Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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UM! U LMIMWB apiwrTM Seite 58t Dx. Blvrsi's Wochenfchrrfi» Sir. 32 der Medicin. Kann man nun behaupten, daß die Arier (Germanen) in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine nothwendigere und würdigere Stellung einnehmen, als die Semiten (Juden)? Der Roman „Gelimcr" von Felix Dahn enthält folgende Episode über „Die Juden und den Tempelschatz". „ . . . Und von allen Menschen, die ich kenne, sind die klügsten die Juden. Wenn Klugheit ist: Die Kunst der Selbsterhaltung und Mehrung der Habe; sie am Wenigsten, die Germanen am Leichtesten lassen sich in'» Verderben reißen durch blinde Leidenschaft, durch edlen oder unedlen Trotz und Ungestüm. Sie sind die Schlauesten der Sterblichen und wahrlich dabei nicht die Schlechtesten. Aber findig sind sie, in einem Maße, daß man nur staunt, weshalb sie nicht längst alle Völker beherrschen. Du fragst, o Cethegus, wie ich im Lager Belisars vor Pappua zu dieser sonderbaren Betrachtung über die viel verachteten Hebräer gelange? Sehr einfach! Sie haben etwas fertig gebracht, was ich für das Allerunmöglichste halte, sie haben Kaiser Justiniau viele Tausend Pfund Goldes von der vandalischen Beute aus der gvldgierigen Faust heraus-, nicht gerissen, — bei Leibe! — auch nicht gestohlen — aber geredet. Kaiser Titus hat aus dem zerstörten Jerusalem hinweg die Schätze des Judentempels: Leuchter, Schalen, Schüsseln, Krüge und alles denkbare Geräth von Gold und Silber, mit Perlen und Edelstein geschmückt, nach Rom gebracht. Aus dem geplünderten Rom entführte Geiserich den Tempelschatz auf seinen Raubschiffen nach Karthago. .... Als nun diese Geräthe in Hippo ausgeschifft und sammt dem übrigen Hort zunächst nach Karthago gebracht werden sollten — Belisar will die ganze Beute bei seinem Einzuge in Byzanz zur Schau stellen — da ließ sich der Aelteste der Juden von Hrppo bei Belisar melden und sprach: „Laß' Dich warnen, großmächtiger Kriegs gewaltiger! Schaffe diese Schätze nicht nach Byzanz. Höre eine Fabel an aus dem Munde Deines armen Knechtes: „Der Adler raubte aus dem Opferbrande Fleisch und trug es in seinen Horst. Aber an dem Fleisch, das Gott geweiht gewesen, klebten glimmende Kohlen. Und die glimmenden Kohlen entflammten den Reisighorst des großen Aars und verbrannten den Horst und verbrannten die Jungen, die da noch nicht flügge waren an ihren Flügeln, und die Adlerin darauf. Und da der Adler retten wollte, stürzte er in die -Flammen und verbrannte sich die Schwingen. Und elend starb der starke Räuber, der da hatte getragen in sein Haus, was Gott gehörte, dem Heiligen. Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir: Das Kapitol in Rom fiel in Feindes Hand, weil es Jehovah's Hausrath barg; die Hochburg der Vandalen fiel in Feindes Hand, weil sie die Schätze barg; soll nun die Hochburg des Kaisers zu Byzantium der dritte Aarhorst werden, der darum verdirbt? Wahrlich, ich sage Dir, spricht der Herr: Dieses Gold, dieses Silber wird wandern über die Erde, wird verderben alle Städte, wohin der Raub geschleppt wird, bis Gold und Silber wieder liegen in Jerusalem, der heiligen Stadt." Und sieh' da: — Belisarius erschrack. Er schrieb an den Kaiser Justinian die Fabel des alten Juden und — wirklich und wahrhaftig! Justinian, geiziger und habgieriger als alle Juden zusammen, befiehlt, diese Schätze nicht nach Byzanz zu bringen, sondern nach — Jerusalem und dort sie zu vertheilen unter Christenkirchen und Bethäuser der Juden. So hat der alte Jude einen Theil der Schätze seinem Volke zurückerworben — ohne Schwertstreich — während Römer, Vandalen, Byzantiner sie nur durch heißen Kampf gegen sehr viel Blut gewannen. Ob der Alte an den Fluch geglaubt, der auf dem Schatze liegt? Ich glaub' es, daß er's geglaubt. Er lügt nicht, und es nützt seinem Zweck, daran zu glauben; so glaubt er's ganz leicht und er glaubt es im Ernst. Der Germane sagt: „lieber durch Blut, als durch Schweiß erwerben," der Jude sagt: „lieber durch Schweiß, als durch Blut und viel, viel lieber durch Geld, als durch Schweiß! Von den Juden kann man rühmen: ihre Fehler und Tugenden wetteifern, sie zu erhalten und ihren Reichthum, ihr Leben, ihre Zahl zu mehren, während die Germanen durch maßlose Trägheit und maßloses Zechen nicht minder sich,- ihr Leben, ihre Habe, ihre Macht zu Grunde richten und durch maßlosen Trotz und durch ihr dummes „Heldenthum der Ehre". Man haßt die Juden, man verachtet sie; ich meine, man sollte sie fürchten und in ihren Vorzügen sie zu übertreffen suchen." So weit Felix Dahn. Der nationale Chauvinismus unserer, heutigen Arier erschöpft sich in der Pflege des Racenhochmuthes und der rückständigsten Vorurtheile. Es ist geradezu grotesk, daß diese so liebevolle gepflegten Vorurtheile als Beweise an gerufen werden für die arische Super iorität. Als ein Nordpolfahrer einst auf einer kleinen Insel hoch im Norden landete, waren die Eskimos des Todes verwundert. Sie glaubten, sie wären die einzigen Menschen auf der Erde und mußten uun^hören, daß jenseits ihres Bezirkes — auch Menschen wohnten. Das ist vielleicht die naivste Stufe in der Entwicklung menschlichen Hochmuthes. Aber vielleicht auch der stärkste Grad. Nach ihm gibt es eine Stufe, auf der die einzelnen Stämme, Racen, Völker und Religionen ineinen, sie seien vor allen anderen ausgezeichnet, erhöht, erwählt; sie seien die besten, die klügsten, die schönsten, die eigentlichen Menschen. Es gibt kaum einen Volksstamm auf der Erde, der nicht dieses naive eingeborene Gefühl besäße und mit Vorurtheilen an die Eigenart anderer Kreise menschlicher Individuen heranträte. Anders sein heißt dann immer, schlechter sein. Die benachbarten Stämme werden mit Verachtung angesehen, mit Spottnnd Schimpfnamen belegt; ihre Fähigkeiten ohne Prüfung als minderwertig angesehen; ihre Thatcn mit Geringschätzung behandelt u. s. f. Völker als Masse .sind schlechte Richter, aber ausgezeichnete Vertheidiger eigener Größe und schneidige Ankläger fremder Art und fremden Könnens. Sie urtheilen nicht über Andere, sondern verurtheilen sie. Das ist bequem. Daß es Verdienst ohne Leistung, Lob ohne Werth ist, sich selbst als Mittelpunkt der Welt hinzustellen, fällt dem frohen Glauben der Völker an sich nicht ein. Nun hat der deutschnationale Schmock herausgefunden, daß in den verbreiteten Vorurtheilen gegen die Juden der beste Beweis ihrer Inferiorität gelegen sei, das Zeugniß der iustinctiven Abneigung gegen die „fremde Race", während darin doch blos die eigene Bornirtheit sich offenbart. Der deutsche Hochmuth wendet sich nicht blos gegen Juden und Slaven; die Deutschen beurtheilen und behandeln einandrr nicht viel besser. Was haben die einzelnen Stämme Deutschlands nicht untereinander für Vorurtheile! Zumal die Nord- und Süddeutschen unter sich! *) Von den Bayern sagen die „Briefe bayrischer Denkungsart und Sitten" (1778): „Gar kein Funken von eigener Kraft und kein eigener Trieb ..." „Es mag Niemand mehr was thun, nur essen und trinken und sich immer ankleiden . .." Schmähsucht, Faulheit, Verleumdung und Eigennutz werden dann noch erwähnt. Wie sich Nord- und Süddeutsche untereinander einst beurtheilt haben, das erzählt der bayrische Minister M o n t g e l a s in seinen Denkwürdigkeiten (Deutsche Bearbeitung 1887, S. 175): „Als die Akademie umgeformt und reicher aus gestattet worden war, hatte man es für zweckmäßig erachtet, fremde Gelehrte an dieselbe zu berufen, welche den Wetteifer anregen, den Ruf der Anstalt erhöhen und zur Bildung des Volkes durch ihre im Ausland erworbenen Kenntnisse beitragen sollten. Der Wahrheit gemäß muß ich jedoch bekennen, daß diese Maßregel ihren Zweck vollständig verfehlte. Die neuen Ankömmlinge hielten sich für Missionäre, zur Belehrung von Wilden berufen, und ihre Anmaßung empörte die Bayern, welche sich für eine bereits civilisirte Nation ansahen; daraus erwuchsen Spaltungen, die nur den Parteigeist förderten. Die Ansichten der meist aus Nvrddeutschland Berufenen waren dem politischen System der Regierung nicht günstig." Eine Flugschrift aus dem Norden revanchirte sich für den süddeutschen Hochmuth. (Preußen und Deutschland. 1806. S. 7.) Im Süden herrsche Luxus und Schwelgerei, im Norden Fleiß, Mäßigkeit und Nüchternheit. Dort Fiusterniß und Aberglauben, im Norden Licht und vernünftige Religion. Dafür schrieb dann ein aus München stammender Artikel des Erlanger Kameralcorrespondenten (1809, Nr. 113): „Es liegt schon etwas Paradoxes in dem Wahne, daß der Norden das Vaterland der großen Geister sein solle. Dort, wo die Natur in ewiger Erstarrung *) Siehe Fr. G. Schultheiß „Aus der Geschichte des bayrischeu Particularismus", „Nord und Süd". 1898, Juni. S. 310 ff.