Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 582 Br« SUtdfii Wochenschrift« Nr. 32 und 6000 silberne Teller aufmarschiren zu lassen, woraus allerdings sein Gast Ludwig XlV. ihn vernünftigerweise noch an demselben Abend einsperren ließ und weder ihn, noch seine „Ersparnisse" jemals freigab. So geht es in absolutistischen Ländern zu. Ein Fouquet stiehlt so viel, wie alle corrupteu Deputirten zusammengenommen, nur bleibt es geheim, während in der Republik Alles ans Licht der Oeffentlichkeit gelangt. In dem Grade, als Frankreich dem Proceß in Rennes freien Lauf läßt, koste es auch das Renommee des ganzen Generalstabs, spricht es sich selbst vor der Geschichte sein Urtheil, und zwar ein freisprechendes. Ein Land, welches wagt, gerecht zu sein, ist im Kern gesund. Freilich, um völlig zu gesunden, wird es eine Lehre zu beherzigen haben, die Anatole France im dritten Bande seines Zeitgemäldes durch Professor Bergeret geben läßt, seinen geistvollen Haupthelden, dessen Ansichten über den Dreyfus-Proceß gerade jetzt in Form eines vierten Bandes der oben angeführten Romanserie im „Figaro" zur Veröffentlichung gelangen. Die Größen des Departements sind versammelt, sie sind alle einig: „Es kann überhaupt nicht zugegeben werden, daß sieben französische Officicre, in ein Kriegsgericht vereinigt, irren können. Liegt die Garantie gegen den Rechtsirrthum nicht in dem etwas summarischen Verfahren, so liegt sie doch in den Charakteren der Richter. Nur der einzige Militär in der Versammlung ist vorsichtig genug, sich auf die Behauptung zu beschränken, ein solcher Rechtsirrthum sei wenigstens schwer denkbar (äiü'ieilemsnt admissible)." Ganz anders der wissenschaftlich denkende Bergeret: „Nicht nur 7 französische, sondern sogar 14 deutsche Officiere können irren", sagt er rund heraus — Gassenjungen stürmen hinaus, um die Ehre der französischen Armee durch Steinwürfe ins Fenster des jüdischen Trödlers zu retten; „brave Jungen", murmeln die Spießbürger beifällig. „Was sagen i e dazu, verehrter Meister?" fragt der Liebliugsschüler Bergeret». Der Meister aber erzählt ihm einen neu aufgesuudeuen Mythos von Hercules atimos, dem irdischen Zwillingsbruder des göttlichen Hercules. Auch Hercules atiwos zieht mit seinen nie fehlenden Pfeilen, einer Göttergabe, auf die Bestrafung von Verbrechern aus, wobei er aber einen Schuldlosen tobtet und sich dann erst recht entehrt, indem er den Schuldigen laufen läßt und sich für seine Unschuld einsetzt, obwohl Athim versucht, den Jrrthnm aufzuklären Hoffentlich wird an dem geistreichsten aller Völker der sinnige Versuch seines geistreichsten Schriftstellers, die Lehren der Weisheitsgöttiu zu verkünden, nicht verloren sein. Anatole France selbst scheint freilich an der Erziehung der Massen zu verzweifeln. Es gibt — erklärt er immer wieder — einzelne Helden, aber es gibt keine Armee von Helden, kein Volk von Helden. Der Mensch ist nach ihm, seinem Wesen nach, ein übelwollendes, zerstörungslustiges Wesen, daher auch die agitatorische Kraft des Antisemitismus! Diese Welt ist es nun freilich, der in Rennes das Verdammungsurtheil gesprochen werden soll, die Bacillenwclt des Antisemitismus. Dieser Seuchenherd der europäischen Reaction wird diesmal hoffentlich gründlich ausgehobeu werden. Nicht die Bestrafung irgend Jemandes ist das Wichtige und Entscheidende. Mau begnadige die Werkzeuge, da mau die Anstifter nicht vor Gericht ziehen kann, aber man zwinge die Werkzeuge, Alles zu sagen und die letzten Anstifter zu nennen. Vielleicht wird es sich zeigen, daß der letzte Schuldige gar kein Einzelner, sondern das mittelalterliche Vorurtheil gegen eine Gesammtheit ist, innerhalb deren es, wie bei allen Gesammtheiten, Gerechte und Ungerechte gibt. Der Antisemitismus ist es, der in letzter, Linie in Rennes gerichtet wird, und mit ihm die Generäle, die gewiß mehr durch ihre reactionären Beziehungen, als durch ihre Fähigkeiten in die Höhe gekommen sind, da die letzteren in dieser ganzen Sache so wenig bewiesen worden sind. Frankreich stößt die Generäle ab, die nach dem bekannten Worte Zola's die künftigen Niederlagen vorzubereiten im Begriffe waren. Glücklich das Land, das nicht wartet, bis seine Fehler auf dem Schlachtfelde gesühnt werden müssen. Wird die Reaction gerichtet, so ist Frankreich gerettet! Agitation und Wahlpflicht. (Aus der antisemitischen Aera). In der vom n.-ö. Landtage beschlossenen neuen Wiener Gemeindewahlordnung wird auch die Wahl Pflicht ausgegesprochen. Aus Hochachtung für das Wahlprincip will Lueger diese Wahl Pflicht gewiß nicht, denn in dem Syllabus wird ja dieses Princip mitsammt dem ganzen Parlamentarismus als Satanswerk verdammt, und der Gesegnete des Papstes wird doch nicht, zumal unmittelbar nach seiner Heimkehr von Rom, anderen Sinnes als der Syllabus gewesen sein. Als Schwarzer ist ja Lueger unzweifelhaft echtfärbig. Wie alles Andere in dieser Lueger'schen Wahlordnung ist gewiß auch der Punkt von der Wahl Pflicht nur vom Parteiinteresse dictirt worden. Worin kann dieses Interesse aber gerade bei dem in Rede stehenden Punkte bestehen? Scheinbar wäre ja die Einführung der Wahlpflicht gerade im Interesse der freisinnigen Partei gelegen, weil die Wahlstatistik der Wiener Wahlen nachweist, daß Diejenigen, die sich der Wahl entzogen, immer Freisinnige waren, während die Christlich-Socialen jedesmal bis ans den letzten Mann ihre Stimmen abgaben. Wenn also auch bisnun Lueger bei den Wahlen, so oft er die Häupter seiner Lieben zählte, sehen konnte, daß kein thenres Haupt ihm fehlte, muß er doch die Ueberzeugung gewonnen haben, daß dieses Glück zum großen Theile den Arbeiten seiner Wahlagitation zu verdanken war. Nun will er durch das Gesetz der Wahl Pflicht diese Wahlagitationen abschaffen. Woher auf einmal die Animosität gegen die Institution, die doch seine ureigenste Schöpfung ist? Dr. Lueger hat diese Wahlagitation geschaffen, damit sie bei den Wahlen als wandelnde Schimpflexikons seine Verleumdungen gegen die Männer, die Wien zur Weltstadt gemacht haben, unter das Volk tragen und den Wählerfang forciren. Der Chef seiner ersten Wahlagitatoren-Garde war sogar ein I u d e, ein gewisser O., der unter dem Namen der „Schwammerljud", weil er in seinem civilen Leben, d. i. wenn just keine Wahlen waren, mit Schwämmen handelte, jedem Wähler aus früherer Zeit erinnerlich sein dürfte. Lueger stand auf dem Dutzfuße mit ihm, wie er überhaupt in den Flegeljahcen seiner- Carriere sich nur in jüdischen Kreisen bewegte, seinen Judenhaß verbergend, wie die Schlange die Farbe des Grases oder der Geier die Farbe des Gesteins annimmt, um sich unkenntlich zu machen. Als er sich dann offen als Antisemit declarirte und die Opposition unter der Fahne des Antisemitismus führte, brauchte er der Wahlagitatoren noch mehr als früher, als Demokrat. Denn der Demokratismus war dem Volke doch vom Stürmjahre her noch etwas bekannt, allein der Antisemitismus war in Wien ganz neu, er mußte erst dem Volke mundgerecht gemacht werden und die Wahlagitatoren waren, das Instrument dazu. Man muß so einen Agitator bei der Arbeit gesehen haben, um die Lueger'schen Erfolge zu begreifen. Schauen wir um anderthalb Jahrzehnte in der Geschichte Wiens zurück und fixiren wir die letzte Phase einer Wahlcampagne: Die Parteien haben schon ihre Candidaten nominirt, und bis zur entscheidenden Wahlschlacht fehlen nur noch einige Tage. Die Freisinnigen rühren sich nicht, aber die antisemitische Werbetrommel wirbelt. Es gilt hauptsächlich, die dem Kampfe noch Fernstehenden zu gewinnen, denn, mit Oxenstierna zu reden, das Spiel hatte auch bloße Zuschauer, selbst unter den Nicbtliberalen, theils waren es Diejenigen, welche, wie der Esel zwischen zwei Heubündeln, sich doch auch nicht für die Antisemiten entschließen konnten, theils solche, die es nicht für werth hielten, müßig das Eisen in der Halle lehnen zu lassen, Nadel und Scheere wegzulegen, um sich an dem Wahlkampfe zu betheiligen. Diese schwankenden oder indolenten Elemente für die antisemitischen Candidaten zu werben, war die Arbeit des Wahlagitators. Seiner Wichtigkeit voll bewußt und stolz wie einst Lord Marwick, der sich den „Königsmacher" nannte — denn warum nicht? sprach doch auch Lueger von seinen Wählern als „mein Volk" —, in seinem Selbstbewußtsein noch gehoben durch den funkelnagelneuen Anzug, den er sich mit dem Handgeld, das, wie einmal der Mechaniker Schneider verrieth, aus geheimnißvoller Quelle floß, angeschafft hatte, wuchs der Wahlagitator zur Größe