Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Vr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 36 wenig unter der Rechtlosigkeit gelitten? Aber da sehe man doch! Trotz aller Gewalt, die den Inden angethan wird, sind es doch nur einige wenige, die so gott- und rechtsvergeffen sind, eine so niederträchtige Handlung zu begehen. Der Percentsatz ist ein unendlich geringer im Vergleich zur großen Zahl bir Leidenden und ebenso im Vergleiche zur Zahl der andersgläubigen Verbrecher. Und dennoch soll nicht ein Wort für sie gesprochen werden. Die Strafe, die sie trifft, wird sie gerecht treffen. Der Staat aber, der das Recht hat zu strafen, hat auch die Pflicht vorzubeugen, und die Gesellschaft, die sich mit Abscheu von dem Verbrechen abwendet, hat ihre Pflicht nicht gethan, wenn sie blos Entrüstung kundgibt und nicht selbst mit Han) anlegt, um die Befferung vorzubereiten. Auch diese Mahnung geht nicht blos an die Adresse Rußlands, wo der Herd dieses schmachvollen Handels sich befindet, allein, vielmehr richtet sie sich an Alle, die ehrlich genug sind, die wahren Gründe des Uebels zu erkennen und den guten Willen haben für die sittliche und materielle Hebung ihrer Mitmenschen zu wirken. Mit der aufrichtigen oder heuchlerischen Klage über die Verderbtheit ist nichts gethan, man muß die Ursachen erforschen und diese beseitigen. Das wäre auch so eine schöne Aufgabe für die Frauenrechtler und für alle die Vereine, welche die Veredlung der Menschheit auf ihre Fahne geschrieben haben. Das Meeting in London für Mschnajtm. Referat des Generalmajors Sir Wilson. (Nach dem stenographischen Protokolle). Sonntag, den 2. Juli 1899 veranstaltete die „Ghovevi Zion Association“ in London ein großes Meeting für Machnajim, da bekanntlich dieser Verband einen Theil der Summe von 40.000 Francs für Machnajim aufzubringen hat. Den Vorsitz führte Oberst G o l d s m i d. Das Referat über die jüdischen Colonien in Palästina hatte Generalmajor Sir Charles Wilson zu erstatten, der soeben von einer längeren Reise in Palästina zurückgekehrt ist. Die Versammlung war sehr gut besucht, mehr als 2000 Personen hatten sich eingefunden. Es erschienen auch circa 100 Herzlisten, von denen einer, Herr Guilaroff, sofort bei Beginn der Sitzung eine Karte dem Vorsitzenden zukommen ließ, mit der Mittheilung, daß für den Fall, als Herr Hermann Landau sprechen sollte die Versammlung gesprengt werden würde. Herr Hermann Landau ist eine der angesehensten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde in London. Es ergriff zuerst das Wort Oberst G o l d s m i d: „Ich bin heute Abends mit großem Vergnügen hiehergekommen, weil ich, wie Sie Alle wissen, mein ganzes Leben hindurch ein eifriger Anhänger dessen, was im Zionismus das E r h a b e n st e ist, bin. Aber ich gehe nicht zu einer Partei, die nur im Zionismus das Niedrigste sucht. Ich werde auch in der heutigen Versammlung nicht erlauben, daß darüber debattirt wird, was der richtige Zionismus ist. (Beifall). Wollen wir vor allem zeigen, daß wir Alle Zionisten sein können, obwohl da ein Unterschied in der Meinung über die Ziele und Mittel besteht, und wollen wir nur daran denken, daß wir Alle Nachfolger jener großen Race sind, die gegen die Römer in Jerusalem gekämpft hat. Ich mag mich nicht mit jenen sogenannten Zionisten abgeben, die nur andere bekämpfen. Es ist meine Absicht, heute Abends hier keine Discussion darüber zu gestatten, welche von den beiden zionistischen Parteien im Rechte ist: die „Chovevi Zion Association“, deren einzige Aufgabe darin besteht, die jüdische Colonisation in Palästina zu unterstützen, oder diejenigen Zionisten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, einen jüdischen Staat in Palästina zu errichten. Es soll Niemandem hier gestattet sein, die politischen Zionisten zu beleidigen, aber ich werde auch andererseits nicht gestatten, die Chovevi Ziouisten herauszufordern. Ich kann lediglich sagen, daß, wenn Jemand hiehergekommen ist, in der Absicht, der Außenwelt eine Meinungsverschiedenheit innerhalb der Zionisten zu zeigen, dieser Mann ein Berräther ist. Wenn ich mit Dr. Herzl nicht übereinstimme, so will ich die Gründe dafür an einer anderen Stelle auseinandersetzen und nicht hier. Heute wollen wir von den Bedürfnissen der Colonie der wackeren galt zischen Jude» sprechen, die sich selbst in Palästina niedergelassen haben und dringende Hilfe benöthigen. Es ist eine gute Sache, an der alle Zionisten theilnehmen können. Wir sind heute in der angenehmen Lage, unter uns Sir Charles Wilson zu haben, einen berühmten Offlcier der englischen Armee, der Palästina besser kennt als die Meisten unter uns. Er ist soeben aus Palästina zurückgekehrt, wo er eine große Inspektionsreise durch die jüdischen Colonien gemacht hat. Ich bin überzeugt, daß Sie sich Alle dafür interessiren werden, was er Ihnen zu sagen hat, und daß hier niemand ist, der des Namens e i n e s Z i o n i st e u würdig ist und Sir Wilson veranlassen könnte, diese Versammlung mit dem Eindrücke zu verlassen, daß da eine Spaltung zwischen Juden besteht und sie daher nicht würdig wären, eine Nation zu sein. Würde das dennoch geschehen, so würde ich mich meines Judenthumes*) schämen und erklären, möge lieber der Zionismus zu Grunde gehen, ehe wir der Außenwelt ein solches Schauspiel darbieten. Damit Sie den Vortrag Sir Wilson's besser auffassen können, habe ich heute eine von mir s e l b st gezeichnete Landkarte unseres geliebten Landes mitgebracht. Sie enthält die letzten Entdeckungen, und ich glaube, sie ist einzig in ihrer Art, denn „alle darauf befindlichen Namen sind in hebräischer Sprache niedergeschrieben". (Beifall). Generalmajor Sir Wilson ergreift das Wort: „Ich habe so viel Freude und Nutzen von meinem Besuche der jüdischen Colonien in Palästina davongetragen, daß ich beschlossen habe, sofort nach meiner Rückkehr nach England etwas darüber in einer jüdischen Versammlung zu sagen. Zuerst war ich in der Ackerbauschule bei Jaffa. Mikweh Israel ist eine der ältesten Anstalten dieser Art in Palästina und leistet viel Gutes. Sie wird von ungefähr 250 Schülern besucht. Dort werden sie durch fünf Jahre unterrichtet, nicht blos im Schreiben, Lesen, Rechnen und in Sprache, sondern auch in der Landwirthschaft. Vormittags arbeiten sie auf dem Felde als Feldarbeiter, den Nachmittag verbringen sie in der Schule. Während der letzten zwei Jahre des Schulbesuches wird der größere Theil der Zeit für den Unterricht verwendet. Die Sprachen, oie dort gelehrt werden sind: Hebräisch, Französisch, Arabisch und etwas Türkisch. Die Verwalter der jüdischen Colonien in Palästina haben beschlossen, daß das Verständigungsmittel zwischen den jüdischen Colonisten m Palästina das Hebräische sein soll. Die hebräische Sprache wird in allen Schulen gelehrt, und die Schüler sprechen auch untereinander jetzt schon hebräisch. Die erste Colonie die ich besuchte, war die von Baron Rothschild gegründete „Uish o n 1 e Z i o n“. Ich hatte vor mehreren Jahren diese Gegend besucht und fand dort nichts als eine große Wüste. Ich zweifle nicht, daß dieses Land auch als ganz werthlos den Colonisten verkauft wurde. Während der ersten Jahre hatten die Colonisten einen schweren Stand, bis ihnen Baron Rothschild zu Hilfe kam. Und die Colonie „Rishon le Zion“ ist jetzt eine der schönsten in Palästina. Einen Hauptanziehungspunkt dieser Colonie bildet der Weinkelter, in dem auch Cognac fabricirt wird. Außerdem interesfirte mich zumeist die Colonie Ekron. Die Gartenanlagen daselbst werden von einem fachmännisch geschulten rumänischen Juden geleitet, einem der f ä h i g st e n Männer, die ich in Palästina gefunden habe. Das Land in Ekron ist viel besser als in „Rishon le Zion“, das Ganze macht den Eindruck eines schönen Gartens. Ich habe in meinem Leben keinen schöneren Platz gesehen, und diese Colonie zeigt, was diese Gegend einmal war, was sie ist und was aus ihr noch werden kann. Alles entwickelt sich hier in schönster Pracht — Orangen-, Citronen-, Oliven-, Mandelbäume, Granaten u. s. w. Dann war ich in P e t a ch T i k v a h. Diese Colonie schien ursprünglich nicht gedeihen zu wollen — wegen der dort grassirenden Malaria. Doch die Colonisten pflanzten eine ungeheure Zahl von Eucalyptusbäumen an, wodurch die unheilvollen Wirkungen der von den herumliegenden Sümpfen hervorsteigenden Malaria-Dünste unschädlich gemacht wurden. Die Colonie ist jetzt assanirt und gedeiht. Als ein Beispiel für die Schwierigkeiten, mit welchen die Colonisten zu kämpfen hatten, will ich erwähnen, daß das Land viel fruchtbarer wäre, wenn es den Colomsten erlaubt wäre, aus den benachbarten Gewässern Wasser zu Berieselung zu schöpfen. Allein dieselben gehören mehreren mohammedanischen Derwischen, die hier einen viel größeren Einfluß haben als die Provinzgouverneure, und die weder das Schöpfen des Wassers noch die Leitung desselben in Canäle erlauben wollen. „ *) Goldsmid ist bekanntlich erst mit 18 Jahren Jude geworden, da er von Marannen abstammt.