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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 539 vom 12. d. M. einen zum Theile auch in czechischen Blättern erschienenen Bericht, in welchem behauptet wurde, daß im November 1897 zwei jüdische Bewohner Wildenschwerts, G. und Z., ein Christenmädchen ermordet und in die „Wilde Adler" geworfen hätten. Wir haben sofort an Ort und Stelle Erhebungen eingeleitet, welche Folgendes - ergaben: Im Jahre 1897 war die siebzehnjährige Marie Ruth, Tochter der gleichnamigen Victualienhändlerin in Wildenschwert, bei der Modistin Zorn in Zwittau als Lehrmädchen beschäftigt, während ihr Bruder Ferdinand Ruth als Lehrling bei dem Zwittauer Zuckerbäcker Gerl ich bedienstet war. Während die antisemitischen Berichte das Mädchen als schön, anmuthig und heiter schildern, stimmen die Aussagen unbefangener Zeugen, auch christlicher, darin überein, daß die Marie Ruth von unheilbarem, kränklichen Aussehen, verschlossen und in sich gekehrt war. Sie hat wiederholt ihre Unzufriedenheit mit ihrer Beschäftigung geäußert, verließ mehrmals ihren Lehrplatz, wurde aber von der Mutter immer wieder gezwungen, dahin zurückzukehren. Am 7. November 1897 erschien die Marie Ruth zur Mittagsstunde im Sonntagskleide bei ihrem Bruder in Zwittau, um sich zu erkundigen, wann die Züge nach Wildenschwert gehen. Der Bruder rieth ihr ab, ohne Borwissen der Lehrfrau den Platz zu verlassen, das Mädchen eilte aber erregt von dannen und ward seither nicht gesehen. Gegen 10 Uhr desselben Abendes kehrte der christliche Director Strehla der Sobotka'schen Fabrik in Wildenschwert mit seiner Gattin zu Wagen aus dem Theater heim. Plötzlich bemerkte Herr Strehla am jenseitigen Flußufer bei dem Aufleuchten eines Zündhölzchens eine einzelne Gestalt, und gleich darauf hörte er ein Geräusch, wie wenn Jemand ins Wasser gesprungen wäre. Herr Strehla erklärte bestimmt, außer den Umrissen einer einzelnen Gestalt Niemanden gesehen zu haben; er machte gleich damals von seiner Wahrnchmung mehreren Personen Mittheilung. Die Mutter pflog eingehende Nachforschungen nach ihrem verschwundenen Kinde, sie erschien wiederholt in Zwittau und erhob schon damals die ganz und gar haltlose Beschuldigung, daß die Inden das Mädchen eingesperrt hielten. Als am 4. Juni 1898 die „Wilde Adler" die Leiche der Marie Ruth in halbverwestem Zustande ans Ufer spülte, erinnerte sich Strehla neuerdings seiner Beobachtung, die nun allgemein bekannt wurde. Man nahm an, daß Marie Ruth eitlen Selbstmord verübt habe und die Sache gerieth in Vergessenheit. Anfangs Juli d. I. nun erkrankte der in der mechanischen Weberei der Firma Schafranek in Wildenschwert beschäftigte Arbeiter Albin R o b. Kurz vor seinem Tode, am 0. Juli d. I. erschien die Mutter des Rob bei Frau Marie Ruth und bat sie, rasch an das Sterbebett ihres Sohnes zu kommen, da dieser ihr eine wichtige Mittheilung zu machen habe. Der Sterbende erzählte nun der Frau Ruth dieselbe Episode, deren Augenzeuge Director Strehla vor IV, Jahren war, als sein eigenes Erlebniß, nur fügte er noch hinzu, daß er bei dem Aufflammen des Zündhölzchen auch zwei Männergestalten gesehen habe, in denen er den Garnagenten Goldschmidt und den Pferdehändler Zwicker erkannt haben wollte. Rob wiederholte diese Aussage auch vor dem Gerichtsadjuncten D r z i h a, welcher dem Sterbenden, obwohl derselbe schon in Delirium lag, beeidigte. Auf Grund dieser Aussage leitete das Kreisgericht Chrudim eine Untersuchung ein. Sowohl Goldschmidt als Zwicker wurden einem strengen Verhöre unterzogen, welches auch nicht den mindesten thatsächlichen Anhaltpunkt für ein Verschulden derselben ergab. Charakteristisch aber sind die zwei folgenden Momente: Ein bei der Firma Schafranek Bediensteter, der in den letzten Lebenstagen Rob's häufig bei dem Kranken erschien, hatte in der Weinlaune schon acht Tage, bevor Rob, bereits vom Tode umfangen, seine Aussage machte, dieselbe phantastische Erzählung mit allen Details öffentlich zum Besten gegeben. Und drei Tage nach dem Tode Rob's erschien die alte Marie Ruth in Zwittau bei der Modistin Zorn und bei dem Zuckerbäcker Gerlich mit der Bitte, auf etwaige Anfragen jede Auskunft zu verweigern, da die Sache vom Chrudimer Gericht neuerdings untersucht würde. Auf der einen Seite wußte also Jemand schon 8 Tage vorher, welches Geheimniß der sterbende Arbeiter im Angesichte des Todes verrathen werde, auf der anderen Seite war man bestrebt, schon drei Tage nachher wichtige Zeugen zu beeinflußen. Die Leiche der Marie Ruth wurde am 11. d. M. exhumirt und die Eingeweide nach Prag geschickt. Weder bei der sanitätspolizeilichen Obduction im Juni 1898, noch bei der gerichtsärztlichen Obduction am 11. d. M. ergab sich auch nur der leiseste Anhaltspunkt für eine äußere Verletzung oder für ein unsittliches Verbrechen. Die beiden Verdächtigen werden von dem Bürgermeister von Wildenschwert als hochachtbare und streng rechtschaffene Familienväter bezeichnet, denen keinerlei verbrecherische Handlung zuzutrauen ist. Die Erhebungen nach dem Ursprünge dieser neuesten Blutbeschuldigung weisen auf einen Racheact aus geschäftlichen Motiven hin. Antisemitische Roheit. Aus Dürnkrut wird uns geschrieben: Der hiesige Bahnhofperron war gestern Abends der Schauplatz einer empörenden Scene. Der Bahnhofs-Restaurateur hatte zwei Gäste, die einen Scandal provocirt hatten, aus dem Locale schaffen lassen und wollte eben über den Perron in die Gaststube zurückkehren, als ihm ein robuster Mann entgegentrat und ihm mit den Worten: „Du bist a Iud', und an' Iuden muß i ane abihauen!" eine schallende Ohrfeige versetzte. Der Restaurateur, ein ruhiger und anständiger Mensch, dem das rohe Individuum — der Portier eines der vornehmsten Hotels in der inneren Stadt — ganz unbekannt war, verlor im ersten Augenblick die Fassung. Als er dann auf den Angreifer losstürzen wollte, wurde er von dem Stationschef und einigen besonnenen Leuten daran gehindert, die ihn versicherten, er werde auf andere Weise Genugthuung erhalten. Der Stationschef beorderte einige Bahnbedienstete zur Ueberwachung des antisemitischen Portiers und eines zweiten Mannes, der sich an dessen Seite gestellt hatte, und avisirte die Wiener Polizeidirection von dem Vorfälle, da in Dürnkrut zufällig kein Gendarm anwesend war. In dem Coupö, in welchem der Portier und sein Gesinnungsgenosse die Rückfahrt nach Wien zurücklegten, nahmen dann die Zeugen des Vorfalles und einige Bahnbedienstete Platz. Auf dem Perron der Nordbahn wurde der Portier von einem Polizeicommissär und einem Agenten übernommen. Da der zweite christlich-sociale Radaumacher die Verhaftung des Portiers hindern wollte, wurde auch er verhaftet und wird sich wegen Einmengung in eine Amtshandlung zu verantworten haben. Das Charakteristische an der empörenden Ohrfeigenscene tft aber, daß der in so roher Weise Angegriffene ein guter — Katholik ist. Zum Proceffe Rouffeau. Bon geschätzter Seite erhalten wir nachstehende Zuschrift: Die Ergebnisse christlich-sozialer Erziehung, offenbarten sich in ihrer ganzen Jämmerlichkeit und Trostlosigkeit am 13. Juli im Gerichtssaale, und die Censuren, die der Vorsitzende Hofrath Dr. Ritter von H o lzinger, und der erste Staatsanwalt Dr. Ritter v. Kleeborn den Zöglingen sammt den Meistern aus der großen christlich-sozialen Schule ertheilten. klangen ganz besonders erbaulich. Werden die Antisemiten die Wucht dieser vernichtenden Beurtheilungen aus dem Munde solch' hervorragender Richter empfinden, sich schämen und nunmehr in sich gehen? Es wäre thöricht, dies nur im Entferntsten zu hoffen. Denn was bedeuten für sie selbst die hervorragendsten Richter, was gilt Ihnen ein Richterspruch, was die Obrigkeit überhaupt? Welchen Respect die Antisemiten vor Richtersprüchen und der Obrigkeit haben, das kennt man zur Genüge. Hat nicht derselbe Lueger Richter von Berwaltsgerichtshofe insultirt? Und haben die Gesinnungsgenossen des Lueger mit diesem nicht gewetteisert in der Begeiferung und Verunglimpfung der erwähnten Richter? Der Herr Cooperator an der Pfarre zu Wr.-Neudorf erschien als Zeuge in diesem Proceffe, trotzdem er nach seiner eigenen Aussage bei dem Ueberfalle des Rouffeau nicht zugegen war, und gab an, daß in jüngster Zeit in Wr.-Neudorf ein Mann (also nicht bestimmt ein Jude) bei einigen der dortigen Familien um ein Kind ersuchte, das ihm einen Brief bestellen solle, was bei den Wr.-Neudorfern den Verdacht erregte, daß der Mann Kinder stehlen wolle. „Sie hatten die fixe Idee", sagte der Herr Cooperator, „es gehe ein Mann herum, der ihnen ihre Kinder zu entwenden suche," also nicht zu dem Zwecke, um sie zu schlachten und in dem Besitz von Christenblut zu gelangen. So ist Rousseau unschuldig zu der Affaire gekommen. Die Leute meinten, er fei der Mann, von dem das Gerücht herumgeht. Als der Vorsitzende hiezu bemerkte: „Die Leute glaubten, daß dieser Mann ein Jude ist, der die Kinder abschlachten will," replicirte der Cooperator: „Ich bin jetzt drei Jahre draußen, aber ich habe nie gehört, daß solche Ansichten unter den Leuten verbreitet wären. Die Angeklagten selbst deponirten übereinstimmend, sie hätten geglaubt, Rouffeau sei ein Jude, der ihre Kinder abschlachten wolle, um Christenblut zu haben. Den betrübenden und beschämenden Eindruck dieser G'ständnisse ver-

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