Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 652 Vr» Bloch's Wochenschrift« Nr. 30 Ver Feudalsdel und das Iudrnthum*). Motto: „Romantische Politiker sehen in der Wiederherstellung des mittelalterlichen Feudalvnd Ständewesens das einzige Heilmittel für den modernen Staat." Diese Worte David Friedrich Strauß' vor 40 Jahren, sie haben nach jeder Richtung noch heute ihre volle Geltung. Dies sieht man so recht deutlich in der mittelalterlichen Bekämpfung des Judenthums. Wenngleich allen Anzeichen nach der Höhepunkt des sogenannten Antisemitismus so ziemlich überschritten sein dürfte und sich langsam eine andere Erkenntniß Bahn zu brechen scheint, so dürfte es doch nicht ganz interesselos erscheinen, nachzuforschen nach den Gründen, welche den hohen Grundadel und das mit diesem in innigster Verbindung stehende Staatskirchenthum zu der Gegnerschaft zum Judenthum bewegt, ja diese beiden Factoren in eine solche einzutreten förmlich zwingt. Daß die Juden unter allen Völkern des Erdballes eines jener sind, welche die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, darin stimmen wohl auch die heftigsten Gegner überein. Sie verdienen auch diese Aufmerksamkeit, und wenn schon aus keinem anderem Grunde, als sich in ihrer Nation Ahasverus verkörpert, jener Mann, der niemals sterben, niemals sich aber auch seines Lebens freuen kann und schon seit fast zweitausend Jahren immer noch als ein Fremdling unter den Völkern wandern muß, obwohl, oder vielleicht gerade darum, als er die meisten dieser Völker erst die Moral lehrte und ihnen jenen einen Gott gab, nach welchem die Menschheit so lange suchte und doch nicht finden konnte. Woran mag nun dies liegen, oder, präciser diese Frage formulirt: in was begründet sich der Haß gegen die Juden und die Berfolgungswuth, speciell beim deutschen Mittel- und Gewerbestand? Um diese Frage beantworten zu können ist es wohl nöthig nachzuforschen, welche Mission eigentlich das Judenthum hier auf Erden zu erfüllen hatte. Das ewige, unwandelbare, unbestechliche Schicksal, es gab in erster Linie einem schwachen, fast namenlosen Stamm von Wüstenbewohnern, von wandernden Hirten in einem fast gänzlich verlorenen Erdenwinkel, wo die Wogen der großen Geschichte verrauschten, die Idee des Einheitsstaates, eine Idee, die diesen fast unbekannten Stamm befähigte, nicht blos über die größten und mächtigsten Staaten der Prophetengeschichte zu triumphiren. sondern selbst sogar mit Hilfe der Legionen ihres mächtigsten und vielleicht auch grausamsten Feindes, der weltbeherrschenden Roma, die schleunigste Verbreitung ihrer monotheistischen Lehre zu geben. Glaubt man aber, daß damit und mit der Ueberlasfung seiner heiligen Schriften an die Christen, um deren Lehre von einem Welterlöser die Basis zu schaffen, das Judenthum bereits seine geschichtliche Mission erfüllt hatte, so sind alle Jene, die dies glauben, in einem Jrrthume befangen, oder sie wollen hiebei mit Vorsatz jenen Einfluß, den die Angehörigen dieses großen, kleinen Volkes bei allen Völkern ausübten und der sich, weil in den Dienst der Menschheit selbst gestellt, als die zweite und vielleicht noch wichtigere geschichtliche Mission des Judenthums darstellt. Dieser Einfluß, dieser Dienst, den das Volk der Juden der Civilisation und damit der Menschheit selbst leistete, er liegt aber weniger in den vielen wissenschaftlichen Leistungen von Einzelner ihrer Angehörigen, als mehr in dem Streben, das E igenthumbeweglichzu machen, mit den Werthsäquivalenten und Zeichen — mit Geld, edlen Metallen und Werthpapieren — selbständig zu agiren und neben den Realbesitz auch einen ideellen zu schaffen, der jenem das Gleichgewicht zu halten vermag. In diesem Finden eines solchen beweglichen Werthsäquivalentes ist nun auch die Ursache zu suchen, welche die Gegnerschaft des Feudaladels hervorrief und den Grund, der diesen bewog, gegen die Juden den Heerbann der (deutschen, russischen, der römischen und der englischen) Hochkirche zu mobilisicen. Schon die alten Ritter und Dynasten ersahen, gewissermaßen instinctartig, aus diesem Grunde im Juden ihren grimmigsten Feind, und wie die alten sungen, so zwitschern die Jungen. Die Mächtigen der mittelalterlichen Völker, sie bedurften nur der Lehensfolge und des Heerbannes; die Kirche und die Ritter *) Dieser Artikel ist uns von einem Nichtjuden eingesendet worden. nur des Zehnten, der Hand- und der Spannfrohnden. Heute aber brauchen sie das bewegliche Geld, wollen sie ihre Prärogative alle Art aufrecht erhalten. Das Princip also, für dessen Geltendmachung die Juden aller Länder arbeiteten, seit sie ihre eine Mission erfüllt hatten: das Eigenthum beweglich zumachen, es hat nunmehr einen entgiltigen Sieg errungen; einen Sieg, ohne welchen unsere neueren Staatsverhältnisse mcht existiren würden, aber auch unsere Cultur um wenigstens ein Jahrtausend noch zurück wäre und etwa auf demselben Standpunkt stände wie in China. Daher auch Räuber und Mörder; daher auch die Feindschaft aller jener Stände, die nur durch die Wiederherstellung der alten feudalen Verhältnisse, ihre Wiedererstarkung, ihre alte unbeschränkte Herrschaft erhoffen; d a h e r aber auch das so heftige Widerstreben dieser Kreise gegen ein Aufgehen des Judenthums in die verschiedenen Nationen. Der deutlichste Beweis für diese Behauptung liegt in dem auch nach anderer Richtung hin so lehrreichem Verhalten der öffentlichen Meinung in England im Jahre 1857, als die Emancipations-Debatte an der Tagesordnung war. So gingen die Petitionen zu Gunsten der Juden, wörtlich betrachtet, von den großen Handelsuud Industriestädten, in confessioneller Hinsicht von den protestantischen Dissenters und der — römischen Kirche aus, hingegen die gegen die Emancipation sich aussprechenden von der englischen Hochals Staatskirche, sowie von den kleineren, überdies fast zumeist ganz judenreinen Grafschaften in England und Schottland aus, wo der Realbesitz in festem Besitz nur weniger Familien war, die überdies auch stark mit der herrschenden Kirche liirt war. Und wo sind die heftigen Gegner des Judenthums bei Uns zu finden? Es gab eine Zeit, und sie ist noch nicht gar so lange vorüber, wo die Emancipation der Juden stark propagirt wurde und nicht blos in der Presse, sondern auch in den Staatskanzleien der verschiedensten Länder. Und", sonderbar genug, ging die Anregung niemals von den Juden aus, die sich weit hiezu passiv verhielten, sondern stets von christlicher, lies: arischer Seite. Es läßt sich nun allerdings nicht leugnen, daß die Juden eine von der christlichen Religion verschiedene Religion besitzen, obgleich die Grundprincipien beider, weil aufgebaut auf dieselben heiligen Schriften, die gleichen sind; daß weiters auch in ihren Gebräuchen und Sitten sich Divergenzen zeigen und daß außerdem auch eine Stammesverschiedenheit besteht, welche in Verbindung mit Cultusgebränchen, dem Juden die ihn als solchen charakterisirende Eigenthümlichkeit erhalten hat. Doch alle diese Umstände zusammengenommen, sie würden noch immer nicht das Recht geben, das Judenthum als solches zu befeinden, zumal es ja doch nur ein Ammenmärchen ist, ihm nach zu sagen, daß er zuerst Jude und in zweiter Linie dann ein Deutscher, ein Böhme, ein Pole rc. sei; eher könnte man dies dem durch und durch auf internationaler Basis stehendem Christen römischer Confession nachsagen, wo hiefür die Geschichte des Mittelalters und auch der neueren Zeit mehr als genug Beispiele gibt. Aus diesen Momenten also die Feindschaft des Feudalismus und des von diesem beeinflußten Clerns zu deduciren, geht nun wohl nicht an. Vielleicht läßt sich aber eine solche aus der religiösen und sittlichen Anschauungsweise der Juden begründen. Nun können gerade die Christen aller Confessionen, gegen eine Religion keine Einwendung erheben, die ihnen Mutterreligion ist. Es verbleiben also nur die (angeblich) im Talmud niedergelegten Morallehren übrig. „Die Sittenlehre des Talmud" sagt der unverfälschte Arier Kolb in seiner „Culturgeschichte der Menschheit" (und der ebenso unverfälschte, conservativ veranlagte Hellwald pflichtet diesem bei) spricht im Allgemeinen edle und reine Grundsätze a ns. Insbesondere wird Treue, Wahrhe i t, d i e Ausübung derLiebespflichten gegen jedermann und ohne Unterschied der Religion empfohlen. Ebenso wie Gott barmherzig sei gegen alle seine Geschöpfe, soll es auch der Mensch gegen Alle sein." Und was lehren die Busenbaum u. s. w., in ihren Schriften und Werken? Warum macht sich in dem von allem feudalwesen freigebliebenen Amerika kein Antisemitmus geltend? . I. M. B.