Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 29 Vr. Bloch's Wochenschrift« Seite L47 . . . . Jetzt will ich Euch und unseren Gemeindegenossen sagen, was Ihr seid. Vor Allem seid Ihr ein in der Kehilla, ja in der ganzen Stadt allgemein beliebter Mann, der noch nie mit einem Menschen einen Streit, noch weniger einen Prozeß gehabt hat. Ihr seid trotz der untragbar harten Judengesetze, welche bösen Beamten eine Handhabe bieten, uns Juden zu chicaniren, noch nie mit den Behörden in Berührung gekommen. Alles, das kann ich — mich selbst nicht ausgenommen — von keinem zweiten Menschen in unserer Gemeinde sagen, und schon dadurch allein seid Ihr in gewissem Sinne der Erste unter uns, und was Eurer Friedfertigkeit den echten hohen Werth verleiht, ist der Umstand, daß diese nicht der Schwäche, sondern der Milde Eueres Gemüthes, Eurem Charakter, Euerer großen Klugheit entstammt. Ihr habt gesagt, Ihr seid kein reicher Mann, das weiß ich und das ist allgemein bekannt, aber um desto höher müssen wir Euere Wohlthätigkeit schätzen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Kerem Jehoschua. Neunzebn Reden für Sabbath-hagadol agadisch und halachisch gehalten von Rabbi Jehoschua Jeschet Wallerstein, Rabbiner in Rzeszow (Galizien). Diese Reden, welche von dem berühmten Lemberger Rabbinner Rabbi Jsak Schmelkes und Rabbi Beer Rappaport, Rabbiner in Rawa begutachtet sind, zeichnen sich in Wirklichkeit durch die scharfsinnige Dialektik ihres Verfassers, der ein Nachkomme des Tausofos Jomtow und anderer hervorragender rabbinischer Größen ist, aus. Aber auch in sprachlicher Hinsicht sind die vorliegenden Sabbathhagadol-Reden nicht zu unterschätzen, denn der gelehrte Rzeszower Rabbiner, der bekanntlich eine Koryphäe auf dem Gebiete talmudischer Gelehrsamkeit ist, zeigt sich in seinen uns vorliegenden Reden auch als ein ausgezeichneter, gewandter hebräischer Stilist, was umso höher anzuschlagen ist, als man doch bedenken muß, daß es gerade bei dialektischen Auseinandersetzungen einer gewissen Meisterschaft des Stiles bedarf, um sich seinem Lesepublicum verständlich machen zu können. Daß der Verfasser nicht von einseitigen! Standpunkte ausgehend, Menschen und Dinge betrachtet, beweist die Thatsache, daß er zur Erklärung der Talmud- und Midrasch- Stellen, welche in Fülle herangezogen und an zahlreichen Stellen mit seltener Logik und seltenem Scharfsinn gedeutet werden, sich unserer hervorragendsten mittelalterlichen Religionsphilosophen bedient, in deren Literatur Rabbiner Wallerstein sich ganz zu fühlen scheint. Den Vers der heiligen Schrift „ein beständiges Feuer lodere auf dem Altäre die ganze Nacht hindurch bis früh' morgens" wendet der Verfasser sinnbildlich auf Thora und Israel an. Das Feuer der göttlichen Heiligkeit, als solches die Thora doch ist, meint der Verfasser, begeistere und erwärme Israels Herz für das Hohe und Heilige und führe es durch die Nacht des Golus zu der hellstrahlenden Sonne und den lichten Höhen goldener Freiheit empor. Ueber die bekannte, vielfach behandelte Frage welchen Zweck die göttliche Weisheit verfolgt haben mag mit dem Gebote der Opferdarbringung, läßt Rabbiner Wallenstein Maimonides zu Worte kommen, verwirft dann mit einer geistreichen Frageaufwerfung dessen freisinnige Anschauung, um dann Nachmanides diesbezüglicher Meinung, wonach mit dem Gebote der Opfer ein ethischer Zweck verfolgt wurde, das Vorrecht zu geben. Interessant ist folgende geistreiche Erklärung einer Midraschstelle, die Rabbiner Wallerstein mit großem Geschick in einer seiner Reden einflicht. Zur Stelle: „Bleibe o Sonne in Gibeon und Du o Mond im Thale Ajalon", sagt der Midrasch, daß die Sonne vorwurfsvoll zu Josua gesagt habe: Wie, mir befiehlst du einzuhalten, stehen zu bleiben? Wenn ich aber meine Bahn nicht wie gewöhnlich umkreisen soll, wer wird Gott lobpreisen? In der That ist diese Midraschstelle sehr räthselhaft und bedarf der Erklärung. Diese Erklärung giebt uns Rabbiner Wallerstein nicht nur in einer uns befriedigenden, sondern auch in einer solch' einfachen Weise, daß man unwillkührlich an das Columbus-Ei denken muß. Gott offenbart sich uns bekanntlich in einer zweifachen Art, einer natürlichen und übernatürlichen. Durch die Drehung der Sonne um ihre eigene Achse, durch die Bewegung der Erde, durch den regelrechten Lauf aller Dinge im All und durch ihre natürliche und gesetzmäßige Wirksamkeit erkennen wir die Existenz, Größe und Allmacht Gottes. Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne in ihrem natürlichen Kreislauf, in ihrer gesetzmäßigen Wirksamkeit erzählen uns von den Wundern, ja künden laut das Lob Gottes, des Schöpfers des Alle. Als aber Josua die Sonne von ihrem natiirlichen Kreislauf aufhalten wollte, die Gesetzesmäßigkeit der Achsendrehung unterbrochen werden sollte, hörte da nicht das Künden des Lobes Gottes aus? Dies soll also der Sinn des Midrasch sein. Wer wird, sagte die Sonne zu Josua, Gottes Lob kiinden, wenn wir in unserer gesetzesmäßigen Wirksamkeit, wodurch des Alls Existenz, der Ruhm des Schöpfers gewissermaßen bedingt ist, aufgehalten, gestört werden? Fürwahr eine einfache und doch sehr geistreiche und naheliegende Auflösung eines Midraschräthsels, die sich überdies noch homiletisch sehr gut verwerthen läßt. Der Verfasser versteht es sehr gut, in der Auslegung interessanter Talmudstellen eine nationalistische Saite anzuschlagen, ohne jedoch hierdurch mit unserer heiligen Tradition in irgend welche Collission zu gerathen. Im Gegentheil. Die Tradition wird in seinem „Kerem Jehoschua" Schritt für Schritt mit Sachkenntniß, Wärme und Begeisterung nicht nur vertreten, sondern auch vertheidigt. Im Interesse vieler jüdischer Canzelredner wäre es daher, sich den „Kerem Jehoschua" anzuschaffen, denn sie finden im selben gewiß eine Fülle anregender Gedanken, die sie im deutschen Reden bedauerlicher Weise nicht antreffen. Virovitica. Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann. Davor beitau. Rede, gehalten mit 1. Tage des Passahfestes 1899 in der Vereinssynagoge > Kovea itim lataura« in Lemberg Von Aron L e V i n, Krakau 1899. Vorliegende treffliche Rede, in schönem Hebräisch geschrieben, ist agadisch und halachisch gehalten. Verfasser ist ein genial beanlagter Enkelsohn des berühmten Lemberger Oberrabbiners Schmelkes und er zeigt eine hohe homiletische Begabung. Der agadische Thcil der Rede behandelt die Gegenstände seiner Betrachtung ganz nach den Gesetzen der modernen jüdischen Homiletik. Abraham ward deswegen verheißen, daß seine Nachkommen gleich den Sternen am Himmel sein werden, weil Israel in Wirklichkeit durch seine wahre Gotteserkenntniß und durch seinen tugendhaften Lebenswandel den Völkern voranleuchtet wie die Sterne am Firmament. Die ganze Rede durchzieht eine Perlschnur geistreicher Bemerkungen. Dr. K. Briefkasten. Eine langjährige Abonnentin. In der Annonce, wonach „erprobter Acquisiteur (Christ)" in Wien, I., Bäckerstraße 14, ausgenommen wird, handelt es sich um die Wechselseitige Brandschaden- Versicherungs-Gesellschaft. Wenn diese Gesellschaft auf die Confessio» ihrer Acquisiteure Gewicht legt, so ist vielleicht die Folgerung berechtigt, daß sich auch die Versicherten mit einem Taufschein anzuweisen haben. Juden setzen sich also wahrscheinlich einer Zurückweisung oder der Ausschließung aus, wenn sie der genannten Gesellschaft beitreten oder, falls sie schon versichert sind, derselben weiter angehören wollen. A. H. III. Die Thatsache, daß die Geschworenen als bewiesen erklärten, Vergani habe das Verbrechen der Veruntreuung begangen, wird in jeder Nummer jenes Blattes hervorgehoben; das ist nichts Neues. A. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus unterhält bereits seit Jahren mit namhaften Kosten ein Rechtsschutzbureau, welches die gleichen Aufgaben zu erfüllen bemüht ist, wie das Rechtsschutzbureau der „Oesterr. Israelitischen Union." B. St. Eignet sich nicht zur Veröffentlichung. Theegesellschaft in Restaurant Bibring. Erubin 13 heißt es: Wer der Größe nachgeht, den flieht sie. I. L. Der Antisemitenspiegel ist in Danzig bei A. W. Kafemann erschienen und dort erhältlich. — Die Frau des Herrn Georg Schönerer ist die Enkeltochter eines Juden in Pohrlitz. I. L. Sie werden ntanches verstehen lernen, was Ihnen räthselhaft erscheint, wenn Sie sich vor Augen halten, was ein großer englischer Historiker, Macculay, in einem seiner Essays sagt: „Die Geschichte ist aus den schlechten Handlungen außerordentlicher Menschen zusammengesetzt. Die berufensten Zerstörer und Betrüger unseres Geschlechtes,. alle die Begründer der Gewaltherrschaft und falscher Religionen waren außerordentliche Menschen und neun Zehntheile aller Drangsale, die das menschliche Geschlecht betroffen, haben keinen anderen Ursprung als die Verbindung von hoher Geisteskraft mit niederen Begierden." M. N. Goethe erinnert in seinen „Sprüchen" an ein schönes Bild. „Nachdenken und Handeln" sagte er, „vergleiche Einer mit Rahel und Lea, die eine war anmuthiger, die andere fruchtbarer."