Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-14 · 28 (14.7.1899) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021306--08996-3033404
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 516 Dr. Blocht Wochenfchrrftk. Nr. 36 Im Gegentheile ist die türkische Gesetzgebung in dieser Beziehung die liberalste auf Gottes Erdboden und sind die Inden in der Türkei (also auch in Palästina) gar keiner gesetzlichen Beschränkung unterworfen. Ich citire nur das höchst liberale türkische Gesetz vom 7. September 1284 (18. Juli 1867 christ. Zeitrechnung), welchem Gesetze die österreichisch-ungarische Monarchie laut des Protokolls vom 5. November 1868. Nw. S. R. G. Bl. s. 1869 nebst anderen Mächten beigetreten ist und wonach alle fremden Unterthanen ohne Rücksicht auf ihre Confession in der Türkei Grund und Boden erwerben und besitzen dürfen. Die auswärtigen türkischen Gesandten und Consuln visiren jedem Juden ohne jede Schwierigkeit und Beschränkung die Reisepässe, und die eingewanderten Juden können in Palästina sich frei bewegen und genießen mit den Einheimischen gleiche Rechte. Aber die Schwierigkeiten des Backschischs? Nun mit dieser in der türkischen Administration wurzelnden Institution will ich mich im nächsten Aufsatz befaßen. Dr. David Kaufmann, I Professor an der Landes-Nabbinerschule I zuBudapest. I Geboren in Kojetein am 7. Juni 1852, » gestorben in Karlsbad am 6. Juli 1899. I Schwer lastet die Hand der Vorsehung auf uns, ein harter Schicksalsschlag hat Israel betroffen, ein großer Lehrer, ein König im Reiche der Wissenschaften ist jählings uns entrissen worden, im besten Mannes alter aus nnermüdlicher schöpferischer Thätigkeit herausgerissen. „Eine Zierde Israels auf Deiner Höhe, der Mittagshöhe Deines Schaffens und Wirkens wurdest Du gefällt", kann man mit König David diesem Fürsten des Geistes Nachrufen. Mit David Kaufmann ist eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten des modernen Judenthums hinabgesunken ins stille Grab, ein Mann, der durch die Kraft und Tiefe seines Geistes, die Energie seines Willens, den Enthusiasmus seines Fühlens, die Ausdauer feiner Arbeitskraft wie ein Bild des kraftstrotzenden Lebens selbst uns erschien, dem die Mächte des Vergehens und Sterbens nichts anzuhaben im Stande wären. Und nun ist diese himmelstrebende Ceder des Libanon gefällt, diese Säule des Judenthums mittendurch gebrochen, dieser frische Born der Belehrung und Erhebung versiegt. Kaufmann war vom gütigen Schöpfer mit seltenen Gaben des Geistes ausgestattet, schon als Kind verrieth er einen außerordentlichen Wiffeustrieb und Lerneifer, der seine Bestimmung für die gelehrte Laufbahn eines Rabbiners von Kindesbeinen au begreiflich macht. Er erblickte das Licht der Welt zu Kojetein, einer alten jüdischen Gemeinde Mährens, als Sohn ehrsamer frommer Eltern, die Beide das schmerzliche Geschick erleiden, einen solchen Sohn überleben zu müssen, nachdem er Dank ihrer Erziehung der Stolz seines Volkes geworden. In die Kenntnisse des Häbräischen, der Bibel und der rabbinischen Literatur weihte ihn nach seinen ersten Lehrern Böhm und Seidel, der berühmte Rabbiner seiner Gemeinde, Jacob Brüll ein, während er gleichzeitig privat den Gymnasialstudien oblag. Schon als 15jährrger Jüngling kam er aufs Seminar nach Breslau, wo er die theologischen Studien unter Director Frankl, Grätz und Rosin mit außerordentlichem Eifer und seltenem Erfolg betrieb und gleichzeitig an der Universität philosophische und philologische Vorlesungen hörte. Schon am Seminar, wo er der Liebling des Directors und namentlich auch des Professors Dr. R o s i n wurde, verrieth er eine seltene Vielseitigkeit, die mit tiefer Gründlichkeit Hand in Hand ging. Außer den Studien am Seminar, betrieb er die hebräische Religionsphilosophie als sein ftei gewähltes Specialfach, erwarb sich die hiezu erforderlichen Kenntmffe des Arabischen, und vertiefte sich als ein schwärmerischer Verehrer der Poesie aller Zungen und Zeiten ganz besonders in das Studium der neuhebräischen Dichter der spanisch-arabischen Glanzperiode. Als seine erste selbstständige Abhandlung, seine Doctor - Dissertation: die Attrtbutenlehre des Saadja, erschienen war, erkannten die Männer vom Fache, wie Professor Fleischer und L. K r e h l, daß dieser junge Gelehrte eine Reife des Urtheils, eine Sachkenntniß und Tüchttgkeit verrathe, die ihn über das Alltagsmaß weit hinaushob, wie denn auch die Wiener Akademie seine Schrift: „Die Religionsphilosophie des Bachja ibn Pakuda" (Verfasser der „Herzenspflichten") in ihre Sitzungsberichte aufnahm. Das tiefe Studium der Religionsphilosophen, dem sich Kaufmann mit angestrengtem Fleiße ergeben, zeitigte 1877 eine großangelegte Arbeit, das Werk: „Die Attributenlehre bei jüdischen Religionsphilosophen", welche das ebenso anziehende, wie schwierige Capitel von den göttlichen Eigenschaften in seiner geschichtlichen Entwicklung bei den jüdischen Autoren mit steter Rücksicht auf ihre arabischen Quellen verfolgte und bis auf den Endpunkt in Maimuni herab ausführte, der in rationeller Weise diese.Lehre durch die Negirung der positiven Attribute abschloß, und nur die Berechtigung der negativen Attribute anerkannte. Der gute Name, den sich Kaufmann durch diese grundlegende, klar und edel vorgetragene qeschichtsphilosophische Arbeit erworben, macht es begreiflich, daß ihn die eben in Gründung begriffene Landesrabbinerschule in Budapest als Lehrer für Religionsphilosophie, Geschichte und Homiletik berief, ein Ruf, dem er willig folgte, nachdem Verhandlungen wegen seiner Anstellung als Prediger in Berlin, wo er an den Herbstfeiertagen 1876 sieben Festpredigten mit großem Beifalle gehalten, dank seiner conservativen Richtung resultatlos verliefen. Aber diese Reden, die im Jahre 1877 erschienen, hatten gezeigt, welch religiöse Wärme, welche Meisterschaft der Form, welch vollsäftiger Schwung dem Redner zueigen waren, und so fanden auch seine Kanzelreden am Seminar gerechte Würdigung, weit mehr aber noch seine homiletischen Lehrstudien, in denen er sein kritisches Feingefühl, wie sein pädagogisches Geschick in hohem Maße verwerthete. Mit dem Lehramte in Pest war Kaufmann so recht in sein eigentliches Element gerathen. Er war ein Lehrer von Gottes Gnaden, ausgestattet mit Fähigkeiten hiefür und einer heiligen Begeisterung für diesen Beruf, wie nur wenige Erkorene. Ein Meister des Wortes, dem die Rede wie ein frischer Quell von den Lippen strömte, klar und durchsichtig im Denken wie ein Krystall, durchwärmt, ja oft erglüht vom Feuer des Gefühles, dabei sachgemäß und methodisch vorgehend, dies waren die Grundzüge seiner Vortragsweise, die auch jede seiner Schriften verrärh. Neben der Lehrthätigkeit aber entfaltete Kaufmann eine unausgesetzte wissenschaftliche Productivität, deren Umfang und Tiefe, Vielseitigkeit und Gediegenheit geradezu Erstaunen erregen mußte. Und nicht blos der in den Schätzen und Schachten der Vergangenheit suchende und forschende Gelehrte, der oft von seltenem Finderglück belohnt wurde, auch als der Mann des Lebens und des Kampfes trat er mit scharfer Feder auf den Plan. Seine Schrift über den englischen Roman Daniel Deronda der berühmten George Eliot, war eine Apologetik des Judenthums von solch ungestünlem Jugendfeuer, daß Ehren-Stöcker sie im deutschen Reichstage einmal als Beweis jüdischer Verwegenheit dennncirte. Einem antisemitischen Abgeordneten des Pester Reichstages, der den Juden einen Katechismus absprach, leuchtete er gründlich heim mit seiner Schrift „Vom jüdischen Katechismus". Dem Berliner Hofprediger Stöcker widmete er eine Streitschrift mit schlagenden Argumenten, die auf jeden Unbefangenen überzeugend wirken mußten, und seine Abhandlung: „Paul de Lagarde's jüdische Gelehrsamkeit" (1884) wird KN den glänzendsten Mustern gelehrter Polemik gezählt werden. Wollten wir die Reihe seiner Bücher und Beiträge in Zeitschriften hier sortsetzen, so müßten wir einen Katalog liefern, der diesen Nachruf in eine förmliche Bibliographie verwandeln würde. Es drängt uns nur, die Richtungen zu verzeichnen, in denen sich Kaufmannes schöpferische Thätigkeit weiterhin vorwiegend bewegte. Nachdem er in den Jahren 1880 und 1884 zwei Programmarbeiten geliefert, die seinem ursprünglichen Arbeitsfelde der Geschichte der jüdischen Philosophie angehörten, von denen besonders die letztere, „Die Sinne" betitelt, als Beitrag zur Geschichte der Physiologie und Psychologie im Mittelalter sehr geschätzt und auch von Virchow rühmend anerkannt wurde, wandte er seine Aufmerksamkeit zwei neuen Gebieten zu, der Geschichte der jüdischen Kunst und der Geschichte der hervorragenden Männer des 16. bis 18. Jahrhunderts. Als Fruäht seiner scharfsinnigen Studien auf ersterem Gebiete erschienen 1887 französisch: Studien über jüdische und christliche Archäologie, worin er die bildlichen Darstellungen auf den Grabmälern der Katakomben in Rom mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.