Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 574 Nr. 31 Dr. Blvch's Wvchenschrist. empor und erflehte den Segen herab auf die Gemeinden zu Brünn, Zglau, Trebitfch, Kanitz rc., wie auf alle diejenigen Einzelpersonen und Corporation«« von Nah und Fern, die der Cultusgemeinde zu Groß-Meseritsch in ihrer Roth durch milde Spenden beigesprungen und schloß seinen Vortrag mit den von allen Andächtigen nachgesprochenen Dankesworten: abys -n Gelegentlich meines dortigen Aufenthaltes habe ich auch von vielen rührenden Beweisen jüdischer Opferwilligkeit und Nächstenliebe Kunde erhalten, von denen ich jedoch nur einen vorläufig hervorheben will, um ihn der Oeffentlichkeit bekannt zu geben. Die Herren Wilhelm Oesterreicher, Obmann der Chewra-Kadischa zu Jglau, -und Sigmund W i t r o f s k y, ein sehr achtbares und schätzenswerthes Gemeindemitglied daselbst, haben sich nicht nur der Mühe unterzogen, Sammlungen persönlich einzuleiten, sondern auch, obgleich sie vielbeschäftigte Kaufleute sind, am Unglücksorte selber zu erscheinen, wo sie die ansehnliche Summe von circa 800 fl. ö. W. (und zwar 200 fl. von der Jglauer Gemeinde, 100 fl. von der Chewra-Kadischa daselbst, 100 fl. von der angesehenen Jglauer Firma Hermann Pollak und 400 fl. von Einzelpersonen) ohne Unterschied der Confession als »Gabe im Geheimen" eigenhändig den Beschädigten übermittelten. Auch ist mir allenthalben von den rühmenswerthen Leistungen des Herrn Alois Witrofsky in Brünn für seine Heimatsgemeinde Groß- Meseritsch erzählt worden, und daß er überall dort seine Kräfte einsetzt, wo es gilt, dem Unglück und der verschwiegenen Armuth durch Rath und That zu steuern. Berlin. Zu der deutschen Berufsstatistik ist jetzt ein Band mit Erläuterungen erschienen, es ist dies Band 111 der Statistik des Deutschen Reiches, neue Folge. Derselbe eulhält cine große Anzahl von Ziffern über die Confession und auch bezüglich der Juden mancherlei neues Material. Besonders intereffant sind die Tabellen, die sich mit der socialen Schichtung befaffen. Die amtliche Statistik unterscheidet drei Hauptgruppen, Selbstständige, Angestellte und Arbeiter. Es kann der Kenner der Verhältnisse nicht übersehen, daß die Juden viel mehr Selbstständige haben als die anderen Confessionen. Von 100 Erwerbsthätigen sind im Allgemeinen 29 Selbstständige, 3 Angestellte, 68 Arbeiter, dagegen bei den Juden sind 58 Selbstständige, 11 Angestellte, 31 Arbeiter. Dennoch wird cs auch die meisten Juden überraschen, zu erfahren, daß es in Deutschland 56.767 Arbeiter unseres Glaubens, ungerechnet noch 6371 Dienstboten gibt. Davon sind männlich 40.347 Arbeiter, weiblich 16.420, während die Dienstboten fast alle weiblich sind. Auch die Vertheilung auf die großen Berufe ist intereffant: In der Landwirthschaft gibt es 1679 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen, in der Industrie 16.829, im Handel 38.349, davon sind in der Landwirthschaft 893 männlich, 786 weiblich, in der Industrie 11.799 männlich, 5030 weiblich, im Handel 27.745 männlich, 10.604 weiblich. Diese Ziffern entkräften auch deutlich das Gerede von der allgemeinen Wohlhabenheit der deutschen Juden. Berlin, 29. Juli. Am Donnerstag fand hier eine Conferenz einiger angesehener Persönlichkeiten statt, zum Zweck, über ein Project. russische Juden in Cypern zu colonisiren. zu berathen. Unter den Anwesenden waren Prof. Marburg. Dr. N a t h a n Dr. Heinrich Meyer Cohn, Prof. Landau rc. Einberufen war die Conferenz von einem Herrn T r i e s ch, einem amerikanischen Israeliten, der besondere Propaganda für diese Idee macht. Er legte der Versammlung nach einem Vortrage über die Verhältnisse Cyperns im Allgemeinen seine speciellen Ideen über die Colouisation der russischen Juden auf dieser Insel vor, fand aber wenig Anklang mit seinen Vorschlägen, obwohl man allgemein der Meinung war, daß der Gedanke an sich nicht von der Hand zu weisen sei. Da das informatorische Material, das Herr T r i e s ch vorlegen konnte, der Versammlung absolut ungenügend erschien, so beschloß man, sich an die »Jewish Colouisation Association" um Auskunft zu wenden. Berlin, 31. Juli. Gestern ist.Profeffor Emil Breslauer begraben worden. In ihm ist ein hervorragender Musikpädagoge und ein, namentlich um die synagogole Musik verdienter Mann hingegangen. Vordem Lehrer, Prediger und Vorbeter, leitete er seit sechzehn Jahren den Chor in der Synagoge der hiesigen Reformgemeinde. Zur Reform hat er innerlich gewiß nicht gehört. Auch hat ihn nichr sowohl das Amt, als die Versuchung dahin geführt, die für ihn darin lag, einen Gottesdienst nach seinem Gefallen musikalisch ausgestalten und ausstatten zu können. Die Orgel liebte er nicht. Er schränkte ihren Gebrauch mehr und mehr ein und ließ sie nur noch da ertönen, wo es nöthig war, durch ein lebhaftes instrumentales Geräusch die theilnahmslose Schweigsamkeit der Gemeinde zu verbergen. Er war von herzgewinnender Liebenswürdigkeit, von aufrichtiger Bescheidenheit, allezeit hilfsbereit, voll regen Interesses für alle jüdischen Dinge. Die Grabrede hielt Herr Dr. Klemperer, Prediger an der Reformgemeinde. In seinem Nachruf paßte er sich der Gesinnung des Verstorbenen an: Er sprach ganz so, als wäre er noch der orthodoxe Rabbiner, der er früher gewesen. Dr. Klemperer hat erst spät sein liberales Herz entdeckt; das Licht einer neuen Erkenntniß ging ihm erst auf, nachdem er die Bestallung als Reformprediger erhalten hatte. Auch dann noch wollte er den Gesinnungswechsel vor seiner Bromberger ^Gemeinde — bis zum Umzug — geheim halten. Die Gemeinde aber erfuhr davon und war großherzig und feinfühlend genug, ihrem Seelsorger inneren Zwiespalt ersparen zu wollen. Sie that das, indem sie ihm die Kanzel sofort verschloß und den Zutritt zu ihrer Synagoge ihm ferner nur als Privatmann gestattete. Gestern, wie gesagt, gedachte er vergangener Tage und sprach wie ein Orthodoxer zur Erbauung seiner reformgemeindlichen Hörer, von denen so mancher eigentlich Jude sein möchte, es im Herzen auch ist. An der Wahl eines conservativen Rabbiners für Berlin wird wieder in der Stille, doch nicht ganz geräuschlos gearbeitet. Der Cai'didat, der in Frage kommt, ist wiederum Dr. Rosen- Ihal-Breslau. Der Breslauer Gemeindevorstand will ihm nicht mehr im Wege sein, wenn er nach Berlin gehen mag. Es ist ein schweres Stück Arbeit, und noch ist es nicht ganz gethan. Die Berliner Gemeinderepräsentanz ist unberechenbar. Wenn ihren beiden Theilen ein Candidat gefällt, so wird sie gegen ihn mißtrauisch. Der Erwählte des einen Theiles soll dem anderen Theil nicht gefallen, sonst entzieht er ihm seine Gunst. So ist cs mit Herrn Dr. Jacob aus Göttingen gegangen. Die Liberalen waren von ihm begeistert, und die Conservativen hatten nichts gegen ihn einzuwenden, ja sie wollten ihm gern ihre Stimmen geben. Sofort stutzten die Liberalen; richtiger: sie wurden stutzig gemacht. Ein wohlwollender College mochte dem guten Schulmann seine Hochachtung lieber aus der Ferne erweisen. Die Folge war, daß man die Wahl hinzögerte, bis Herr Dr. Jacob die Geduld verlor und durch die Opferwilligkeit der Göttinger Gemeinde sich an seinen bisherigen Wirkungskreis fesseln ließ. Zur Abwechselung einmal etwas von unseren politisch Liberalen. Es fällt schon in den Rahmen eines jüdischen Blattes, weil es zeigt, wie absolut begriffstützig unsere Liberalen werden, sobald religiöse Dinge in Frage kommen: Die »Kreuzzeitung" hatte jüngst einem Universitätsprofessor/ dem die Prüfung der Candidaten des höheren Schulamts in der Religion, auch denen, die nur der Anforderung für »allgemeine Bildung" genügen wollen, nacherzählt, daß ein Prüfling auf die Frage, ob ihm ein Schwesternpaar im Neuen Testament bekannt sei, das zwei verschiedene Seiten des christlichen Lebens, die Sorge für die äußere und die für die innere vertrete, erst mit Schweigen und dann, als ihm der Name der einen Schwester, Maria, genannt worden, geantwortet habe: »Ach ja, Maria Magdalena!" Die liberale »Bossische Zeitung" erwiderte hierauf: Ihr wolle bedünken, daß der Gebildete am kirchlichen Leben sehr wohl Mitwirken könne, auch wenn er von Maria und Magdalena, geschweige denn von Maria Magdalena nichts wisse." Der »Boffischen Zeitung" ist hier ein kleines Malheur passirt. Sie verwechselt Maria und Magdalena mit Maria und Martha. Das ist nun ihre Sache. Sie hat es allein zu verantworten, wenn sie zur vollwerthigen publicistischen Vertretung des protestantenvereinlichen Standpunktes die Kenntniß der Evangelienbücher nicht für erforderlich erachtet. Für unsere Gebildeten aber verlangen wir eine mehr als o ierflächliche Bekanntschaft mit dem Buche, dessen Verbreitung noch immer über die aller anderen Schriften hinausgeht, das das Erziehungsbuch der gesitteten Menschheit oder vielmehr das Erziehungsbuch der Menschheit zur Gesittung gewesen ist und ist. Religiöse Kenntnisse gehören zur allgemeinen Bildung, und wer ihrer ermangelt, hat keinen Anspruch darauf, zu den Gebildeten gezählt zu werden. Es ist vorgekommen, daß der Abiturient an einem Berliner Gymnasium die Namen der Erzväter nicht anzugeben wußte. Es war ein jüdischer Abiturient, der diese beschämende Unwissenheit an den Tag legte. Die Meldung fehlt, ob er als unreif zurückgewiesen wurde. Jetzt würde es ganz sicher geschehen, und dessen sind wir froh. Wir sind nicht der Meinung, daß der Gebildete am kirchlichen Leben Mitwirken könne,