Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Date
- 1899-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Uv. 30 Dr. Bloch’s Jahrgang IYI. Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. K. k. Nostfparraffen-Amr Elrarrngverkehr Nr. 810.976. Nedsciion und Administration: Wien II., Untere Ana»rte»7kr. In. Telephon - Nr. 14.847 Wien, 28. Juli 1899. »)<>■ «M* Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adreffe: Wien, H.. Untere Nngartenftraße ln. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. -- -X Bezugspreis für Oesterreich- Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzeleremplare 25 tt. Mr's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. m- ■ ■-=.. =m Inhalt. Leitartikel: Gegen den Mädchenhandel. — Das Meeting in London für Machnajim. — Der Feudaladel und das Judenthum. — Noch eunnal die verdächtigen Geschenke. — Apologetik. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Wie die Alten jungen. Der „Belostoker Arbeiter". Eine Frau als Doctor der Philosophie honoris causa. Die Decorirung eines deutschen Marine-Arztes mit der Ehrenlegion. Pestalozzi über die Juden. Washington und die Juden. — Correspondenzen: Wien, Jglau, Brünn, Tarnow, Prag, Przemysl, Leitmeritz, Proßnitz. Kojetein, Raab, Görlitz, Hanau, Paris, Algier, Petersburg, London, Johannesburg, Pretoria, Teheran. — Vermischtes: Wien, Pisek, Innsbruck, Kremsier. Teschen, Bielitz, Boskowitz, Preßbnrg, Malaczka, Hamburg, London, Montreal, Jerusalem, St. Petersburg, — Feuilleton: Michael. — Briefkasten. — Inserate. Gegen den Mädchenhandel. Dieser Tage veröffentlichten die Journale einen haarsträubenden Bericht aus Lodz in Russisch-Polen über die Entdeckung einer Bande, welche den Handel mit „lebender Waare" nach Argentinien schwunghaft seit Jahren betrieben hat. Unglückliche Mädchen, leider zumeist Jüdinnen, waren das Opfer des verbrecherischen Treibens einer weitverzweigten und allem Anscheine nach wohlorganisirten Bande, welche die beklagenswerthen Geschöpfe ihrer Heimat entriß, sie deui Laster, der Schande, dem physischen und sittlichen Elend in die Arme trieb, sie wie Maare verkaufte, sie erbarmungslos der Verkommenheit zuführte. Und wie die Maare zumeist aus Judenmädchen bestand, so sollen die gewissenlosen Händler zumeist Juden gewesen sein. Mir schaudern bei dem Gedanken an die Verworfenheit derjenigen, deren Gefühl sich nicht dagegen aufbäumte, unschuldige Mädchen ins Verderben zu stürzen, und tiefes Mitgefühl ergreift uns ob des Schicksals der Verführten. Nicht uni Leidenschaften zu fröhnen, nicht um sich mit Putz und Tand zu behängen, haben sich die armen, leichtgläubigen Kinder ihren Familien, ihrem Vaterlande entreißen lassen, sondern weil man ihnen vorspiegelte, man wolle sie verheiraten, weil man sich sogar mit ihnen verlobte und die Bräute dann verrieth und preisgab, als sie wehrlos in fremden fernen Landen angelangt waren. Schmach und Schande Denjenigen, welche so nichtswürdig an Mädchen handelten, weß' Glaubens sie immer gewesen sein mögen, die strengste Bestrafung ihnen, die ehr-, sitten- und pflichtvergessen ein so schimpfliches Gewerbe betrieben, kein Mort der Verachtung kann stark genug sein gegen Diejenigen, die ihre eigenen Glaubensgenossen verkaufen und verrathen. Mir sehen in einen Pfuhl von Verkommenheit hinein, der uns schaudern macht. Man wird diese Elenden bestrafen, wie sie's verdienen, man wird vielleicht auch die Grenzbewachung schärfer handhaben, um die Grenzüberschreitung zu erschweren, man wird möglicherweise auch sein wachsames Auge auf die Beamten haben, welche die Paßvorschriften laxer handhaben und ein Auge zudrücken oder Beide, wenn man ihnen eine genügende Summe von Rubeln in die Hand drückt. Mas ist damit geschehen? Nichts! Denn dort liegt nicht des Uebels Kern. Man wird damit nur größere Vorsicht der Uebelthäter provociren, zu größeren Bestechungssummen herausfordern, das Uebel aber nicht beseitigen, denn seine Hauptquelle beseitigt man nicht. Und diese Quelle ist die Noth. Nicht blos die materielle Noth, sondern mehr noch die sittliche und intellectuelle, in der Rußland einen großen Theil seiner Bevölkerung verkommen läßt. Das Rußland, welches den Juden die Erwerbfähigkeiten eindämmt, das ihre Erwerbssphären beschränkt, ihre Ausbildung verhindert, ihre sittliche Erziehung unterbindet, ihnen die Ausübung der Religion erschwert und damit auch den sittigenden Einfluß der Religion hemmt, sie in Wohnungen und Wohnorten zusammendrängt und in ihnen das Gefühl für Recht und Moral untergräbt, das Rußland hat nicht nur kein Recht, über die Unmoral zu Gerichte zu sitzen, sondern es muß sich selbst als den Urheber aller Schändlichkeiten anklagen, es muß vor der ganzen civilisirten Welt als Mitschuldiger angeklagt werden. Es kann uns nicht einfallen, auch nur im Allergeringsten für die verübten Schandthaten irgend eine Beschuldigung ansühren zu wollen, ja unser Berdammungsurtheil würde noch schärfer ausfallen, weil wir von unseren Religionsgenossen noch mehr verlangen als blos die Erfüllung bürgerlicher und sittlicher Pflichten. Wir fordern von ihnen auch Opfermuth und Entsagungsfähigkeit bis zum Märtyrerthum. — Allein Diejenigen haben wahrlich nicht das Recht, jetzt moralische Entrüstung zu äußern, welche durch ihre Gesetze und Verordnungen, durch ihr Treiben und Geschehenlassen, durch ihre Tendenzen und Ausschreitungen einen solchen Zwang ausüben, daß dieser die scheußlichsten Unthaten geradezu Hervorrust. Und da sind es nicht blos die Raffen, die wir meinen. Wer Unrecht säet, der darf nicht jammern, wenn Unrecht emporwächst, und wer sein Feld nicht sorgsam bestellt, der darf sich nicht beklagen, daß das Unkraut in die Halme schießt. Es ist auch garnichts damit gethan, wenn man das Unkraut ausjätet, den Boden aber nicht sorgsam bearbeitet. Nur in Staaten, in welcher Gewalt vor Recht geht, stößt man aus Erscheinungen, daß die Bewohner Recht und Unrecht nicht von einander unterscheiden und das Laster sich breit macht. Was trieb die armen Mädchen dem Unglück in den Rachen? Die Noth! Man muß das Elend in den polnischen Judenstädten selbst beobachtet haben, um es faßbar zu finden, daß eine Fahrt nach Argentinien nichts erschreckendes habe; man muß den Hunger kennen gelernt haben, um zu begreifen, daß derselbe ein stärkeres Agens werden kann als Recht und Sittlichkeit, man muß die Schmach mitangesehen haben, der die Juden unterworfen werden, um es — nicht entschuldbar — aber erklärlich zu finden, daß in einzelnen Individuen dann das Gefühl für Schande erstickt wird. Hoffnungslosigkeit und Rechtlosigkeit auf der einen Seite und Erlösung, wenn auch eine trügerische, treiben die armen Mädchen ins Verderben. Und ihre Verführer und Entführer? Haben sie