Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 563 übersteigt 30.000 fl. Blos der Dachstuhl des Tenipels war versichert. Erst jetzt erinnert man sich daran, daß gelegentlich des letzten über Malaczka niedergegangenen Gewitters der Blitz in den Tempel schlug und zündete. Das Feuer glomm lange Zeit langsam fort, bis es gehörig Nahrung und Luft fand, worauf es intensiv zum Ausbruche kam und alle Löschversuche vereitelte, da auch großer Wassermangel herrschte. Hamburg. (V e r l o b u n g.) Fräulein Betty Leimdörfer, Tochter des Rabbiners Herrn Dr. D. Lei md ö r f e r, hat sich mit Herrn Samy H o l z m a n n, k. u. k. Reservelieutenant, verlobt. London. In dem hiesigen deutschen Krankenhause, wo der dritte Theil aller Patienten Juden sind, bestand bisher noch keine koschere Küche. Es werden jetzt die nöthigen Anstalten dazu getroffen und man wendet sich mit einem Aufrufe an die Oeffentlichkeit, um die Gelder hiefür aufzubringen. Die 20.000 Mark, deren man bedarf, werden unschwer aufgebracht werden und wird dann abermals ein Act religiöser Toleranz geschaffen. — Am 17. Juli eröffnete Charles Rothschild die neue Synagoge in Fieldgate Street, Whitechapel, mit großer Feierlichkeit. Der Oberrabbiner hielt die Festrede. Montreal. Bei den Prüfungen an der Universität Qnebeck haben zwei Juden. Brüder A. T. Josef und E. C. Josef zwei erste Preise davongetragen, der eine für Leistungen in moderner, der andere in elastischer Philologie. Beide Preisträger sind Söhne von Montefiore Josef, dem über die Grenzen Kanada's bekanuten Philantropen. Jerusalem. (Auszeichnung des Chefarztes des Rothschildspitals in Jerusalem.) Doctor d'A r b e l a hat vor einigen Wochen zu verschiedenen Decorationen. welche er besitzt, auch den von Sr. Majestät denk Sultan den Medischid-Orden III. Classe erhalten aus Auszeichnung für seine praktischen und Humanitären Leistungen auf dem Gebiete der medicinischen Heilkunde und Gesundheitspflege in Jerusalem. Dr. d'Arbela timt nicht allein seine Pflicht als Rvthschild'scher Spitalarzt gewissenhaft erfüllen, indem er außer der sorgsamen Pflege und Behandlung seiner Patienten im Spitale, den philanthropischen Jutentiouen seines Chefs gemäß, täglich Hunderte von armen Kranken sorgfältig untersucht und zumeist mit gutem Erfolg behandelt, sondern ec leistet unermüdlich auch außerhalb seiner Amtssphäre armen Leuten ohne Unterschied der Confeffion oder Nationalität Ausgezeichnetes, weshalb er sich auch in allen Kreisen allgemeiner Achtung erfreut. M. S. St. Petersburg. Der Unterrichtsminister hat in den Katechismus eine Aenderung der zehn Gebote eingeführt. Danach lautet jetzt das fünfte Gebot: Du schuldest Ehrfurcht und Gehorsam Deinem Vater und Deiner Mutter, sMie^dem-KMLL und seinen BecuutLM»-damit Du glücklich seiest und lang lebest mTt’Tfäf’lSrbe. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. Koh n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) „Kein Armer, fuhr Reb Joffes Singer zu reden fort, „sei es ein Gemeindemitglied oder ein Fremder, ein Jude oder ein Christ, der Eure Schwelle betritt, geht unbeschenkt von Euch. Auf die Gefahr hin eine frische Wunde Eures Herzens zu berühren, will ich nur einen Zug aus der jüngsten Vergangenheit hervorheben, der allein genügt, Euch alle Herzen zu gewinnen, die allgemeine Hochachtung zu erwerben. Ihr habt vor wenigen Tagen Euer einzig Kind verloren; von dessen Grabe heimgekehrt, selbst vom tiefsten Schmerze gebeugt, nahmt Ihr und Eure Frau ein armes verlassenen Weib mit ihrem Kinde auf. Das Weib war eine Sterbende, und Ihr erwiest ihr die höchste Wohlthat, die ein Mensch dem andern erweisen kann.'Ihr verspracht ihr, für ihr Kind zu sorgen, als wär's das Eurige, und Ihr haltet Wort. Ich bin sonst nicht neidisch, aber Reb Aron Brack, ich sage es Euch, um diese That beneide ich Euch. Der Segensspruch für Euch, der von den erkalteten Lippen, das Gebet, das aus dem beruhigten Herzen der Sterbenden zu den Weltherrn emporstieg, muß erhört werden! .... Und so still und ruhig Ihr fortlebt, seid Ihr doch da, wo es die Nothwendigkeit erheischt ein Mann der That und greift mit dem Aufgebote aller Eurer Kräfte ein. Ihr habt Euch schon einmal ein großes Verdienst um die Gemeinde erworben. Als vor drei Jahren, mitten in der Nacht, die dem Jom Kippur') folgte, währ-nd Alles matt und müde in tiefem Schlaf versunken war, eine Feuersbrunst in unserer Judenstadt ausbrach, da wart Ihr unser Retter. Ihr wart der Erste, der den Brand wahrnahm. Ihr rettetet zuerst mit Gefahr des eigenen Lebens eine alte Frau und ihr Enkelkind von sicherem Feuertode, dann brachtet ihr Ordnung in dem Haufen jammernder Menschen, die händeringend herumliefen und zu fassungslos waren, zu löschen. Ihr stelltet Euch an di Spitze, Ihr spracht den Verzweifelnden Muth zu, ermuntertet sie durch anfeuernde Worte, und mehr noch durch Euer Beispiel zu wohlthätiger Thätigkeit. die Männer, die bisher müßig zugesehen, mußten löschen, Weiber und Kinder, Wasser zur Brandstätte tragen .... Euch ist es zn danken, daß außer zwei Häusern, die dem verheerenden Elemente zum Opfer fielen, die Judenstadt verschont blieb. Schon damals ersah ich Euch zu meinem einstigen Nachfolger. Wär's eine Belohnung, Primas') unserer Gemeinde zu werden, so müßtet Ihr schon deßhalb gewählt werden, aber es ist dies ein dornenvolles Amt und wenn Jhr's übernehmt, bringt Ihr uns ein großes Opfer. Und Ihr seid auch ein Lamden'), Ihr habt in Nikolsburg unter zwei Landesrabbinern die Jeschiwo besucht. Ihr wißt, was einer Gemeinde noth thut, und Ihr seid nicht nur Lamden, Ihr seid auch in weltlichen Dingen wohlerfahren, Ihr habt schon in Eurer frühen Jugend, deutsch Lesen und Schreiben gelernt und habt Euch viele nützliche Kenntnisse erworben. Und sprachen es schon unsere alten Weisen aus: Jofo Thoro im dertzch erezy! so gilt die Wahrheit dieses guten Satzes iu unseren Zeiten noch weit mehr. Wenn der Nichtjude in unserer Zeit bei dem Juden allgemeine Bildung findet, so fühlt ec sich ihm näher gerückt und dadurch wird die weite, weite Kluft, welche ungerechte Gesetze und Unduldsamkeit zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen geschaffen, überbrückt, wenigstens verengt, — und — wenn ich's zuletzt anführe, so ist's doch bei Weitem nicht das Geringste, das man an Euch schätzen muß: Gott hat Euch die Gabe der Rede verliehen, Ihr versteht es ebenso zu dem Herzen der Menschen als zu ihrem Verstände zu sprechen, und deshalb habe ich auch vorhin gesagt, ich bin vollkommen überzeugt, Ihr werdet mit Gottes Hilfe bei den höhern Behörden bald ein Takif werden. Ich sag Euch, Reb Aron, Ihr müßt das Ehrenamt annehmen; wenn Jhr's zurückweist, versündigt Ihr Euch an Gott und Menschen!“ Die längere Rede des abtretenden Gemeindehauptes war von allen Anwesenden mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Sie waren fast durchgehends einfache, an dem Altgewohnten, Althergebrachten, dem Autoritätsglauben, auch außerhalb der religiösen Satzungen, hängende Menschen, die zu denkfaul und denkschwach waren, sich unabhängig eine eigene Anschauung zu bilden. Singer hatte eine ganz neue Ansicht aufgestellt, die namentlich bei den Minderbemittelten und Jüngeren also der überwiegenden Majorität, schon deshalb großen Beifall errang, weil hierdurch das bisherige oligarchische Prinzip durch ein demokratisches verdrängt wurde (sie kannten natürlich die von uns gewählten Worte nicht, nur die durch diese bezeichneten Begriffe) und es ertönte nun vielstimmig: „Reb Aron, Ihr müßt Roschhakohol werden, wir thun's nicht anders, wir wählen keinen Anderen, Ihr müßt, Ihr müßt!" „Wenn es der allgemeine Wille ist/ sprach Brack nach kurzem Bedenken, „so muß ich mich demselben unterwerfen. Ich hoffe, Reb Jossef, Ihr werdet mir, wenn ich Eures weisen Rathes bedarf, diesen nicht verweigern/ „Gewiß nicht, aber Ihr seid der Klügere, Ihr werdet desselben nicht bedürfen!" ') Versöhmmgstag, an welchem die Juden vierundzwanzig Stunden, von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang weder Speis' noch Trank genießen und den ganzen Tag in Gebet in der Synagoge verleben. 2) Primator, Vorsteher. 3) Talmudkundiger, Schriftgelehrter. 4) Schön ist es, wenn sich die Kenntniß der Gotteslehre mit jener weltlicher Dinge verbindet. Sprüche der Väter. Abschn. 2. Mischna 2.