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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 30 Dr. B^och's Wochenschrift. Seite 555 manen Gedankens. Und mag er noch so klein sein. Er findet sich stets, er kehrt immer wieder zurück. Wer erklärt nur das Räthsel. Trotz dieser ausnahmslosen humanen Tendenz treten uns oft unversehens grelle Blitze, bittere Aussprüche entgegen. Aussprüche, deren Kummer wir mit dem friedsamen Gruße des ganzen Inhaltes gar nicht zusammenreimen können. Allein dies selbst ist des Räthsels Lösung. Wenn das sanfte Lamm laut klagt, so beweist dies nicht seine, sondern seiner Angreifer Grausamkeit. Eben diese Fremdlinge in der jüdischen Traditon beweisen, daß die Duldung in derselben heimisch ist. Sie sind nicht Haß — sondern gramerfüllt. Darum wäre es nur Selbstverkennung, solche Sätze mühselig zu feilen und zu glätten, um ihnen ihre Ranhheit zu benehmen. Im Gegentheil müßte es lauten: Sehet, was die Unmenschlichkeit aus Israel gemacht. Diese Zornesausbrüche hat sie seiner Brust enipreßt. Zu denselben gehören jenes bekannte: Tov schebmizri harog') oder das Wlamalschinim: ..Und den Verleumdern o Herr, laß keine Hoffnung u. s. w. Will man dem Jndenthum einen Nutzen erweisen, so muß man diese schmerzlichen Klagen auf ihre Entstehungszeit hin prüfen. Dann wird die Anklage nicht nur schwinden, sondern unwillkürlich zu einer wirksamen Apologetik des Judenthums werden. Mit diesen 3 Gesichtspunkten ist die Apologetik des Jndenthnms noch lange nicht erschöpft. Aber wer diese kennt und kündet, der wird naturgemäß sein Leben zu einer wahrhaften Apologetik des Judenthums gestalten. Einst wird wohl auch das Judenthum seine erschöpfende Schutzschrift erhalten, derer es so sehr bedarf und würdig ist. So lange wir aber eine solche entbehren müssen, so lange bleibt das Leben des jüdischen Bürgers nach dem leuchtenden Muster seiner geheiligten Lehre dessen beste Apologetik. Kostet. Dr. S. Mandl, Rabbiner. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Prinz Liechtenstein und die Börse. — Die Derwaltnngsräthe der Zukunft. — Der Geruch der Weißen Nelke. — Tarnopol und Mühldorf. — Lüsterne Inden und geknechtete Mädchen.) In jener fernen Zeit, als die Raubritter ans ihren hochgelegenen Burgen auf die Heerstraßen hinabstiegen, um vorüberziehende Kaufleute zu plündern, war die Production und die Bertheilung der Güter, namentlich aber die Bertheilung, lange nicht so complicirt wie in dem Jahrhundert des Prinzen Alois Liechtenstein. Die Ahnen dieses Junkers sind bei der Vertheilung der „Güter" nicht schlecht davongekommen, und der halbgelehrte Prinz selbst befindet sich in der angenehmen Lage, die sociale Frage in der behaglichen Pose eines Mannes zu betrachten, der allen irdischen Sorgen entrückt ist. Umso thörichter ist es, wenn er über Dinge spricht, von denen er nichts versteht, uub er hatte es doch nicht nöthig, durch die Rede, die er in dem „praktisch-socialen Curs" hielt, seinen Dilettantismus in nationalökonomischen Fragen zu beweisen. Das heiterste Aufsehen hat wohl Prinz Alois an der Börse hervorgerufen; durch ihn erst haben die Coulissiers erfahren, welche große Rolle ihnen im wirthschaftlichen Getriebe zugedacht erscheint. Nicht die Rentabilität eines Unternehmens und nicht die Güte der Erzeugnisse entscheidet Herrn Alois Liechtenstein zufolge über den Werth der Objecte, sondern die schwankende, durch Vorspiegelung erzeugte Stimmung der Coulisse, welche mit den Actien spielt. „Das Gezeter schreiender Juden, welches aus dem Börsensaale in die Welt der Arbeit dringt, ist die Sphärenmusik, nach welcher Alles im Reigen tanzen muß". Prinz Alois, dieses Zeugniß wird man ihm nicht vorenthalten können, war niemals Couliffier und hat niemals an dem Achtelkampf der „schreienden Juden" theilgenommen. Wenn er aber bei denjenigen seiner reichen Glaubensgenossen, von denen es notorisch ist, daß sie Großaktionäre der Prager Eisenindustrie-Gesellschaft, der Alpinen Montangesellschaft, der Gesellschaft Siemens und Halske und anderer Unternehmungen sind, sich darnach erkundigen will, ob für sie wirklich die „durch Vorspiegelung erzeugte schwankende Stimmung der Coulisse" das Motiv ist, Actien zu kaufen oder zu verkaufen, so wird er sich ein Urtheil bilden können über den Grad von Ncuvetät, um nicht zu sagen von Albernheit, die er durch seine von gänzlicher Unkenntniß des Actienwesens und des Börseverkehrs strotzenden Auseinandersetzungen bekundet hat. Auf die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer aufgestellten These kommt es in christlich-socialen Versammlungen, auch wenn der Saal „wiffenschäftlich" decorirt ist, freilich nicht an; dem Prinzen Alois war es bei seiner Darstellung der modernen Formen des Wirthschaftslebens hauptsächlich um die schreienden Juden zu thun, und um den Nachweis, daß „die Juden den Wein in ihre Fässer füllen". Die Schuld an der Entwicklung der wirthschaftlichen Verhältnisse schreibt übrigens Prinz Alois auch der „Reception des römischen Rechtes" zu. Das römische Recht haben doch aber nicht die Juden recipirt! Man darf übrigens nicht glauben, daß der Bolksfürst von Hernals in seinem glühenden Eifer für die ökonomische Befreiung des von schreienden Juden ausgebeuteten Volkes bei der bloßen Kritik des von ihm erschauten Zusammenhanges der Dinge stehen geblieben ist. Er gibt uns vielmehr auch Positive Mittel zur Abhilfe an, und zwar „eine wirksame Controle der Functionen des Capitals durch Organe des unparteiischen Staates, sowie der gewerblichen, industriellen und landwirthschaftlichen Genossenschaften. Sind diese in denBerwaltungsräthenderGeldinstitutegehörig vertrete n, dannkönnenwirberuhigtin dieZukunft schauen." Auf diese einfache und naheliegende Lösung der schwierigsten ökonomischen Fragen durch die zweckmäßige Besetzung von Verwaltungsrathsstellen ist seit Adam Smith kein einziger aus der Reihe jener erleuchteten Geister gekommen, die sich bisher mit wirthschaftlichen Problemen beschäftigt haben. Prinz Alois Liechtenstein liefert uns auch hier, seinem Vorbilde Dr. Lueger folgend, ein Columbus-Ei. Es war aber auch schon die höchste Zeit, denn es gilt, wie Dr. Lueger in diesem „wissen-- schäftlichen" Conventikel sagte, den Kampf gegen die Vorherrschaft des Judenthums, damit das christliche Volk nicht noch ärger geknechtet werde, als es schon geknechtet war. Man kann die christlich-sociale Katze werfen wie man will, sie fällt immer über die Juden her, und heuchlerische verlogene Phrasen sind ihre Krallen. Es gehört ganz besonderer Muth dazu, sagte Dr. Lueger, sich zur christlichen Weltanschauung zu bekennen, im Gegensätze zu der anderen. Welche andere Weltanschauung meint da Herr Dr. Lueger und was versteht er unter Weltanschauung überhaupt? Wir fürchten, daß er bei seiner philosophischen Bildung in Verlegenheit käme, wenn er den Begriff „Weltanschauung" überhaupt definiren sollte. * * * In einem Saale, in welchem zahlreiche Menschen eng zusammengedrängt sitzen, duftet es gewöhnlich nicht nach „weißen Nelken", also auch im Schwurgerichtssaale nicht, in welchem derzeit „sieben angeklagte Juden" sich wegen Betruges zu verantworten haben. Nicht sieben Menschen, nicht sieben Kaufleute, Schwindler oder Betrüger, sondern sieben Juden. Das „Deutsche Volksblatt" wird nicht behaupten können, daß sich bisher irgend jemand dieser Leute aus dem Grunde angenommen hat, weil sie Juden sind. Sogar in jenen Blättern, welche von den Antisemiten als notorische Judenblätter bezeichnet werden, wird schon im Titel der Berichte gegen sie Stellung genommen. Man spricht von den Quaischwindlern, von den Concursschwindlern, von den Schlittenfahrern, obgleich erst das Urtheil der Geschworenen es festzustellen haben wird, ob die Angeklagten das Verbrechen des Betruges begangen haben. Die Antisemitenblätter haben selbstverständlich eine andere Auffassung; für sie sind die Angeklagten Juden, und die Entrüstung, welche die den Angeklagten zur Last gelegten Betrügereien hervorzurufen geeignet sind, soll auf alle Juden überhaupt abgelenkt werden. Nicht die Verbrecher sollen verabscheut werden, sondern die Juden. „Der Andrang von Seite des jüdischen Publicums", schreibt der Berichterstatter des „Deutschen Bolksblattes", welches diesem Processe ein gewisses Berständniß entgegenbringt, ist ein ziemlich starker. In dem Saale der nach Tarnopoler Moral förmlich riecht, herrscht eine tropische Temperatur und eine Ausdünstung, die eigenthümlich unangenehm auf die Geruchsorgane der wenigen arischen Anwesenden wirkte". Der Berichterstatter der „Deutschen Bolksblattes" hat gewiß auch schon einige Aufsehen erregenden Processe mitgemacht, bei denen der Schwurgerichtssaal von einer dichtgedrängten Zuhörermenge erfüllt war und bei welchen sich es sich um die Anklage gegen einen arischen Mörder handelte. Hat es da angenehme Ausdünstungen gegeben, oder hat es nach weißen Nelken geduftet? i) Vergl. Raschi, Exodus.

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