Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 567 Allen jüdischen Colonien in Palästina, jr dem ganzen Priacip der Fortsetzung der Colonisation wurde der Krieg erklärt, die Colouisationsgesellschaften wurden verfolgt und die Verfechter des Pciucips der org mischen Entwicklung im Zonismus offenen und geheimen Verfolgungen preisgegeben. Ein universelles, allein heilbringendes Mittel wurde im Zionismus proclamirt: die Wuudercur, „durch Abmachungen öffentlich-rechtlicher Garantien das jüdische Gemeinwesen in Palästina zu schaffen". Alle anderen Bestrebungen wurden zurückgedrängt und als unzweckmäßig verrufen. Auf Alle, die anderer Meinung waren, wurde das Anathema geschleudert. Große kostspielige Repräsentationsreisen und Empfänge, Audienzen u. dgl., wobei man nichtssagende Antworten und nichtsversprechende Zusagen erhält, wurden ad gaudium der urtheilslosen Menge inscenirt, und ein ganzer Troß von bezahlten Zeitungsschreibern verkündete der Welt das baldige Herannahen der Erlösung. Auch die neuen zionistischen Institutionen wurden als diplomatische Werkzeuge auserkoren. Der zweite Congreß wurde zur bloßen äußeren Manifestation herabgedrückt und jede sachliche Erörterung und Beschlußfassung hintertrieben, die jüdische Colonialbank wurde nicht zur Förderung der Colonisation Palästinas, sondern als Instrument für „die großen Abmachungen mit der Türkei und den Mächten" eingerichtet. Die schönsten Hoffnungen, die man an diese großen zionistischen Unternehmungen knüpfte, wurden zu Nichte gemacht. Die besten, altbewährten Zionisten haben sich entweder ganz zurückgezogen und schauen dem Treiben der „Politiker" abwartend zu, oder ihren Wirkungskreis auf das unter solchen Umständen Mögliche eingeschränkt. Doch ist diese Passivität der Sache schädlich. Das Abwarten, bis das falsche politische System durch seine eigene innere Haltlosigkeit und äußere Unerreichbarkeit von selbst in Nichts zerfallen wird, birgt in sich die große Gefahr, daß bei dem Umstande, als oft das System mit der Sache selbst verwechselt wird, der Zionismus selbst stark darunter leiden und verzögernden Rückschlägen ausgesetzt sein kann. Dies aber soll und muß vermieden werden! Es ist daher die Pflicht der Einsichtigen, eine solche laute Sprache zu sprechen, daß sie überall gehört und beherzigt werde. Mögen die bezahlten Schreier, die Urtheilslosen und Lakeien recht viel Verunglimpfungen und Verleumdungen ausstreuen — sie können Diejenigen, die einer guten Sache wegen kämpfen, sicherlich nicht treffen. Die Zionisten stehen jetzt vor dem dritten Congresse in Basel. Eine überwältigende Mehrheit der Delegirten auf demselben wird sicher, wie am zweiten Congresse, ausgesprochener Gegner des geheimthuerischen Diplomatisirens und der Verlegung des Schwerpunktes der zionistischen Bewegung in die Vorzimmer „der gekrönten Häupter" sein. Wenn sie nun auf der Höhe ihrer Aufgaben stehen und der gesunden organischen Richtung im Zionismus, die leider letzt künstlich niedergehalten wird, zum Siege verhelfen wollen, so ist ihre heiligste, unveräußerliche Pflicht, am Congresse ganz deutliche, keine wie immer geartete Verdunkelung zulassende Beschlüsse hervorzurufen und dieselben mit solchen Cautelen zu umgeben, daß sie auch wirklich ausgeführt werden. Die normale organische Entwicklung des Zionismus erheischt vom kommenden Congresse die Aufstellung nachstehender Postulate: 1. Unbedingtes Aufgeben des staatsmannsüchtigen Diplomatisirens und Ausübung politischer Einflußnahme nur insofern, als es gilt, Erleichterungen und Begünstigungen der jüdischen Colonisation Palästinas bei der türkischen Regierung und den türkischen Behörden zu erlangen. 2. Unbedingte und sofortige Fortsetzung der Colonisation Palästinas mit Juden und unzweideutiges Aufgeben jeder Feindseligkeit sowohl gegen die bestehenden, als auch gegen die zu gründenden Ansiedlungen in Palästina. 3. Regelung der „Jüdischen Colonialbank" in London, nach der Richtung, daß dieselbe die Gründung von Ackerbaucolonien und Industrien in Palästina sofort aufnimmt und alle praktischen Unternehmungen in Palästina, sowohl der Colonisationsgesellschaften als auch der Privatpersonen, fördert — unter vollständigem Aufgeben aller derzeit unerreichbaren Projekte. 4. Genaue Rechnungslegung über die Gebahr u n g m i t d e n S ch e k e l g e l d e r n und Aufstellung eines Budgets für das nächste Verwaltungsjahr, wobei dem Culturausschnsse ein bedeutender, den Aufgaben dieser Institution entsprechender Credit zu präliminiren ist. 5. Wahl solcher Männer in das Actioirscomitt-, die für die richtige und stricte Einhaltung der soeben erörterten Principien Bürgschaft leisten und nach Schließung des Congresses nicht Alles daran setzen werden, um die Ausführung der Congreßbeschlüsse zn hintertreiben. Dies sind die leitenden Grundsätze einer gesunden, entwicklungsfähigen, echt zionistischen Bewegung, dies sind die Heilmittel, welche die krankhaften Auswüchse im Zionismus zu beseitigen die Macht haben, das ist der gemeinsame Boden, auf dem alle Zionisten in ihren einheitlichen Bestrebungen sich begegnen können. Werden die B'rtreter am dritten Congresse den Muth haben, diese Postulate aufzustellen und ihnen Geltung zu verschaffen? Haben sie ihn und lassen sie sich von schönen Reden und großen Versprechungen nicht irreführen, dann ist der Z onismus vor unnöthigen Katastrophen und Rückschlägen gerettet, und viele Zionisten vor lahmlegenden Enttäuschungen geschützt. Haben sie ihn aber nicht, dann mögen die V 'rantwortung für die Stockungen im Zionismus Diejenigen tragen, welch: es zu hindern verstehen werden. Was aber auch kommen mag, es ist die Pflicht der Einsichtsvollen, im Kampfe um einen gesunden, entwicklungsfähigen organischen Zionismus auszuharreu. Und ist der Zionismus nicht eine Treibhauspflanze, sondern in der Tyat eine mit geschichtlicher Nothwendigkeit entstandene jüdische Volks- und Freiheitsbewegung, was für mich außer jedem Zweifel feststeht, so muß früher oder später Dasjenige, was für ihn am zweckmäßigsten ist und seine Entwicklung am meisten fördert, über das nur Aeußerliche und Inhaltslose den entschiedensten Sieg davontragen. Die Aufgabe aller wahren Zionisten ist es, Alles daran zu setzen, daß diese Entscheidung recht bald eintrete. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der. Z 14. — Die Christlich-Socialen und die Polizei. — Das unparteiische Zuchthaus. — Preßfreiheit für die Inden- Hetze. — Recht und Moral. — Die Auslegung eines Berdictes.) Der mächtigen Bewegung, welche der von den Christlich- Socialen versuchte Wahlrechtsraub angefacht, folgt eine noch intensivere, durch alle Kconländer gehende, infolge der Verhängung empfindlicher, gerade die ärmsten Bolksclaffen belastender Steuern auf Grund des § 14. Die Frage, ob die Anwendung dieser Befugniß, in außerordentlichen unaufschiebbaren Fällen ohne Parlament, solche Verordnungen zu erlassen, mit dem Geiste und dem Wortlaute der Verfassung übereinstimme, darf gar nicht untersucht werden; der factische Ausnahmszustand, den wir bereits hatten, als es sich darum handelte, Herrn Dr. Lueger und G mossen vor der Entrüstung des Volkes zu schützen, wurde noch verschärft, damit ja kein Tadel gegen die Regierung ausgesprochen werde. Die Versammlungen werden aufgelöst, die Zeitungen werden confiscirt. Die Wiener Christlich-Socialen, die sich mit der Regierung des Grafen Thun, so lange sie die Macht hat, verhalten wollen, weil die Sanction der neuen Wahlordnung in Frage steht, hätten sich am liebsten vor der jetzigen Volksbewegung aufs Land geflüchtet. Die Fortschrittspartei des Gemeinderathes hat aber Herrn Dr. Lueger gezwungen, Stellung zu nehmen, und so muß denn der antisemitische Gemeinderath, wenn er nicht das ohnehin bedenklich erschütterte Vertrauen der Wähler vollständig verlieren will, sich mit dem Mantel der Opposition gegen das Ministerium drapiren. Der von den Fortschrittlichen verlangten Kritik des Verhaltens der Polizei ist der Stadtrath scheu ausgewichen, und da muß daran erinnert werden, daß die Scenen, die sich vor dem Hotel de France ereigneten, bei welchen Abgeordnete thätlich insultirt wurden, von sämmtlichen Antisemitenblättern wie auf Commando einstimmig verschwiegen wurden. Auch über die Audienz derAbgeordneten Fournier und Wrabetz beim Grafen Thun wußten diese Blätter nichts zu melden, wie sie