Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 573 weil von Goltsch-Jenikau, der seinerzeit beschuldigt wurde, mit dem inhaftirten H ü l s n e r gemeinschaftlich den Mord in Polna verübt zu haben. Das antisemitische Blatt beklagt sich darüber, daß Kurzweil unbehelligt seinen Wohnort verlassen konnte. Tatsächlich befindet sich Kurzweil seit vierzehn Tagen nicht mehr in Polna. Derselbe hat sich jedoch vor seiner Abreise bei dem Untersuchungsrichter in K u t t e n b e r g, welcher mit der Untersuchung in der Affaire H ü l s n e r betraut ist, freiwillig gemeldet. Kurzweil erklärte bei Gericht, daß er sich angesichts der fortwährend gegen ihn betriebenen Hetzereien in Goltsch-Jenikau nicht mehr sicher fühle und den Ort aus diesem Grunde zu verlassen wünsche, weshalb er bei der zuständigen Behörde anfrage, ob ein Hinderniß vorliege und gegen ihn ein gerichtliches Verfahren im Zuge sei. Da nun seinerzeit schon nach der zuerst erhobenen Beschuldigung das Alibi Kurzweil's eclatant nachgewiesen wurde, indem derselbe am Tage des Mädchenmordes sich in Goltsch-Jenikau befand und, wie auch durch das Zeugniß des dortigen Cultusvorstehers erhärtet wurde, in der Synagoge vorgebetet hatte, so nahm der Untersuchungsrichter keinen Anstand, Kurzweil die Abreise mit der Motivirvng zu gestatten, daß kein Grund vorliege, gegen denselben ein Verfahren einzuleiten. Die Antisemiten im Grazer Gemeinderath. Graz. Im Grazer Gemeinderathe hat es am 27. Juü einen großen Spectakel gegeben. Urheber desselben waren die beiden Radau-Antisemiten Feichtinger und Wilfinger, welche sich in Graz als die christlich-socialen Retter des Kleingewerbes aufspielen. Der Grazec Gemeinderath ist nicht stolz auf diese seine beiden Mitglieder. Feichtinger wurde im Juli 1896 wegen Veruntreuu n g und Crid a zu einem Monat Kerker, Wilfinger wegen Crida zu einer Woche Arrests verurtheilt. Daß sie trotzdem noch immer die Vertreter der christlich-socialen Partei in Graz sind, ist in den Traditionen dieser Partei begründet. Bor Gericht waren die beiden Herren sehr kleinlaut; seit sie wieder im Grazer Gemeinderath „wirken", sind sie unverschämter denn je geworden, und derselbe Herr Feichtinger, dem gerichtsordnungsmäßig nachgewiesen wurde, daß er sich von einem Juden bestechen ließ, läßt leine Gelegenheit vorübergehen, ohne die wüstesten Beschimpfungen gegen die Juden vom Stapel zu lassen. Seine Wiener Parteigenossen Schneider und G r e g o r i g scheinen ihn bei seiner öffentlichen Jnscenirung im Grazer Gemeinderathe vorbildlich zu sein. Die Ursache des Krawalls waren — fünf Centimet er. Ein Hausbesitzer Namens Maro sch hatte um die Bewilligung zur Aufstellung eines Portals, angesucht, der Berichterstatter der betreffenden Gemeinderathssection beantragte, dem Ansuchen zu willfahren und die Aufstellung des Portals mit einer Ausladung von 30 Centimetern zu bewilligen. Gemeinderath Feichtinger aber erklärte, da in dem Hause der Jude Brunner sein Geschäftslocal aufgeschlagen habe, seien höchstens 25Centimeter zu bewilligen. Wilfinger theilte natürlich die Ansicht seines geehrten Vorredners und Gesinnungsgenossen und dann spielten sich folgende Scenen ab: Es wird abgestimmt. Feichtinger und Wilfinger schreien und stoßen beleidigende Rufe gegen die Mehrheit aus. Gemeinderath C l e ß: Hier handelt es sich um ein Portal und nicht um einen Juden. Wilfinger und Feichtinger: Ueber einen Juden werden Sie ab stimmen! Wir werden sehen, wer für den Iuden stimmt! Feichtinger erhebt sich, um zu sehen, wer dafür stimmt. Wilfinger: I schreib' so Alle auf! (Heiterkeit.) Der Bürgermeister verkündet hierauf das Abstimmungsresultat :' Der Antrag ist mit vierzehn Stimmen angenommen. Daraufhin erheben Feichtinger und Wilfinger einen unbeschreiblichen Lärm, der den Gemeinderath Dr. Neckermann zu dem Zwischenrufe veranlaßt: Ist der Bürgermeister Vorsitzender oder Herr Feichtinger? Der Bürgermeister nimmt nunmehr eine Auszählung des Gemeinderathes vor. Es sind 28 Gemeinderäthe anwesend, von welchen vierzehn für den Sectionsantrag gestimmt haben. Bei einer neuerlichen Abstimmung erheben sich abermals vierzehn Hände für den Sectionsantrag. Der Bürgermeister verkündet nun, daß der Antrag neuerlich an die Section zurückgehe. Feichtinger und Wilfinger springen erregt auf und schreien: Bei uns gibt's das nicht, bei uns geht ein Antrag nie an die Section zurück! Wilfinger: Wir werden die Geschichte schon machen! Endlich wird's auch der Majorität zu dumm. Man hört Rufe: „Da hört sich schon Alles auf! Fabelhaft!" Gemeinderath Cleß: Wie komme ich dazu, daß ich das Geschwefel anhören muß? Darauf Feichtinger: Wenigstens sind die Juden gefallen! Gemeinderath Thurnwald:Aber jüdischesGeld nehmen . . .! Der Bürgermeister ertheilt den Herren Feichtinger und Wilfinger den Ordnungsruf und bemerkt hiezu: „Uebrigens weiß ich, daß die Herren Feichtinger und Wilfinger sich nichts aus einem Ordnungsrufe machen, weil sie nicht wissen, wie sie sich zu benehmen haben!" Nach dieser verdienten Züchtigung entsteht ein Lärm, der alles Frühere übertrifft. Feichtinger und Wilfinger springen von ihren Sitzen auf, schlagen mit den Fäusten auf die Pulte und schreien unverständliche Insulten in den Saal hinein. Da es nicht gelingt, die Ruhe herzustellen, unterbricht der Bürgermeister die Sitzung und verläßt seinen Platz. Damit war der Spectakel zu Ende. Komotau. Ani 22. v. M. wurden am hiesigen Gymnasium die Maturitätsprüfungen beendet. Zum letztenmale nahm bei dieser Gelegenheit der S e n i o r des Komotauer Gymnasiallehrköcpers an der Professorenconferenz theil. Herr Rabbiner Israel Weis schied mit dieser letzten Amtsthätigkeit vom Felde seines langjährigen, segensreichen Wirkens. Sechzig Jahre war der Jubilar als Lehrer, mehr als fü'ifundvierzig Jahre als Gymnasialreligionslehrer thätig. Die letzten Schüler des Jubilars, die Gymnasiasten vom Jahre 1898—1899, ergriffen nun die Gelegenheit, ihrem geliebten und verehrten Lehrer eine wohlverdiente Ovation zu bereiten. Eine Deputation der Komotauer jüdischen Gymnasiasten, bestehend aus Abiturienten und Schülern der obersten Classen fuhr nach Eidlitz, um Herrn Rabbiner Weis einen silbernen Ehrenbecher zu überbringen. Stud. Ernst Neubauer überreichte diesen, nachoem Stud. Fleischer eine Ansprach: an den Jubilar gehalten, in der er die Verdienste des Rabbiners hervorhob und die Dankbarkeit der Gymnasiasten zum Ausdruck brachte. Der Achzigjährige antwortete in einer schwungvollen Rede. Trebitsch. Vorige Woche hielt ich mich einige Tage in unserer durch die Wasserkatastrophe vom 11. Juli schwergeprüften Nachbargemeinde Groß-Meseritsch auf, um die Verwüstungen zu überblicken, die das entfesselte Element daselbst angerichtet hat. Am Sabbath Nach'mu besuchte ich den Mussaph-Gottesdienst in der dortigen schönen Synagoge und war Zuhörer einer sehr gehaltvollen und zeitgemäßen Predigt des Herrn Rabbiners Doctor Weiner, die auf mich und alle Andächtigen einen nachhaltigen und unverwischbaren Eindruck gemacht hat. Anknüpfend an den Vers des Propheten Jeremias (Cap. 9, 11): „Weshalb ist das Land zu Grunde gerichtet worden, verödet wie eine Wüste, leer von Wanderern", besprach er die argen Zerstörungen, die die Wasserfluthen in der Judengasse zu Groß-Meseritsch verursacht haben, wies auf. die Allmacht Gottes und die Ohnmacht des Menschen hin angesichts der furchtbaren Gewalt der entfesselten Elemente und machte gleichzeitig auf die Gnade Gottes aufnkerksam, die sich selbst bei diesem schweren Unglücksfalle offenbarte. Wie uns Gott der Herr nach der Behmrptung unserer alten Lehrer, sagte er, seine väterliche Huld damit an den Tag legte, daß er uns zwei Jahre vor der früher festgesetzten Zeit aus dem Lande unserer Väter verbannte, indem er uns anstatt voller 852 Jahre (wie der Zahlenwerth des Wortes nrwin V., 4, 25 ausmacht), blos 850 Jahre darin wohnen ließ, um nicht an uns die furchtbare Androhung ma rn«n narr 'a, die unsere gänzliche Vernichtung ins Auge faßt, in Erfüllung gehen lassen zu müssen, so hat Er in den Höhen auch dadurch den Groß- Meseritschern selbst im Unglück seine schützende Hand gezeigt, daß er die Gewässer nicht um eine oder zwei Stunden später in der Nacht sich ergießen ließ; denn, wäre dies geschehen, dann hätten sie nicht nur den Verlust von Vermögen, sondern auch den Verlust von vielen Menschenleben zu beklagen gehabt. Am Ende seiner gediegenen Rede hob er seine Hände im Gebete zu Gott