Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 Vr. Bloch's Wochkufchrift. Seite 515 „Was würde aber der Fiscus von Luceoria sagen, daß ein gleiches entsetzliches Verbrechen mehrere Male (Gott wolle. es nicht, daß immer) von C h r i st e n begangen worden i st, sogar vom Vater s e l b st, und daraus den u n g l ü cklich en Juden in die Schuhe geschoben? Ich schäme mich, den Verdacht auszusprechen, aber vielmehr bringt es mich außer Fassung, hiefür den authentischen Beweis (bezeichnet litera D.) darzubieten. Dort lese man, daß ein Vater eine seiner z art en T ö ch te r an v erschi ed enen Th e il e n ve rstümmelte, . . . . daß dasselbe Kind, welches nach göttlichem Willen länger lebte, m i t e i g e n e m M u n d e b e k a n n t e, vom eigenen Vater m11 vielen Wunden und Verstümmelun g en zug erichtet worden zu sein. Und do ch h atte sich schon der Verdacht gegen die Juden gerichtet, schon wollte man gegen die Juden vorgehen." Strack („Der Blutaberglaube") erwähnt zwei Fälle, in denen Mütter ihre Kinder ermordeten, während die Juden des Verbrechens beschuldigt wurden (S. 128—129). Ein derartiger Fall ist noch im Jahre 1892 in Jngran des (Departement Iinlres el Loir) q u 11) e n t i f äj f e ft* gestellt worden. (Siehe Antisemitenspiegel S. 322.) Während die dortigen Blätter von Ritualmord fabelten, wurde die eigene Mutter nach einiger Zeit des Verbrechens überführt und darauf niit 20 Jahren Zuchthaus be st rast. Aehnlich hat, wie wir vor drei Jahren gemeldet haben, in L a b i s ch i n (Provinz Posen) der Mord eines Christenkindes stattgesunden, wo die eigenen Eltern des scheußlichen Verbrechens überführt worden sind, um hernach die Schuld auf die Juden zu wälzen. Wolf pnblicirte die Akten in Wertheimer's „Jahrbuch für Israeliten" (1862 zwei Fälle, wo zwei Dirnen die Juden beschuldigten, ihre Kinder getödtet zu haben, um deren Blut zum Osterfeste zu verwenden. Beide wurden durch die Gerichte überführt, selbst den Mord vollbracht zu haben. Der sogenante Ritualmord in Philipopel aus dem Jahre 1896, über welchen das „Deutsche Volksblatt" seinerzeit langathmige, schreckensvolle Berichte publicirte, hat sich bekanntlich ebenfalls in der Richtung aufgeklärt, daß eine katholische Frau eingestand, das Kind ermordet zu haben und die Juden anzu> klagen. Es war ein antisemitischer Ritualmord. Daß der Mörder des armen Joanchen Hegmann in Lauten in den Reihen der internationalen Antisemitenbande sich verbirgt, ist heute für jeden Kenner der Verhältnisse nahezu zweifellos. Wo nur die Blutfabel irgendwo austaucht und die öffentliche Aufmerksamkeit fesselt, hat die Polizei alle Ursache, sofort an antisemitische Urheber zu denken. Der organische Zionismus. Von Dr. Abraham Salz. II. Seitdem die Politik und. Diplomatie sich im Zionismus breit gemacht hat, ist leider jede kritische und unpersönliche Auseinandersetzung unter den Zionisten verstummt. Und dies mußte nach dem neuen System folgerichtig eintreten. * Der Zionismus ist zu einer „Glaubenssache" geworden. Glaubst Du, daß es unseren Diplomaten gelingen wird, „mit Hilfe der europäischen Mächte bei der Türkei öffentlich-rechtliche Garantien" für das zu gründende jüdische Gemeinwesen in Palästina zu erlangen? Nun, wenn „ja", bist Du Zionist! Glaubst Du es nicht? Also bist Du Antizionist! Das ist der jetzt gangbare Maßstab, den die politischen Zionisten an jeder zionistischen Gesinnung anlegen.*) Dieser Umstand hat im zionistisch-politischen Lager eine äußerst gesteigerte Unduldsamkeit gegen die Ungläubigen gezeitigt. Während nun aber der geheime und verschwiegene diplomatische Zionismus, weil ganz unbekannt und inhaltsleer vor jeder Bemänglung auch geschützt ist, — wird an dem organischen. — oder, wie man ihn nennt, praktischen Zionismus, reichliche Kritik geübt. *) Haben sie doch auch mich, den Ungläubigen, zum Antizionisten gestempelt. Bei einem Banquette in Lemberg forderte unlängst ein sehr bewährter Zionist die Anwesenden zu „u n b e di n gt e m Glaube n" auf. Doch eine wahre, gesunde, entwicklungsfähige Volksbeweguug braucht sich hinter diplomatischen Verschwiegenheiten nicht zu verschanzen. Ich ergreife daher gerne die Gelegenheit, die wichtigsten Anwürfe gegen den praktischen Zionismus hier auseinander zu setzen. Möge diese Erörterung auch denjenigen, die bis nun im Zionismus nicht regen Antheil genommen haben und von den schönen Worten der Politiker sich bethören ließen, über den richtigen Stand der Dinge klaren Aufschluß geben. „Man kann doch nicht — wird eingewendet — gegen den Willen des Sultans und im Geheimen — hunderttausende Juden nach Palästina bringen!" Wenn nun der Sultan in der That unter keiner Bedingung es jetzt gestatten würde, daß jüdische, friedliche Bürger sich in Palästina niederlassen, ehrlicher, physischer Arbeit obliegen und das wüste, dünnbevölkerte Land zu neuer Blüthe emporheben wäre unser Vorhaben derzeit nur gehemmt, aber noch immer nicht, ganz ausgeschlossen. Unser Vorhaben würde sich nur verzögern. Es stünden immer noch Hunderte Wege und Hunderte Mittel zur Verfügung, um die türkische Regierung für Concessionen, für Erlaubnisse von Fall zu Fall zu gewinnen. In der That ist dem aber gar nicht so. Seine Majestät der Sultan ist der Colonisation Palästinas durch Juden ohne jeden politischen Beigeschmack nicht abgeneigt. Sonst könnten doch 32 jüdische Dörfer in den letzten 15 Jahren itt Palästina gar nicht entstehen, und die türkische Regierung hätte schon die Mittel gesunden, um dies zu Hintertreiben. Diese blühenden jüdischen Besitzungen sind unter dem wachsamen Auge der Behörden enstanden, der Boden wurde auf jüdische Namen in Constantinopel intabulirt und zum Häuserbau wurde die vorgeschriebene Erlaubniß erlangt. (Die sogenannten Kuschanes und Ruchsoen.) Erst im vorigen Jahre ist eine neue jüdische Colonie „Kastinjeh" enstanden, Neujahr wurde die Colonie galizischer Juden „Machnajim" ins Leben gerufen und schon hören wir wieder, daß die „Jewish Colonisation Association" einen bedeutenden Bodencomplex im Umfange von 4000 Hectar in der Nähe von Liberias, Namens „Sedschera", an sich gebracht hat, auf dem sie circa 100 Familien demnächst colonisiren wird. Es ist doch lächerlich zu behaupten, daß all dies im Geheimen, gegen den Willen der Regierung geschehen ist und geschieht. Und wenn noch ein Schatten des Zweifels darüber schweben sollte, so wird derselbe durch den Umstand zerstreut, daß der Sultan erst vor einigen Wochen dem Präsidenten der „Jewish Colonisation Association", Herrn Narcise Lewen in Paris, der auch zugleich Präsideut des Centralcomitös derChobebe-Zion aller Läuder und Präsident der Alliance Jsraelite universelle ist, den Medschidje-Orden I. Classe verliehen hat. Das würde er sicher unterlassen haben, würde er die eminent co/onisatorische Thätigkeit der „Jewish Colonisation Association und der Chobebe- Zion" perhoresciren. Auch die Antwort, die der deutsche Kaiser den zionistischen Diplomaten zu Theil werden ließ, sprach sich ganz deutlich für die allmählige Colonisirung und gegen jedwede staatspolitische Allüren aus. Dieser Euunciation des deutschen Kaisers auf türkischem Boden hat der Sultan nicht wiedersprochen, sie trägt also einen höchst officiellen Charakter. Da kommen nun wieder die Politiker und wenden ein: Wie willst du ohne öffentlich rechtliche Garantien die Juden nach Palästina hinüberschmnggeln, wenn ein Einwanderungsverbot gegen die Juden besteht? Wie können die Juden in Palästina Boden erwerben und Häuser bauen, wenn ihnen Beides verboten ist? Wenn sie es doch ungeachtet dessen auf Schleichwegen thun, wird sie eines schönen Tages der überdrüssige Türke einfach davonjagen! Diese Einwendungen entspringen einer — für Zionisten sich Nenneude — höchst ungeziemenden Uukenntniß der thatsächlichen und rechtlichen Verhältnisse in Palästina. Genug traurig für unsere großmäuligen Politiker, wenn sie nicht einmal mit den Elementargefetzen der Türkei vertraut sind. Denn welches türkische, jetzt in Kraft bestehende Gesetz verbietet den auswärtigen Juden die Einwanderung nach Palästina und gestattet ihnen nicht. Boden zu erwerben und Häuser zu bauen? Mögen sie es nur citiren. Das werden sie sicher nicht thun können, weil ein solches gar nicht zu Recht besteht.