortheil mindestens auf beiden Seiten gewahrt wird. Eigentlich steht es so: Nicht w i r wollen uns nicht vermischen, sondern man will sich nicht mit uns vermischen. Ich habe eingangs meines Briefes erwähnt. Sie durften die Ansicht äußern, das Heil der Juden sei in der Taufe und Mischehe zu erreichen. Selbstverständlich stellen Sie die Ueberzeugung nicht als Vorbedingung auf. Aber durften gerade Sie es? Sie sind doch wohl ein Bekämpfer der Corruption? Und kann es eine größere Corruption geben, als sie in der Ursache, der Durchführung und dem Zwecke des Abfalls für den Juden gelegen ist? Was ist es denn, wenn der Staat ober die Gesellschaft die Fähigkeit und Eignung von Staats- und Mitbürgern nicht anerkennen will und ihnen die Carriöre verschließt, nur weil sie einer anderen Race oder Glaubensgemeinschaft angehören? Das ist Corruption und bildet die Ursache der Taufe. Was ist es denn, wenn Jemand ohne Ueberzeugung in eine Religionsgemeinschaft eintritt, einen Eid in die Hände des Priesters ablegt, an die Sätze und Dogmen zu glauben und nicht glaubt? Sie haben freilich die Antwort darauf, daß kein Unterschied bestehe zwischen einer Religion, die man nicht hält, und einem Glauben, den man nicht glaubt. Aber das ist nicht so! ) Für den Glauben in dem man zufällig geboren wird, übernimmt i man keine Verpflichtung, wohl aber für die Religion, in welche j man ausgenommen zu werden erst bittet. Der jüdische Täufling ohne Ueberzeugung spricht also mindestens eine Lüge und begeht Heuchelei. Demnach ist und bleibt ein solcher Uebertritt zu einer anderen Religion Corruption. Und was ist es schließlich, wenn man um socialer oder materieller Vortheile willen den Taufact vollziehen läßt, eine Handlung, welche Anderen als Sacrament gilt? Das ist Corruption. Sehen Sie, denjenigen Juden, welcher die ganze Schmach des Judenthums erträgt, weil er nicht im Stande ist, unaufrichtig zu handeln, den ächtet die Gesellschaft, aber denjenigen, der diese für ihn durch und durch falsche und unaufrichtige Handlung begeht, mit dem macht Staat und Gesellschaft Gemeinschaft. Ist das nicht die denkbar niedrigste Corruption? Geehrter Herr! Ich halte an der Ueberzeugung fest, daß hier ein Mißverständniß vorliegen muß, das Sie aufklären werden, und appellire an Ihre Objectivität und an Ihre gerechte Gesinnung, wenn ich Sie bitte, diese Zeilen möglichst bald in Ihre Zeitschrift aufznnehmen. Gewiß bleibe ich Ihnen dafür zu Danke verpflichtet. Hochachtungsvoll Dr. Isidor K l i m o n t. Wien, 1. August 1899. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Meuchelmord im Dienste des Antisemitismus. — Der Lügner Mercier. — Won Wergani» der Ostdeutschen Rundschau und anderen Lügnern. — Genf und Rennes.) In dem großen Drama, welches sich zur Zeit in Rennes abspielt, hat sich eine erschütternde Episode ereignet. Auf dem Wege in das Gerichtshaus ist der Vertheidiger des Capitäns Dreyfus von der Kugel eines Meuchelmörders niedergestreckt worden. Ein gütiges Schicksal hat es gefügt, daß Labori nicht getödtet, sondern nur schwer verwundet wurde, und wer menschlich fühlt, wird ohne Rücksicht aus seine Ansicht über die Schuld oder Unschuld Dreyfus' von Herzen wünschen, daß der beabsichtigte Erfolg des ruchlosen Verbrechens nicht eintrete, daß der hochbegabte Vertheidiger, welcher mit dem Enthusiasmus der Ueberzeugung seine Pflicht erfüllte, dem Leben und seinem edlen Berufe erhalten bleibe. Das Mordattentat auf Labori ist nur die logische Fortsetzung der Reihe von Verbrechen, die begangen wurden, um Dreyfus als Spion gelten zu lassen. Die Verbrecher Esterhazy, Henry, Paty de Clam, Boisdeffre, Lebrnn-Renault und Mercier haben Actenstücke gefälscht, Briefe fabricirt, vor Gericht falsch ausgesagt und falsche Zeugen geworben, und mit so großem Aufwand eines umfangreichen Apparates arbeitete das Complott, daß auch ehrliche Menschen, da ihnen in so vielen Actenstücken und in so vielen Zeugenaussagen immer und immer wieder der Capitän Dreyfus als der Verräther vorgeführt wurde, zu dem Glauben gelangten, er müsse denn doch schuldig sein. Allein die Geständnisse Esterhazy's und Henry's und der Umstand, daß alle Beweisstücke gegen Dreyfus gefälscht seien, auf Grund deren das Kriegsgericht ihn verurtheilte, haben ja bereits den Cassationshof veranlaßt, das Urtheil zu cassiren, und vor dem Kriegsgerichte in Rennes könnten nur neue Beweise zur neuerlichen Vernrtheilung führen. Solche gibt es aber nicht, und weil die Liga der Fälscher und der Antisemiten ihre Sache verloren sieht, greift sie auch zum letzten Mittel, zum Meuchelmord, um das Opfer eines Justizmordes seines Vertheidigers zu berauben.