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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-04 · 31 (4.8.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 576 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 31 Herz haben", lachte der menschenfreundliche Stadtregent ironisch, „und wenn sie den Beamten tüchtig zahlen, sie aus Barmherzigkeit ein mäßiges Q'iattum Last schnappen lassen, denn, wenn sie ersticken, das heißt, ganz zu Grunde gehen, dann können sie dem Beamten, der als wackerer, sorgsamer Hausvater für Weib und Kind sorgen will, gar nichts geben, man darf eine Henne, die goldene Eier legt, nicht schlachten.Aber mein erster Versuch, dem Judenvorsteher meinen Standpunkt klar zu machen, ist mir — gesteh' Dir's nur ein, Dominik Golzinger — häßlich mißlungen, der alte Bär ist mit einer Berserkerwuth auf mich losgesahren, daß ich erschrak! .... Wir hatten förmlich di: Rollen gewechselt, er geberdete sich, als wäre er ein hoher Beamter, und ich zitterte vor ibm .... pfui Teix^l!" der Bürgermeister spie weit weg von sich — „die Galle regt sich noch jetzt in mir, wenn ich an diese miserable, verfehlte Scene zurückdenke, der Kerl war ja rabiat, rein wie der rasende Roland! .... Freilich, ich hatte die Sache dumm angepackt, man muß stets das Decorum wahren, hat mein seliger Vater, der Oberamtmann, Gott schenk' ihm die ewige Ruh', gesagt, als wir zusammen nächtlicher Weise die fürstliche Casse leerten und die Schuld dann auf den dummen Rentamts-Casiirer schoben, der nur lumpige dreihundert Gulden gestohlen, und sich tags vorher erschosien hatte .... Die Art und Weise, wie ich mtt dem alten Juden gesprochen, war gar zu brutal, man muß auch dem garstigen Ding ein hübsches Mäntelchen umhängen, dann kann es sich schon präsentiren .... Freilich ich Hab' gar nicht gedacht, daß die Juden so couragirt sein können! .... Ich betrachte es noch als eine unverdiente Gnade Gottes, daß der Vorsteher, der Spitzbube, der Singer abgedankt hat. Jetzt soll ein junger Mensch — wie mir der Amtsdiener sagte — ein Habenichts zu dem Amte gewählt worden sein: dem gegenüber werde ich ganz anders, viel besonnener und imponirender auftreten, da werde ich mich nur auf den Boden des Gesetzes stellen .... zum Glück bietet dieses Handhaben genug, die Juden tüchtig auszusäckelu. Ich habe den neuen Vorsteher auf zehn Uhr vorladen lassen. Da er selbst nichts hat, werde ich heute unbestechlich sein und nur ein Pröbchen u »beugsamer Härte geben, aber dabei nicht eines Haares Breite von dem drakonischen Gesetze abweichen; ihm nur andeuten, wie die Juden sich in der Folge mir gegenüber zu benehmen haben, das ist ein Saatkorn, das mir zur goldenen Aehre reifen soll, andere reiche Juden werden dann, wenn sie das buchstäblich unerträgliche Gesetz umgehen wollen, mit reichen Gaben kommen ... Ei, die theure, kleine Glocke, die mein Vorgänger gießen ließ, und die in seine Tasche einen kleinen Goldregen ergoß," — der Bürgermeister belachte seinen albernen Witz — „schlägt zehn Uhr .... Hm, auch der neue Vorsteher scheint meine Befehle nicht besonders zu respeciiren .... Sollte er ein ebenso harter Trotzkopf als der abgetretene, ebenso schwer traitable, als dieser sein? .... Das wäre ja zum Teufelholen!" Dominik Golzinger wurde in seinem Selbstgespräche unterbrochen, der Amtsdiener, ein ehemaliger Grenadiercorporal und daher ein Mensch von ungewöhnlicher Länge, trat ein und meldete: „Euer Gestrengen, der neue Judenrichter, den ich gestern auf heute vorgeladen, ist draußen!" „Soll eintreten!" Golzinzer griff rasch nach seiner Tabakspseiffe. Er beab- ■ sichtigte hiedurch zweifaches; er wollte den neuen Vorsteher längere Zeit, während er sich Feuer schlug, auf seine Ansprache warten lasten, hoffte diesem dadurch zu imponiren, und eine lange, dem Borgeladenen peinlich werdende Pause erzielen. Während dieser Zeit wollte er auch den Mann, den er aufs Korn nahm, genau ins Auge fasten und darnach seine Ansprache und sein Gehaben einrichten; — aber ein ganzer Plan wurde Aer den Haufen geworfen. Aron Brack trat ein, erwartete gar nicht das Wort des Stadttyrannen und eröffnrte selbst das Gespräch. Unwillkürlich setzte der Bürgermeister die ihm nutzlos gewordene Pfeife auf den Tisch nieder und betrachtete aufmerksam den vor ihm Stehenden. Brack war, wie der geebrte Leser schon weiß, ein Mann von dreiunddreißig Jahren, wir fügen jetzt hinzu, er war ein schlank gewachsener Mann mit einem ovalen Gesichte, dessen Bläste noch durch einen tiefschwarzen Bollbart hervorgehoben wurde. Er trug sein dunkelschwarzes gelocktes Haar ungepudert, einen schwarzen Rock, seidene Weste, kurze schwarze, seidene Beinkleider, weiße seidene Strümpfe, Schuhe mit silbernen Schnallen. Den dreieckigen Hut hielt er in der Hand. Er stand unbeweglich, mit seinen schwarzen feurigen Augen den Bürgermeister scharf fixirend da und sprach mit einer klangvollen Stimme: „Herr Bürgermeister, auch wenn Sie mich nicht rufen hätten lassen, wäre ich vor Ihnen erschienen, mich Ihnen als neugewählter Vorsteher der hiesigen Judengemeinde vorzustellen und mich und die hiesige Judengemeinde Ihrer Gunst zu empfehlen." Dominik Golzinger blickte überrascht aus den redegewandten Mann, der in correctem, fließenden Deutsch ohne jeden Anflug von Accent sprach. Diese hatte ihm sein eigenes Contex gründlich verdorben, er wußte nicht was er erwidern sollte und Brack ließ ihm zu langem Besinnen nicht Zeit. „Sie wisten es, Herr Bürgermeister, bis jetzt" — Brack betonte die letzten Worte auffällig — „bestehen für die mährischen Juden Gesetze, die, wie jeder vernünftig denkende Mensch einsehen muß, nicht nach ihrem Wortlaut gehandhabt werden können; weil.. . ." „Es steht keinem Unterthanen das Recht zu, ein Staats¬ oder Landesgesetz zu kritisiren; ebenso wenig die Art der Auslegung und Handhabung desselben zu bestimmen, und ich muß auch Sie darauf aufmerksam...." Der Bürgermeister brach aus zweifachen Gründen ab, erstens, weil er sehr gegen seinen Willen und seine ursprüngliche Absicht, den Judenvorsteher „Sie" angesprochen, zweitens weil dieser ihm ins Wort fiel und sprach: „Auch ich hätte mir diesen Ausspruch nicht erlaubt, wenn nicht die höchste Autorität im Staate, der Mann, vor dem sich nicht nur ganz Oesterreich, sondern ganz Europa, die ganze civilisirte Welt in Ehrfurcht beugt, wenn nicht Seine Majestät der römische Kaiser und Mitregent von Oesterreich bei seiner Anwesenheit in unserem Lande demselben Gedanken Ausdruck gegeben hätte." Der Bürgermeister biß sich auf die Lippen, weder der abgetretene, noch der neugewählte Vorsteher der jüdisch:it Gemeinde in W. waren nach seinem Geschmacke. Er hatte beabsichtigt, dem Vorgeladenen Furcht einzujagen, und dieser hatte, wie er sich's zu seinem Schrecken gestehen mußte, i h m Respect eingeflößt. Er fühlte, daß, wenn er seine Autorität wahren wollte, er sich nicht gleich bei der ersten Zusammenkunft mit dem Judenvorsteher mit diesem in ein vertrauliches, politisches Gespräch, dessen Färbung ihm überdies nicht zusagte, einlassen, nicht Brack die Führung desselben überlassen dürfe, daß er mit jedem Worte, das Brack jetzt ungestört weiter sprach, moralisch immer mehr an Terrain verlor .... -Er hätte ihn jetzt gerne nicht mehr mit dem höflichen „Sie," wenigstens mit „Ihr", am liebsten per „Ec" angespcochen, aber er fühlte es auch, daß er dadurch einräumeu würde: Brack hätte ihn außer Fassung gebracht, und er begann jetzt: „Ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen den Auftrag zu ertheilen, eine flagrante Gesetzesübertretung in Ihrer Gemeinde sofort abzuschaffen. Ich gestatte Ihnen hiezu drei Tage Zeit, ist sie binnen dieser Frist nicht behoben, werde ich von Amtswegen unmittelbar einschreiten." „Ich bitte ergebenst, mir gefälligst dieselben angeben zu wollen und . . . ." „Als Vorsteher einer Judengemeinde müssen Sie wissen, daß die hohe Regierung in ihrer hohen Weisheit bestimmt hat, daß sich die Juden in Mähren nicht vermehren dürfen und die Zahl der Familien unveränderlich eine constante bleiben muß." Der Bürgermeister machte eine Pause. Mit Vergnügen erkannte er, daß sich Brack verfärbte; aber dieser dachte an die zahlreichen Familienväter in der Gemeinde, die ohne behördliche Bewilligung geheiratet hatten; allein der Bürgermeister wollte vorläustz diesen Punkt, der sür ihn eine ergiebige Goldquelle werden sollte, nicht berühren, und fuhr fort: „Sie wissen auch, daß wir in mährischen Ortschaften keine fremde Juden dulden und ein solcher sofort abgeschafft wird. Nun aber befindet sich seit zehn Tagen hier in W. ein fremder Jude. Ich will Ihnen, weil es das erstemal ist, den groben Fehler nachsehen und es diesmal mit einer strengen Rüge, die ich Ihnen hiemit ertheile, bewenden lassen; aber bei einer Wiederholung werde ich nicht nur den Contravenienten, bevor er abgeschoben wird, exemplarisch züchtigen lassen, sondern auch Sie, Vorsteher, hiefür verantwortlich machen und zu einer empfindlichen Geldstrafe, bei einer Wiederholung zu Arrest verurtheilen.... Also diesen Unfug will ich baldmöglichst abgestellt sehen."

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