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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Date
1899-07-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 554 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 30 jüdische Patienten des jüdischen Krankenhauses in Anspruch genommen werden dürfen. Der Herr College, dessen Gabe der Vorstand des Krankenhauses nicht ablehnen zu sollen glaubte — daß die Annahme nur mit einer Stimme Mehrheit erfolgte, bestätigen Sie durch Ihr Schweigen — hat, wie ich selbst schon in Nr. 29 dieses Blattes ausgeführt, die Absicht gehabt, die Sie erläuternd ihm zuschreiben, und ich zweifle auch nicht, daß die Mehrheit des Krankenhausvorstandes mit Ihnen durch diese Absicht sich hat bestimmen lassen. Doch damit ist das schwere Bedenken nicht aus der Welt geschafft, das nothwendig entsteht, wenn die Absicht der Vorurtheilslosigkeit die Form schnödesten Vorurtheils annimmt und ein Werk selbstverständlicher Nächstenliebe als Zwangsleistung hingestellt wird. In dieser Form erblicke ich den Mangel an Takt, den ich beklagt habe, und den Sie sicher mit mir gern vermieden gesehen hätten. Ich habe auch die Zuversicht, daß Sie und der Spender, der seine freundliche Absicht in der besprochenen Weise so unzweckmäßig gestaltet hat, gemeinschaftlich den von mir bereits angedeuteten Ausweg finden werden, der das entstandene Aergerniß beseitigt und dem Entstehen weiteren Aergernisses vorbeugt. Hier kann nicht Eigensinn oder die Scheu vor dem Eingeständnis eines Fehlgriffs mitsprechen; hier kann es sich einzig um den für Jedermann erkennbaren Beweis dafür handeln, daß wirklich nur eine humane Absicht Bethätigung finden will. Es wird nicht angehen, auf der Meinung zu beharren, daß der in Rede stehende Anlaß so gering und nur von gewisser Seite absichtlich enstellt sei, wenn Sie auf diesem Wege erfahren, was Ihnen amtlich noch nicht zur Kenntniß gelangt ist: daß Herr Hugo Heilmann, der ein Liberaler, aber auch ein Jude ist, um jenes Anlasses willen aus dem Vorstande des Krankenhauses ausgeschieden ist, in dem er gleich Ihnen lange Jahre opferwillig und eifrig thätig gewesen. Gerade weil Herrn Heilmann das Amt, das er aufgibt, vom Herzen lieb gewesen, müssen Sie erkennen, daß nichts Kleines ihn zu dem schmerzlichen Schritt bestimmt hat. Diese Mittheilung mag für Sie ein Sporn mehr sein, die Angelegenheit auf einer Grundlage zu erledigen, die Ihnen zugleich ermöglicht, die fernere Mitarbeiterschaft eines geschätzten College» sich und dem Krankenhaus zu sichern. Daß Sie aus dem Vorstand des Krankenhauses nicht ausscheiden wollen, höre ich mit aufrichtigem Vergnügen. Daß Sie den Vorsitz in der Repräsentantenversammlung nicht niederzulegen denken, bleibt für mich eine dankenswerthe Mittheilung, wenn ich auch ihren Zusammenhang mit der Sache, die uns gegenwärtig beschäftigt, nicht zu erkennen vermag. Vielleicht benützen Sie den Besuch im Lager der Lappländer, die Meinung eines dortigen Liberalen einzuholen. Stimmt dieser Ihrem Collegen mit der fraglichen Spende nicht zu, so wird Ihr College sich von dem Feingefühl des Lappen nicht beschämen lassen; stimmt er Ihnen aber zu, so bin ich überzeugt, Sie werden dem läppischen Beifall aus dem Wege gehen wollen. Ich stimme mit Ihnen überein, daß zuweilen Entstellungen bestgemeinte Thaten als ein Uebel erscheinen laffen. Doch nicht minder selten ist es, daß die beste Absicht thatsächlich einem ihr fremden Ziel zustrebt. Sie dürfen sicher sein, daß ich auch dann, wo ich Ihren Handlungen entgegentreten muß, eine beste Absicht bei Ihnen voraussetze. Unter Erwiderung Ihres freundlichen Grußes bin ich Ihr herzlich ergebener M. A. K l a u s n e r. Apologetik. Apologetik im Allgemeinen heißt Rechtfertigung. Auf diese hat auch das Judenthum gerechten Anspruch. Doch die Apologetik im engeren, kirchlichen Sinne, besitzt Israel nicht. Während dort die Grundsätze genau umschrieben sind, nach welchen die Kirche zu vertheidigen ist, besteht die Verteidigung des Judenthums nicht in geschriebenen Grundsätzen, sondern in den Principien der Moral und Rechtschaffenheit eines jeden Einzelnen seiner Glieder. Nach dem Maße seines Verhaltens in denselben wird das Judenthum gerechtfertigt. Und so erwächst demselben in j e d e m mackellosen Inden ein Verteidiger. Soweit über die Apologetik im idealen Sinne. Was nun den berufenen Vertheidiger des Judenthums betrifft, so gilt hier ein Anderes. Dem Rechtsanwalt des Judenthums muß gleichsam ein dreifaches Actenmaterial seines Clienten vor Augen schweben. 1. Die Aussprüche erleuchteter Geister zu Gunsten seines Angeklagten; 2. dessen eigene erhabene Lehren und Anschauungen als Beweismittel für Unschuld und 3. die bitteren Worte des Angeklagten, in deren Folge er vor den Richtern steht. Zu den ersteren gehören die Urtheile über das Judenthum aus dem Munde und der Feder jener Persönlichkeiten, die wir mit Recht zu den „Frommen der Nationen" zählen. Eine Antologie dieser Plaidoyer's fürs Judenthum etwa von Malkizedek, dem Freund Abrahams an, einschließlich Jethro, Abigail, Hiram, Antoninus, bis zu den rettenden Engeln des Judenthums in der neuen Zeit: Leffing, Dohm, Kaiser Josef II., Cardinal Manning u. A. dürfen da nicht fehlen.') Solche Zusammenstellungen werden niemals ihren heilvollen Zweck verfehlen. Was hier aber besonders in Betracht kommt, das sind lene nothgedrungenen guten Urtheile der Feinde übers Judenthum. Hier wird die Wirkung eine geradezu unwiderstehliche sein. An deren Spitze werden alle jene erbärmliche Wichte figuriren. denen sich, wie bei Bileam, der Fluch im Munde zum Segen Israels verwandelte. Erst vor Monaten brachte uns die Macht der Gerechtigkeit ein solches Bekenntniß eines derartigen schändlich begangenen Unrechtes * 2 3 4). Den breitesten Raum in dieser Sammlung müßten solche Widerrufungen, Abbitten und Ehrenerklärungen an geschmähten Juden bilden. So lange aber dieselben in dem Strome der Tagesliteratur verschwinden, gehen wichtige Documente unserer Apologetik verloren. Zu dem H. apologetischen Beweismittel fürs Judentum rechnen wir alle jene erhabenen Lehren Israels, die unweigerlich gegen die Schmach zeugen, die man uns aufbürden will. Die juridische Wissenschaft kennt ein Argument, welches durch einen geschickten Zug alle Anklagen zu entkräften vermag. Dasselbe erzählt von den edlen Thaten des Beschuldigten, und siehe, sofort steigt sein Ansehen in den Augen seiner Richter. Und wahrlich nicht einzelne edle Charakterzüge besitzt die Geschichte, die Tradition, die Literatur, die Ethik des Judenthums. Man verbreite, vervielfältige nur immer den reichen Schatz der so erhabenen Denkmäler der Sittlichkeit, Friedensliebe und Humanität des jüdischen Schriftthums und es wird und muß die Wirkung früher oder später cintreten. Nur eines dieser Denkmäler sei herausgegriffen. Die Sprüche der Väter. Wer diese liest, der muß bekennen: Solche Menschen mit solchen Anschauungen, sie sind der Schmach nicht fähig, deren man sie verdächtigt. Noch mehr. Sie können sich selbst mit confessionellem Haß nicht befreunden. Denn was sie lehren, das ist die Offenbarung der Humanität selbst. Diese verträgt sich aber nicht mit confessionellem Dünkel. Was nun die Hl. Art der jüdischen Apologetik aubelangt, so bezieht sie sich auf jene bitteren Aeußerungen unserer Ueberlieferung (sowohl schriftlicher als mündlicher) die uns so oft vorgeworfen werden. Betrachten wir diese einmal beim Lichte der historischen Wahrheit. Diese belehrte uns, daß die Wiffensgüter des Judenthums nur die lautersten Humanitätsgedanken enthalten. In der That! Mitten unter den strengsten Ceremonialvorschriften finden wir plötzlich die Gebote der Liebe und Barmherzigkeit. Dies beobachten wir ebensowohl im Pentateuch, wie im Talmud. Da finden wir das Gebot, welches man das claffische Beispiel für Thierschutz in der Bibel nennen kann, die schutzlosen jungen Vögel ins Haus zu nehmen, umgeben von den Vorschriften über Rechte und Richter. Oder aber das stereotype: „Du sollst nicht kochen das Zicklein in der Milch seiner Mutter"2) unmittelbar hinter Satzungen ganz verschiedenen Charakters." Dasselbe sehen wir auch im Talmud. Und hierin besonders bildet er ein treues Abbild der heil. Schrift. Man kann ruhig sagen: Keine einzige Seite des Talmud, auch die voller cosmotischer Abhandlungen^), entbehrt irgend eines ethischen oder hu- ') Einen mnstergiltigen Anfang nach dieser Richtung machte Dr. G e l b h a n s „Die Apologetik des Judenthums", Wien, 1896. -) Siehe „Deutsches Volksblatt", Wien, Mitte Jänner 1899. 3) Vergl. Exod. 23. 9, 34. 36, Deut. 14. 21. 4) Vergl Talm. Babli, Pesachim, Pag. 22b s, v. K'schem fdh’&nhnlfi t’icfirrr

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