Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 542 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 29 sonst Selbsterkenntniß und Bescheidenheit gerade nicht gehören, nach all den Fanfaronaden über „den unaufhaltsamen Siegesmarsch des antisemitischen Gedankens" jetzt zur Einsicht kommt, daß der „todte Punkt" erreicht ist. Herr Gerlach gibt in der „Welt am Montag" Herrn Liebermann v. Sonnenberg den guten Rath, er möge sich doch nicht der Sisiphus-Arbeit unterziehen, den „todten Punkt" zu überwinden, sondern im Anschlüsse an die Mahnung seines Meisters Bismarck: „Quiela non movere“ die antisemitische Bewegung nicht in ihrer wohlverdienten Grabesruhe stören. Berlin, den 16. Juli. Die beiden Spenden, von denen in Nr. 27 dieses Blattes die Rede gewesen, haben in der Gemeinde ungewöhnliche Erregung hervorgerufen. Die Männer selbst, die für die Annahmen der Spenden gestimmt haben, sind nicht zum wenigsten über das erschrocken, was sie angerichtet haben, und würden gern die Hand dazu bieten, das Geschehene rückgängig zu machen. Vielleicht wird ein Weg gefunden. Beide Spenden haben übrigens eine Vorgeschichte. Die der Bamberger'schen Erben ist seltsam genug. Die Geschenkgeber halten ursprünglich die Bedingung gestellt, daß die Zinsen den von ihnen zu Verfügung gestellten 10.000 Mark zu Prämien für jüdische Zöglinge den städtischen Volksschulen verwendet und dort am Todestage Bamberger's, im Juli, durch den Vorstand der jüdischen Gemeinde vertheilt werden sollten. Erst als man sie darauf aufmerksam machte, daß im Juli Schulferien sind und daß der jüdische Gemeindevorstand mit den städtischen Volksschulen außer Beziehung sei, solche Beziehung sich auch nicht Herstellen lasse, bestimmten sie die Zöglinge der jüdischen Gemeindeschulen als Prämienempfänger und stellten die bekannten Bedingungen auf, die die Ablehnung der Stiftung hätten zur Folge haben sollen und auch zur Folge gehabt hätten, wenn die Herren Vorsteher und Repäsentanten sich zu reiflicher Ueberlegung Zeit gelassen hatten. Gerade daß sie von couservativer Seite Wiederspruch fanden, bestärktsie in dem Entschluß, auf dem Fehlwege zu beharren, in den sie sich verrannt hatten. Ihr „liberales" Parteigefühl, ihr Fractionsgeist war eben stärker als ihr jüdisches Empfinden. Auch die Stiftung für das Krankenhaus — die Spende eines Herrn Deutsch für ein Bett, dessen Belegung mit jüdischen Prtienten ausgeschloffen sein soll — hat einen eigenartigen Ursprung. Das jüdische Krankenhaus untersteht nicht, wie bereits bemerkt, der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, sondern genießt last vollkommene Selbstständigkeit, obwohl die jüdische Gemeinde sehr erhebliche Zuschüsse leistet. Der Vorstand des Krankenhauses wünscht seit Langem einen Erweiterungsbau, stellt auch sonst jährlich wachsende Anforderungen. Von Seiten des Gemeindevorstandes wurde ihm bedeutet, daß das Bedürfniß nach solcher Erweiterung nur durch die Aufnahme unverhältnißmäßig zahlreicher Krankencaffenpatienten hervorgerufen sei, und daß die Gemeinde nicht das Recht habe, die Mittel der Steuerzahler für diese Patienten in Anspruch zu nehmen. Hieraus sollte die Deutsch'sche Spende eine Art Antwort sein. Indem er sein Geschenk für nichtjüdische Patienten bestimmt, wollte Herr Deutsch diesem Einwand des Gemeindevorstandes begegnen. Die Absicht war keine üble, doch die Form der Ausführung, die denkbar ungeschickteste. Man wird sich, wie gesagt bemühen, die Angelegenheiten in ein anderes Geleise zu leiten, die Geschenkgeber in beiden Fällen zu bestimmen suchen, daß sie von ihren ungehörigen Bedingungen Abstand nehmen. Daß dieß eine Nothwendigkeit geworden, bleibt ein Vorwurf für die, welche die beklagten Beschlüße gefaßt haben. Vielleicht bieten die bedauerlichen Vorfälle Anlaß dazu, daß man überhaupt gewisse allgemeine Normen für die Annahme von Legaten und Spenden aufstellt. Fast olle Stiftungen erhalten Zuwendungen, die nicht der reine Ausdruck des Wohlthätigkeitsdranges sind. Die meisten Spender wollen sich mit der Wohlthat, die sie üben, zugleich eine kleine Unsterblichkeit sichern, indem sie ihrer Spende ihren Namen geben, die Anbringung von Gedächtnißtafeln oder die Abhaltung von Gedächtnißgebeten vorschreiben oder sonstige Bedingungen mehr oder minder lästiger Art stellen. Zuweilen steht die Belästigung außer Verhältniß zu dem Ertrag der Spende, wird eine eigensinnige Verwendung verlangt, die unter Umständen abseits der Zwecke der Gesammtstiftung liegt oder im Lauf der Zeit mehr und mehr von dieser sich trennt. Das sollte nicht sein. Gewiß darf man voraussetzen, daß dankbares Erinnern den Wohlthätern geschenkt wird; aber dieses dankbare Erinnern darf nicht zum Servitut werden, das gleichsam hypothekarisch einzutragen ist. Der moralische Werth der Gabe leidet darunter, oft noch mehr als der materielle. Wer die Pflicht der Wohlthätigkeit üben will, muß nach dem Spruch handeln: „Thue däs Gute, wirf es ins Meer! Sieht es der Fisch nicht, sieht es der Herr." Wer das nicht mag, der hat seinen Lohn dahin, der darf sich nicht wundern, wenn er als Mann angesehen wird, der im Grunde auf eine Art Geschäft ausgeht, auf das Geschäft nämlich, sich den Ruhm eines Gönners gegen einen möglichst mäßigen Betrag einzutauschen. Gewiß: es gibt moralisch angreifbarere Geschäfte; doch auch die eben charakterisirten sind nicht derartig, daß man sie immer unbesehen abschließen müßte. Wenn sich die Bamberger'schen Erben entschließen wollten, Ludwig Bamberger's hinterlassene Schriften zu lesen, beispielswesse seinen sehr hübschen Aufsatz über „Die Kunst, zu schenken", so würden sie die Erkenntniß gewinnen, daß sie nicht im Sinne Bamberger's gehandelt haben, wenigstens nicht im Sinne dieses -Bamberger'schen Aufsatzes, als sie ihre Schenkung in seinem Namen so, wie geschehen, verclausulirten. Am vorigen Freitag ist Frau Jeannette Schwerin, Gattin des Sanitätsrathes Dr. Schwerin, geborene Abarbant, gestorben. In der Frauenbewegung war sie hervorgetreten, von barmherziger Gesinnung und natürlicher Neigung zum Wohlthun getrieben. Auf ihren väterlichen Namen war sie sehr stolz. Sie bemühte sich, ihre Abstammung von dem spanischen Abarbanel nachzuweisen, was freilich nicht gelingen wollte. Im Uebrigen war ihr Zusammenhang mit dem Judenthum der lockerste. Sie gehörte zu der „Gesellschaft für ethische Cultur", die in der Confessionslosigkeir wurzelt und bei allen löblichen Absichten Schaden anrichtet, am letzten Ende, nach kraftlosen, vergeblichen Versuchen, zur Taufe führte. Paris. Der Antisemit- A n t o n i, eine der Hauptstützen von Max Rezis in Algier, macht es der Polizei recht schwer, sich seiner Person zu versichern und ihn ins Gefängniß abzuführen, um dort seine sechs Monate wegen seiner Betheiligung an den Kundgebungen von Bonfarik abzusitzen. Letzthin warf er sich von dem Postdampfer, der ihn von Marseille nach Algier zurückführte, ins Wasser, als er Polizisten im Hafen erblickte, die ihn erwarteten, und schwamm ans Land, ohne von ihnen gefaßt werden zu können. Seitdem sucht man vergeblich nach ihm. Am vorigen Montag wurde er, während er vor einem Cafe zu Algier saß, von einem Polizeicommissär erkannt und sofort festgenommen. Als man Äntoni aber im Wagen aus dem Wachlocale nach dem Gefängniß Barberusse bringen wollte, entschlüpfte er wiederum feinen Wächtern und eilte dem Hafen zu. Dort warf er sich wieder ins Wasser und nun entspann sich ein förmlicher Kamps zwischen ihm und den Beamten, die ihm in Boten nachgesetzt waren, und die schließlich doch die Oberhand behielten und den triefenden Gefangenen auf Nummer Sicher brachten. London. Eine der ersten Autoritäten in allen Dingen, die die türkischen Verhältnisse in Palästina angehen, ist unzweifelhaft der General Wilson, der so viel in der Türkei gelebt hat, ulid erst jetzt wieder von einer Reise nach Palästina zurückgekommen ist. Es ist deshalb mit Dank zu begrüßen, daß „Jewish Chronicle" Gelegenheit genommen hat den General über die Verhältnisse der türkischen Behörden zu den jüdischen Colonisten interwiven zu lassen. General Wilson erklärte, daß sich seit ganz kurzer Zeit das Benehmen der Türkei gegenüber den jüdischen Colonien zum Schlechteren geändert habe. Nicht allein, daß ihm der Kauf von Land und die Bauerlaubniß erschwert worden sei, so seien sie auch aus den jenseits des Jordan gelegenen Colonien ausgewiesen worden. Befragt über den Grund dieser auffälligen Aenderung meinte General Wilson, daß sie ausschließlich auf die Ausichten des Sultans persönlich zurück zu führen seien, die derselbe sich nach Kenntnißnahme der Herzl'schen Broschüre „Der Juden st aat" gebildet habe. Der Sultan sei einer der mißtrauischesten und furchtsamsten Personen, und die Agitation für die Erwerbung Palästinas, welche einige Zionisten betreiben, habe den Sultan argwöhnisch gemacht. Keineswegs ist der Sultan den Juden als judenfeindlich, sondern nur den Bestrebungen des politischen Zionismus. So große Furcht habe er vor der Bewegung, daß seine Spione bei jeder großen zionistischen Versammlung anwesend seien, und daß alles was in dieser Frage geschrieben wird, in das Türkische übersetzt und nach Constantinopel geschickt wird. Auf die Frage des Jnterwievers wie lange die ungünstige Stimmung der Regierung dauern könne, antwortete General Wilson, daß sich