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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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■gBBgBfflgMnWBMBWMBai Seite 546 Dr. Blocks Wockenschnfk» Nr« 29 New-Hork. Hier soll im nächsten Jahre eine Religionsconferenz tagen, zu der alle im Staate New-Dork vorhandenen Religionen und Sccten eingeladen werden sollen. Dem vorbereitenden Comite gehören von jüdischen Persönlichkeiten Rev. Dr. H. Gottheil und Rev. S. S. Wise an. Die Conferenz ist aber nicht dazu bestimmt, Religionsgespräche zu führen, sondern Dinge zu erörtern, die alle Religionsgesellschaften gleichmäßig angehen. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. Koh n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) „Ich bin mit diesem Vorschläge vollkommen einverstanden", meinte Reb Zodok Datschitz, „aber es bietet immer eine große Schwierigkeit, unvorbereitet gleich den richtigen Mann zu wählen. Ich möchte daher Reb Jossef bitten, uns seinen Nachfolger vorzuschlagen. Er kennt jeden in der Kehilla, in der er achtzig Jahre lebt, und die er vierzig Jahre geleitet, und auch die Eigenschaften, die ein Führer der Gemeinde besitzen muß. Wie ich Reb Jossef kenne, wird er auch darüber nachgedacht haben, wer am zweckmäßigsten an seine Stelle zu treten hätte. Ich bitte Euch daher, Reb Joffes, nennt den Mann, dem Ihr Eure Stimme gebet, ich werde ihm, wer er auch sein mag, gleichfalls meine Stimme geben". „Ich auch, ich auch!" riefen Alle. Reb Joffes, den kein Mensch in der Gemeinde je verlegen gesehen hatte, schien dies geworden zu sein. Ec durchfurchte zuerst seinen langen, weißen Bart, dann stülpte er dessen oberstes Ende empor und nahm es zwischen seine noch immer vollzähligen Zähne, endlich sprach er mit leicht verschleierter Stimme, in einem sanften, einschmeichelnden Tone, der gegen seine gewöhnliche entschiedene Weise zu sprechen, sonderbar contastirte. „Morai weraboßai! ') Ich habe nicht das Recht, Euch Jemanden als meinen Nachfolger aufzudrängen; allein, da ich hierzu allseitig aufgefordert werde, und ich die Gemeinde, deren Vorsteher seit undenklichen Zeiten meiner Familie angehörten, liebe, Halle ich es für meine Pflicht, den Mann zu nennen, der mir für dieses Amt als der Geeignetste erscheint. Ihr werdet wahrscheinlich überrascht sein. Ich werde keinen reichen, keinen alten, ich werde einen Mann nennen, an den Ihr vielleicht am allerwenigsten gedacht haben werdet. Es wird mir gewiß mancher darob grollen, daß ich nicht ihn vorgeschlagen; aber", jetzt erhob sich Reb Jossef Singers Stimme zu ihrer vollen Kraft: „Ko Jiheje Elokim beesroßi -), es leitet mich bei meiner Wahl weder persönliche Zunoch Abneigung, viel weniger noch irgend ein Interesse, ich fasse nur towas haklall * * 3) ins Auge. Ich wähle und empfehle dringend zum Vorsteher — Reb Aron Brack!" Joffes Singer war ein kluger Mann, er hatte richtig vorausgesehen, an den wenigbemittelten, bescheidenen, anspruchslosen Brack hatte Niemand gedacht und die allgemeine Ueberraschung gab sich in deutlichster Weise, durch das tiefe Schweigen, das Singers Worten folgte, kund — allein die Durchschnittsmenschen sind, ohne es zu wissen, noch weniger es zu wollen, dem Einflüsse der Geisteskräftigeren unterworfen; und plötzlich verdeutlichte sich das Bild des vortrefflichen Menschen, Aron Brack, das Allen unerfaßt, vorgeschwebt zu voller, schöner Klarheit. „Auch ich gebe Reb Aron Brack meine Stimme", sprach Reb Zodok, „und.wir werden die Sache kurz abmachen .... Reb Aron seid mochel4), geht auf eine kleine Weile in die Schul5) hinüber." Brack erhob sich, er wollte Einsprache dagegen erheben, daß man ihn wähle; aber der bescheide Mann glaubte, daß nur seine Anwesenheit es verhindere, daß man offen gegen Singers Vorschlag spreche, es erschien ihm voreilig und selbst überhebend, gegen eine Ehre zu protestiren, die ihm vielleicht nicht zugedacht wurde und er entfernte sich schweigend. ') Meine Lehrer und Weisen! — eine damals übliche Ansprache. So wahr mir Gott helfe. 3) Das allgemeine Wohl. 4) Verzeiht 5) Synagoge. „Nun braucht sich Niemand einen Zwang aufzulegen", sprach Singer, „Reb Aron Brack ist nicht anwesend, wer ihn nicht zum Vorsteher haben will, spreche sich deutlich aus, nenne Jenen, den er wählt!" Auch diesen Worten folgte eine tiefe Stille, Niemand ergriff das Wort. Singer wartete etwa zwei, drei Minuten, dann frug er: „Es ist also nicht ein Einziger gegen ihn?" und als auch auf diese Frage keine Antwort erfolgte, sprach er zu seinem Sohne, der gleichfalls am Tische saß: „Reb Jekußiel, sei so gut und rufe Reb Aron Brack herein", und als dieser wieder in die Gemeindestube trat, winkte ihn Reb Jossef Singer zu sich, reichte ihm die Hand und sprach; „Masel tow!c) Ihr seid Kolmn peh echod 7) zum Roschhakohol gewählt worden, es soll Euch und der Kehilla zu Masel ubroche8) gereichen!" Und Alle riefen stürmisch durch einander „Masel tow" und die ihm Nächststehenden drückten kräftig seine Hände. Einen Augenblick stand Brack unschlüssig da, endlich ergriff er bewegt das Wort. „Morai veraboßai! Ich danke Euch viel tausendmal für die Kowed °), den Ihr mir durch Eure Wahl erwiesen, für das Vertrauen, das Ihr in mich setzt; aber ich glaube nicht, daß ich Eure Wahl annehmen darf, ich glaube nicht, daß Ihr den rechten Mann gewählt. Ich stelle mir als Roschhakohol einen ganz anderen Mann vor, als ich es bin." „Wie stellt Ihr Euch den Mann vor?" frug Reb Zodok lächelnd, und der alte Mann, der schon bei Brack's Geburt ergraut gewesen, und alle jüngeren Leute in der Gemeinde dutzte, sprach ihn heute das erste Mal „Ihr" an. „Das will ich offen, hier vor allen Balebattim sagen", erwiderte Brack ruhig. „Ein Roschhakohol soll ein reicher Mann sein, das verleiht ihm in der Gemeinde, in der ganzen Stadt, soga»- bei den Behörden Ansehen, ein Roschhakohol soll aber auch deshalb reich sein, damit er, wenn die Zdoko lü) erschöpft ist, er die Armen aus seinen Mitteln unterstützen kann, ein Roschhakohol soll ein reicher Mann sein, damit er in harten Zeiten, den Mittelleuten mit dem Kehilla-Maß ") nachwarten kann, und die Gemeindebedürfniffe, die Gehalte für den Row, Dajon, Schochet, Kore ''), Schammes und so fort, aus seinen eigenen Mitteln vorstrecken und mit der Rückzahlung an ihn warten kann bis wieder bessere Zeiten kommen. Ein Roschhakohol muß reich sein, damit er, wenn über die Gemeinde eine Gesere,3) verfügt, oder ein Bilbul u) erhoben wird, zum Schutze derselben auf feine Kosten nach Brünn zum Landesgubernium, oder nach Wien zum Hvfkanzler oder gar zum Mitregenten Kaiser Josef fährt. Das Alles hat Reb Jossef Singer während seiner langjährigen segensreichen Wirksamkeit oft gethan — ich aber bin, wie Ihr Alle wißt, kein reicher Mann .... Und ein Roschhakohol soll auch ein alter, erfahrener Mann sein, vor dem jeder Achtung und Ehrfurcht hegt; — ich aber bin erst dreiundreißig Jahre alt; — endlich ein Roschhakohol muß auch ein Takif'°) bei den Behörden sein, wie es Reb Jossef Singer ist, der trotz des großen Druckes, unter dem wir leben, doch bei den höchsten Behörden des Landes beliebt ist, den Bürgermeister nicht zu fürchten hat; — auch ein Takif bin ich nicht .... mir fehlen ja alle Eigenschaften, die ein Gemeindevorsteher besitzen muß! Glaubt mir's, Ihr thut weit besser daran, wenn Ihr einen Anderen wählt, fast möcht' sagen, jeder Andere wär' tauglicher als ich!" „Ihr irrt Euch!" rief Singer gerührt, bechaje roschi wenafschi,rj Ihr seid der Geeignetste.... Ihr habt nur gesagt, was Ihr nicht seid .... Ihr seid nicht reich, nicht alt, kein Takif bei den Behörden .... Ich wünsche und hoffe, Ihr werdet mit Gottes Hilfe alt und reich; bin aber überzeugt davon, Ihr werdet bei den Behörden bald ein Takif, ein Schtadlen '') werden; d a s wird man zumeist aus eigener Kraft c) Gut Glück. 7) Einstimmig. 8) Glück und Segen. -') Die Ehre. 1U) Armenkasse. 1') Gemeinde-Steuer« ,2) Rabbiner, Rabbinatsassessor, Schächter, Bibelvorleser. ,3) Allgemeines Leid. ") Ungerechte Beschuldigung. lä) Einflußreicher Mann. ,G) So wahr mein Haupt und meine Seele lebt. '7) Erfolgreicher Fürsprecher.

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