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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-14 · 28 (14.7.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Blvch's Wo^reuschrifr^ Seite 523 Den Schluß des Artikels freilich, den hat kein Ausländer geschrieben, der trägt die Hausmarke der Kreuzzeitung unverkennbar, und diesen Schluß wollen wir unseren Lesern nicht vorenthallen: „Wer den „Courier mondain“ der tonangebenden Journale liest, findet neben wenigen Namen der alten Aristokratie nur Juden mit deutschen Namen, Rothschild, Stern, Bischofsheim, Mr. le Comte Cahon d'Anvers oder Kohn aus Antwerpen. Er findet die Beschreibung ihrer Feste, die Toiletten der Frauen und die Trousseau der Schickselchen bis ins Kleinste." Wir können begreifen, daß selbst ein Gänseleberpasteten- Rausch nicht im Stande ist, ein antisemitisches und patriotisches Gemüth darüber zu trösten, daß nicht einmal der „Courier mondain“ der tonangebenden Journale gegen die Beschreibung der Trousseaux der „kleinen Schickselchen" abgeschlossen ist. Wir können verstehen, daß man in solchem indianischen Vogelnesterjammer von Verzweiflung gepackt wird. Die Kraft im Liede.*) Von Sigmund Wimmer. In unserer von politischen und anderen Wirnissen argbedräilgken Zeitströmung gehört es gewiß nicht zu den alltäglichen Erscheinungen, daß ein neuer Lyrikband eine nachhaltige, tiefere Wirkung hinterläßt. Bei dem lyrischen Erstlingswerke Adolph Donat h's**), eines jung-wiener Literaten, kann aber unstreitig von einem solchen Erfolge gesprochen werden. Seit der Kritik-Heros Georg Brandes das Buch gegen all seine Gepflogenheit mit einem panegyrischen Vorworte schmückte, bis zu dem Momente, da S. L u b l i n s k i speziell über die „Judenlieder", einen Cyclus von fünf Gedichten, einen begeisterten Hymnus schrieb, entwickelte sich wie mit einem Schlage ein förmliches kritisches Handgemenge. Vivat hüben und Pereat drüben. Unter denen aber, die das letztere Schlagwort auf ihr Banner pflanzten, herrschte eine merkwürdige Einhelligkeit, die darin gipfelte, daß sie den Donath'schen Poesien Kraftmangel und (vide M. G. Conrad) feminines Element zum Vorwurfe machten. Ist schon das ganze Gezänke und der starke Absatz des Buches ein Beleg dafür, daß die lyrische Kraft und die lyrische Wirksamkeit nicht nach den traditionellen Ueberlieserungen zu bewerthen ist, so soll ein minder spielerisches Eingehen auf dieses Gebiet einigen Aufschluß darüber geben, was man denn gemeiniglich unter kraftvoller Lyrik versteht und bis zu welchem Ausmaße eine feinliterarische, poesievolle Lyrik sich mit Kraftfülle und Gesundheitsfanatismus in Einklang bringen läßt. Seit Altmeister Goethe seine olympisch-ruhigen, quellenklaren Verse in die Welt Hinaussteuern ließ, geriethen die lyrischen Kraftanbeter in babylonische Verwirrung. Sie sagten: Abschaffung der Empfindsamkeit, des Stimmungszaubers und ähnlicher krankhafter Auswüchse, wir wollen Kraft, ungetrübte weimarischgoethe'sche Kraft! . . . Und damit eine kraftstrotzende Poesie in dieser Couleur entstehen könne, schien es geboten, der urewigen menschlich-seelischen Regung kraftvoll Valet zu sagen, und ein bombastisch-dröhnender, wenn auch noch so Inhalts- und poesieloser Aufschrei wurde — o mißverstandener Goethe! — mit frenetischem Jubel begrüßt und gutgeheißen. Zumindest mußten „Kreuze aus d.er Erden" gerissen werden, um dieser lyrischen Freiheit eine Gasse zu brechen ... Und auch eine gewisse Sorte der „Moderne" ist diesem Gout — allerdings obendrein in mystischer Verfinsterung — getreu geblieben. Aber die Kraft eines reinlyrischen Gedichtes (und nur ein solches ist ein literarisches Vollproduct) äußert sich keinesfalls in prunkvollen Gebärden oder in wilden, emphatischen Wuthausbrüchen, sondern lediglich in der Nachhaltigkeit der Wirkung auf Seele und Geist: in der künstlerischen Unterdrückung aller Affectionen während der mächtigsten innereu Ergriffenheit. Und in diesem Sinne sind die Donath'schen Gedichte Kraftproducte allerersten Ranges. Der schmerzliche Aufschrei eines seit Jahrhunderten gehetzten und geknechteten Volkes, des Judenthums, spiegelt sich mit all dem tieftraurigen *) Auszug aus der im Herbste erscheinenden Broschüre: „Die Kraft im Liede, ein modernes Problem." **) „Tage und Nächte," Verlag Schuster und Löffler, Berlin 1899. Farbenspiel blutgemischter Thränen in den fünf Judenliedern, denen der hervorragende Effayist S. Lublinski einen größeren Artikel gewidmet hat. Aber nicht in diesen Liedern allein zittert jene seltsame, gleichsam in sich hineinweinende Sehnsucht, die fast ausschließlich eine Eigenthümlichkeit der jüdischen Seele bildet. Nahezu in allen anderen Gedichten ist sein tiefsensibles, intuitives Wesen hervortretend : Ein ewiges Lied. Es spielt die Nacht ihr Lebenslied Auf seelischtiefen Geigen, In ihreni breiten Mantel kniet Das schmerzensgroße Schweigen. Nur wenn ein Stern im Dunkel scheint, Ta regt sich's in den Weiden .... Tie Nacht ans ihrer Geige weint, Und alle Menschen leiden. Arbeiterhütten im braunen Feld, Und kranke Frauen mit dürren Händen. Irrende Schatten an allen Wänden, Und kleine Kinder, die betend fühlen: Mutter, wir haben kein Stückchen Brot, Küß uns den Hunger von unseren Wangen, Wollen die lieben Englein sangen, Aber die Englein sind schon todt.- Und gerade das, was speziell den jüdischen Poeten des öfteren zum großen Theile abgesprochen wurde, ist vielleicht Donath's stärkste Seite: das Naturgefühl. Mitten im Rausche seiner jugendstarken Liebe lockt ihn ein Bogelruf aus dunklem Walde, ein zitterndes Rosenblatt, lockt es ihn hinans zu den Fluthen des See's, die im Abenddämmer träumend still in's Sonnenbluten sehn . . . Die blaue Blume der Romantik, die welk, färb- und duftlos geworden ist, erwacht unter dem Sonnenhauche seiner wundersamen Phantasie zu neuem, blühendem Leben Er verleiht ihr den intimen Reiz modernen Denkens und Fühlens, seine Romantik hat sich losgelöst von moosumwucherten Ruinen und mittelalterlichen Liebesseuszern. Seine Lieder sind verschwiegene Gesänge der Seele, lautlos und wie emporgestiegen aus tiefen, wunderholden Märchenträumen. Ewiger Sommer, ewiges Blühen und Duften ist die Signatur des romantischen Zaubergartens seiner Naturpoesie. Und dann sein Evangelium: das Weib. Dem hat er gar viele seiner Tage und Nächte geweiht, seine jugendlich flammende Dichterseele. Und mit der Seele sucht er das Weib und in dem Weibe die Seele. Er tritt vor das Mädchen hin und er wird zum Kinde, das Mädchen aber zur Gottheit, die seine Jugend geträumt. „ . . . Dann singt mir mein Mädel den schönsten Sang. Der je durch die zitternde Mitternacht klang, Und drückt mir die lechzenden Lippen zu Und drückt mir die flammenden Augen zu So leise und sacht, Bis der Tag erwacht, Der uns die schimmernden Blumen breitet Und sie zur ewigen Sonne leitet." Aber flugs ist er den Liebkosungen seines Mädels entronnen. Und wenn er dann wieder sich selbst und seiner Sehnsucht überlassen bleibt, dann ist es die Natur, an deren Hochaltar seine schluchzende Seele betet. Wenn aber das große Weltenleid mit blutenden Fingern in seine Seele greift, wenn das Unglück in Gestalt irrender Mädchen der Nacht an ihn herantritt, wenn die lallenden Stimmchen hungernder Kinder, die die Mutter um Brot bitten, sein Herz umschwirren — dann wird er selbst einem Kinde gleich, das auf die grausamen Schläge eines physisch überlegenen Peinigers nur mit thränenumflorten, stumm-beredten Blicken antwortet . . . Aber wie tief bohren diese Blicke sich in unsere Seele ein, und jene Töne, die anfangs noch wie leise verhaltene, traumentstiegene Seufzer an unserem Ohr erklingen, bahnen sich in immer mächtiger werdenden, ewigmahnenden Accorden den Weg zu unserem Herzen. Und darin äußert sich die Kraft im Lji e d e, jene unendliche Kraft, die so oft und oft in dem naiven, aber dennoch tiefen, unverderbten G emüthe der großen Volkheit ihre ewigen, erhebenden Wunder zeitigt. . . .

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