Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 601 der „Fackel" scheint sich das Schimpfen zur Lebensaufgabe gestellt und sich vorgenommen zu haben, nicht eher zu rasten, bis er sich nicht alles Begehrenswerte erschimpft hat. Ec nennt meine Kritik „unklar" und „oberflächlich", meine Meinung „stammelnd". Jeder an meiner Stelle würde dem Publicum beruhigt den Vergleich der beiden Artikel überlassen und zuversichtlich dem Urtheile entgegensehen: Herr Kraus habe mit diesen Worten seinen Artikel und seine Notiz selbst kritisirt. Ich aber gebe Herrn Kraus vollkommen Recht! Wie könnte meine Schreibweise auch anders sein, als unklar, oberflächlich und stammelnd? Klarheit des Stils und Gründlichkeit im Denken kann man sich nur aneignen, wenn man dreimal monatlich 16—32 Seiten mit allen erdenklichen Themen aus den verschiedensten Gebieten ausfüllen muß. Und fließend kann man dann leicht schreiben, wenn man zwar Mark Twain schmäht, aber seine Witze benützt. (Bergt. „Fackel" Nc. 3; ibid 9, pag 20 u. 21. Mark Twain, The innoeents abroad XXIX, pag^ 352, London 1898.) Von Ovid wird erzählt, er wäre als Knabe seinem Vater durch das Versemachen unbequem geworden, so daß dieser den Sohn, um ihm dir Verse aus Pcincip oder wegen deren Mangelhaftigkeit abzugewöhnen, prügelte. Der Vater sei nun nicht nur darüber erstaunt gewesen, seinen Sohn trotzdem immer wieder beim Dichten zu ertappen, sondern noch mehr darüber, daß die Verse stets umso besser wurden, je zahlreicher und heftiger die Prügel dem jungen Dichter verabreicht wurden. Sonderbar! In diesem einen Punkte ist eine gewisse Aehnlichkeit zwischen dem römischen Dichter und dem Herausgeber der „Fackel" nicht zu verkennen. Anfangs konnte man die Artikel des Herrn Kraus nicht lesen. Nachdem er die ersten Prügel erhalten hatte, wurden die Artikel schon besser; nach den zweiten Prügeln konnte sich Herr Kraus bereits darauf berufen, daß er orthographisch und grammatikalisch richtig schreibe iVergl. „Fackel" Nc. 7, pag. 18 und 19.) Wer zweifelt an der Zukunft des Herrn Kraus! Er wird noch ein Meister des Stils werden, und darum kann er anderen minder begabten Leuten Borwürfe machen. Kann man sich aber wundern, wenn Jemand ohne diese Gaben und Leistungen „unklar" und „oberflächlich" ist und seine Meinung nur „stammeln" kann. Es dürfte so sein, wie ich es in der ursprünglichen Fassung des Briefes aussprach: Die Finsterniß ist bei uns so tief, daß, als man schon glaubte, den Schein einer Fackel zu sehen, es nichts weiter gewesen, als ein flackerndes Irrlicht. Herrn Dr. Bloch, welcher dieser Zuschrift in seinem gesch. Blatte Raum gibt, spreche ich im Interesse der Sache auch au dieser Stelle meinen besten Dank aus! Nachfolgend das Schreiben: Herrn Karl Kraus, Herausgeber der „Fackel" in Wien. Geehrter Herr! Nachdem Sie Herrn Julius Bauer aus dem Paradiese- Herrn Mark Twain aus Oesterreich und den Unsinn aus der „Neuen Freien Presse" vertrieben haben, scheinen Sie ueuestens auch daran gehen zu wollen, die Inden aus dem Judenthum zu vertreiben. Sie äußern in Nc. 11 der „Fackel" die Ansicht, das Heil der Juden sei nur in der durch Taufe und Mischehe zu erreichenden „Assimilation" gelegen. Diese Ansicht, wenn auch nachweislich falsch, durften Sie äußern. Hingegen erscheint der Ausspruch bedenklich, daß die religiöse Selbstbehauptung der Juden im Staate genüge, um den Haß gegen sie zu erklären, daß jene „Selbstbehauptung am bedeutsamsten in ökonomischer Beziehung als ein durch größeren Handelsfleiß, mehr praktische Einsichten und wohl auch mehr Scrupellosigkeit in den kaufmännischen Mitteln erklärter Erwerbsstandpunkt der Juden empfunden wird", und ferner, daß „jene Verstandesart, die, den Lockungen des Blutes, unvorteilhafte Mischehen zu schließen, wenig Rechnung trägt, den vollen Fortbestand der Synagoge ermögliche." Diese Behauptung, sage ich, erscheint mir bedenklich, nicht weil sie für die Juden theilweise schimpflich ist, sondern weil sie im Allgemeinen gewiß nicht richtig ist. Denn, wenn es wahr ist, daß die religiöse Absonderung den Judenhaß begründe, wie erklärt sich die Thatsache, daß die deutsch-protestantischen Ansiedler in Kleinasien inmitten der mohammedanischen Bevölkerung angesehen und wohlgelitten sind? Vielleicht erklären Sie dies, indem Sie sagen, hier befinde sich eine europäische Enclave in orientalischer Cultur, während es in Europa umgekehrt sei. Gut! Die Karaiten in Südrußland besitzen im Wesen den gleichen Glauben wie die Juden. Ihre Bibel ist identisch mit dem Pentateuch. Sie unterscheiden sich von den Juden lediglich dadurch, daß sie den Talmud nicht anerkennen, stimmen aber mit ihnen im Jsolirungsbestreben überein. Die Karaiten leben inmitten einer Bevölkerung griechisch-orthodoxen Glaubens und sind von derselben sehr wohl gelitten. Ob die Bekenner dieser Seele Semiten oder gar Hethiten sind, wie sie jetzt die Race unrichtig bezeichnen, kurz, ob sie mit den Juden von derselben Race sind, ist fraglich, hat aber mit der angefochtenen Behauptung nichts zu thun, ja spricht unter allen Umständen gegen dieselbe. Mithin ist die religiöse Selbstbehauptung der Juden nicht des Hasses Ursache. Und was Ihre weitere Behauptung betrifft, daß der Handelsfleiß der Juden größer, ihre Einsicht praktischer und ihre Scrupel tu der Wahl der kaufmännischen Mittel geringer sind, als bei den arischen Christen, so protestire ich gegen dieselbe! Ich brauche nicht so weit zu gehen, um beispielsweise daran zu erinnern, daß die semitischen Mohammedaner genan die gleichen Eigenschaften den arischen und christlichen Griechen und den semitischen Armeniern mit Recht oder Unrecht zuschreiben. Ich bitte Sie nur, sich einmal das geschäftetreibende Qnaiviertel in Wien genan anzusehen. Dort gibt es viele kleine jüdis ch e Kaufleute und sehr wenig große. Hingegen viele sehr große christliche Häuser und f a st g a r keine kleinen. Und wissen Sie, Herr Kraus, daß auch nur eine solche große christliche Firma am Wiener Quai im Stande ist, ohne sich sonderlich wehe zu thun, den ganzen jüdischen Quai auszukaufen? Jeder Kenner der Verhältnisse wird es Ihnen bestätigen. Solche Firmen können sich aber nur durch Fleiß und Fähigkeit im Handel entwickeln, denn der Gott des Zufalls, welcher die Conjnnctur lenkt, ist gewiß kein Antisemit, sondern unparteiisch. Daß Sie es jedoch über sich bringen, irgend einer Gesammtheit einen so schlechten Charakterzng, wie „Scrupellosigkeit" vorzuwerfen, ist mir unerklärlich. Leider ist es in Oesterreich Sitte, ganze Nationen zu zeichnen; aber daß Sie selbst Derartiges thnn^ setzt mich in Erstaunen, selbst wenn ich von Ihrer Eatstammuilg aus gleicher Gemeinschaft ganz absehe. Denn nur zu leicht finden Sie Glauben, da man in Ihnen — nicht mit Unrecht — einen Kenner Ihrer Stammesbrüder vermuthet. Denken Sie, bitte einmal nach, Herr Kraus, woher Bartel den Most holt! Eine eingehende Polemik gegen die vielen unrichtigen Behauptungen dieses Artikels würde mich zu weit führen. Ich könnte zeigen, daß die Ursache der Jahrtausende währenden Jsolirung und Erhaltung des Judenthvms lediglich auf die Ethik seiner Religion und seiner Ueberlieferung zurückzuführen ist, daß das von Darwin aufgestellte Priucip der Erhaltung des Starken in jedem Sinne des Wortes im Jut -nthume eine seiner beweiskräftigsten Stützen findet, daß überhast die großen Gesetze der Natur sich weder durch Allsichten noch durch Polemik oder Agitation aufheben lassen. Aber wozu? Ich könnte als strenger Zionist verschrieen werden und bin es nicht, ,(obgleich ich mit vielen Zügen dieser Bewegung sympathisire). Aber noch Eines, Herr Kcaus! Da Sie die sogenannte Assimilirung für besser halten als die sogenannte Selbstbehauptung, so fühle ich mich verpflichtet, Sie in diesem Punkte aufzuklären: Sie halten eine Assimilirung ohne Taufe für unmöglich. Nun ist aber Assimilirung nicht das, was Sie darunter verstehen, nämlich ein Verschwinden der Race durch Blutvermischung, sondern, wie schon aus der bloßen, richtigen Ueberfetznng des Wortes hervorgeht, eine Anpassung, höchstens eine Umwandlung; also für die besprochenen Verhältnisse eine Anpassung an Sitten und Cultur derjenigen Nationen, mit welchen die Inden im Staate zusammenleben. Sie selbst wissen nun gewiß, daß es in diesem Sinne keine assimilationsfähigere Race gibt als die Juden, daß sie schon vor der Diaspora, besonders aber m derselben ein außergewöhnliches Beispiel des Assimilationswillens und der Anpassungsfähigkeit geliefert haben. Zum Affimiliren gehören aber in Abänderung des bekannten Bolkswoctes zwei: Der Eine, welcher sich annähert, und der Andere, der die Annäherung zuläßt. Und unser ganzes Unglück besteht eben darin, daß die heutigen Nationen zu dieser Assimilirung noch wenig fähig sind. Daß wir Juden es sind, darüber ist jeder Zweifel ausgeschlossen. MS*'