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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Br. Blvch^s Wochenschrift. Seite 537 Kaddisch-Gebet verrichteten, und als ob sich das schöne Wort eines der Redner, wonach aus der Asche des irdischen Ueberrestes des Verblichen Heil u»d Segen für Israel emporblühen mögen, verwirklichen sollten, fiel alsbald ein befruchtenden Regen aus die frischen Grabschollen hernieder, der gewiß nicht nur den Proceß der Verwesung, sondern nach den ewigen Gesetzen der Natur auch den Keim neuen Wachsthums fördern sollte. Der Ewige hat ihn gegeben, der Ewige hat ihn genommen, gelobt sei sein Name in alle Ewigkeit! S. K. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Kuchelbad, Nachod und Stahlener.T— Anti-Czechismus und Antisemitismus. — Der Ruf nach dem Ghetto. — Die Bestie im Wolke. — Don Rippenbrüchen und Ohrfeigen. — Das Gewissen Bergan? s. — Auf der Suche nach dem Ritualmord.) Einige Czechen in Wien haben die Geschmacklosigkeit begangen, zu dem Feste eines Sokolistenvereines beim Stalehner in ihrer Nationaltracht auszurücken, und deutschnationale Studenten hielten es als die Söhne einer großen Culturnation für ihre Aufgabe, die Festtheilnehmeer mit Rettichen zu bewerfen und durchzuprügeln. Die Veranstaltung der Czechen, insoweit der Schauplatz die Straße war. ist zweifelsohne taktlos; sie wissen, daß sie dadurch die Empfindlichkeit der Deutschen verletzen, die durch das Benehmen der Czechen gegenüber deutschen Minoritäten in Böhmen gesteigert worden ist, und öffentliche czechischna.ionale Kundgebungen in der deutschen Stadt Wien sind ungehörig, zum Mindesten aber inopportun, well sie zur Feindseligkeit aufregen, die leicht brutale Formen annimmt. Die Deutschnationalen haben aber mit ihrer Action gegen die Czechen nicht gewartet, bis diese wirklich „provocirten"; sie haben kürzlich die Liedertafel eines slavischen Gesangvereines gestört, obgleich es sich um eine rein interne Feier handelte, die zu veranstalten Jedermann berechtigt ist, also auch die Czechen. Der nationale Fanatismus hüben und drüben hat eben alles Rechtsgefühl untergraben und jene Duldsamkeit vernichtet, welche mit der Civilisation untrennbar verbunden ist. In englischen und amerikanischenglischen Städten gibt es groß? deutsche Colonien, die ihr Deutschthum hegen und Pflegen, ohne irgendwie behelligt zu werden; die Engländer und die Amerikaner würden die Zumuthung, daß sie ein deutsches Fest stören oder daß sie die Deutschen ihrer Nationalität wegen gesellschaftlich oder wirthschaftlich boycottiren sollen, lächerlich finden. In Oesterreich wird der Haß und die Feindschaft noch über die an sich schon culturwidrige Antipathie hinaus bis zu einem Grade gesteigert, der schließlich keine andere Lösung möglich erscheinen lä^t, als die gänzliche Ausrottung der jeweiligen Minorität, sei es der deutschen oder vorwiegend czechischen Gegenden oder umgekehrt. Wohin soll das führen? Will sich denn Niemand daran erinnern, daß die Deutschen und die Czechen Bürger eines uud desselben Staates sind, daß sie in gleichem Maße das Recht besitzen, hier zu leben, zu arbeiten, zu erwerben und zu genießen? Mag sein, daß die Czechen in ihren nationalen Ansprüchen begehrlicher als die Deutschen sind, aber diese sind in Oesterreich nicht blos der Bevölkerungszahl nach in der Majorität, sondern in noch viel höherem Maße vermöge der Größe ihres Sprachgebietes und ihrer geistigen und wirtschaftlichen Ueberlegenheit. Die Czechen werden in Wien immer nur eine „Colonie" bleiben. Ihre Liedertafeln und ihre Turnerfeste werden den deutschen Charakter Wiens gerade so wenig gefährden wie etwa der Ungarnball und der Polenball. Vielleicht würde auch die Veranstaltung eines Czechenballes als Provocation angesehen werden, die ähnliche Scenen wie beim Stalehner zur Folge hätte. Die Dinge sind eben so weit gediehen, daß schon die bloße Eristenz der Einen von deu Anderen als Provocation angesehen wird, und die Mißhandlung deutscher Studenten in Prag steht auf der gleichen Culturstufe mit der Jnsultirung tschechischer Vereinsturner in Wieu. Der gegenseitige Haß und die gegenseitige Verfolgungswuth bieten ein lächerliches, unwürdiges, culturwidriges Schanspiel. Die Socialdemokratie zeigt auch in dieser Hinsicht, daß sie eine fortschrittliche Partei ist. In den Versammlungen der organisirten Arbeiter wird je nach Bedarf d.utsch oder czechisch gesprochen. Es fällt Niemandem ein. sich über die Sprache der Anderen zu moquiren. Als ob oie Welt nicht hinreichend mit politischen und wirthschaftlichen Sorgen ausgestattet wäre, wird auch die Nationalitätenhetze nach Kräften geschürt, und ein Fest beim Stahlener gibt den Ausgangspunkt zu einer großen Action ab, in welcher allen Ernstes zur wirthschaftlichen Boycottirung aller in Wien lebenden Czechen aufgefordert wird. Die christlich-socialen Blätter werden plötzlich deutschnational, die „Ostdeutsche Rundschau" citirt beifällig das Deutsche Volksblatt, der aus Sollenz in Galizien hier eingewandrrte Ernst Vergant und der aus Bukarest hieher zugereiste Dr. Theodor Wähner rufen die „Eingeborenen" zum Kampfe gegen die Fremdlinge, nämlich die Czechen, auf. Bergani geberdet sich, als wären thathsächlich die Diebsinseln seine Heimat, wo jeder Fremde gefressen wird, und die „Deutsche Zeitung" hat in einem unbewußten Anfalle von richtigem Instinkt die Bewegung, die sie in Wien anzuzetteln wünscht als „Anti-Czechismus" gekennzeichnet, als ein Seitenstück zum Antisemitismus, weil sich mit dem Czechen ebensowenig „hausen" laffe als mit den Juden. Sogar die „NeueFreiePresse" verliert in diesem Falle jede Objectivität, uud sie beschwört den Geist des berühmten Nachtwächters von Leitomischl, um zu beweisen, daß dieser in anderen Ländern über allen Parteien stehende öffentliche Functionär eigentlich gar kein Nachtwächter sei, sondern ein politisches Princip. Die Affaire Stalehner scheint den Organen der christlichsocialen Partei ein geeignetes Mittel zu sein, um die deutsche Bevölkerung Wiens aufzuregen und die öffentliche Aufmerksamkeit von dem Wahlrechtsraub abzulenken. Die „Deutsche Zeitung" spricht buchstäblich von einem „czechischen Ghetto" und sagt, die Czechen in Wien seien ein kühn vorgeschobener Posten des Slaventhums. Worin die Kühnheit liegen soll, daß Czechen in Wien leben und arbeiten, mitunter allerdings auch „vorschieben", weil es viele czechische Schuster gibt, entzieht sich unserem Verständnisse. Die Staatsgrundgesetze gewährleisten allen Bürgern die Freizügigkeit und die sprachliche Gleichberechtigung, sowohl den Czechen als auch den Deutschen. Herr Dr. Wähner, hieher zugereist aus Bukarest, schreibt aber weiter: „Sie stehen uns E i n g e b o r n e n gegenüber w i e die Juden jetzt und im Mittelalter, und sie sollen ihr Ghetto haben am Laaerberg,wo sie ihrer Nahrungsquelle, den Ziegelwerken, am nächsten sind, aber herauswagen aus ihren böhmischen Zirkeln, und unsere Kreise stören sollen sie nicht." Erbezeichnet sie als „vom Tabor eingeflogene Mauerschwalben", als Stiefelputz e r der Vindobona, als einen Polyp, der mit tausend Saugnapfen an Wiens nährenden Adern saugt, und fordert schließlich auf. sie zu boycottiren. Die Czechen erfahren also hier die gleiche Behandlung, wie sie in so mancher czechischen Stadt den Deutschen, noch schlimmer aber den Inden zutheil geworden ist, insbesondere wenn es deutsche Juden waren. Wenn die deutschnationalen Allüren der Christlich-socialen Blätter nicht ohnehin schon verdächtig wären, so würde die lächerliche und wippchengeschmückte Sprache der „Deutschen Zeitung" die Unechtheit der zur Schau getragenen Gesinnung darthuu. Die Begeisterung für das eigene Volk ist durchaus nicht identisch mit dem boruirten Hasse gegen die Angehörigen anderer Nationalitäten, mit ihrer widerrechtlichen Unterdrückung, mit ihrer Beschimpfung, mit ihrer gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verfolgung und Boycottirung. Die „Deutsche Zeitung" hat vielleicht selbst nicht gewußt, wie glücklich geprägt das Wort „Anticzechismus" ist. welches sie dem „Antisemitismus" gleichstellt. Die beiden Begriffe sind allerdings von dem gleichen ethischen Werth erfüllt; sie lehren uns, daß es nicht blos eine Bestie im Menschen, sondern auch eine Bestie im Volke gibt. Deutschenhaß, Czechenhaß und Judenhaß, sie sind, vom allgemein menschlichen Standpunkte betrachtet, durchaus identisch, sie sind das Wesen der Bestie im Volke, und Kuchelbad, Nachod und Stalehner stellen die Formen ihrer Erscheinung dar. * * * Die „Bestie im Volke" hat im „Demschen Volksblatt" ihr berufenstes publicistisches Organ, und es hat diese seine Stellung auch in dem Falle Rousseau vollständig ausgefüllt. In dem Processe gegen die Ziegelarbeiter, welche bei Wiener-Neudorf einen Franzosen mißhandelten, weil sie ihn für einen Juden hielten, der den Kindern das Blut abzapfen wollte, was sie auch Alle glaubten, sagte der Staatsanwalt Dr. v. K l e e b o r n in seinem Plaidoyer: „Schuld an diesem Falle ist allein der Wahn, daß die Juden Christenkinder schlachten, und dieserWahn ist böswilligerWeise genährt worden. Es würde den thatsächlichen Verhältnissen nicht entsprechen, wenn gerade die heutigen Angeklagten ihre Schuld allzu hart büßen müffen, während Diejenigen, die böswillig diese Gerüchte verbreiteten und den Irr-

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