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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Vr. Vloch's Wochk.tschr'lfL. Seite 885 l egt, wo keine köstliche Pflanze reift, die Natur mit ihren edleren Gaben kargt — dort sollen edlere Geister, glücklicher organisirte Menschen reifen, als unter dem südlichen milderen Himmel?" Noch schärfer prägt sich das Vorurtheil und der Hochmnth des Süddeutschen in einem anderen Ausspruch ans. Freiherr von A r e t i n, Oberbibliothekar, schrieb in der Zeitschrift „Der Morgenbote" (1809, 3. Heft): „Der Grundzug des süddeutschen Charakters ist Kraft, der des norddeutschen Schwäche; daher bei Jenen Ausschweifungen im Genuß der Liebe und anderen sinnliche!! Vergnügungen, kriegerischer Geist, Herzensgüte, Offenheit, b.i diesen O . . . . e, Hypochondrie, Falschheit, Feigheit, Ränkesucht. Schon im Wuchs und in der Sprache hat.die Natur diese Charakterverschiedenheit klar ausgedrückt." Nicht ohne Interesse wird man vernehmen, daß hier denr Norddeutschen einzelne Eigenschaften zngeschrieben werden, mit denen antisemitisches Vorurtheil die Inden bedenkt: Falschheit, Feigheit, Ränkesucht. Und ähnliche Vorwürfe enthält auch das „Mannscript aus Süddeutschland" (London 1820, S. 203): „Der Sinn des Süddeutschen ist mehr aus das Heimische gerichtet, wo ein fruchtbarer Boden reichlich die Arbeit lohnt, den Norddeutschen locken die Mündungen der Flüsse und seine Häfen in die Fremde; sein Vaterland ist überall, wo es e t w a s zu verdienen g i b t; w e i l er sich i n j e d e n Charakter, i n j e d e n Gebrauch schicken m u ß, h a t er säst all e Ei g e n t h ü in lichkeit verloren, i st g e s ch m e i d i g. höflich, schlau und u n z u v e r l ä s s i g. Der Süddeutsche ist derb, aber gutmüthig, leichtgläubig, aber ehrlich. Der Norddeutsche hat einen Anstrich von Abenteuerlichkeit und Großsprecherei, er will die ganze Welt; er i st zügellos, wo er kann, und s c l a v i s ch, wo er muß. In Arbeiten, wozu Ansdauer und mühsam erworbene Geschicklichkeit gehört, zeichnet sich der Südoeutsche aus; w a s auf d e n S ch e i n berechnet ist und wenig Anstrengung erfordert, liefert der Norddeutsche besser. Berlin erzieht die geschicktesten Schneider, Augsburg die besten Silberarbeiter." Schlagender kann die Parallele mit dem Juden, wie er sich in antisemitischer Phantasie darstellt, gar nicht sein. Die Borurtheile des Süddeutschen hat auch Heinrich von Treitschke stark gefühlt, als er im Jahre 1861 in Freiburg i. B. war. Damals schrieb er in einem Briefe (s. Deutsche Nundsch. Oct. 1896, S. 67 f.): „Man meint, die Süddeutschen seien die Bescheidensten unseres Volkes — ich sage, sie sind die dünkelhaftesten, sie halten sich Mann für Mann für die eigentlichen Deutschen und den Norden für ein halb barbarisches Land." Die Borurtheile der deutschen Stämme unter einander sind noch nicht erloschen. Man weiß, wie stark beispielsweise die Antipathien in Deutschland gegen die Sachsen sind. Die Erziehung eines Volkes muß danach trachten, das Volk zu llciheileu heranzubilden, nicht zu Vorurtheilen. Borurtheile sind überall das Kennzeichen der Rückständigkeit. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Gemeinderath und Polizei. — Eine unterschlagene Resolution. — Dr. Lueger und die Inden. — Die Spitzel vom ,,Deutschen Bolksblatt". —. Das Rechtscomitö in Polna. — Ein Ausgleich mit der „Reichspost". — Vom Rechtsempfinden eines deutschen Mannes. — Eine durchfurchte Stirne und eine schwielige Hand.) Herr Dr. Lueger hat sich genau so benommen, wie man es nach seinem Charakter erwarten wußte. Schopenhauer sagt, daß der ursprüngliche Charakter eines Menschen sich niemals verändere, und daß die Handlungen eines Menschen bei gewissen Anlässen sich genau vorher bestimmen lassen, wenn man seinen Charakter kennt. Die Mitglieder des fortschrittlichen Parteiverbandes im Wiener Gemeinderathe haben wohl Herrn Dr. Lueger und die christlich-sociale Partei hinlänglich kennen gelernt, und es überrascht uns geradezu, daß sie anläßlich der von ihnen veranlaßten Stellungnahme des Gemeinderathes zu den nach § 14 verfügten Steuererhöhungen auch nur einen Augenblick daran glauben konnten, daß die Christlich-Socialen ntit dem sie besehtgenden Bürgermeister an der Spitze Anwandlungen politischer Anständigkeit unterworfen seien. Das ist für Jedermann, der die antisemitische Partei kennt, eine naturwidrige Voraussetzung. ) Die Regierung hat anläßlich der Agitation in der Wahlrechtsfrage in Wien einen ungesetzlichen, aber sactisch bestehenden Ausnahmszustand ctablirt und die christlich-sociale Parteiherrschast nicht blos vor allsalligen ungesetzlichen Ausschreitungen, sondern vor jeder Kritik überhaupt durch die Polizei schützen lassen. Dr. Lueger verlangte öffentlich das strengste Einschreiten der Polizei. Die Antisemitenblätter überboten einander in dem Rufe nach Polizeigewalt, Vergani befürwortete eine Remuneration für die angestrengte Sicherheitsmache, und der unbändige Eifer, mit welchem einzelne Berittene ans wehrlose Menschen lossprengten, ließ klar erkennen, daß nicht blos Pflichtgefühl, sondern auch persönliche Begeisterung für Herrn Dr. Lueger den Ansporn bilde. Zwischen der Polizei, für deren verantwortliche Leiter schließlich doch nur die Aufträge der Regierung maßgebend sein können, und Herrn Dr. Lueger bestand geradezu ein Berbältniß wie zwischen Prätorianern und einem Cäsar. Nicht blos die leibliche Sicherheit des Bürgermeisters und seiner Parteigenossen schien garantirt zu sein, sondern auch der äußere Respect vor ihm. War es doch unter Umständen schon riskant, die Lippen zu bewegen, weil ein von Verehrung vor Herrn Dr. Lueger erfüllter Sicherheitswachmann den Argwohn hegen konnte, der Betreffende habe vielleicht „Pfui Lueger" rufen wollen, und Versammlungen wurden aufgelöst in dem Augenblicke, in welchem die Theilnehmer ihre Ansicht über den derzeitigen Bürgermeister auch nur zu markiren drohten. Plötzlich kommen die Fortschrittlichen und richten an die Christlich-Socialen die naive Znmuthung, sie mögen über denselben Vorgang der Regierung und der Polizei, welchen diese Christlich-Socialen anläßlich der Wahlrechtsbe!vegung selbst provoccrt hatten und durch welchen sich sowohl die Regierung als auch die Polizei den Anspruch ans ihre Dankbarkeit erworben hatten, nunmehr, wo es sich um eine Unterdrückung der Kritik des § 14 handelte, das Bedauern, das heißt also den Tadel des Wiener Gemeinderathes aussprechen; das wäre doch inconsequent und undankbar gewesen, und Herr Dr. Lueger ist bekanntlich ebenso consequent als dankbar. Nun aber lag der Antrag des Dr. Mittler hinsichtlich des Bedauerns darüber, daß die Regierung die Kritik der Ausgleichs- Verordnungen durch die Preßbehörde und durch die Polizei unterdrücken lassen, schwarz auf weiß vor dem Herrn Bürgermeister da, und Dr. Mittler erzählte in öffentlicher Versammlung, Dr. Lueger habe ihm bereits am Donnerstag Vormittags mitgetheilt, daß „seine Leute" aus diesen Antrag nicht eingehe n. Der Bevölkerung konnten aber die Christlich-Socialen das nicht erzählen, daß sie das Bedauern über die Confiscation des Rechtes der freien Meinungsäußerung des Vereins- und Bersammlungsrechtes, sowie das Bedauern über die polizeilichen Attaquen nicht aussprechen wollen. Das christlich-sociale Parteiorgan „Deutsche Zeitung" war so vorwitzig gewesen, den Mittler'schen Antrag als sachlich berechtigt anzuerkennen, und die Christlich-Socialen befanden sich in einer fatalen Situation. Da half ihnen freilich heraus, was ihnen in solchen Augenblicken noch immer herausgeholsen hat: die Lüge und die Heuchelei. Sie erklärten in der Sitzung, es hätte sich über den Antrag des fortschrittlichen Parteiverbandes „vielleicht reden lassen", aber nach dem Angriffe, welchen die „Neue Freie Presse", das fortschrittliche Parteiorgan, im Abendblatte gegen die christlichsociale Partei gerichtet hatte, um deren Aufrichtigkeit zu verdächtigen, könne davon keine Rede mehr sein. Nun erscheint bekanntlich das Abendblatt der „Neuen Freien Presse" frühestens um 3 Uhr Nachmittags, während Herrn Dr. Mittler bereits am Vormittag mitgetheilt wurde, daß sein Antrag nicht angenommen werden wird, und damit allein ist schon bewiesen, daß die Notiz der „Neuen Freien Presse" nur eine lächerliche Ausrede war, um vor denk Mittler'schen Antrag auszukneisen, ganz abgesehen davon, daß es Herrn Dr. Lueger und seiner Partei nicht zusteht, GeinUnderäthe für die Aeußerungen eines Blattes dadurch zu bestrafen, daß sie die von ihnen gestellten Anträge nicht zur Discnssion und Beschlußfassung zulassen. Eine Aeußerung, die Herr Dr. Lueger in seiner famosen Rede machte, zeigt klar, daß er selbst gar nicht daran denken konnte, den Antrag Mittler, der ja nichts Anderes war, als ein Imertbement, eine Einschaltung zu dem sofort zu erledigen den AntragdesStadirathes, nicht zur Abstimmung zuzulassen. Ec forderte nämlich die Versammlung auf, den Antrag des Stadtrathes anzunehmen, den Antrag des fortschrittlichen P rrteiverbandes aber abzulehnen. Wenn man einen Antrag ablehnen soll, so kann dies doch nur durch die Abstimmung geschehen. Das aber schien den guten Leuten doch bedenklich zu iitriin i mm

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