Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift- Seite 583 empor, die Alles kann, Alles ist, kühn wie Ajax, listig wie U'yssks und ein Redner wie Demosthenes. Er besuchte nun täglich die Kaffeehäuser des Bezirkes, führte am Lesetisch das große Wort in der Politik, ging von Wirthshaus zu Wirthshaus und spielte den „verfluchten Kerl" im Trinken und Schwadroniren, immer die Brusttasche seines neuen Rockes mit Flugschriften vollgestopft, Apotheosen der antisemitischen Candidaten und Philippiken gegen die Liberalen, die er vertheilt, wie die Missionäre ihre Tractätchen, bittend, daß man sie nur lese, um die Wahrheit zu erkennen. Er berief Wählerversammlungen ein und trat in denselben als Redner ans, wagte sich auch ins feindliche Lager, in eine gegnerische Versammlung. Wurde er erkannt und hinausexpedirt: desto besser. Er wurde von seiner Partei als Held gepriesen und ein beim Hinauswnrfe abgerissener Hosenknopf wurde ihm, selbstverständlich wieder aus der geheimnißvollen Geldquelle, besser bezahlt, als dem Soldaten ein weggeschossenes Bein vom Staate bezahlt wird. Noch bewunderungswürdiger war er bei seinem Wählerfang von Haus zu Haus. Er kannte im Bezirke jeden Mann, jede Frau und folglich jedes Familiengeheimniß. Er scheute nicht die Mühe, einen widerhaarigen Wähler vier-, fünfmal zu besuchen, überfiel ihn, wenn dieser ahnungslos bei seinem Gollasch im Stammwirthshause saß, besuchte in dessen Abwesenheit die Frau und suchte sie mit allen Liebenswürdigkeiten zu persuadiren, ihren Mann zu Gunsten des antisemitischen Candidaten umzustimmen. Er schmeichelte, bettelte, versprach. Der heilige Bernhard von Clairveaux versprach dem Grafen von Chateaurouge so viel Lünd im Himmel, als der Graf dem Kloster des Heiligen auf Erden abtrat. Der Wahlagitator verstand es noch besser. Nicht ein Stückchen Himmel, den ganzen Himmel versprach er, und nicht erst nach dem Tode, sondern gleich jetzt, noch bei lebendigem Leibe: Verdienst, ohne arbeiten zu müssen, Kunden, die das Geld nur so zum Fenster hinauswerfen, möglichste Beschränkung der Concurrenz durch Juden, Steuerfreiheit, das Bier fast umsonst, Fleisch um die Hälfte des gegenwärtigen Preises, Wohnungen um den. minimalsten Miethzins und unkündbar — kurz ein Leben wie im Schlaraffenland. Und selbst die verschämtesten Wünsche des Wählers sollen erfüllt werden. Braucht gerade Einer nichts für sich, so braucht vielleicht sein Bruver, sein Neffe, braucht einer seiner Verwandten bis ins vierte Glied ein Aemtchen — es ist für ihn bereitet, oder die Tochter, die Nichte braucht einen Mann — sie soll ihn haben! Und wenn weder er, noch einer seiner Verwandten einen geheimen Wunsch haben sollten, dann kam der Appell an den Patriotismus. „Retten Sie das Vaterland! Ihre Stimme ist's, die den Ausschlag gibt. Wenn der Gegner siegt, sind wir einer fremden Macht verkauft!" Nützt auch dies nichts, appellirt er an das Nationalgefühl: „Bruder, man will uns unser Deutschthum rauben." Und wenn auch dieser Schmerzensschrei kalt ließ, dann kam er mit dem schwersten Geschütz: „Das Christenthum ist in Gefahr!" Wer konnte da widerstehen? Die Vertrauenswürdigeren unter den Agitatoren verfügten auch über einige Gulden, die sie an diejenigen armen Wähler vertheilen durften, welche von der Heilsbotschaft des Antisemitismus nicht anders hören wollten, als wenn ihnen Geld geboten wurde. Allerdings, wenn ein solcher Wahlagitator berechnete, daß sein Candidat schon stark genug stehe, dachte er, wie jenes Mütterchen, das für den verstorbenen Sohn lange Zeit Messen lesen ließ, auf einmal aber damit aushörte und aus die Frage des um seine Sporteln besorgten Pfarrers antwortete: „O, der muß doch schon so weit aus dem Fegefeuer sein, daß er sich bei seiner Stärke jetzt ganz allein weiter heraushelfen wird", und behielt das Geld für sich. Wie nun der Antisemitismus einmal Mode war, machte sich der Dilettantismus in der Wahlagitation breit. Die Amateure verdrängten die Professionals, gewisse Pfarrer aus den Kanzeln, in den Falten ihrer Soutanen die Agitation in die Familien tragend, Beamte in den Bureaux und in ihren Versammlungen, Lehrer auf dem Katheder in offenen Schlagworten oder im Mienen- und Geberdenspiel die Judenkinder verhöhnend, daß der Haß von der Schule ins Haus getragen wurde, — sie Alle, Alle nahmen dem armen Wahlagitator den Bissen Brot vom Munde weg. Und dann fingen die Führer des Antisemitismus selbst mit allen Künsten und Handgriffen des Standes zu agitiren an und sparten bei den geheimnißvollen Wahlfonds, so daß der berufsmäßige Wahlagitator für seine Arbeit höchstens im Wirthshaus abgespeist wurde und er die Klage des Kalchas in der „Schönen Helena" über die veränderten Zeiten: „Nichts als Blumen und Früchte!" in: Nichts als Würstel und Gollasch! variireu konnte, und Einer nach dem Andern dieses seinen Mann nicht mehr nährende Metier ganz aufgab. Das war aber der Partei ganz recht. Wozu brauchte sie auch mehr diese Ueberredungskünstler. Bon den drei lexikalen Bedeutungen des Wortes „Agitator" : Treiber, Anstifter, Ausrührer, galt der Partei nur noch die erste; sie brauchte jcht blos Treiber, Agitatoren zu der niedrigsten Handarbeit. Am Tage der Wahlschlacht den letzten Rest der Säumigen auszusuchen, sie mit Gewalt wegzureißen vom Knieriemen, vom Bügelbrett, von hinter dem Pult oder von der Schwemm' des Wirthshauses, aus einen Wagen zu schleppen, mit ihnen ins Wahllocal zu rasen nnd sie dort den harrenden Führern zur weiteren Manipulation zu überliefern, und wenn's hoch geht, einen liberalen Wähler durchzuprügeln und einen Korybantenlärm zu machen, wenn das Wahlresultat verkündigt wird, mit „Hoch Lueger!" und „Nieder mit den Juden!", einerlei, ob die antisemitischen Candidaten gesiegt haben, oder durchgesallen sind, denn Lueger bleibt unter allen Umständen Lueger und der Jude muß verbrannt werden, das waren Dogmen, woran der Zufall der Stimmen nichts ändern konnte. Zu solchen wahlagitatorischen Leistungen qnalisicirten natürlich nur nervige Sehnen und gesunde Lungen und solche freiwillige Agitatoren fanden sich auch unter den Fiakern. Kutschern und Fleischhauern. Biele dieser Kraftmenschen stellten sich in den Dienst der Sache, ohne Anspruch auf Belohnung aus den geheimnißvollen Wahlsonds. Der Herr von Wien hat viele von diesen freiwilligen Agitatoren mit Ehren bedacht, hat sie zu Bürgern Wiens gemacht und sie dem Wahlkörper der Intelligenz eingereiht. Diese Pairsschübe ins Unendliche fortsetzen, kann Herr Dr. Lueger nicht, weil er nicht, wie jener spanische König, der alle Basken adelte, nur den Adel zu schwächen, den Wahlkörper der Intelligenz entwerten kann, da doch auch hvchwürdige Herren diesem Wahlkörper eingereiht sind, deren hierarchischen Stolz er schonen muß. Mit Hilfe der Wahlpflicht will Lueger die Wahlagitatoren sich vom Halse schaffen. Denn, wenn die neue Wiener Wahlordnung sauctionirt werden sollte, gehört der Wahlagitator von Profession der Geschichte an. Deutsche und Juden. Unsere Ausführungen über das Racenproblem haben die ostdeutschen Racentheoretiker arg verstimmt und man ertheilt uns eine gründliche Belehrung. Arier und Semiten werden einander gegenübergestellt, um sie als zwei racenartig verschiedene Völkerstämme zu bezeichnen. Obwohl es außer den Juden auch noch andere Semiten und außer den Germanen auch noch andere Arier gibt, so hebt mau diesen Gegensatz doch ganz besonders gern und häufig um der Juden und Germanen willen hervor, und gerade vorzugsweise in Deutschland. Gegensätze mögen ja zwischen Ariern und Semiten vorhanden sein, äußere nnd innere, leibliche und geistige; als feindlich darf man sie aber nicht hinstellen. Gegensätze sind ja auch in der Naturwelt vorhanden; diese stehen sich indeß keineswegs feindlich gegenüber, sondern sind für einander nothwendig und ergänzen sich. Gerade so ist es in der Menschenwelt. Die Völker mit ihren verschiedenen leiblichen und geistigen Anlagen ergänzen sich in großen Kreisen gerade so, wie die Individuen in kleinen. Wie hier leibliche und geistige Größen und Riesen, Denker und Arbeiter, für die verschiedenen Bestimmungsarten und Berufszweige nothwendig sind, so auch unter den Völkern. Wem fällt es dabei ein, den Einen oder Andern als überflüssig oder hinderlich zu erklären? Sie sind sich gegenseitig unentbehrlich und ergänzen einander. Wem fällt es venu ein, die Griechen und Römer der alten Welt anzufeinden, weil jene die plastische, diese die Kriegskunst Pflegten; oder Engländer und Deutsche, weil jene ein Handels-, diese ein Denkervolk sind? Nehmen denn nicht Steine, Pflanzen, Thiere in der Naturwelt eine ebenso nothwendige Stelle ein. wie die Menschen in der Geisterwelt? Sind die Blätter am Baum nicht ebenso nothwendig, wie die Wurzel; die Glieder des Körpers nicht ebenso Bedürfnis wie das Haupt? — Auch die sogenannten feindlichen Naturkräfte, die entgegengesetzten Pole der Elektricität und des Magnetismus ergänzen sich, ebenso in der Chemie Säuren und Basen, wie die Giftein