Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 586 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 32 sein; gegen eine Kritik des Verhaltens der Polizei zu stimmen, das war nach den Ereignissen der letzten Zeit eine gewagte Sache. Da wurde denn der Antrag Dr. Mittler's aus eine sachlich vollständig unbegründete, vielmehr illoyale und unehrliche Art der Abstimmung entzogen. Die christlich-sociale Majorität ist einer Aeußeruig über das Verhalten der Polizei nicht mit Rücksicht aus die Person oder die Consession des Antragstellers und noch weniger wegen des Angriffes der „Neuen Freien Presse", sondern aus parteipolitischer Feigheit aus dem Wege gegangen. » * -i- Dr. Lueger hielt bekanntlich in dieser famosen Sitzung eine Rede, in welcher er von dem Martyrium sprach, das er erdulde und davon, daß er viel geleistet habe. Von der Echtheit des Pathos, welches Dr. Lueger da entwickelte, kann man sich einen ungefähren Begriff machen, wenn man sich die Unehrlichkeit und Verlogenheit des ganzen Vorganges vergegenwärtigt. Daß. Dr. Lueger sich gerirt, als hätte er auf die Hingebung für das öffentliche Wohl ein ausschließliches Patent genommen, ist nicht neu. Wenn er aber sagt, er diene keiner Regierung, er diene auch nicht den Herren Schönerer und Wolf, aber auch nicht den Juden, so wollen wir die Frage, inwieweit Herr Dr. Lueger der Regierung dient oder nicht, des Näheren nicht untersuchen. Auch seine einst so angenehme Wahlverwandschaft mit den Antisemiten deutschnationaler Couleur interessirt uns nicht. Nur was die Juden betrifft, so glauben wir, sie reflectiren nicht im Geringsten darauf, daß Herr Dr. Lueger ihnen diene. Sie wünschen nur, daß er die frechen Anrempelungen und Verhöhnungen unterläßt, durch welche er auf ihre Kosten seine Popularität auffrischen will. Herr Dr. Lueger hat den Juden niemals gedient, ebenso wenig wie sein einstiger Busenfreund, der Jude Dr. Ignaz Mandl. Dagegen hat er in der Bevölkerung den Judenhaß geschürt, und sogar als Bürgermeister hat er es mit seiner amtlichen Stellung und mit dem Gesetze vereinbar gefunden, in Versammlungen zur wirthschaftlichen Boykottirnng der Inden aufzufordern. Die jüdische Bevölkerung weiß ja genau, daß sie in Herrn Dr. Lueger nicht einen objectiven Bürgermeister, sondern einen gehässigen Feind und böswilligen Verfolger hat. Nein, Herr Dr. Lueger dient den Juden nicht und diese wünschen das auch nicht; er soll sie nur in Ruhe lassen. * * * Bei der nächsten Hinrichtung dürften einige Redacteure des „Deutschen Volksblattes" mit der ehrenden Aufgabe betraut werden, den Scharfrichter in der Erfüllung seiner schwierigen Aufgabe zu unterstützen. Nach dem aufmunternden Beispiele jener wackeren Bürger von Polna, die ein „Rechtscomil6" gebildet haben, in welches Vergani einen seiner Mitarbeiter „delegirte", wird sich ein Hinrichtungscomite constituiren, in welchem der Vertreter des „Deutschen Volksblattes" eine führende oder eigentlich eine ziehende Rolle spielen wird. Die Arbeit des Untersuchungsrichters und des Staatsanwaltes genügt jenen Bürgern von Polna nicht, welche im Vereine mit Vergani das Gericht „unterstützen" wollen. Vergani meint, er habe „begreiflicher Weise ein er höhte res Interesse daran, daß die volle Wahrheit im Gerichtssaale zu Tage komme." Wir glaubten bisher, daß, wenn irgendwo in Oesterreich ein Mord begangen wird, die Richter sowohl als die gesammte Bevölkerung das gleiche Interesse daran haben, daß der Sachverhalt erforscht und der Schuldige oder die Schuldigen bestraft werden. Plötzlich hat das „Deutsche Volksblatt" ein „erhöhteres" Interesse daran. Das ist umso anerkennenswerther, als bekanntlich Vergani persönlich mit der Erforschung der Wahrheit im Gerichtssaale sehr unangenehme Erfahrungen gemacht hat. Warum beschränkt aber Vergani seine Thätigkeit auf Polna? Auch die Wiener Polizei wäre dem so gemeinnützig wirkenden Blatte gewiß sehr dankbar, wenn es sich die Entdeckung auch anderer Mörder angelegen sein ließe, die seit vielen Jahren vergeblich gesucht werden, so zum Beispiel der Mörder von der Türkenschanze, der Mörder der Emeder'schen Eheleute rc. Auf diesem Gebiete ist für einen findigen Spitzel noch viel zu leisten, und der „Delegirte" des „Deutsch?» Volksblattes" beim sogenannten Rechtscomite in Polna hat unleugbare Proben seiner Begabung für dieses Metier abgelegt. Es ist sehr heiter zu lesen, wie man den sechszehnjährigen Bruder des wegen Mordes angeklagten Hülsner -in eine Falle lockte. Man ließ dem „Juden" ein Viertel Wein geben, das er natürlich mit jüdischer Gier hinunterstürzte. Nach dem zweiten Viertel wurde der Bursche gesprächig und nach dem dritten Viertel gestand er so viel, daß ihm übel wurde. Zufrieden mit den Geständnissen des betrunkenen Lehrjuugen, die alles Geschrei der herbeigeeilten Juden nicht ungeschehen machen konnte, verließen die Herren vom „Rechtscomitä" den Schauplatz. Diese Dinge erzählt das „Deutsche Volksblatt", und da es sich selbst hiemit der öffentlichen Verachtung preisgibt, so ist es überflüssig, diese Handlungsweise weiter zu charakterisiren. Das „Deutsche Volksblatt" befindet sich jedoch in einem Jrrthum, wenn es meint, daß die Methode, wie es die Gerichte „unterstützt", den Juden irgendwie unangenehm sein könnte. Seine Handlungsweise ist nur verächtlich, aber nicht gefährlich. Die Lügen, die das Blatt selbst erdichtet, oder die Angaben, die sein Reporter betrunken gemachten Leuten herauslocken läßt, sind nämlich ohne jeden Belang. Maßgebend und von Einfluß für den Gang der Justiz ist nur dasjenige, was der beeidete Richter erforscht und was vor dem Richter die Zeugen unter Eidespflicht aussagen. Den Vergani und seinen Delegirten darf Jeder gerade so a»lügen, wie er seine Leser anlügt; vor Gericht muß Jeder die Wahrheit sagen. Den Juden ist es vollständig gleichgiltig, was beispielsweise bezüglich des Mordes in Polna die Zeugen aussagen, gleichviel ob das Gericht sie eruirt hat oder ob es auch solche Zeugen sind, die das Polnaer Rechtscomite aufgestöbert hat. Wird sich die Schuld des Hülsner oder allfälliger Complicen Herausstellen, so werden sie eben verurtheilt werden, gerade so wie jeder andere Mörder, und wird sich ihre Schuld nicht Herausstellen, so werden sie freigesprochen werden, wie jeder andere Angeklagte. Für das schmutzige Geschäft Bergani's, für die Judenhetze, schaut da nicht mehr und nicht weniger Material heraus, wie in jedem anderen Falle, in welchem ein Jude ein Verbrechen begeht und welcher ohnehin dazu benützt wird, um gegen alle Juden loszuziehen. Ob also die Redacteure Bergani's Spitzeldienste, eventuell Scharfrichterdienste verrichten wollen oder nicht, sei vollständig ihrem schriftstellerischen Talent und ihren Persönlichen Neigungen überlassen. Sie bilden da in der neuen Literatur eine ebenso neue als originelle Gruppe, die man vielleicht als „die Moderne mit dem Strick" nicht unpassend bezeichnen könnte. * * * Bei dieser Gelegenheit nehmen wir zur Kenntniß, daß die „Reichspost" uns Recht gibt, wenn wir ausführten, es gehe nicht an, das Judcnthum an sich für das Verschulden Einzelner verantwortlich zu machen. Die „Reichspost" knüpft aber daran die Frage, ob man, die Hand aufs Herz, nicht zugeben müsse, daß betrügerische Bankerotte, Schwindel und Unreellität eine jüdische Specialität sind, so daß man sogar Chrrste n, die sich solcher Dinge schuldig machen, Juden nennt. Dem Wunsche der verehrlichen „Reichspost" entsprechend, haben wir die Hand aufs Herz gelegt und nach vorgenommener Percussion sagen wir: Nein. Betrug und Schwindel sind keine jüdische Specialität, ebenso ivenig wie irgend ein anderes Verbrechen; das beweist die Kriminalstatistik. Daß der Betrug von Juden relativ häufiger begangen wird, als ein anderes Verbrechen, erklärt sich daraus, daß viele Juden dem Geschäftsleben angehören, und insofern jeder Mißbrauch in einem Berufe die demselben entsprechende Form eines Verbrechens annimmt, wird von unredlichen Handelsleuten Betrug, von unredlichen Cassieren Veruntreuung, von unredlichen Zeichnern Fälschung rc. begangen. Die Kriminalstatistik zeigt aber auch hinsichtlich der Betrugsfälle für die Juden kein ungünstiges Ergebniß. Die Kriminalität der Juden ist auch auf diesem Gebiete nicht größer, als die der übrigen Bevölkerung. Daß man Christen, die betrügen, Juden nennt, war uns bisher vollständig neu, und wir verdanken da der „Reichspost" eine Bereicherung unseres culturhistorischen oder ethnographischen Wissens. Aber die „Reichspost" hätte das vielleicht lieber den Juden nicht verrathen sollen, denn diese können jetzt ans die Autorität der „Reichspost" hin geltend machen, es sei kein Wunder, daß man die Juden für Betrüger hält, da man alle Christen, welche betrügen, fälschlich Juden nennt. Wir wiederholen aber, daß uns das gänzlich neu ist; bisher ist es Niemandem eingefallen, wenn ein Nichtjude wegen Betruges angeklagt war, hervorzuheben, daß „ein Christ als Betrüger" vor Gericht stehe. Dagegen lesen wir gerade heute den Titel einer Gerichtsverhandlung: „Ein Jude als Dieb und Betrüger". Nicht der Verbrecher soll damit stigmatisirt werden, sondern der Jude in dieser sp ciellen Eigenschaft als Jude. Im Uebrigen dürfte die „Reichspost" vielleicht einem Ausgleich nicht