Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«eile 52 i L>r. Vloch's WochenftlrrifL. Nr. 28 — es sind auch tüchtige Ocftcrreicherinnen im Heim — wie es Breslau beabsichtigt und gewiß auch durchführen wird. Es ist hoffentlich nicht zu befürchten, daß die maßgebenden Kreise in Wien diesen schönen Plan nur hegen, ohne energische Schritte zu seiner Verwirklichung zu unternehmen. Zunächst braucht man Geld; und cs wäre wahrlich ein Schmach, wenn die Wiener Finanzgrößen hier nicht rasch und zweimal geben; dann braucht man Schülerinnen; man sei vorsichtig in der Prüfung und Auswahl und denke stets und in Allem an Berlin. Wir verließen das Schwesternheim mit dem Hochgefühle echter sittlicher Befriedigung und des gerechten Stolzes darüber, daß jüdisches Herz, jüdischer Geist und jüdisches Geld in gemeinsamer Arbeit ein philantropisches Werk musterhafter Vollendung geschaffen haben. Wir begrüßen Kuratorium und Oberin auf das Respektvollste und rufen auch den lieben Schwestern ein kräftiges „Wacker" zu. Ein „höherer Offwier" der „Kreu;- zeitung" über die Affaire Dreysus. Berlin, 9. Juli. Die „Kreuzzeitung" veröffentlicht eine angeblich von einem höheren Officier angestellte Betrachtung über „unser Jntereffe an der Dreyfus-Affaire", der wir einige Kernsätze entnehmen. Sie sind nicht alle so lustig, wie die Versicherung, daß die „Kreuzzeitung" „nie, weder die Religion noch die Rare der Juden angegriffen" habe, aber belustigend sind sie durchweg. Der Artikel beginnt mit der Darlegung, daß die Franzosen „dem irdischen Mammon nicht unzugänglich" seien. „Das Geld hat Esterhazy wie Henry zu Verbrechern gemacht, aber auch nur das Geld hat die Revision des Protestes ermöglicht, die vielen Millionen, die für die Presse verausgabt wurden, um allmählich das Volk umzustimmen und der Revision geneigt zu machen. Es wäre recht interessant, darüber Näheres zu wissen. Dem objectiven Beobachter wird es doch recht schwer, zu glauben, daß nur die Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit die Triebfeder aller Vertherdiger von Dreysus war. Der Haß gegen das Judenthum hat Dreysus auf die Teufelsinsel gebracht und über vier Jahre dort festgehalten, die Macht und das Geld des Judenthums hat ihm die Rückkehr ermöglicht." Man beachte, wie der „höhere Officier" der „Kreuzzeitung" gar nicht auf den Gedanken kommt, die gerechte Sache könnte einfach durch die Gerechtigkeit gesiegt haben, wie er für selbstverständlich hält, daß „viele Millionen" nöthig gewesen, um die Presse und durch diese das Volk umzustimmen. Sehr soldatisch ist diese Auffassung nicht, aber charakteristisch. Hieran schließt sich eine Illustration zu der Art, wie die „Kreuzzeitung" „nie, weder die Religion noch die Race angegriffen." Es heißt in dem Artikel: „Es ist gleichgiltig, ob die Juden durch die christliche Gesetzgebung vieler Jahrhunderte das geworden sind, was sie jetzt sind, — wir können uns nur an das Factum halten, daß das Judenthum, wie es sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat, am Mark der Völker saugt, und daß es Pflicht jeder Nation ist, sich aus seinen Fesseln zu befreien. Der kräftigste Baum stirbt schließlich ab, wenn Schmarotzer¬ und Schlingpflanzen seine Zweige bedecken und aus dem Boden die Kraft aufsaugen, die seine Wurzeln brauchen". Das Judenthum — nicht die Race noch die Religion — hat diese Uebelthaten vollbracht. Was eigentlich das Judenthum ist, wenn man Religion und Race abzieht, das sägt der „höhere Officier" nicht, und was er verschweigt, läßt sich schwer aus den folgenden Sätzen errathen: „Christliche Liebe und Duldsamkeit kommt hier nicht in Frage. Die Ueberzeugung von dem unheilvollen Einfluß des Judenthums auf das ganze Volksleben wird uns nie abhalten, solche Juden clls gleichwerthige Mitbürger anzuerkennen, die voll und ganz sich losgelöst haben aus dem Bann, in den chre Geburt sie gebracht hat. Sie sind nicht sehr zahlreich und werden von ihrer Sippe angefeindet. Ich werde mich stets mit Freude eines jüdischen Lehrers erinnern, des Profeffors Lazarus, der einige Jahre auf der Kriegsakademie Philosophie vortrug." Daß der „Baun der Geburt" nicht etwas der Race Verwandtes sei, wird man zu glauben sich schwer entschließen. Dafür wird man rückhaltlos dem Bekenntniß zustimmen, daß „christliche Liebe und Duldsamkeit" bei dem Antisemitismus „nicht in Frage kommen". In dem Artikel heißt es weiter: „Unter dieser antisemitischen Volksstimmung hat Dreysus gelitten, ihr verdankt er ein vierjähriges Martyrium. Und da die Juden einsahen, daß er ihrer Missethaten wegen wie ein wildes Thier eingesperrt und behandelt wurde, haben sie ihre Millionen geopfert, um ihn zu befreien. Das war — ganz abgesehen von ihrer sonstigen Opferwilligkeit, den Stammesgenossen gegenüber — ihre Pflicht und Schuldigkeit. Wer wollte, sei er Christ oder Jude, dem unglücklichen Manne, wenn er. wirklich unschuldig ist, und seiner wackeren Frau sein Mitgefühl verweigern?" Das ist vergleichsweise beinahe menschlich gesprochen. Die „Miffethaten der Juden" und die „Opferung der Millionen" sind fixe Ideen von verhältnißmäßiger Harmlosigkeit. Der Protestant Scheurer-Kestner, der Freigeist Emile Zola, der Oberst Picqnart sind bestochen, durch die Millionen der Juden erkauft; denn wer könnte der Lockung des Geldes widerstehen! Das s a g t der „höhere Officier" der „Kreuzzeitung" nicht mit nackten Worten, aber er gibt diese Auffassung deutlich zu erkennen. Da man annehmen muß, daß der „höhere Officier" der „Kreuzzeitung" diese niedrige Gesinnung nur bei den lieben Nächsten voraussetzt, während er in stolzer Selbstgerechtigkeit sich ein höheres Maß von tugendhafter Widerstandskraft zuspricht, so darf man wenigstens daran nicht zweifeln, daß er aufrichtig seine persönliche Moral für eine andere und bessere hält, als die der Anderen, obwohl er eine Umgrenzung des Kreises dieser Anderen auch nicht einmal andeutungsweise zu erkennen gibt. Seine Naivetät sorgt schon dafür, daß wir seine Moral nicht überschätzen. Er sagt nämlich weiter: „Daß die verschiedenen Kriegsminister, selbst wenn sie die Wahrheit ahnten, sich der Revision widersetzten, erscheint erklärlich. Sie wollten der Armee die Schande ersparen, daß eine ganze Reihe höherer Officiere als Gauner, Fälscher und Betrüger öffentlich gebraudmarkt und das Vertrauen zur Armee untergraben wurde. Man kann sehr wohl verstehen, daß sie das Fiat justitia, pereat mundus in diesem Falle nicht anerkannten. Nebenbei aber waren sie sich auch von dem alles schädigenden Einfluß des Judenthums überzeugt und noch vor einigen Tagen erklärte im „Figaro" der Oberst Robert, daß die Führer der französischen Armee das Interesse des unglücklichen Dreysus nicht in dem Maße vertraten, wie es einem Christen gegenüber zweifellos geschehen wäre." Diesem „höheren Officier" der „Kreuzzeitung" erscheint es also erklärlich, er kann sehr wohl verstehen, daß Kriegsminister und Generale einen Unschuldigen wissentlich unter dem entehrenden Fluch einer Missethat lassen, um die wirklich Schuldigen, die Gauner, Fälscher und Betrüger, die höhere Officiere sind, nicht zu brandmarken, daß sie das Interesse eines Unschuldigen und Unglücklichen in minderem Maße vertreten, weil er ein Jude und nicht ein Christ ist! Der „höhere Officier" der „Kreuzzeitung" hält es für erklärlich und wohl verständlich, daß Kriegsminister und Generale unter Umständen bereit sind, Gauner, Fälscher und Betrüger lieber in dem Rang und in den Reihen der höheren Officiere, ihrer Kameraden, zu lassen, als daß sie die ihnen bekannte Unschuld eines Kameraden anerkennen, weil dieser ein Jude ist! Der „höhere Officier", von dem die „Kreuzzeitung" diese Betrachtung sich hat schreiben lassen, war kein preußischer und kein deutscher Officier. Das wäre nach dem oben wiedergegebenen Inhalt hell wie der Tag, auch wenn die sprachlichen Entgleisungen nicht auf einen ausländischen Verfaffer deuteten. Wäre Du Paty de Clam nicht zur Zeit der freien Verfügung über seine Person beraubt, wir würden zu der Vermuthung neigen, daß wir in der „Kreuzzeitung" einer Arbeit seiner geschätzten Feder begegnet sind. Dieser Vermuthung steht nicht im Wege, daß er „das internationale Judenthum, nicht Wahrheit und Gerechtigkeit" als den eigentlichen Sieger in dem langjährigen Kampf bezeichnet. Die ausländische Verfasserschaft wird bestätigt durch die weitere, unserem Officiercorps zu nahe tretende Erzählung, daß die Mitglieder dieses Officiercorps Anfangs der Siebziger Jahre über die jüdischen Häuser, „die durch ihre Zauberfeste alles heranzogen", zwar schimpften, aber hingingen und, wie der „höhere Officier" der „Kreuzzeitung" so schön sagt, „sich an Gänseleberpasteten und indianischen Vogelnestern berauschten." „Nein, dergleichen schreibt kein deutscher „höhererOfficier"; denn der weiß, daß keiner seiner Kameraden, wie überhaupt kein anständiger Mensch, auf ein Haus schimpft, dessen Gastfreundschaft er' ännimmt.