Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 28 Seite 531 Dr. B^nh's Wochensmrif der nahegelegenen Garnisonsstadt seinen Kameraden: „Die Juden werden zu srech. Hat mir der Jude Goldmark ein paar lumpige Tausend Gulden gegeben und zum Entgelt soll ich seine Tochter, das Judenmädel heiraten! Ha, ha, ha! Wir wollen sie Mores lehren, diese frechen Juden!" Und nun blieb er ganz aus. In den zärtlichsten Liebesbriefen beschwor Amalie ihn in das Haus ihres Vaters zurückzukehren. Der Schänder ihrer Ehre lachte ihrem Schmerze, ihrer Verzweiflung und antwortete nicht. Gram und Kummer zehrten an dem Mark ihres Lebens, Scham und Reue zerwühlten ihr Innerstes, und als diesmal ihre jüngeren Brüder wieder zu den Ferien nach Hause kamen und sie durch dieselben lebhaft an Welten erinnert wurde, beschloß sie in wilder Raserei noch einen letzten Versuch zu wagen. Sie wollte dem Baron unter das Antlitz treten und ihn an seine Schwüre gemahnen, ihn um Erbarmen mit ihrem gräßlichen Jammer, ihrem namenlosen Weh anflehen. Wieder war es der Abend des achten Ab, als sie das HauS ihres Vaters verließ. Ein kalter Regenschauer füllte die Luft und der Wind heulte und stöhnte durch die menschenleere Straße als sie die Waagbrücke überschritt. Im F . . . Kastell angelangt, durchschritt sie ohne Hemnmiß mehrere Zimmer und fand ihn selbst in seinem Cabinete auf dem Sopha ausgestreckt. Mit lautem Weinen warf sie sich ihm zu Füßen, jammerte um Gnade und Erbarmen, um Schonung für ihre Unschuld, die sie ihm hingegeben. Wüthend sprang der Edelmann empor; verächtlich stieß er sie mit dem Fuße von sich und ries seinen Diener, das freche „Judenpack" aus dem Hause zu entfernen. Da schleuderte sie einen gräßlichen Fluch gegen den Verräther ihrer Ehre und stürzte hinaus. Ihre Stirn brannte, ihre Augen stierten glanzlos in die Ferne. So war denn die letzte Hoffnung vernichtet, ihr junges Leben zerstört. Nur einen Ausweg kannte sie und dorthin flog sie ... . Am Morgen wurde ihre Leiche aus der Waag gezogen. Den Vater traf bei der Kunde von dem Tode seiner geliebten Tochter der Schlag und am Nachmittage des neunten Ab trug man sie Beide zu Grabe, auf dem fast eine halbe Stunde vom Orte entfernten kleinen jüdischen Friedhofe. Mehr als zehn Jahre sind seitdem verflossen. Herr v. R. hat sein Gut wieder zur Selbstbewirthschaftung übernommen Dagegen haben die jungen Goldmarks das F. . . sche Gut käuflich an sich gebracht. Der alte Baron war gestorben und der junge, der schuldenhalber vom Militär quittiren mußte, hat es so belastet, daß es im Executionswege feilgeboten wurde und die Erben Goldmark's, die als Gläubiger des ersten Satzes darauf intabulirt waren, es erstanden, während der Baron sein Leben als Agitator der inzwischen entstandenen antisemitischen Volkspartei fristet. Die jungen Goldmark's bekunden ein warmes Herz sür's Judenthum. In ihrem Kastell haben sie den größten Saal als Synagoge für die kleine Gemeinde eingerichtet. Dr. Welton besucht jedes Jahr seine ehemaligen Schüler und das Grab Amaliens, am — T i s ch e - b e o w. Literatur. „Geschichte der Juden und ihrer Literatur." „Für Schule und Haus", bearbeitet von Dr. M. Braun. — II. Theil. Vom Abschluß des Talmuds bis auf die Gegenwart. Zweite durchgesehene Auflage. Verlag von Jacobsohn u. (fo. Breslau 1899. - Vorliegende Geschichte der Inden und ihrer Literatur ist ein ausgezeichnetes jüdisches Geschichts- und Literaturwerk, in dem der ungeheuere Stoff so geschickt geordnet und methodisch verarbeitet ist, daß es sich in der That trotz des gelehrten Materials, das in demselben mit großer Sachkenntniß und Forscherblick zusammen getragen ist, für Schule und Haus sehr gut eignet. In der Einleitung, die neuer Gesichtspunkte nicht entbehrt, gewährt uns der Verfasser einen Einblick in die geistige Entwicklungsgeschichte unseres Volkes vom Abschluß des Talmuds bis auf die Gegenwart. So nebenbei, was aber für uns von großer Wichtigkeit ist, erklärt der Verfasser logisch die Thatsache, warum in alten Zeiten die heiligen jüdischen Urkunden nicht schriftlich ausgezeichnet, sondern mündlich von Generation zu Generation überliefert wurden. Alle anderen jüdischen Historiker vor Dr. Braun geben verschiedene Gründe zur Erklärung dieser Thatsache an. Uns scheint es dagegen, daß Dr. Brann das Richtige getroffen hat, wenn er annimmt, daß der Umstand, daß damals die heiligen Urkunden noch immer aller Bocal- und Lesezeichen entbehrten, es naturnothweudig mit sich brachte, daß Jeder, der das heilige Schriftthum richtig lernen und verstehen wollte, sich selbes auf dem Wege mündlicher Ueberlieferung zu eigen machen mußte, um es dann auch Anderen auf diese Weise zu überliefern. Bedenkt man nun, daß es gerade eine Eigenthümlichke'it der semitischen Sprachidiome ist, daß jedes ihrer Worte durch die Möglichkeit verschiedenartig gelesen zu werden, eine mannigfaltige Begriffsbedeutung znläßt, so wird man die These Dr. Braun's erst recht zu würdigen wissen und zugeben, daß sie etwas für sich hat. Sehr angenehm liest sich Braun's „Geschichte der Juden und ihrer Literatur" ob der bilderreichen Darst'llung, die sich an vielen Stellen zu hoheni Schwünge erhebt und trotzdem jedes Schwulstes entbehrt, was ans den Leser einen wvhlthuenden Eindruck macht. Als Beispiel wollen wir hier nur eine auf den Musivstil unserer „Poötanen" bezughabende Stelle aus vorliegender Schrift citiren: „Wie der Künstler zur Mosaikarbeit", heißt es daselbst, „kleine bunte Steine verwendet, um ein von ihm erfundenes Bild daraus zusammenzusetzen, so nahmen jene Dichter (Pajtanen) Redewendungen der heiligen Schrift und verwoben sie zu neuen, selbstständig geschaffenen Gedankenbildern." Wiewohl nun Braun's Geschichte rc. nur für Schule und Haus berechnet ist, so behandelt dennoch der Verfasser die verschiedenen Gebiete der jüdischen Literatur mit einer solchen Gründlichkeit, daß selbst der Fachgelehrte durch die Lecture der Brann'schen „Geschichte der Juden und ihrer Literatur" viel gewinnen kann. Bei Besprechung der Kabbala beziehungsweise des Sohar, kann der Verfasser nicht umhin, eine sehr interessante Bemerkung zu machen, die nicht genug gewürdigt werden kann und auf die wir die Aufmerksamkeit jener Kreise besonders lenken möchten, welche ohne Weiteres über die Kabbala den Stab brecken. Dr. Brann sagt diesbezüglich Folgendes: Es wäre thöricht zu glauben, daß der Sohar nur verworrene Phantasien und unhaltbare Träumereien in bunter Reihenfolge vorführte. Er ist vielmehr reich an tiefsinnigen und anregenden Gedanken, die er aus dem Talmud, dem Midrasch und der späteren Literatur zusammengetragen hat, wie er es auch versteht, mit herzergreifender Wärme, hin und wieder sogar mit hinreißender Gluth der Begeisterung vorzutragen. Es gebührt ihm das Verdienst, das Judenthum vor Verknöcherung bewahrt zu habe n." Die gewählten hebräischen Gesänge, in deutscher Uebersktzung angeführt, werden in den Fußnoten mit einer Sachkenntniß erläutert, die nichts zu wünschen übrig läßt, überdies geschieht es in solcher Kürze, daß es den Leser nicht ermüdet. Im Gegensätze zu den sogenannten „Modernen", welche sich darin gefallen, die Verdienste Mendelssohns um die Neubelebung des Judenthums zu schmälern, meint Dr. Braun sehr richtig, daß Mendelssohn mit genialem Griff den Punkt zü finden wußte, von welchem die Wiedergeburt des jüdischen Lebens ausgehen soll. Was jedoch in der vorliegenden Arbeit Dr. Brauns besonders auf den Leser wohlthuend wirkt, ist, daß in derselben sämmtliche jüdische Gelehrte und Schriftsteller von Bedeutung, sämmtliche jüdische Wohlfahrtseinrichtungen und Unterrichtsanstalten der neuen und neuesten Zeit entsprechend gewürdigt und berücksichtigt werden. Vorliegendes Buch ist daher nicht nur ein ausgezeichnetes Buch für Schule und Hans, sondern auch unentbehrlich für jeden jüdischen Gelehrten, unentbehrlich für jeden modern gebildeten Rabbiner. Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann, derzeit Wien. Wiederum liegen vier neue Bände des bekannten Sammelwerkes „Am Ende des Jahrhunderts" (Verlag von Siegfried Cronbach in Berlin) vor uns, und zwar: Band X—XIII, enthaltend : Korn, Dr. G>, Volksgesundheitspflege und Jrrenwesen im XIX. Jahrhundert. — Korn, Dr. G.. Die Heilkunde im XlX. Jahrhundert. — Lublinski, S.. Litteratur und Gesellschaft im X'X. Jahrhundert. I. (Die Frühzeit der Romantik.) — L u b l i n s k i, S., Literatur und Gesellschaft im XIX. Jahrhundert. II. (Romantik und Historizismus.) Selten haben wir in neuerer Zeit so viel Freude an literarischen Erzeugnissen gehabt, als an den beiden neuesten Bänden dieses Unternehmens: Literatur und Gesellschaft im XlX. Jahrhundert.