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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 594 Dr. Bloch's Wochenfchrifk. Nr. 32 Sechstes Capitel. Kaiser Josef hatte den Thron seiner Väter bestiegen! Es schien, als wenn plötzlich ein neuer, warmer Lebensstern die Pulsadern des weiten Reiches dieses belebend und erfrischend durchströmte. — Der neue Monarch fand endlos viel zu verbestern! Schon während der Zeit seiner Mitrege.ckschaft hatte sich ihm die Ueberzeugung aufgedrungen, daß die österreichischen Staaten in vielen Dingen zurück seien, und er hatte schon damals mit vollster Klarheit und Deutlichkeit erkannt, paß alle Versuche und Bestrebungen Maria Theresias, Verbesserungen einzuführen, zu nichts weniger als zu günstigen Resultaten geführt hatten. Die große und kluge Kaiserin war von schlechten Rathgebern irregeführt worden. Die Protestanten, namentlich in Ungarn, seufzten unter einem buchstäblich unglaublichem Drucke. Es wurde ihnen mit entsetzlicher Härte begegnet. — Die Beamten waren bestechlich, der freie Geist geknechtet, die Schulen und Bildungsstätten vernachlässigt, in allen Zweigen der Staatsverwaltung waren die größten Mißbräuche eingerissen. Als deutlichsten Beweis, wie verkehrt und zweckwidrig die von der Kaiserin Maria Theresia angeordneten Maßregeln waren, mag die „Keuschheits-Commission" hervorgehoben werden. Während der Zeit, als diese Sittenpolizei, durch welche, wie die Kaiserin glaubte, die „Sittlichkeit und moralische Kraft des Volkes gehoben werden sollte," fungirte, hatte die Sittenlosigkeit in Wien, eine Höhe erreicht, wie weder früher noch später. Ein sich durch seine Objektivität vortheilhaft auszeichnender, glaubwürdiger Schriftsteller schätzt die Zahl der damals in Wien lebenden Dirnen und Grisetten auf 14.000, sage vierzehntauseud! Der unsterbliche Kaiser Josef ging mit Energie daran, Corruption, Nepotismus, Bestechung und Intoleranz machtvoll zu bekämpfen und den großen herrlichen Principien der Freiheit und Gleichheit, die erst acht Decennien später unter der Regierung des edlen, ritterlichen Kaiser Franz Josef zu voller Anerkennung und praktischer Ausführung gelangten, Geltung zu verschaffen. Durch das ganze weite Reich ging ein gesunder, frischer Hauch einer gewaltigen freiheitlichen Strömung, der auch bis in die entferntesten Theile der Monarchie, in die entlegensten und kleinsten Ortschaften drang. — Kaiser Josef, dessen klarer Blick allüberall das Richtige erkannte, ersah, daß Bildung eine hochveredelnde Wirkung besitze, und verordnete daher, daß jedes Kind die Schule besuchen müsse und auch die Juden sich die Landessprache aneignen und die jüdischen Gemeinden deutsche Schulen errichten müßten* *); auch die Judengemeinde in W. mußte sich mit schweren Opfern entschließen, mit großen Kosten eine Normalschule, wie sie in dem damaligen Amtsstyle genannt wurde, zu errichten. Die gutgemeinten, löblichen Absichten des edlen Fürsten stießen aller Orten auf Widerspruch, oft auf Widerstand. — Wir lieben in unseren Darstellungen die volle ungeschminkte Wahrheit und wollen es nicht verhehlen, daß sich auch in den jüdischen Kreisen ein hoher Grad von Gereiztheit gegen diese neuen Einführungen kundgab. Diese läßt sich leicht erklären. Der entsetzliche Druck, welchen bisher die Juden erlitten, ihre totale Abgeschlossenheit von allen anderen Staatsbürgern, hatte einen eigenthümlichen zum Theil ungünstigen Eindruck auf sie ausgeübt. Es war begreiflicher Weise hiedurch der Mehrzahl die richtige Beurtheilung der Lebensverhältnisse abhanden gekommen. Jedes. Wissen, das außerhalb ihres Religionslebens lag, war ihnen gar nicht oder nur schwer erreichbar gewesen, und da sie von demselben keinen Gebrauch machten, hatten sie sich daran gewöhnt, es für überflüffig. mehr als das, für schädlich zu halten. Sie hatten alle ihre Geisteskräfte nahe- *) Wir führen die diesbezügliche Verordnung vom 19. October 1761 im Auszuge an: „Die Juden sollen in einer Zeit von zwei Jahren gehalten sein, alle ihre Eontracte, Verschreibungen, Testamente, Nechnnngen, Handelsbücher, kurz Alles, was eine Verbindlichkeit in gerichtlichen und außergerichtlichen Handlungen haben soll, in der gerichtsüblichen Sprache des Landes bei Strafe der Nullität und Verweigerung der obrigkeitlichen Assistenz auszufertigen, folglich soll allein der Gottesdienst ausgenommen s e in, wobei sie sich der hebräischen Sprache bedienen können. Um aber bi§ Erfolges sich umso mehr zu versichern, sei das beste Mittel, wenn außer den jüdischen Hauptschulen eine nach Normallehrart eingerichtete Schule, jedoch ohne die mindeste Berrrung ihres Gottesdienstes und Glaubens, eingeführt werde." zu ausschließlich auf religiöse Studien verwendet. Sie befürchteten nun, daß profane, sie von talmudischen Studien ablenken, sie zum Unglauben drängen, zum Abfalle vom dem altererbten Väterglaubeu verleiten könnten. Einzelne Juden, welche vom heißen Drange getrieben, mit großen Opfern profanes Wissen erlangt hatten, waren in der That von der Väterreligion abgefallen, und so hatte sich eines großen Theiles der damaligen Juden die unrichtige Anschauung bemächtigt: daß allgemeine Bildung der Religion abträglich sei, zu Abfall, Sünde und Ungläubigkeit verleite. Es gab unter den Juden jener Zeit unverständige Männer, welche die Einführung des deutschen Schulunterrichtes als eine „Gesere" -), eine die Vernichtung des Judenthums bezweckende Maßregel betrachteten und von ihren Rabbinern verlangten, man möge Fasttage ausschreiben und Gebete verrichten, damit Gott gnädigst dieses Mittel abwende. Auch in W. gab es einige Verblendete, welche zur Errichtung einer solchen Schule nichts beitrugen, noch weniger ihre Kinder in dieselbe schicken wollten. Allein der großen Klugheit und Energie des Vorstehers Aron Brack gelang es, die Irrenden zu belehren und auf den richtigen Weg zu führen. Bei einem Gastmahle, welches die Kabronim-Chewre3 4) alljährlich ihren Mitgliedern als eine Art Verbrüdcrungsfest gab, hatte Brack, der ein Meister des Wortes war, eine Tischrede gehalten und zum Texte derselben den Spruch des Mischnahlehrers: „Schön ist's, wenn sich mit der Kenntniß der Thora jene des Profanen Wissens verbindet", gewählt und hatte in einem, so große talmndische Gelehrsamkeit documentirenden, mit geistreichen, trefflichen Citaten gewürzten Vortrage den großen Nutzen der Kenntniß allgemeinen Wissens auch für die Bekenner des jüdischen Glaubens mit unwiderleglichen Gründen bewiesen. Ec führte zur Unterstützung seiner Behauptungen die Namen aller großen jüdischen Lehrer der Vorzeit an, welche neben eminentem religiösen, auch immenses profanes Wissen besaßen, und dieses als Aerzte, Astronomen u. s. ff. nicht nur zu eigener Ehre und eigenem Nutzen, sondern auch zur Ehre der Judeuheit, zum Wohle der Menschheit verwerrheten. Von der entferntesten Vergangenheit zur Gegenwart übergehend, brachte er auch aus jüngster Zeit und unmittelbarster Nähe einen Beweis dafür, daß profanes Wissen dem Erlernen des Hebräischen nicht abträglich sei. Sein Pflegesohn Michael Klein besuche nun auch durch ein Jahr die Normalschule, könne nun schon prächtig lesen, schreiben, rechnen, dabei aber habe der kleine Knabe schon die fünf Bücher Moses und einen großen Theil der heiligen Schriften durchgenommen, habe das Gelernte tüchtig inne, werde nun schon ein halbes Jahr lang in Gemore^) unterrichtet und sei der beste Schüler seines Talmudlehrers. Da sich Brack trotz des großen Vertrauens, dessen er sich erfreute, noch auf das Zeugniß des anwesenden Rabbiners (ein solcher war mittlerweile in W. ausgenommen worden) und aller anwesenden Talmudkundigen berief und diese die Richtigkeit aller seiner Angaben bestätigen mußten, war es ihm gelungen, den Widerstand einiger Finsterlinge erfolgvoll zu bekämpfen, und die jüdisch-deutsche Normalschule in W. erfreute sich bald unter den Juden des Städtchens und der Umgebung allgemeiner Beliebtheit.- Michael Klein bereitete seinen Pflegeeltern großes Vergnügen. Er war ein gutgeartetes, reichbegabtes Kind, ein ungewöhnlich kräftiger Junge, der auch zu allen Verrichtungen höchst anstellig war und in allen manuellen Fertigkeiten die größte Geschicklichkeit bewies. Da man damals unter der Bevölkerung im Allgemeinen und bei den Juden insbesondere wenige Personen fand, welche die Volkslehranstalten hätten überwachen können, war Pfarrer Willibald zum Jnspector der Schulen in W., also auch der israelitisch-deutschen Normalschule ernannt worden. Dieser, ein edler, human denkender Geistlicher, nahm es mit der Erfüllung seiner Pflichten sehr genau und besuchte oft die Schule. „Herr Brack", sprach er nach einer sogenannten Hauptprüsung der Schüler, der er und der Judenvorsteher angewohnt, und bei welcher sich Michael Klein ausgezeichnet hatte, „je mehr ich Ihren Pflegesohn beobachte, desto mehr überzeuge ich mich zu meinem großen Vergnügen, daß mein erstes Urtheil über den lieben Knaben, welches ich unserem Bürgermeister ausgesprochen, ein vollkommen richtiges war. Das Kind ist erst sieben Jahre alt und weiß nun schon bald Alles, was in der Normalschule gelehrt wird. Ja, Michael Klein, dessen Ellern -) Eine drückende tyrannische Maßregel der Regierung. 3) Beerdigungs-Brüderschaft. 4) Talmud.

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