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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 32 Seite 593 Dr< Wochenschrift. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von G a b r i e l> (Fortsetzung.) „In welcher Werse," sprach der Bürgermeister, „wollen Sie dies verhindern? Wenn Sie auch so unklug sein wollten, gegen meinen Auftrag bei der nächsten Orlsbehörde, dem Kreisamte, zu recurriren, so würde Ihr Recurs keine hemmende Wirkung haben. Die Erledigung des Kreisamtes ließe länger ans sich warten, als Ihnen lieb wäre. Es müßte vor Allem ein Bericht von mir abgefordert werden und ich würde mich, wie Sie b'greisen werden, mit diesem nicht übereilen. Bevor die Entscheidung erfließt, ist der Knabe längst über die Staatsgrenze geschafft ... Es ist geradezu lächerlich von Ihnen, etwas von mir erzwingen zu wollen. Ich mache Sie in Ihrem und im Interesse Ihrer Gemeinde daraus aufmerksam, daß Sie in allen jenen Fällen, wo Sie die eiserne Nothwendigkeit zwingt, eine gesetzliche Bestimmung umgehen zu wollen, Sie, wenn Sie straflos bleiben wollen, sich an mich wenden und — in i r g e n d einer Art" — der Bürgermeister betonte diese Worte in nicht mißzuverstehender Weise — „mein Stillschweigen hiebei erlangen müssen. Ein anderes Mittel besitzen Sie nicht, das können Sie mir glauben. Euer Schicksal liegt in meiner Hand, ich kann Euch das Leben so sauer machen, als es mir beliebt . . . ." Der Bürgermeister war, von seiner Habsucht getrieben, weiter gegangen, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. „Herr Bürgermeister," erwiderte Brack, „auch ich will Ihnen ganz offen sagen, was ich in dieser Angelegenheit, und zwar sofort, in der nächsten Stunde, zu thun beabsichtige. Wenn Sie nicht augenblicklich erklären, von der unmenschlichen Verfolgung des unschuldigen Kindes abzustehen, werde ich mich aus den eben von Ihnen angeführten Gründen nicht an das Kreisamt wenden, sondern, da ich glücklicher Weise mit einem Reisepaß des hohen mährischen Landesguberniums versehen bin, nach Wien fahren und, da Ihre Majestät die Kaiserin krank ist, bei deren Stellvertreter und Mitregenten, dem römischen Kaiser Josef Audienz nehmen und ihm diese Angelegenheit allunterthänigst unterbreiten. Herr Bürgermeister, glauben Sie nicht auch, daß Kaiser Josef Ihre entsetzliche, barbarische Grausamkeit verdammen, zu Gunsten des unglücklichen Waisenkindes entscheiden und Ihnen allermindest einen scharfen Verweis ertheilen wird?" Einen Augenblick zeigte Golzinger eine starke Neigung, heftigen Zorn zu affectiren, auf Brack loszufahren; aber schon beim oberflächlichsten Bedenken mußte der schlaue Mann erkennen, daß er einer eisernen, energischen Natur, die mit ungewöhnlicher Klugheit und Ruhe eine unerschütterliche Festigkeit und den höchsten Grad von Zähigkeit verbinde, gegenüberstehe. Ein Zittern ohnmächtiger Wuth durchflog seinen Körper und er sprach zähneknirschend: „Ja .... Kaiser Josef! Auf den setzt Ihr Juden und die Bauern, setzen alle jene Menschenclassen, welche mit grimmigem Neide auf die von der Vorsehung besser bedachten, höheren Stände blicken, ihre. Hoffnungen, der ist Euer und der Leibeigenen Messias! .... Seitdem er vor elf Jahren unser Land bereiste und am 19. August 1769 auf dem hier nahegelegenen Fürst Liechtenstein'schen Dorfe Posowitz eigenhändig den Pflug geführt und in einigen Ortschaften die Deputationen der Judengemeinden mit herablassender Huld angehört hatte, glauben die unteren Volksclassen, dieser Schwindelgeist werde, zur Regierung gelangt, alle altehrwürdigen Einrichtungen umstoßen, alle Schranken niederreißen, .... zum Glück regiert noch die Kaiserin Maria Theresia und . . . ." „Sie irren sich", ertönte eine Stimme und als sich Brack umwandte, erblickte er den ehrwürdigen Pfarrer des Städtchens, Pater Willibald, der von den beiden Männern unbemerkt, die Thüre geöffnet und längere Zeit das lebhafte, laut geführte Gespräch augehört hatte. „Wie meinen Sie das?" frug der Bürgermeister hastig, dem geistlichen Herrn einen Lehnsessel zum Tische schiebend und lud ihn durch eine Handbewegung ein, sich auf diesen zu setzen. »/Ich hatte eben einen Gast; ein alter Jugendfreund und ehemaliger Studiengenosse von mir, der hochwürdige Prior des Augustiner klosters in Brünn, der mir bei seiner Durchreise, während seine Wagenpferde gefüttert wurden, einen kurzen Besuch abstattete. Er theilte mir die Nachricht mit, daß grstern Nachts eine Depesche an den Gnbernialpräsidenten in Brünn gelangt sei, des Inhalts: Ihre apostolische Majestät, die Kaiserin Königin Maria Theresia sei am 29. November in einem Alter von 63 Jahren 6 Monaten und 12 Tagen aus diesem irdischen Leben in ein besseres abberufen worden. Man erwartet stündlich die Anzeige von dem Regierungsantritte des gegenwärtigen Mitregenten, des römischen Kaisers Josef. — Möge Gott der verstorbenen Monarchin den ewigen Frieden schenken, möge er den neuen, edlen Regenten segnen, zu seinem und dern Heile seines großen Staates, der Völker, die unter seinem Scepter stehen. Möge es Kaiser Josef gelingen, seine menschenbeglückenden Ideen in segensreichster Weise zur Ausführung zu bringen!" Bürgermeister Golzinger schien von dieser Nachricht nicht angenehm überrascht zu sein. „Hm", meinte er, „nach den letzten Zeitungsberichten glaubt man, daß sich die Krankheit der hohen Frau der Besserung zuwende." „Herr Bürgermeister", sprach der Pfarrer, „ich habe, ohne' dies zu beabsichtigen, eine Jndiscretion begangen. Ich wollte Ihnen die wichtige Nachricht, die Sie gewiß interessirt, mittheilen; aber Sie waren in dem Gespräche mit dem neugewählten Herrn Vorsteher der hiesigen Jndengemeinde so vertieft, daß Sie weder mein Anklopfen hörten, noch mein Eintreten bemerkten. Ich bin in solcher Weise ein unfreiwilliger Zuhörer der eben gepflogenen Unterhandlung geworden. Ich habe allerdings nicht das Recht, in Ihre Amtsführung dreinzusprechen, aber, als Ihr Seelenhirte, als Geistlicher, als Christ, sehe ich mich gedrängt, Ihnen zu sagen, daß Sie die erste und höchste Pflicht, die allen anderen vorangeht, die Pflicht der Menschenliebe in unverantwortlichster Weise verletzen würden, wenn Sie das Landesgesetz in so harter Weise iuterpretiren würden. Auch das null ich Ihnen gestehen, ich bin überzeugt, auch die hochselige, große Kaiserin Maria Theresia hätte Ihre Absichten nicht gebilligt. — Ich habe auch zufällig Michael Klein, so heißt der Waisenknabe, dem Herr Brack in großmüthiger Weise die Eltern ersetzen will, kennen gelernt. Das Kind erscheint mir von ungewöhnlicher Begabung. Ich müßte mich sehr irren, wenn ans dem nicht einst ein bedeutender Mensch werden sollte. Ich vereinige meine Bitten. mit jenen des Herrn Brack . . . ." der kluge, würdige Pfarrer wollte dem bösen Beamten eine goldene Brücke bauen. „Ich glaube Ihnen dafür einstehen zu können, daß Ihnen hierdurch bei den Oberbehörden gar keine Schwierigkeit entstehen wird." Der Bürgermeister war schon durch Brack's energisches Auftreten und durch seine Drohungen eingeschüchtert, und wenn er noch ein Bedenken gehabt hätte, nachzugeben, war dieses durch die Nachricht des Regierungsantrittes Kaiser Joses's — dem alle bestechlichen, bedrückenden Beamten, alle Menschen- und Volksfeinde mit Angst und Zittern entgegensahen, völlig niedergeschlagen worden. Er meditirte eben darüber, in welcher Weise er, ohne seiner Autorität allzusehr zu schaden, in ziemlich anständiger Weise den Rückzug antreten könnte, und mit großer Geistesgegenwart erwiderte er: „Hochwürdiger Herr! Es wäre unhöflich, wenn ich Ihre erste Bitte nicht erfüllte. Sie haben," wandte sich der Bürgermeister an Brack, „dem Herrn Pfarrer, nicht mir zu danken, daß ich Ihre Bitte gewähre und den Aufenthalt des fremden jungen Juden hier in W. vorläufig dulden will. Ein Beamter hat eigentllch," wandte er sich wieder wie entschuldigend an Herr Willibald, „nicht das Recht, Ausnahmen von dem Gesetze zu gestatten, das steht nur dem höchsten Herrn im Lande, dem Kaiser oder dessen Stellvertreter, dem Landeschef zu ... . Also diese Angelegenheit ist nach Ihrem Willen, Vorsteher, erledigt. Ich werde aber auch Sie," er wandte sich sowohl an Brack als an den Pfarrer, „bitten, eine übereilte Aeußerung, die mir in einer Minute des Unmuthes über die geheiligte Person unseres allergnädigsten Herrn und Kaisers entschlüpfte, nicht in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen!" „Meiner Verschwiegenheit können Sie versichert sein," erwiderte Pater Willibald mit Würde, „und ich glaube auch, Ihnen zusagen zu können, daß Herr Brack, den ich schon von seiner frühesten Kindheit an als einen vortrefflichen Menschen kennen gelernt habe. Ihre eben erwähnte Aeußerung nur als das, was sie in der That war, als eine übereilte, betrachten und über diese Schweigen bewahren werde.

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