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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-14 · 28 (14.7.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
28 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 514 Dr. Bloch's Wocheuschrifl. Nr. 23 Ihrigen auch von den Juden den classischen Ausruf gethan: „Habt ihr jemals einen Juden arbeiten gesehen?" Wer das auf den rast- und ruhelosesten Menschenschlag der Welt sagen kann, das populäre Mißverständniß von der Handarbeit als alleiniger Arbeit benutzend, nach welchem in einer Bank oder Versicherungsgesellschaft eigentlich nur der Hausknecht arbeiten würde, wer jedes Vorkommen von Schlechtigkeiten unter einer zahlreichen Gesammtheit gewohnheitsmäßig zur Verdächtigung Aller benützt, warum sollte der nicht auch die Arbeiterschaft nach derselben Methode zu behandeln versuchen? Die Arbeiter sind ihm nichtsnutzige Buben, gerade so wie jeder Jude, auch der bedeutendste, ein „Judenbub"! Allerdings begeht er da eine kleine Verwechslung, die ihm leicht übel bekommen kann. Unser Volk ist seit Jahrhunderten nicht gerade verwöhnt worden; was soll der arme Jude thun, der als Einzelner einem ganzen Volkshaufen gegenübersteht, er, der Jahrhunderte hindurch allein nicht den selbstverständlichen Rechtsschutz gegen Kränkungen anrufen durfte? Er mußte und muß sich theilweise noch jetzt Alles gefallen lassem Anders aber steht es mit der körperlich kräftigen und männlich selbstbewußten Arbeiterschaft einer modernen Großstadt. Hier könnte Lueger'sche Unverschämtheit einmal an die unrichtige Adresse gerathen sein. Es war einmal ein Hausirer, der von dem Uebermuth der holzschuhschlapsenden Schusterjungen schwer zu leiden hatte. Als er sich einem solchen lästigen Gassenjungen gegenüber schon gar nicht zu helfen wußte, warf er ihm ein Geldstück zu. „Wie, sagte eine Bäuerin, ihr belohnt den Frechling?" „Das ist nicht mein Zweck", erwiederte der erfahrene Alte; „aber da ihm die Sache so gut abgelaufcn ist, so wird er es einem Anderen ebenso machen wollen, und der wird dem Jungen die Ohrfeige geben, die ich ihm schuldig bin." Ueber die Juden konnten die Herren im Rathhause zusammenlügen soviel sie wollten, sie wurden nur immer dafür belohnt. Nun versuchen sie. es mit der Arbkiterschaft. Vielleicht bekommen sie doch noch einmal die Ohrfeige, die sie längst verdient haben. Das meint ja die Frau unseres uralten Feindes Haman, wenn sie schon damals vor mehr als zwei Jahrtausenden als alten Erfahrungssatz ausspricht, daß bisher noch alle Feinde der Juden zugrunde gegangen seien. Sie gewöhnen sich nämlich an das ungestrafte Unrechtthun und gerathen mit der Zeit gelegentlich an den Unrechten. Ob die Stunde des Gerichtes in Wien endlich herannaht? In ganz Europa weht Morgenluft. Aus den Geheimnissen der Ritualnwrd-Fabrikation. Das schuftige Handwerk der Verleumdung wird von den Antisemiten in den verschiedensten Formen betrieben. Eine der beliebtesten derselben ist die infame Beschuldigung des Ritual- ' mordes, welche in der neuesten Zeit zum Großbetriebe ausgestaltet worden ist. Der berufsmäßige Ehrabschneider Ernst V e rg ani hat in seinem „Deutschen Volksblatt" eine förmliche Fabrik für Ritualmorde eingerichtet und liefert seinen Lesern jeden Tag ein ftisch geschlachtetes Christenmädchen, welchem die Juden das Blut abgezapft haben. Was dieses Schandblatt anläßlich des Mordes in Polna an schamlosen Lügen und Verleumdungen unbescholtener und durchaus unverdächtiger Personen geleistet hat, das ist noch in allgemeiner Erinnerung und wird voraussichtlich auch bei Gericht erörtert werden. Unlängst wußte das Blatt eine romantische Geschichte von einem Christenmädchen zu erzählen, welches auf dem Stefansplatz von zwei Juden geschleppt worden sei und laut weinte und das Blatt kündigte an, es habe über den mysteriösen Fall „seine" Nachforschungen emgeleitet. Ueber das Ergebniß dieser Nachforschungen hat der Ehrenmann von der Josefsgasse leider seinen Lesern nicht ein Wort mitgetheilt; es scheint also, daß das weinende Mädchen auf dem Stefansplatz dem Schächtmesser der Jud-n glücklich entkommen ist. In der letzten Sonntagsnummer des „Deutschen Volksblatt" finden wir wieder einen „sensationellen Mord". Ein hübsches Christenmädchen wurde lobt aufgefunden, und zwar wurde in Austi an der Adler die in einem vorgeschrittenen Stadium der Verwesung befindliche Leiche der 16jährigen Marie Rut herausgezogen. An dem Körper des Mädchens waren Verletzungen, die nach dem Gutachten der Aerzte erst der Leiche durch spitze Gegenstände, wie Steine re. zugefügt wurden. Plötzlich soll ein Arbeiter, namens Conrad R o b, welcher sich dem Sterben nahe fühlte, mitgetheilt haben, er habe in einer Nacht klar gesehen, wie zwei Männer einen großen Gegenstand ins Wasser geworfen haben. Einer dieser beiden Männer sei ein in Austi sehr bekannter Jude gewesen. Rob habe damals — das war im April d. I. — Niemandem etwas davon gesagt, auch später nicht, als die Leichs in dem Wasser gefunden wurde, habe er nichts gesagt, um während seiner Krankheit nicht Scherereien bei Gericht zu haben. Jetzt aber, vor seinem nahen Tode, habe er das furchtbare Geheimniß nicht mit ins Grab nehmen wollen. Diese Aussage hat neuerlich „große Sensation und Erregung" hervorgerufen. „Aus der ganzen Umgebung wurden Verstärkungen für den Austier Gendarmeriepvsten zusammengezogen, um eventuellen Unruhen bei Zeiten Einhalt zu thun". Es ist nun merkwürdig, daß sonst bei einer Mordthat niemals solche Verstärkungen der Gendarmerie nothwendig sind, um eventuellen Unruhen vorzubeugen. Die „Erregung" stellt sich nämlich immer erst dann ein, wenn von den Antisemiten darauf hingewieseu wird, daß der oder die Ermordete ein Christ oder eine Christin war, und wenn gleichzeitig der Verdacht nicht blos auf einen oder mehrere Juden überhaupt gelenkt, sondern gleichzeitig auch der Glaube in der Bevölkerung erzeugt worden, es sei wieder einmal ein Mord deshalb begangen worden, weil die Juden das Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen. Diese imfame Agitation wird insbesondere in Polna und Umgebung mit den infamsten Mitteln betrieben. Es werden massenhaft Flugschriften verbreitet, in welchen das stattgefundene Schächten u. s. w. ausführlich geschildert wird, als wären die Verfasser dabei gewesen, und bildliche Darstellungen, auf welchen man die krumnasigen Juden das Mädchen Schächten und das Blut in einem bereitgehaltenen Gefäß auffangen sieht. Der Vertrieb solcher Flugschriften und Bilder ist nicht blos ein Agitationsmittel, um gegen die Juden aufzuhetzen, sondern auch ein buchhändlerisches Geschäft, gerade so wie der Vertrieb des „Deutschen Volksblatt", das in seiner schurkenhaften Ansschrotung erdichteter Anschuldigungen und in seiner Hetze nur deshalb eine gewisse Grenze einzuhalten gezwungen ist, weil es sonst confiscirt wird. In den nächsten Tagen wird wahrscheinlich auch die Geschichte von dem ermordeten Mädchen in Austi nach dem gleichen Recept ausgebeutet werden. Die commercielle Verwerthung von Morden, die an Christen begangen werden, geht also mit der antisemitischen Hetze Hand in Hand, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß Leute, die so glücklich'sind, das Material liefern zu können, aus welchem sich ein ausgiebiger Ritualmord constituiren läßt, dabei ihre Rechnung finden. In Italien hat sich auch der Fall erreignet, daß an Juden eine Erpressung begangen wurde, indem man ihnen drohte, daß man sie des Ritualmordes beschuldigen werde, und als im vorigen Jahre in Mähren ein „Christenmädchen" verschwand, worauf sofort die Mutter darüber wehklagte, ihr armes Kind sei von den Juden ermordet und das Blut in den „Mazzes" verarbeitet, war diese selbe Mutter geradezu enttäuscht und ärgerlich, als die geschächtete Tochter lebendig, frisch und gesund wieder gefunden wurde. Gegenüber dem ruchlosen, geradezu verbrecherischen Treiben der Großindustriellen des Ritualmordes, sei hier an die zahlreichen, gerichtlich erwiesenen Fälle von Morden erinnert, die von Christen begangen wurden in der Absicht, die Thäterschast den Juden anzudichten. Papst Gregor X. bemerkt in der Bulle vom 7. October 1272, „daß christliche Väter heimlich ihre Kinder verbergen, um den Juden etwas anhaben und als Preis des Loskaufens von Quälereien eine gewiße Summe Geldes von den Juden erpressen zu köne n". In dem Gutachten, das Cardinal Ganganelli (der spätere Papst Clemens XlV.) über die Blutbeschuldigung erstattet hat, heißt es:

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