Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 670 Dr. Blocht Wochenschcifk. Nr. 31 Prinripienkreue und Wahrheitsliebe der Ankisenliken. Es ist gerade ein Jahr, seit Kaiser Nicolaus II. von Rußland an den Oberprocurator den heiligen Synod, den allzugut bekannten Pobedonoßzeiv, bei Gelegenheit von dessen fünfzigjährigem Jubiläum als Staatsbeamten ein Dank- und Belobungsschreiben richtete, wie es wohl Kaiser Wilhelm I. nicht dankbarer und wärmer an den Fürsten Bismarck hätte richten können. Was die Verdienste des Reichskanzlers um Deutschland und Preußen waren, das ist auf den Blättern der Geschichte der letzten dreißig Jahre deutlich zu lesen, die Verdienste des Oberprocurators sind in Europa, und wir glauben auch in Rußland, etwas weniger bekannt, und wir müssen uns in Bezug auf sie auf das verlassen, was das kaiserliche Dankschreiben von ihnen sagt. Da scheint es nun freilich, als ob Alles, was Gutes und Heilsames für das Czarenreich geschehen sei, der Anregung und Thätigkeit Pobedonoßzews vorzüglich zu verdanken sei. Besonders hervorgehoben wird in dem Schreiben seine Fürsorge um die Vermehrung der Schulen und Verbreitung der kirchlichen Aufklärung unter dem Volke. Dies ist umso auffallender, als Pobedonoßzew in seinen vor Kurzem erschienenen gesammelten Aufsätzen sich als großer Gegner der Volksschulen äußert, den allgemeinen Schulunterricht und den Schulzwang verdammt, ein bischen Lesen, Schreiben und Rechnen als das höchste Maß der dem Volke zu gewährenden Bildung bezeichnet und jeden Versuch, die Volks Massen zu c'vilisiren, für schädlich erklärt. Sollte der Herr Oberprocurator mit seiner Fürsorge um die Schulen seinem Monarchen nicht einige Potemkin'sche Dörfer vorgemalt haben? Es scheint uns überhaupt, daß er sich aus diese specielle Malkunst sehr gut versteht. Es ist bekannt, mit welcher Härte und Jntollranz die Katholiken in Polen und Lithauen, die Protestanten in den baltischen Provinzen behandelt werden. Und gar erst die Juden! Zu Zehntausenden wurden sie aus ihren Wohnsitzen vertrieben, um Hab und Gut gebracht; auf dem endlosen Wege des Exils sind gar viele zu Grunde gegangen, verhungert oder erfroren, während Tausende in der Fremde Noth und Mangel leiden. Und die Hauptschuld an diesem unermeßlichen Elend trifft Pobedonoßzew! Was sagt aber der Torquemada des neunzehnten Jahrhunderts in seinen Schriften? „Auf einen Punkt darf die Rezierungsgewalt ihre Hand nicht legen, das ist die Domäne, in der jeder Gläubige im Einzelnen und Alle zusammen das Princip ihres geistigen Lebens, das sie mit der Ewigkeit verbindende Band erblicken. Es gibt Tiefen, bis zu welchen die politische Gewalt nicht vorzudringen wagen kann oder darf, ohne die Quelle des religiösen Lebens in jeden! Einzelnen zu verunreinigen". Das ist die Farbe der Toleranz und Gewissensfreiheit, mit der die nach Europa gekehrte Seite der Potemkin'schen Dörfer angestrichen wird! Ueberhaupt hat Alles, was in Rußland geschieht, eine europäische und eine asiatische Seite. Für Europa Friedeuscongreffe und Einstellung der Rüstungen, für Asien Bewilligung von weiteren dreizehn Millionen Rubeln für die Befestigung von Wladiwostok außer d n ungezählten Millionen, welche für das nicht weit davon entfernte Port Arthur verwendet werden. Für Europa pompöse Ankündigung der beabsichtigten Aufhebung der Deportation nach Sibirien als Maßregel der Humanität, für Asien die Erklärung, daß durch die große Bahn nach Sibirien die Verbannung ihren Charakter als Strafe verloren habe. Die Verfolgung der russischen Sectirer, der sogenannten Altgläubigen, und Anderer hat freilich schon lange vor Pobedonoßzew begonnen, dauert aber ungemildert fort, und diesen beinahe zwanzig Millionen echter Russen kann man nicht einmal vorwerfen, daß sie Semiten sind oder daß sie das Volk ausbeuten. Zu diesen „Ungläubigen" gehören auch die Molokanen, eine unschuldige, rein evangelische Secte, die zu den am härtesten Verfolgten gehört und denen oft die Kinder entrissen werden, um sie zu „Rechtgläubigen" zu machen, wie man unter Kaiser Nicolaus den Juden die Kinder entriß, um sie zu Soldaten und Christen — ich weiß nicht, welches man für gottgefälliger hielt — zu machen. -HW % Der Kinder beraubt! Auch die verwitwete russische Kaiserin beklagt den Verlust eines Sohnes, des in der Blüthe seiner Jahre verstorbenen Großfürsten-Thronfolgers Gregor Alexandrowitsch. Ec starb einsam auf offener Straße, kein Adjutant, kein Arzt, kein Dinier war um ihn; er starb in den' Armen der Bäuerin Anna Dastajew, die zur Secte der Molokanen gehört. Wer weiß, vielleicht ist sie eine von jenen Frauen, denen man die Kinder geraubt hat! Ein Lied von den „Zwei Müttern" wäre ein würdiger Stoff für einen großen Dichter. Aber es werden gar viele Mütter in Rußland in diesem Jahre trauern, denn wieder ist Hungersnoth in das Riesenreich eingezogen. Sie erstreckt sich auf ein Gebiet, das von mehr denn zwanzig Millionen Menschen bewohnt wird. Braucht man zu deren Ernährung nur zehn Kopeken (zwölf Kreuzer) täglich per Kopf, so macht das eine Ausgabe von sechzig Millionen monatlich. Woher die nehmen? Oh, dafür ist schon gesorgt — wurde doch die Steuer ans ausländische Geschäftsreisende, besonders auf jüdische, um einige Hundert Rubel per Kopf erhöht. Vielleicht bedauert man jetzt, daß man so viele Juden vertrieben hat, denen man ja eine besondere Steuer hätte auflegen können. Wie das russische Reich zwei Gesichter, so haben auch unsere clericalen Politiker zwei Principien, die aber beide nur dem einen Zweck: der Befriedigung ihrer Herrschsucht und Intoleranz dienen sollen. Hört man die Führer der Christlich- Socialen in Wien, so sind sie die stärksten und treuesten Stützen von Thron und Altar, die beste Schutzwehr gegen die „Hochverräther", die Deutschnationalen und die noch schlimmeren Socialdemokralen, welche von ihnen in ihrer pöbelhaften Sprache L . . . buben genannt werden. Was, einen „Kornblumenblauen", einen von den „Soci" anstellen oder befördern? — Das wird nicht geschehen, so lange „der Dr. Karl Lueger" in Wien etwas zu sagen hat. Und das Eindringen der Socialdemokraten in Gemeinderath und Landtag können nur die frommen patriotischen Clericalen und Christlich-Socialen verhindern. Das kann man keck dem Wiener Spießbürger und „kleinen Mann", der keine auswärtigen Zeitungen liest, verkünden. Das kann man in allen öffentlichen Verfaul ml ung-n der Christlich- Socialen, in allen ihren Vereinen aus dem Munde ihrer Führer nlit Anmaßung und Zudringlichkeit versichern hören. Damit macht man sich nach „oben" beliebt und kann zu einem einträglichen Landtagsmandat auch noch einen Orden oder eine Auszeichnung ergattern. Und dasselbe konnte man bis jetzt auch in Deutschland aus dem Munde ihrer Gesinnungsgenossen, der Clericalen, der sogenannten Centrumspartei, hören.' Auch^ sie gaben sich für die eminent staatserhaltende und conservative Partei, für die treuesten Kämpfer für die Monarchie, für die eifrigsten Beschützer der Religion gegen die gottlosen Socialdemokraten aus, und viele katholische Geistliche gehören zu ihren besten Führern und eifrigsten Agitatoren. Seit ungefähr zwei, drei Wochen sind diese Leute ganz kleinlaut geworden, fast ganz verstummt. Was hat ihnen denn auf einmal die Rede verschlagen? Oh, nur eine Kleinigkeit. Mitte Juli fanden in Bayern die Wahlen zum Landtag statt, und da haben die Clericalen sich mit den Socialdemokraten verbunden. In treuer Freundschaft, dem geschlossenen Bündnisse treu, kämpften Ctericale und Atheisten, Thronstützen und Umstürzler, Schwarze und Rothe gegen die Liberalen. Und mit „vereinten Kräften" haben sie gesiegt. Mehrere Clericale sind nur mit Hllfe der Socialdemokraten gewählt worden, sechs Sitze im Landtage haben diese, Dank der Unterstützung bcr Clericalen, gewonnen. Und das geschah in den Tagen, da die Lueger und Strobach bei der Polizei Schutz vor den Socialdemokraten suchen mußten. Aber, wer weiß, was noch geschehen kann. Es kracht ja in allen Fugen im Bau dir Wiener Antisemiten und sie suchen auf allen Seiten nach Stützen. Es soll mich nicht wundern, wenn sie, das Beispiel ihrer bayrischen Gesinnungsgenossen nachahmend, die Socialdemokraten zu Hilfe rufen würden. Ob diese, sowie ihre Genossen in Bayern, dem Rufe folgen werden, ist eine andere Frage. Vorläufig scheinen die Trauben noch sehr sauer zu sein. Die Antisemitenführer geberden sich noch sehr „staatserhalteud" und schimpfen auf die „Soci". Freilich, eines haben unsere Antisemiten vor den deutschen Clericalen voraus und das verleiht ihnen große Stärke. „A-t-on bien assez remarque ee que peuvent ces deux-forces — unc rare ignorance et un grand contentement de soi?“ sagt der clericale französische Schriftsteller Brunetiere, und der muß doch seine Leute kennen. Ja, Menschenkenntniß ist eine sehr gute Sache, nützlich nicht blos dem, der sie besitzt, sondern vielleicht noch mehr dem Objecte derselben, und verkannt zu werden ist manchmal sehr traurig und gefährlich. Das hat zu seinem Schaden der arme französische Arbeiter Rousseau erfahren, der arg mißhandelt wurde, weil man ihn für einen Juden hielt. Aber verdient hat er die