Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021309--09062-3033473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 579 „Herr Bürgermeister, unsere kleine aus fünfundvierzig Familien bestehende Gemeinde ist leicht zu übersehen. Ich versichere Ihnen, daß mir ein solcher Fall nicht bekannt ist." „Oho!" rief der Bürgermeister froh, Gelegenheit zu finden, sich in Zorn hineinreden zu können. „Sie werden es ja nicht wagen, das Faktum zu leugnen! Der Mensch, das Individuum, von dem ich spreche, befindet sich ja in Ihrem eigenen Hause, Sie selbst leisten dem Unfuge iu sträflichster Weise Vorschub." „Herr Bürgermeister!" ries Brack, während helle Zornesröthe in seinen Wangen ausflammte, „der Denunciant muß Ihnen die Wahrheit entstellt zugetragen haben. „Der Mensch," „das Individuum," von dem Sie offenbar sprechen, ist ein elternloses, sechsthalbjähriges Kind, dessen Mutter sterbend hier anlangte, das keine Eltern, Großeltern, keinen Menschen auf der weiten Gotteswelt hat, das, wenn ich mich nicht seiner erbarmt hätte, hilflos zu Grunde gegangen wäre!" „Bor Allem muß ich Sie ernstlich darauf aufmerksam machen, Ihre Ausdrücke, bevor Sie sie aussprechen, einer vernünftigen Kritik zu unterziehen. Sie könnten sonst leicht in große Unannehmlichkeiten gerathen. Es ist kein Denunciant, sondern eine Amtsperson, die mir's nicht „zugetragen," sondern pflichtgemäß amtlich die Anzeige erstattete. Endlich rathe ich Ihnen auch in Ihrem eigenen Interesse, an meinen Ausdrücken nicht in ironischer Weise zu mäckeln. Ist der sechsthalbjährige Judenbube kein Mensch? Ist er kein Individuum? Ist er kein fremder Jude? Macht das hohe Landesgesetz, für deffen pünktliche Ausrechthaltung ich hier in W. zu sorgen habe, einen Unterschied des Alters? . . . Nein! . . . . Der junge Jude muß weg von W.!" „Herr Bürgermeister!" ries Brack entsetzt, „das kann wohl nicht Ihr Ernst sein! Ich wiederhole es, es ist ein kleines, elternloses, ganz verlaffenes Kind .... Sie fordern etwas Unmögliches, etwas Undenkbares!" „Ich habe Sie nicht vorgeläden, um zu scherzen. Es ist nicht meine Manier, mit Untergebenen, von denen ich Respect und Gehorsam verlange, alberne Spässe zu treiben, und ich fordere nur das, was das Gesetz vorschreibt.... Sie werden doch nicht zu behaupten wagen, daß unsere Gesetze unmenschlich sind?!" Brack versuchte es, den Bürgermeister ad absurdum zu führen. „Sagen Sie mir, Herr Bürgermeister, was soll mit dem kleinen Kinde geschehen?" „Senden Sie ihn meinetwegen nach seiner Heimat; — was kümmert das mich? Ich habe nur darauf zu sehen, daß er nicht hier bleibt." „Das ist vollkommen unmöglich," erwiderte Brack, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend. „Der Knabe ist in Metz in Frankreich geboren, sein Vater war ein Elsässer. Ich will nicht von der weiten Entfernung sprechen: aber das Kind hat dort keinen Anverwandten, keinen Menschen, der sich seiner annimmt, und es ist heimatslos. Seine Eltern haben ohne Bewilligung der dortigen Behörden geheiratet; es bestehen dort ähnliche Verhältnisse wie hier zu Lande. Das arme Kind hat nicht nur keinen Menschen aus der weiten Welt, der für dasselbe zu sorgen verpflichtet ist, sondern es hat auch keine Heimat. Wenn ich — ich bin hiezu fest entschlossen — Ihrem Befehle nicht gehorsame, was könnten Sie mit dem Kinde beginnen? Seine gänzliche Hilflosigkeit ist seine stärkste! Waffe gegen Sie!" „Ich habe Ihnen keine Rechenschaft, von dem was ich thun will, abzulegen," sprach der Bürgermeister, „aber," fuhr er mit einem häßlichen Lächeln fort, „aus besonderer Nachsicht will ich Ihre brennende Neugierde befriedigen. Wenn Sie nicht binnen drei Tagen den jungen Juden von hier weggeschafft haben, laffe Ich ihn per " Schub über die Grenze bringen und überlasse ihn dann seinem Schicksal!" „Herr Bürgermeister," sprach Brack und seine Stimme zitterte vor gerechtem Zorne und innerer Erregung. „Sie Haben wohl nicht bedacht, was Sie soeben gesprochen. Das hieße ein kleines, unschuldiges Kind aussetzen, das Kind niüßte ja verhungern, erfrieren, im Elende verkommen, da würden Sie das Raubthier im Walde noch beffer behandeln! - Könnten Sie das einst vor dem Richterstuhle des allschauenden Gottes, der ein Vater aller Menschen, ein Helfer der Waisen und Bedrückten ist, verantworten? Sie sind ja selbst Vater, Sie besitzen ja auch einen Sohn, einen Knaben, bedenken Sie es, daß ein gerechter Gott Sie an diesem strafen, daß auch er einst bedrückt, unschuldig verfolgt werden könnte. . . . Stehen Sie von Ihrem Vorhaben ab! . . ." Brack war ein überaus kluger und sich seiner schwierigen Lage vollkommen bewußter Mann. Er wollte so lange, als es eben möglich war, auf gütlichem Wege auf den böse», niederträchtigen Menschen, den entsetzlichen Tyrannen im Kleinen, einwirken, er schlug daher auch jene Saite, die Liebe des Vaters zu seinem Kinde, an, deren Ton in der Regel auch auf den Verderbtesten, Entmenschtesten Eindruck macht.es war vergeblich. „Ich habe für die Avfrechthaltung des Gesetzes und nicht für die Existenz des fremden Judenknaben zu sorgen. Ihre hohlen Declamationen gehen wirkungslos an mir vorüber. Ich wiederhole es Ihnen, wenn Sie den Judenburschen nicht binnen drei Tagen fortgeschickt haben, laffe ich ihn von Amtswegen per Schub abschaffen. Verlassen Sie sich darauf!" Brack erhob sich zu seiner vollen Höhe, seine Augen schossen Blitze, unwillkürlich trat er dem Bürgermeister einen Schritt näher, und sprach, sich trotz seiner Aufregung vollkommen beherrschend : „Herr Bürgermeister, das wird, so 's Gott beliebt, nicht geschehen!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Ein Auserstandener. (Dr. S. A. Weiß.) Mit freudig-stolzer Genugthuung haben wir ein hübsches Büchlein aufgeschlagen, daß uns in letzter Zeit zugekommen ist: Ein Bändchen Lyrik. Ist das nicht wundersam in unserer, der subjectiven Poesie so feindlichen Zeit, da Alles — die activen, wie die passiven Liebhaber der Literatur— zur Erzählung oder zum lebendigen Bühnenwerke drängt?! Und doch ist unsere Freude an der Sammlung von Gedichten, die da vor uns liegt, und unser Stolz auf dieselbe so natürlich. Denn es sind gme und schöne Gedichte, es sind Offenbarungen der edlen Seele, des hohen Geistes eines Sohnes unseres Volkes, und wir sind nicht ganz ohne Antheil an dem Verdienst, diese vornehm geartete dichterische Erscheinung, die auch im dichten Gewimmel unseres regsamen, allzu regsamen Literaturmarktes nicht unbeachtet bleiben kann, der Oeffentlichkeit vorgeführt zu haben. In den Spalten unserer Zeitschrift ist vor Jahr und Tag der Vortrag zur Publication gelangt, mit dem der Schriftsteller Heinrich Glücksmann im Wiener „Wissenschaftlichen Club" den Lyriker S. A. Weiß, der ins Grab gebettet wurde, ehe sein süßer Dichtermund zur Welt gesprochen hatte, zur Auferstehung brachte. Dieser Vortrag lenkte nicht allein die Aufmerksamkeit des Publikums auf den unglücklichen Poeten, die Presse beschäftigte sich mit seiner rührenden Duldergestalt, die vornehmsten Zeitschriften theilten aus dem Nachlaffe Gedichte mit und begleiteten sie unt den Lebensgang des Leidenssängers schildernden Artikeln, und so gelang das, heutzutage so Schwierige: einen hervorragenden Verlag für diese Poesie zu erwärmen. Nun liegt denn eine Auslese des reichen geistigen Lebens gedruckt vor uns: Gedichte von S. A. Weiß. Herausgegeben von seiner Witwe. Berlin. „Concordia", Deutsche Verlags-Anstalt, 1899. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark. Ein Todter, der kräftig an seinen Sarg pocht, der fein Recht auf Sein und Dauern geltend macht, der vernommen werden will, weil er etwas zu sagen hat, das ist S. A. W e i ß. Seit fast drei Jahren umschließt ihn, den allzuftüh Dahingeschiedenen, das Grab. Aber in der Form seiner hinterlaffeueu Dichtungen, die sein gemüthwarmes, natur- und schönheitsseliges Ich voll und kräftig austönen, erhält ihn jetzt das Leben iu diesem, von seiner Witwe redigirten, vom Berlage liebevoll und mit feinstem Geschmack ausgestatteten Bändchen wieder zurück. Wie das in seiner Schlichtheit rührende Vorwort andeutet, waren die Erdentage des Dichters hart und leidvoll. In Hruschau (Oesterreichisch-Schlesien) geboren, war er durch die keinen Verhältnisse des Vaterhauses gezwungen, schon mit dem Studium den Erwerb zu vereinen, und in jahrelangem Martyrium des Stundenlehrers erwarb er die akademischen Grade, errang er als Philolog rasche Erfolge, die ihm aber die ersehnte Stellung eines Universitätslehrers doch nicht brachten. Er quälte sich nun iu mancherlei, ihm widerwärtigen Berufen ab, bis ihm am häuslichen Herde, an der Seite einer verständnißvollen Gattin