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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 556 Dr. Bloch's Wochenschrift- Nr. 30 Die „weiße Nelke" ist nicht bloß des Abzeichen des speciell von den Juden so sehr geknechteten Volkes, sondern auch der Titel eines christlich-socialen Arbeitervereines, der kürzlich eine Festversammlung hielt. Da roch es nicht nach Tarnopoler Moral, sondern selbstverständlich nach der Moral der weißen Nelke. Und nachdem in glänzenden Reden die Gefährlichkeit der Semiten namentlich kür das Eigenthum beleuchtet worden war, verließen die Mitglieder der „weißen Nelke" den Festsaal, und auch die beiden Kellner wollten nach Hause gehen. Als diese aber die Fracks ablegen und ihre Röcke anziehen wollten, da machten sie eine betrübsame Entdeckung. Ihre Röcke waren verschwunden, und zwar aus einem Zimmer in welches man nur vom Festsaale aus gelangen konnte, von demselben Festsaale, in welchem soeben die „weiße Nelke" versammelt war. War das auch Tarnopoler Moral? Und wenn aus St. Pölten gemeldet wird, daß ein dortiger als eifriger Agitator der christlich-socialen Partei bekannter Fleischhauer verurtheilt wurde, weil er seinen Kunden gesundheitsgefährliches, mit Tuberkeln behaftetes Fleisch verkauft hat, ist das auch Tarnopol? Aus Drosendorf ist der Bürgermeister durchgegangen, nachdem er Gelder unterschlagen hat. Ist das Tarnopoler oder Mühldorfer Moral? Der Mann hat einen Brief hinterlafsen, des Inhaltes, daß er sich das Leben nehmen werde; das ist kindisch, sentimental und unpraktisch. Wäre er doch nach Wien gekommen und hätte ein antisemitisches Blatt gegründet; da hätte er ruhig abwarten können, bis die Defraudation verjährt ist, und vielleicht hätte auch ihm die christlich-sociale Partei alsdann durch eine Deputation ihre Hochachtung ausgesprochen! Damit soll nichts Anderes gesagt werden, als daß das Spitzbubenthum kein Tarnopoler Culturproduct ist. Die christlichsociale Partei verfügt in ihren Reihen über so viele notorische Gauner, daß es unvorsichtig ist vom „Deutschen Volksblatt", das Verschulden einzelner Juden, die sich gegen das Strafgesetz vergehen, zu Ungunsten aller Juden zu generalisiren. Ob die „sieben angeklagten Juden" Betrüger sind oder nicht, das werden die gesetzlich berufenen Richter feststellen und hat für die übrigen Juden als solche keinerlei Interesse. Was aber alle Juden angeht und was als eine Infamie gebrandmarkt werden muß, ist die tendentiöse Ausbentunng eines Protestes zu Zwecken der Judenhetze. Das Judenthum an sichals einen Berdachtsgrund zu construiren, das ist die offenkundige Absicht Derjenigen, welche die Tarnopoler Moral so gut riechen, aber für die Mühldorfer Moral den Schnupfen haben. * * * „Christenmädchen in Judenhänden" — welche schreckliche, beunruhigende Erscheinung. Das Organ des Herrn P u r s ch t und des Herrn Gregorig zittert für die Keuschheit und Jungfräulichkeit der von „lüsternen Juden" bedrohten Mädchen Wiens. In dem Bestreben, das Volk zu knechten, haben es die Juden offenbar auf hübsche junge Mädchen abgesehen; die knechten sie am liebsten. Sittliche Verirrungen kommen zwar auch in nichtjüdischen Bevölkerungsschichten vor, aber die jüdischen Don Juans sind die gefährlichsten, wir die Berichte des Purscht- Organs über einige Attentate dies darrhun. Der Schauplatz eines dieser Attentate war sogar ein öffentliches Amt, aus welchem ein unschuldiges Dienstmädchen sich weinend entfernte, nachdem ein jüdischer Diurnist es geknechtet hatte. Die Details des Falles interessiren uns selb ^verständlich nicht. Wenn es wahr ist, daß ein Diurnist in einem Amte sich einer unsittlichen Handlung schuldig machte, so finden wir es nur bedauerlich, daß man sich damit begnügte, ihn davonzujagen, anstatt ihn der verdienten gerichtlichen Abstrafung zuzuführen. Interessant ist aber eine Richtigstellung, die das „Deutsche Volksblatt" hinsichtlich des Schauplatzes dieses Attentates bringt. Der Vorfall spielte sich weder im städtischen Steueramte noch in einer Abtheilung des magistrattschen Bezirksamtes ab, sondern in der Steueradministration des IV. Bezirkes, und das „Deutsche Volksblatt" sagt: „Wir stellen das umso lieber richtig, als dadurch jeder Anlaß zu dem Glauben, als ob im städtischenDienste auch Juden beschäftigt würden, wegfällt". Die Möglichkeit, daß in den Diensten der Stadt Wien auch ein Jude beschäftigt werden könnte, wäre also ein unberechtigter Argwohn, durch welchen sich die christlich-sociale Gemeindeverwaltung gekränkt erachten könnte. Purscht und Lehoser, Vergani und Dittrich geniren sie nicht; aber daß sie einen jüdischen Beamten anstellen könnte, darf man ihr ja nicht zumuthen, denn das hieße, dieselben Juden als gleichberechtigt anerkennen, von welchen die christliche Bevölkerung nach dem Ausspruche Dr. Lueger's geknechtet wird. Robert Wolf. Wie die Alten sungen .... Der Jassyer „Evenimentul" vom 13. d. M. meldet folgenden Fall schülerhafter Roheit, der ein betrübender Ausfluß des in der Moldau gehegten und gepflegten Antisemitismus ist: Gestern Abends kani es im Garten der Primaria zwischen 30 rumänischen und einigen jüdischen Schülern des nationalen Lyceums zu einer argen Prügelei. Die Veranlassung dazu gab der Umstand, daß die rumänischen Schüler nicht begreifen konnten, wie ein Jude prämiirt werden kann. Daß dieser empörende Kampf, in welchem die jüdischen Gymnasiasten infolge ihrer Minderzahl unterlagen, nicht noch weitere Dimensionen annahm, ist lediglich dem rechtzeitigen Einschreiten zweier Stadtsergeanten zu danken. Der „Belostoker Arbeiter". Eine neue Ausgabe des „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes" in Rußland und Polen liegt uns vor, nähmlich der „Belostoker Arbeiter". Belostok gehört zu den Städten Rußlands, die an der Spitze der Arbeiterbewegung marschieren. Trotz aller unglaublichsten Verfolgungen von seiten der Regierung und der koalierten Fabrikanten und Meister haben die Arbeiter Belostoks nicht aufgehört zu kämpfen. Sie haben sich sogar ein örtliches Organ geschaffen, wo nicht nur allgemeine, sondern auch rein örtliche Fragen behandelt werden. Der Inhalt dieses 56 Seiten starken Heftchens ist recht gut zusammengestellt. Durch die ersten drei Artikel („Was wollen wir", „Die socialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands" und die Arbeiterbewegung in Belostok") geht die Grundidee hindurch, daß die Arbeiter nur durch politischen und wirthschaftlichen Kampf, und zwar durch planmäßigen Kampf, ihre Lage verbessern können, daß man politische Rechte erobern muß, um den ökonomischen Kampf leichter führen zu können, und daß endlich die vielgerühmte Einheit des jüdischen Volkes nichts als ein Märchen sei, durch welches die jüdischen Capitalisttn das erwachende Bewußtsein des jüdischen Proletariats einschläfern möchten. Der zweite Artikel: Die socialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands" sucht zu beweisen,' daß nur der Socialismus die Arbeiter vom capitalistischen Joch befreien kann, und erklärt, welche wichtige Rolle für die russische Arbeiterbewegung die Bildung des „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes" und besonders „der Socialdemokratifchen Arbeiterpartei Rußlands" spielt. Im dritten Artikel finden wir eine eingehende Schilderung der Belostoker Arbeiterbewegung in den letzten 4—5 Jahren. Es wird auf den gewaltigen Unterschied der früheren Ausstände und derjenigen von den letzten Jahren hingewiesen; in früheren Zeiten nur wüste Ausbrüche einer verzweifelten Masse, in ben letzten Jahren planmäßig organisirte Streiks mit bestimmten Forderungen. Was die positiven Erfolge anlangt, die durch die Bewegung der letzten Jahre erzielt wurden, so sind sie schon j°tzt ganz bedeutend. Die Arbeitszeit ist fast in allen Berufen von 15—16 Stunden auf 12 Stunden täglich gesunken; der Lohn ist überall gestiegen, bei den Webern, z. B. von 3—4 Rubel auf 6—7 Rubel pro Woche. Die weiteren zwei Artikel enthalten eine Chronik der Arbeiterbewegung in Belostok und den benachbarten Orten während der letzten Monate. Alle Streiks, alle Verhaftungen, Ausweisungen, Demonstrationen, Urtheile, kurz alles, was in irgend welcher Beziehung zur Arbeiterbewegung steht, wird hier verzeichnet. Das Feuilleton dieser Zeitschrift („Chaim, der Weber") gibt ein interessantes Psychologisches Bild aus dem Leben eines Juden, der eine orthodox-talmudistische Erziehung bekommen hat und infolge seiner schwierigen materiellen Verhältnisse ein Weber geworden ist. Wie der Mann anfangs an die Vollkommenheit der göttlichen Weltordnung, an die Einheit des ganzen jüdischen Volkes und besonders an die Schädlichkeit aller gegen die Copitalisten und Regierung gerichteten Bestrebungen glaubt und wie er allmählich zu der anderen Ansicht kommt, daß die jüdischen Capitalisten ihre jüdischen Arbeiter gar nicht als Brüder behandeln, daß die Hetzer und Wühler und die von ihnen verbreiteten Schriften gar nicht unrecht haben, und wie er endlich offen auf die Seite der kämpfenden Arbeiter sich stellt, zu ihrem Ratgeber wird und nach einiger Zeit schon als bejahrter Mann verhaftet wird, alles dies wird mit größem Talente geschildert und macht einen tiefen Eindruck auf den Leser. Homo. Eine Frau als Doctor der Philosophie honoris can8a Der Schwäbische Merkur schreibt: Auch die Universitäteu schreiten voran. Weibliche Doctoren der Philpsophie, Rechtswissenschaft und Medicin gibt es schon ziemlich viele. Aber honoris causa ist der Titel noch nicht oft verliehen worden. Unseres Wissens ist es überhaupt der erste Fall. Unter dem Rectorate

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