Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 598 Dr. Bloches Wochenschrifi» Nr. 33 ab gilt die Erfahrung, daß die äußerste Rechte die anarchistischen Elemente mobil macht, um den Reformen in die linke Flanke zu fallen. Auch in Oesterreich wurde nach diesem Recept gearbeitet, und es ist der Kern einer Broschüre („Socialismus und Socialpolitik", 1887) Oberwinder's, dieses Bündniß vor dem Forum der Weltgeschichte denuncirt zu haben.*) Der Anarchist Mühlwasser war Agent des Brünner Polizeidirectors Pickleb und des clericalenFabri kanten Otto von Bauer. Hatte Pickleb seinen Mükilwasser, so hatte Pater Floreucourt seinen anarchistischenPseifser. Die Werkzeuge des besagten Paters scheuten auch vor Betrugsoperationen nicht zurück. Zur Bestreitung der Kosten gaben die Feudalclericalen 500 fl., welcher Betrag es ermöglichte, auch einige Wiener Redner zu honoriren. Einer derselben, der czech i s ch e Anarchist Baudisch, begnügte sich mit der bescheidenen Summe von 2 fl. 50 kr. Die Socialdemokratie kannte das Bündniß dieser antisemitischen Feudalclericalen mit dem Anarchismus sehr gut. Im Jahre 1885 heißt es in einem Manifest des Züricher „Söcialdemokrat": „Dieselbe P a r t e i. w e l ch e die a n a r ch i st i s ch e n B e st r e b u n g e n begünstigte, um die Einheit und Macht der Käuwfer für die politische und sociale Emancipation der arbeitenden Elasten zu brechen, dieselbe Partei, der wir nachgewiesen, daß sie in Oesterreich die sogenannte Propaganda der That einleitete, deren hoch aristokratische Vertreter mit den intellectuellcn Urhebern bon Raubmorden Conventikel gehalten, dieselbe Partei schürt heute den R a c e n h a ß, den religiösen Fanatismus, um die allgemeine sociale Unzufriedenheit in falsche Bahnen zu lenken und die öffentliche Meinung irre zu führen." Antisemitische Bombenattentate gegen die Juden sind auch in Oesterreich vorgekommen. Im December 1893 wurden in Ra ko nitz mehrere Bombenattentate verübt. Im Verlaufe der betreffenden Verhandlung stellte es sich heraus, daß die „Brüder der Finsterniß", wie sich die Bombenmänner von Rakonitz nannten, vorwiegend durch excessiv czechisch-nationale und antisemitische Beweggründe ins Verbrechen getrieben wurden. Mit Bezug darauf sagte auch der Klagevertreter, Staatsanwalt- Substitut Vysin, in seinem Plaidoyer: Das Motiv der Unthaten liege in gewissen, heute leider weit verbreiteten Schlagworten, welche jedes ethischen oder Humanitären Hintergrundes entbehren und lediglich auf eine schlecht geleitete Erziehung oder Irreführung zurückzuführen seien. Diese Schlagworte heißen Anarchismus und Antisemitismus. Hiezu komme noch eine ganz verkehrte Auffassung des Begriffes der Nationalität Von diesen Schlagworten seien auch die auf der Anklagebank Sitzenden beherrscht gewesen; darauf weisen die unterschiedlichen Drohbriefe hin, die alle in die Aufforderung ausklangen : „Fort mit den Juden, fort mit den Deutschen!" Die Angeklagten wurden zu Kerkerstrafen in der Dauer von drei Jahren, resp. 18 Monaten, verurtheilt. In dem bekannten P o s e n e r Anarchistenprocesse 1888 (Angeklagte Janiszewski und S l a v i n s k i) gelangte ein Referat zur Verlesung, welches eine als P. bezeichnete Person über die Förderung der anarchistischen Bewegung durch den Antisemitismus erstattet hat. Das war unter Ausschluß der Oeffentlichkeit auf dem Anarchistencongretz von Chur (1882) geschehen. Die Berliner Polizeibehörde hatte das Referat zu erwerben gewußt. Der Inhalt dieses Protokolls wurde dadurch bekannt, daß die Vertheidiger in ihren Reden darauf Bezug nahmen. Bemerkenswerth ist vor Allem folgender Passus: Ein Anarchist, der zugleich in der antisemitischen Bewegung stand, erstattete über dieselbe Bericht, mit dem Hinzufügen, der Fortgang dieser Agitation bezwecke, das kleine Beamtenthum wie die kleinen Handwerker für die Ideen des Anarchismus zu gewinnen. Seine Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall *) Ein ähnliches Bündniß fand auch zur Zeit der französischen Revolution statt. Es waren in der Nationalversammlung auch wieder die Feudalen, welche die Männer der Umsturzpartei gegen die der ruhigen Reform unterstiitzten. Mad. du Stael schreibt in ihren »M6moires et considgrations sur les principaux fevenements de la Revolution fran^aise > (Pavis & Leipsic, 1819, Bd. I., 273) über die Aristokraten der Nationalversammlung (Constituante): „Die extremsten Aristokraten konnten die Männer nicht leiden, die eine weise, freie, und folglich dauerhafte Verfassung geben wollten und oft sah man, wie sie eifrigst den fanatischesten Demagogen die Hände gaben, deren Thorheiten Frankreich und sie selbst mit einer schrecklichen Anarchie bedrohten." ausgenommen, und der Präsident des Congresses knüpfte daran unter allgemeiner Zustimmung die Bemerkung, daß am Tage des Losschlagens doch kein Unterschied gemacht werden würde zwischen christlichem und jüdischem Capital. Der seither verstorbene Staatsanwalt Martins bemerkte in seinem Plaidoyer: Wenn auch die anarchistische Bewegung aus dem Antisemitismus Förderung gezogen, so müsse man doch zwischen ungewollter Wirkung und Absicht unterscheiden. Selbst das antisemitische „Volk" (30. Juli 1893), ein Stöcker'sches Blatt, schrieb: „Der sogenannte R a d a u - A n t i s e m i t i s m u s, welcher den Scandal pflegt, Ausschreitungen provocirt, mit radicalen Phrasen paradirt, unter Umständen auch die „Propaganda der T h a t" nicht verschmäht und dabei den Leichtgläubigen vorspiegelt, in wenigen Jahren die Majorität des Volkes für sich gewinnen zu können, ist ein Z w i l l i n g s b r u d e r jenes A n a r ch i s m u s, der in der socialen Bewegung des Proletariats sein Unwesen treibt." Und die katholische „K ö l n. V o l k s z t g." (29. Juli 1893) stimmte dem zu: „Je unberechtigter und je gewaltsamer eine Bewegung ist, umso eher werden die radicalen Elemente die Oberhand gewinnen. Wir sind überzeugt, daß die a n t i s e rn i t i s ch e n Radaumacher eher noch bei den Anarchisten, als bei den planmäßigen Socialisten landen werden." Im September 1894 explodirte in einem Hause zu Traunstein (Bayern) eine heimlich gelegte, mit Sprengpulver gefüllte Blechröhre. Die Zeitungen legten die That natürlich Anarchisten zur Last. Da stellte sich aber heraus, daß die Thäter Antisemiten waren. Der Hausbesitzer sollte abgehalten werden, einem israelitischen Kaufmann einen Laden einzuräumen. Vor dem Attentat hatte der Hausbesitzer Drohbriefe erhalten. In Dortmund (August 1895) gingen bei der Polizei- Verwaltung anonyme Drohbriefe ein. In den meisten Fällen hieß es: „Nieder mit dem Judenpack. Es lebe die Anarchie. Nieder mit den Steuern. Gefängniß und Polizei-Verwaltung sollen in die Luft gesprengt werden, Bomben sollen gelegt werden Sämmtliche Polizei-Beamte sollen erhängt werden" u. s. w. Durch die angestellten Nachforschungen wurde ermittelt, daß diese Drohbriefe der in Dortmund wohnende Winkelconsulent Franz Josef Brandt geschrieben und abgesandt hatte. Er wurde festgenommen und dem königlichen Gerichtsgefängnisse zugeführt. So enthüllt sich der Antisemitismus in allen Ländern als eine Partei des gemeinen Mordes. Zur Lage. Oesterreich ist nicht blos das Land der Unwahrscheinlichkeiten, sondern auch, wie sonst nur Spanien, das Land des beispiellos verknöcherten Conservatismus, und was hier einmal Platz griff, bleibt unerschütterlich für ewige Zeiten, wenn nicht zufällig — wie Mailand 1848 — ein Erdbeben an dem Bestehenden rüttelt. Der zuerst in Ungarn ausgebrütete Antisemitismus, mit dem angeborenen Gebrechen des Ritualmordmärchens wurde nach einigen heftigen Zuckungen von Koloman Tisza energisch zertreten. Jener in Deutschland griff niemals, wie bei uns, in die breiten Schichten ein, die dort an Bildung die unseren weitaus überragen, und blieb zumeist auf die junkerlichen Kreise beschränkt, in die sie Bismarck aus Rancune gegen Lasker getragen. Selbst in Rußland hat der Regierungs-Antisemitismus Jgnatiew'scher Provenienz, der niemals die Billigung der orthodoxen Altrussen gefunden, mildere Formen angenommen. Blos hier bei uns, in dem mosaikartigen Ländergebilde Cisleithaniens, wuchert er ungeschwächt fort und die ihm von krasser Unwissenheit und schurkischer Speculation errichteten Altäre werden vom Hohertpriester Lueger und seiner finsteren Trabantenschaar eifrig bedient. Von Taaffe, dem alle Mittel gut waren, durch die er die Fortdauer seiner Macht erlangen konnte, systematisch gezüchtet, um sich die Gunst der Clericalen zu erhalten — vom leicht-