Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 517 Hilfe der jüdischen Tradition in glücklicher Weise derart deutete, daß deren theilweise jüdischer Ursprung als erwiesen anzusehen ist. Nebst der Erwerbung hebräischer Handschriften richtete er nun auch sein Augenmerk auf den Ankauf von Manuscripten mit Werken jüdischen Maler und Illuminatoren und Dank diesen seltenen Schätzen gelang ihm der Nachweis, daß es schon vor Jahrhunderten jüdische Zeichner und Maler gegeben, welche die hebräischen Handschriften mit zum Theil künstlerisch vollendeten Miniaturen und Vollbildern in Farbe und mit erhöhnter Goldauflage zuillustriren verstanden — eine bahnbrechende Untersuchung, die er im Jahre 1898 als Anhang zur Schlosser-Müllerschen „Haggada von Serajevo" veröffentlichte. Was nun die historischen Studien betrifft, so war Kaufmann hierin ganz besonderes mustergebend, indem er als der Erste auf Grund archivalischer Vorlagen, die er sich in den großen Archiven zu Wien, Berlin, Cassel, Haag, Venedig u. s. w. anfertigen ließ, das Leben bedeutender Männer und ihrer Umgebung beschrieb und mit dem feinsten literarischen Verständnisse und geläutertem Geschmacke zahlreiche Zeit- und Charakterbilder entwarf, die in ihrer Art als wahre Cabinets-Stücke der biographischen Kunst zu bezeichnen sind. So entstand aus den Gesandtschaftsberichten des Reichsarchivs im Haag seine „Dove Bartel Burmania", worin er eine pragmatische Geschichte der Vertreibung der Juden aus Böhmen und Mähren unter Maria Theresia lieferte. In seinem „Samson Wertheimer" entwarf er ein herrliches Lebensbild dieses Finanzmannes und seines Genossen Samuel Oppenheimer, die Beide unter den Kaisern Karl VI., Leopold I. und Josef I. Oesterdeichs Heere mit Geld und Proviant versorgten, dafür reiche Belohnung und Ehren, Letzterer später allerdings auch Verfolgungen, ernteten, und als Mäcene und Wohlthäter ihres Volkes sich unsterbliche Verdienste erworben haben. „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien 1670" ist eine geschichtliche Monographie, die durch Neuheit und Reichhaltigkeit des Inhalts, wie durch Schönheit der Darstellung ebenso hervorragt, wie seine Abhandlung über den Dr. Israel Conegliano, der als geheimer Vertreter der Republik Venedig am Hofe des Sultans zu Constantinopel und Adrianopel während der Kriege, die Venedig mit dem Großtürken führte, und die durch den Frieden von Karlowitz ihren Abschluß fanden, sich um Venedig wohl verdient gemacht, eine Persönlichkeit, die wie andere Figuren an dem reich bewegten Schauplatze dieser Ereignisse bisher ganz unbekannt waren. Sollen wir die zahllosen Beiträge zur Gelehrten-Geschichte nennen, die Kaufmann, ein unermüdlicher Schatzgräber, an's Tageslicht gezogen auf Grund von Memorbüchern und den Grabschriften der Friedhöfe der ältesten Gemeinden, wie Worms, Frankfurt, Wien u. s. w. die er copiren ließ? Nur einiger Meisterwerke sei nech gedacht: „R. Jair Chajim Bacharach und seine Ahnen (1638—1702)", worin er diesem Heros der rabbinischen Gelehrsamkeit, der aber bereits vom Geiste der freien Forschung angeweht war, ein Denkmal aere pererniiuL errichtete, und ferner des Beitrages zur Heine-Literatur betitelt: „Aus Heinrich Heine's Ahnensaal", worin er die Ursprünge der Familie der Mutter Heine's Betti v. Geldern bis ins 17. Jahrhundert zurück und bis nach Oesterreich-Ungarn verfolgte, und uns den Charakter des verwöhnten Lieblings der Musen aus seinen Ahnen verstehen lehrte. Eine literarische Charakteristik nach streng philologischer Methode bot er schon 1876 in seinem Vortrage Jehuda Halevi wie 1896 mit der Chronik des Achimaaz von Oria. Reiche Aufschlüsse bot er in seinem „Maimonides in der Weltliteratur" (1897). Als posthumes Werk leider wird seine jüngste Arbeit für das Seminar-Programm über Salomo Gabirol erscheinen, eine Leistung, die, wie er selber berichtete, zu den schwierigsten gehörte, die er je überwunden. Wir haben bisher ganz im Sinne des Verewigten nur von seiner Wirksamkeit als Gelehrten und Anwalt seines Volkes gesprochen. Wirhaben seinen umfassenden Genius, seinbewunderungswerthes Gedächtniß, seinendurchdringenden Scharfsinn und sein großes Darstellungstalent, das einer tief poetischen Veranlagung und echt künstlerischem Anschauungsvermögen entsprang, kennen gelernt. Aber vom Menschen und dessen Charaktereigenschaften war noch nicht die Rede. Und doch ist gerade dies noch der bessere und höhere Theil seines Wesens gewesen. Kaufmann war Gefühlsmensch mit jeder Faser seines Herzens, er besaß ein weiches, zartbesaitetes Gemüth, das von Hingebung überfloß. Es hat noch keinen Sohn gegeben, der seine Eltern heißer geliebt und höher geehrt hat, er war der treueste, zärtlichste Gatte und Bruder, em opferbereiter Freund, leutselig und gütig gegen Jedermann, hilfsbereit, mildthätig und dienstfertig, wie nicht bald Einer. Eine Leidenschaft besaß er, die ihn ganz erfüllte, das war die Liebe zu seinem Volke und seiner Religion, die Pietät für unsere Geschichte und Vergangenheit, die Begeisterung für Jsrael's Recht und Ehre. Diese Ideale seines Lebens, sie waren die Triebfedern seiner unermüdlichen Lebensarbeit, deren zweckbewußte Ziele sich eben aus diesen Grundzügen seiner Gemüthsveranlagung erklären lassen. Eine tief innerliche, gläubige Natur beseelte ihn eine heilige Scheu vor allem geschichtlich Gewordenen und Gewesenen. Er sah zu den religiösen Institutionen der Vergangenheit wie zu deren Wortführern und Vertretern mit gleich pietätvoller Verehrung auf, die durch die weite Kluft der Welt-Lebensanschauung, die z. B. die Heroen des spät rabbinischen Zeitalters von jenen unserer modernen Geistesrichtung trennt, keinen Abbruch erlitt. Weit entfernt von Herabsetzung und Spott, was ja in der That ein höchst unhistorisches Gehaben wäre, zollte er dem hohen sittlichen Ernste, wie der religiösen Durchdrungenheit der Kämpen des Rabbinisnrus einen solchen Grad von Verehrung, daß ihm die Persönlichkeit jedes Einzelnen der literarischen Verewigung wert erschien. Aber er gieng darin noch weiter, all' die frommen Familien, deren Andenken in den Gedächtnißbüchern und auf den Grabsteinen der alten Gemeinden festgehalten wurden, sollten vor dem zweiten Tode der gänzlichen Vergessenheit gerettet, sie Alle durch die Pietät des Sammlers und Forschers zu einem neuen Leben auferweckt werden. So wurde er „ein Erwecker der Schlummernden und Beleber der Schlafenden" und gab nach Hock's Copien der Prager Epitaphien ein Buch über die jüdischen Familien Prag's heraus, das eine wahre Fundgrube für Genealogie und Biographie wurde. Von solchen Motiven geleitet, zu denen allerdings das Interesse an dem reichen kulturhistorischen Inhalte hinzutrat, edirte er die jüdisch-deutschen Memoiren der Glücket von Hameln, ein Buch, dessen rührende Einfalt ebenso anziehend wirkt, wie die darin erzählte Lebensgeschichte. Hier, wie in allen ähnlichen Publicationen warsein leitender Gedanke echtes Genuin* Chusodini, es waren „Liebeswerke, die an Todten geübt wurden", welche ja unsere Alten für die wahre, echte Zedokoh erklärten. Man hat diese Richtung von Kaufmann's wissenschaftlicher Thätigkeit mit einem gewissen Befremden und Kopfschütteln betrachtet — begreifen konnte sie nur, wer diesen seinen hochentwickelten Pietätssinn für unsere Vorväter, darunter ja wahre Gesinnungshelden und Glaubensmärtyrer zu finden, näher kannte. Uebrigens bezeichnete er selbst diese Arbeiten nur als die Bausteine für große zusammenfassende Geschichts-Darstellungen, die er plante, wie sich ja wirklich in seinem ausgedehnten Nachlasse Materialien und fertige Ausarbeitungen zur Geschichte der Juden nach Ländern (Spanien, Italien) und Perioden vorfinden sollen. Auch Kaufmann hätte, wenn ihm nicht jede Ruhmredigkeit fern gelegen, von sich sagen können, daß er die ganze Bildung seines Jahrhunderts in sich vereinige, so universell und tiefgründig war sein Wissen. In der Forschung waren unbeugsames Wahrheitsstreben und streng objective Redlichkeit seine Leitsterne. Aber alles dieses: sein Wissen wie sein Forschen wollte er nur dem einen hohen Lebensziele dienstbar machen, die Wissenschaft vom Judenthum auszubauen, ihre Kenntniß wie das Interesse hiefür unter den jüdischen Glaubensgenossen wie in der gebildeten Welt zu verbreiten, sowie zu beweisen, daß das jüdische Volk zum Bildungs-, Wissens- und Culturschatze aller Zeiten reichlich beigesteuert habe. Nicht vom Judenthume abkehren, ihm z ukehren und zuführen sollte alle moderne Wissenschaft und sein Lebensideal, dem er seine aufreibende Arbeit gewidmet, war die Renaissance der hebräischen Studien, die wie ein Stahlbad das morsche jüdische Bewußtsein erfrischen und stählen sollte. Der Liddusell ha-schem, der in solcher Ehrenrettung unserer Vergangenheit liegt, schien ihm der reichste Lohn seines idealen Strebens und ein Kiddusch ha-schem war denn auch sein ach! so früh abgeschnittenes Leben ganz und gar. | J Die „Oesterr. Wochenschrift" verliert in dem Heimgegangenen einen treuen Freund und Förderer, einen ihrer vornehmsten und gelehrtesten Mitarbeiter. Von seinen Beiträgen werden viele ihrer Leser in Erinnerung sein, so z. B. die geistvollen Aufsätze über eine religiöse Mädchenerziehung und die Festgabe zum „Centenarium S. I. L. Rapoport's". In den „drei Wochen der Bedrängnisse" ist er uns entrissen worden, im besten Mannesalter, ehe er auch nur die Hälfte seines Lebenswerkes vollendet, er der Einer unserer Besten und Edelsten, „ein Fürst und ein Großer" gewesen, deffen Geistesgröße noch so Vieles zur Verherrlichung Israels