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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-04 · 31 (4.8.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 575 auch wenn ihm die biblischen Schriften fremd sind. Diese Fremdheit bedeutet eben eine klaffende Lücke in der allgemeinen Bildung. Daß solche Lückenhaftigkeit zur Zeit häufig anzutreffen ist, ändert nichts an der Bedauerlichkeit der Thatsache. Dieser bösartige Kenntnißmangel ist übrigens der wesentlichste Grund dafür, daß der religiöse „Liberalismus" sich religiös nihilistisch geberdet. Die „Kreuzzeitung" ereiferte sich ferner dieser Tage darüber, daß die Centrumspresse dem Staat das Recht bestritt, Socialdemokraten aus öffentlichen Stellungen zu entfernen. Sie schrieb: „Die Blätter des Centrums wollen dem Staat nicht das Recht zugestehen, offene Angehörige einer Partei, die ihrem Programm nach ihm, dem bestehenden Staat, und der Gesellschaft den Vernichtungskampf erklärt, aus allen öffentlichen Stellungen zu entfernen. Nun, so fragen wir, wird die katholische Kirche Jemand, der zwar ihr von Geburt angehört, ihren Lehren aber und ihrer Organisation den offenen Kampf erklärt hat, in irgend welchen kirchlichen Aemtern dulden?" Und die liberale „Bossische Zeitung" weiß darauf nichts zu bemerken, als daß „sie gespannt darauf sei, wie die Ceutrumspresse sich gegen diesen Hieb decken werde." Sie weiß also nicht, daß der Staat eine Rechts gemeinschaft, die Religion aber eine Gesinnungsgemeinschast darstellt, daß man also wohl durch seine Gesinnung und deren Bekundung von einer Religionsgemeinschaft sich lösen kann, doch nicht also in einer Rechtsgemeinschaft sein Recht verliert! Der landläufige Bezirksvereinsliberalismus ist eben so religionsfremd geworden, daß er schon für das Wesen der Religion das Berständniß verloren hat! Ein hiesiges jüdisches Blatt gibt von einer Statistik Kunde, wonach in Preußen während der letzten 20 Jahre unter 50.000 jüdischen Ehen 5000 Mischehen geschlossen worden waren. Die Mischehen, anfangs der Siebziger-Jahre gering, hätten immer mehr zugenommen, so daß jetzt auf je vier jüdische Eheschließungen eine Mischehe komme. Diese „Statistik", die keine Quellen angibt, ist ein Phantasiewerk. Die Zahlen sind falsch abgeschrieben oder frei erfunden. Aus Swinemünde wird gemeldet, daß dort ein Berliner Primaner, Julius Schlesinger, eiuen Lieutenant, der sich zu weit ins Meer hinausgewagt hatte, aus der Lebensgefahr gerettet hat. Der junge Mann hielt den sinkenden Oificier so lange über das Wasser, bis noch ein zweiter Herr zu Hilfe kam und mit einem Rettungsboot schließlich den Gefährdeten aufnahm. Wir kennen keinen der Betheiligten und erwähnen das Vorkommniß blos, um die Bemerkung daran zu knüpfen, daß keine der antisemitischen Zeitungen die wackere That des Gedenkens werth gehalten hat. Dieselben antisemitischen Zeitungen würden sicher weniger schweigsam gewesen sein, wenn von einem Julius Schlesinger Ungünstiges — wahr oder unwahr — berichtet worden wäre. Dortmund. Am 22. Juli beging der Hauptlehrer Herr Rothschild als Prediger der hiesigen Synagogengemeinde sein 25jähriges Amtsjubiläum. Eingeleitet wurde die Feier durch einen Festgottesdienst am Vormittag in der Synagoge und war zu diesem Zwecke der Rabbiner Herr Dr. Samuel aus Esten erschienen, welcher die Festpredigt übernommen hatte. Der Jubilar wurde durch den Vorstand der Gemeir.de in das durch Laubgewinde schön geschmückte Gotteshaus eingeführt und während desselben durch einen vom Gesangverein „Liederkranz" vorgetragenen, der Feier angepaßten Chor, auf seinen Platz geleitet. Nach Beendigung des Gottesdienstes begab sich der benannte Vorstand nach der Wohnung des Herrn Rothschild und überreichte demselben in Anerkennung seirer hervorragenden Verdienste um das jüdische Gemeinwesen einen von der Gemeinde gestifteten wunderschönen, silbernen Becher. Auch die Frauen hatten es sich nicht nehmen lassen, den Jubilar zu feiern und war von dieser Seite eine Bibel, ein wirkliches Prachtstück, gestiftet worden und von einer Anzahl Damen, als Deputation, dem Gefeierten einqehändigt Eine öffentliche Feier fand Abends am Fredenbaum statt. Der Vorsteher der Synagogengemeinde, Herr Adolf Elias, hielt eine Ansprache, in welcher er insbesondere die hervorragenden Eigenschaften des Herrn Rothschild in gebührender Weise hervorhob. Redner bemerkte weiter, daß es auch in jüdischen Kreisen gebräuchlich sei, daß das erste Hoch dem Kaiser gelte. In das am Schluffe ausgebcachte Kaiserhvch stimmten die sämmtlichen Festtheilnehmer kräftig ein und wurde stehend die Kaiserhymne gesungen. Es folgten noch eine ganze Anzahl zündender Ansprachen, theils launigen, theils ernsten. Inhalts, und konnte man bei dieser Gelegenheit sehen, welch' außerordentlicher Beliebtheit sich der Gefeierte erfreut. Einen sehr guten Eindruck machte es, daß auch der Magistrat unserer Stadt ein Glückwunschschreiben gesandt hatte, in welchem Herrn Rothschild in seiner Eigenschaft als Lehrer Anerkennung gezollt wurde. Die Hetzereien des „Antijuif". Paris. Man berichtet aus Al gier: Der antisemitische Gemeinderath von Algier und Redacteur des dortigen „Antijuif", Chaze, dessen Verhaftung bei dem Feste von El-Bieu großes Aufsehen erregte, erschien vorigen Donnerstag vor dem Zuchtpolizeigerichte von Algier unter der Anklage, Schmähungen und Drohungen ausgestoßen zu haben. Chaze leugnete die ihm zur Last gelegten Aufreizungen, allein der Staatsanwalt erklärte, es sei höchste Zeit, den Manifestationen ein Ende zu machen. Der Anwalt Chaze's, der es mit einer pomphaften Verherrlichung der algerischen Antisemiten versuchte, hatte kein Glück, denn der Gerichtshof verur-heilte ihn zu einem Monat Gefängniß. — In derselben Verhandlung wurde der Gerant des „Antijuif", Jeaudet, wegen Verleumdung des Commissärs Finauca in contumaciam zu fünf Tagen Gefängniß und 200 Francs Buße verurtheilt. London. Die christliche Missionsgesellschaft „London City Mission" verbreitet einen Aufruf, um die Mittel zu erhalten, Mische Kinder während der Ferien auf das Land zu schicken. Gewiß ist es ein schöner Zweck, den armen Kindern, die jahraus jahrein in der staubigen, heißen oder nebligen Atmosphäre Londons die Zeit zubringen müssen, die Möglichkeit zu bieten, etwas Erholung zu finden. Aber die Kinder in diesen Feriencolonien erhalten christlichen Religionsunterricht, müssen christliche Predigten anhören, christliche Lieder lernen und singen, Tractätchen lesen rc. Vielleicht fällt der Mission so eine Seele in die weitgeöffneten Arme, aber verwerflich bleibt es doch, mit solchen Mitteln religiöse Propaganda zu mache». — Eine seltsame Frage mußte kürzlich den Behörden unterbreitet werden. Nach strengem Recht sind jüdische Trauungen auf Grund englischen Gesetzes nur zulässig im eigenen Hause oder in der Synagoge, aber nicht in Miethsräumen. Daher verweigerte ein Beamter kürzlich die Eiutragung einer Trauung, die iu einem gemietheten Saale stattgefunden hatte. Auf die erhobene Beschwerde hat der Registrar-General dann aber doch die gesetzlich erforderliche Eintragung angeordnet, jedoch dabei erklärt, daß nach dem Buchstaben des Gesetzes jener Beamte eigentlich im Recht sei. New-Aork. Die jüdische Einwanderung ist in diesem Jahre recht lebhaft und viel stärker als im Vorjahre. Im April kamen circa 2000, im Mai circa 3000 und im Juni circa 4000 jüdische Jmigranten und schon im Juli, vom 1. bis 8., wieder circa 1000. Da die Sommer- und Herbstmonate erfahrungsgemäß den stärksten Zuzug bringen, so dürfte in diesem Jahre die Einwanderung eine sehr namhafte Vermehrung erfahren, die wohl hauptsächlich auf die Steigerung der Emigranten aus Rumänien und Galizien zmückzuführen ist. Philadelphia. In der Nähe von Woodbine liegt die größte Farm, die ein Besitzer in den Vereinigten Staaten sein eigen nennt. Mr. Rosen, der glückliche Eigenthümer derselben, hat 50 Acres Weizen, 60 Acres Roggen, 50 Acres Kartoffeln rc., und da ihm die Arbeitskräfte zu dieser Ernte fehlten, so wandte er sich an die Ackerbauschule in Woodbine und bat um Ueberlassung von einigen Schülern dieser Anstalt. Der Director derselben nahm die Gelegenheit gern wahr, den Schülern Uebung in diesen Arbeiten zu schaffen und bewilligte daher die Bitte. Bon der Entwicklung der Colonie Woodbine spricht auch die Thatsache, daß sich dort eine Bank gebildet hat unter dem Namen Woodbine Loaan and Investment-Bank, deren Captal fast ganz im Orte selbst gezeichnet wurde. Philadelphia. Vom 14. bis 30. Juli findet in Atlantic- City die diesjährige Summarver sammlung der „Jewish Chantanqua" statt, jener eigenartigen Institution, die offenbar den Bersammlungsmonaten im alten Babylon, der Jerche Kalla, nachgebildet ist. Die Chantanqua verfolgt Bildungszwecke, und zwar allgemeine, wie speciell jüdische, und intereffant genug ist das Programm auch der diesmaligen Versammlung. Die Redner und Lehrer in diesen Versammlungen sind meist hervorragende Persönlichkeiten, darunter viele angesehene Rabbiner. Diese, vierzehn Tage währenden Zusammenkünfte sind die Zeichen der im amerikanischen Judenthum lebenden Kraft und wenn dieselben, wie dies bisher der Fall war, stark besucht werden, ein Beispiel dafür, wie sich uralte Institutionen modernisiren lasset!.

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