Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-11 · 32 (11.8.1899) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021310--09065-3033477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Uk. 32 Dl*« BIOCll 8 Jahrgang X7I. Centrslorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. Wien, 11. August 1899. -- Erscheint jeden Freitag. - ")>■• H1 - Brief-Adresse: Wien, II.. Untere Augartenstraße 1 a. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. M- -« Vr;ugsprris für Oesterreich- Halbjährig 4 fl. — 8 Stv. Einzeleremplare 25 fc. Mr's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 * 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. V. k. Postsparrasten-Amr Clearingverkehr Nr. 610.976. Redaction und Administration: Wien II., Ankere Vnaarkerrstr. 1». Telephon - Nr. 14.847 Inhalt. Leitartikel: Der Tag des Gerichtes. — Agitation und Wahlpflicht. — Deutsche und Inden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Fürst Bismarck und die Emancipation der rumänischen Juden. — Aus der Schule für das Haus. — Correspondenzen: Wien, Preßburg, Berlin, Paris, Rom, Stockholm, London, New-Iork, Kimberlep, Jerusalem. — Bloemfoutain. — Vermischtes: Wien, Cibenschütz, Trebitsch, Mähr.-Weißkirchen, Mlyiww, Budapest. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Tag des Gerichtes. Hört ihr den Donner des Herrn? Es ist der Gott Israels. Mit ausgestrecktem Arni hat er den Verbannten und Verlassenen aus den Tiefen des Abgrundes hervorgeholt und mit eiserner Hand die Frevler erfaßt, so mächtig sie sind. Wer ist unserem Gotte gleich au Macht und Herrlichkeit? Die Gerechtigkeit ist sein Ziel und die Wahrheit ist seine Waffe; wer will ihr widerstehen? Sv erschauern wir in andachtsvoller Scheu vor der Heiligkeit des Tages, an dem das große Sühngericht von Rennes beginnt. Wie zitternde Schafe werden sie an den Barren des Gerichtes erscheinen, die übermütigen Generäle des Proceffes Zola. Mit großem Lärm stoßen sie noch heute in die Posaune, doch, was sie vvrzubringen haben, wie wird es kaum hörbar verhallen in dem Dvnnerruf, den Gott der Herr durch die Lande gehen läßt: Heute ist der Tag des Gerichtes! Des Gerichtes? Wer wird gerichtet? Doch nicht der Unglückliche, dessen einzige Bedeutung bisher darin liegt, von den Feinden Israels als Süudenbock hinausgesandt worden zu sein in die Wüste. Ueber seine Unschuld besteht ja heute schon bei Keinem, der nur ein bischen „intellectuell" veranlagt ist, auch nur der geringste Zweifel. Seine Feinde? Oberst Henry hat sie durch seinen angeblichen Selbstmord gerichtet. Was verdienen seine Anstifter, wenn ihr Organ den Tod über sich selbst als Strafe verhängt haben soll? Nein, in Rennes handelt es sich nicht um Personen; die Weltgeschichte ist das Weltgericht, ganze Welten werden dort gerichtet. Da wird zunächst ein Urtheil revidirt, das leichtfertig genug gegen eine ganze Welt gerichtet ist, gegen die Welt des Judenthums. Daß der Jude Dreyfus kein Verräther ist, erschöpft nicht die Bedeutung des Urtheils, das da gefüllt werden soll. Es handelt sich noch um etwas ganz Anderes Angeblich soll die Zniverie" die Schuld an den Scandaleu haben, die periodisch in Frankreich auftauchen. Das Judenthum soll die tiefste Wurzel der französischen Corruption sein. Daß das nicht der Fall ist, konnte dem tiefer Denkenden auch früher nicht zweifelhaft sein. War Bontoux ein Jude, war er und waren die durch ihn auf der Börse Speculirenden Inden, oder handelte es sich nicht vielmehr um einen Börsenschwindel, zu welchem gerade der ehrwürdige Name der katholischen Kirche von einem angeblich besonders kirchlichen Katholiken in schamloser Weise mißbraucht wurde? Wenn ein Cornelius Herz, eiu Reinach, leider beim Panamaschwiudel im Vordergründe standen, wer kann leugnen, daß die große Masse der Schwindler und Gekauften dem Judenthum ferne stand? Aber niemals hat es sich deutlicher gezeigt, als jetzt durch die Corruption vieler Mitglieder der französischen Generalität und durch die Betheiligung streug kirchlich gesinnter Kreise, daß kein Stand und keine Confession von dem Gifte immun ist, welches Verwaltung und Parlament von Frankreich erfaßt zu haben scheint. Ter denkende Franzose wird sich sagen müssen, daß kein Jude etwas Verwerflicheres gethan hat, als diese dem Judenthum völlig fernstehenden Kreise. Man wird lernen, Niemanden zu verurtheilen, blos weil er ein Jude ist. Das Judenthum also ist die eine Welt, die in Rennes gerichtet und freigesprochen werden wird. Aber Frankreich? Wird nicht auch Frankreich gerichtet? Ist es möglich, daß das ritterlichste und großherzigste aller Völker ganz im Schmutze des Geldes und der Gewissenlosigkeit untergegangen ist? Gibt es anderswo ein Panama, eine Dreyfnsaffaire? Darüber hat Anatole France, der feinsinnigste, seiner Zeit überlegenste Spötter des heutigen Frankreich, sein Voltaire in seiner letzten Romanserie (Qnne du Mail, Mannequin d’osier, Anneau d’amethyste), eine hochbedeutende Anschauung an vielen Stellen dargelegt. In Frankreich gibt es nach seiner Ansicht nicht mehr Corruption als anderswo, aber sie vertheilr sich vermöge der demokratischen Regierungsform auf viel mehr Schuldtragende, ihr Geheimniß wird deshalb schlechter und infolge der Preßfreiheit schwerer gehütet. Was hat im absoluten Staate Mazarin allein zusammengeplündert? Sein Gehilfe selbst war in der Lage, für ein einziges, dem König gegebenes Souper 120.000 Francs zu zahlen und dabei 432 goldene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.