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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-14 · 28 (14.7.1899) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 26 Dx. Bloches Wochenschrift« Seite 529 Ihr habt einen Sohn und Schwiegersohn in Eurem Geschäft und braucht Euch um dieses nicht zu kümmern, Ihr seid beim Kreisamt und Landesgubernium ein TM 4 5 * *) . . . . Und glaubt Ihr, der Bürgermeister, der jetzt ein Roscho ist, wird wenn man einen Anderen zum Roschhakohol macht, auf einmal geschwind ein Ohew Jssroel b) werden? Mir scheint bei dem kann nix mehr verdorben werden! Was kann es denn noch Aergeres als das Aergste geben? Dominik Goltzinger ist schon ein so großer Szone Jsroel°), daß er gar nit mehr ärger werden kann. Aderabbe?) ich glaub' je mehr Rosche der Bürgermeister ist, desto nothwendiger is es, daß Ihr Roschhakohol bleibt. Lemaanhaschem!8 9 * * *) was wird uns der Bürgermeister denn thut, wenn Ihr, ihm zu lehachs 0) doch unser Parnes") bleibt? Die Ras' wird er Euch und uns nit abbeißen. .... Ich bleib bei meiner Red! Wir wollen keinen anderen Roschhakohol, wir wählen keinen Andern!" Reb Kalme hatte seinen speeeli ziemlich schüchtern begonnen und wahr schon während desselben durch das zustimmende Kopfniken und beifällige Gemurmel etwas sicherer geworden; aber als am Schlüsse mehrere Stimmen riefen: „Reb Kalme hat ganz recht, Reb Jvssef muß ad meo schonim l') unser Roschhakohol bleiben", ward er Plötzlich machtvoll von der Ueberzeung erfaßt, daß er wirklich ein genialer Redner sei. Er erstaunte selbst über seine früher nie geahnten Geistesgaben, und ließ einen, sein erstarktes Bewußtsein ausdrückenden Blick, über die ganze Versammlung schweifen. Aber er sollte nicht lange in seinen rasch errungenen Triumphen schwelgen; denn nun erhob sich Reb Zodok Datschitz und sprach: „Ich habe eine andere Deo,a) als Reb Kalme. Ich glaube wir müssen, der Aufforderung unseres bisherigen Roschhakohols folgen und sofort zur Wahl eines neuen schreiten. Vor Allem schon aus dem Grunde, weil mein alter Freund, Reb Jossef Singer, der Mann ist, der nichts spricht und thut, was er nicht vorher reiflich bedacht hat, dann aber an seinem Entschlüsse unerschütterlich festhält. Reb Kalme ist ein sehr kluger Mann, aber darin kann ich ihm nicht beistimmen, daß wenn wir dem Bürgermeister Trotz bieten, er nicht noch ärger werden kann als er schon ist. Ich bin ein alter Mann und habe Vieles erfahren glaubt es mir, es gibt keinen so schlechten Menschen auf der Welt, daß er nicht noch schlechter werden könnte, und wenn Bürgermeister Golzinger auch wie Reb Kalme richtig behauptet hat, auch wenn wir einen andern Roschhakohol wählen, nicht auf einmal ein Ohew Jisroel werden wird, so führe ich dagegen einen zweiten Erfahrungssatz an. Es ist auch kein Mensch s o schlecht, daß er nicht, wenn er freundliches Entgegenkommen sieht, doch ein klein wenig in sich geht. Und wenn", — Reb Zodok lächelte — „Reb Kalme meint, der Bürgermeister würde uns auch im ärgsten Falle nicht die Nase abbeißen, so halte ich auch dies nicht für ganz unmöglich — als ich einmal als junger Mann in Brünn zu Markte war, habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, wie bei einer Rauferei, ein slowakischer Drahtbinder dem anderen ein Stück Nase abgebissen; — allein, das halte ich lei einem Bürgenmeister doch für höchst unwahrscheinlich, aber", Reb Zodok war wieder ernst geworden — es bestehen in Mähren für die Juden sehr harte Gesetze, und der Bürgermeister kann uns das Leben unerträglich, unsere Existenz unmöglich machen. Man muß unter allen Verhältnissen die goldene Mittelstraße einschlagen. Wir müssen uns vertheidigen, aber wir müssen auch zur rechten Zeit nachgeben. Reb Jossef Singer hat sehr recht gethan, dem neuen Stadttyrannen zu zeigen, daß wir uns nicht wehrlos wie Straßenkoth treten lassen, und es wird dies dem neuen Vorsteher gewiß zu Gute kommen; aber wenn er jetzt aus seinem Amte tritt und dies durch sein hohes Alter erklärt, so hat weder er, noch die Gemeinde sich hiedurch etwas vergeben. Auch aus Rücksicht für 4) Einflußreicher Mann. 5) Jndenfreund. •) Judenfeind. *) Im Gegentheil. 8) Um Gotteswillen. 9) Trotz. '") Vorsteher. ") Wörtlich bis hundert Jahr, figürlich die längste denkbare Zeit. '') Meinung. Reb Jossef müssen wir seine Amtsniederlegung, wenn auch mit tiefem Bedauern, so doch ohne Widerspruch und dem vergeblichen Bemühen ihn zum Widerruf zu veranlassen, entgegennehmen. Reb Jossef kann, nachdem was zwischen ihm und dem Bürgermeister vorgefallen, nicht weiter mit ihm verkehren. Ihr sehr daher, meine lieben Freunde, es spricht Alles dafür, daß wir, wie immer, dem weisen Rathe unseres alten Gemeindevorstehers folgen und zur Wahl eines neuen schreiten müssen." Des Menschen Sinn ist wandelbar und leicht bestimmbar, und gerade jene, die früher am lautesten gerufen hatten „Reb Kalme hat recht", riefen jetzt eben so stürmisch „Reb Zodek hat recht, wir müssen einen neuen Roschhakohol wählen!" Das Bedürfnis eines neuen Gemeindeoberhauptes war mit solcher Plötzlichkeit eingetreten und man hatte bislang so wenig an einen Nachfolger des gegenwärtigen gedacht, daß Niemand eine Idee batte, wen man wählen sollte, und es war eine längere Pause der Rathlosigkeit eingetreten. „Wen aber sollen wir zum neuen Roschhakohol machen?" gab endlich Reb Refoel Kazow13 *) der allgemeinen Stimmung Ausdruck. „Tommer ") wählen wir Reb Jossefs Sohn oder Eidam," riskirte Reb Joine Szochor ,5) „das Amt ist ja schon viele Jahre in seiner Familie." Jetzt, nachdem schon Mehrere das Wort ergriffen hatten, fühlte der ehrgeizige Nissen Schneider der das brennende Bedürfniß sich in der Versammlung bemerkbar zu machen, und wollte bei dieser passenden Gelegenheit, Reb Joine Szochor der jüngsthin einen aus Reb Nissens Kunstatelier hervorgegangenen Winterrock einer abfälligen Kritik unterzogen, einen Klaps versetzen und meinte — nebenbei bemerkt, recht vernünftig: „Darin möchte ich keine große Chochmo,0) sehen. Gegen die Leut' Hab' ich nix, die Leut' wären mir schon ganz recht; aber wenn der Bürgermeister über Reb Jossef broges ,7) ist, wird er seinen Sohn oder seinen Aden '*) auch nit gern haben. Da wär's doch gescheidter, wir bleiben gleich bei Reb Joffes!" Das Auditorium hat^e sich rasch daran gewöhnt, immer den letzten Redner zuzustimmen, und ein starker Chor rief: „Reb Nissen Schneider hat ganz recht!" „Meine lieben Freunde", ergriff nun wieder Reb Zodok Datschitz das Wort. „Die Wahl kann nicht so rasch vorgenommen werden. Ich bin ein alter Mann und kenne die Gesetze. Die meisten von Euch haben, da Reb Jossef schon vierzig Jahre Vorsteher ist, eine solche Wahl gar nicht mitgemacht. Unser Juden-Polizeiordnung vom Jahre 1752 bestimmt, daß „nach hergebrachter Weise die Wahlmänner auszulosen sind, welche den Judenrichter zu wählen haben" — Das muß vorbereitet werden, das kann nicht so schnell und am Schabbes gar nicht geschehen." „Ewadde, Ewadde; Reb Zodok hat recht" riefen fast Alle. „Reb Zodok hat wie immer auch diesmal recht gehabt," sprach der Vorsteher, „nach den gesetzlichen Bestimmungen soll die Wahl durch ausgeloste Wahlmänner vorgenommen werden, und auch darin hat er vollkommen recht, daß die Vorbereitungen längere Zeit in Anspruch nehmen, der Wahlact hiedurch auf längere Zeit hinausgeschoben würde. Das aber würde sich, wie ich wohl nur kurz anzudeuten brauche, für unsere Verhältnisse nicht empfehlen. Die Wahl durch Wahlmänner pflegt auch in der Regel nicht zu befriedigen, es pflegt vorzukommen, daß sie nicht nach dem Sinne der Allgemeinheit wählen. Die höheren Behörden halten sich in der Regel nicht wie die unteren nur an den Wortlaut, sondern an den Geist des Gesetzes. Wenn die Gemeindemitglieder einstimmig oder auch nur mit einem großen Row") den sogenannten Judenrichter, den Roschhakohol wählen, wird das Landesgubernium ohne Umstand die Wahl bestätigen. Das Gesetz ist zumeist für sehr große Gemeinden berechnet. Bor zwei Jahren wurde in Rausnitz ein Roschhakohol ohne Wahlmänner von den Gemeindemitgliedern gewählt, und die Behörden haben ihn anstandslos bestätigt." „Ja, ja, Reb Joffes hat recht," bezeugte Reb Kalme Wongraz, „mein Schwestermann ist ein Rausnitzer." „Ich bürge dafür, fuhr Singer, die Unterbrechung und Bestätigung nicht beachtend, selbstbewußt fort, „daß man in ") Der Fleischer, Metzger. ") Vielleicht, etwa. * ') Der Händler, speciell der Krämer. >°) Klugheit. n) Erzürnt, aufgebracht. 1S) Schwiegersohn. ,9) Einer großen Majorität.

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