Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ihr. 28 Dl*■ BIOCll’S Iahrgmrg XYI. Centralorgan für die gefammken Interessen des Iudenthums. -- Wien, 14. Juli 1899. > —- Erscheint jeden Freitag. -«>>■•—«j. - Brief-Adresse: Wien, II., Untere Augartenstraße la. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. K --. K. ft. Pofilparcagert-Amr Clrari ngverkrhr | Ar. 810.976.! Redaction und Kdministraiion: Wien ZI., liniere Bttnariciiür. la. Telephon- Nr. 14.847 ■' — --« X. . -- « Sezugsperis für Vesterrrichr Halbjährig 4 fl. — 8 Stv. Einzeleremplare 25 k. lür's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Stt. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile l2 kr. * ..= ■■ ■■■■■ -X Inhalt. Leitartikel: Der Kampf der Arbeiter und Dr. Lueger. — Aus den Geheimnissen der Ritualmord-Fabrication. — Der organische Zionismus. — Dr. David Kaufmann. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Jüdische Stiftungen für antisemitische Agitatoren. Christian Thomasius. Antisemitismus in Belgien. Zur Blutlüge einen interessanten Beitrag. Juden auf dem Schlachtfelde. Emanuel Lasker auf dem Londoner Schachcongresse. — Ein Besuch im Schwesternheim des Vereines für jüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin. — Ein „höherer Officier" der „Kreuzzeitung" über die Affaire Dreyfus. Die Kraft im Liede. — Corresponde nzen: Sitzung der israelitischen Cultusgemeinde Wien. Wien, Kremsier, Groß-Meseritsch, Brody, Wag-Neustadtl, Esseg, Breslau, Bukarest, Paris. — Vermischtes: Wien, Marienbad, Eger, Prag. Pisek, Jglau, Sternberg in Mähren, Buchlowitz, Krakau, Zborow, Bacs-Kula. — Feuilleton: Michael. — Am Tische-Beaw. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Kampf der Arbeiter und Dr. Lueger. Der Wiener Zeitungsleser konnte dieser Tage ein seltenes Vergnügen genießen. Plötzlich begeisterte sich die ganze kapitalistische Presse für die Forderungen der Socialdemokratie, während diese offenbar über die Sympathieergüsse von solcher Seite keine ganz ungemischte Freude empfand. Sie fühlte sich förmlich ertappt auf der „jüdischen" Bundesgenossenschaft. Ein seltsames Mißverständnis auf beiden Seiten! Die Wiener Presse ist gar nicht jüdisch, wenn sie auch theilweise von Juden geleitet wird, sowenig wie die von Speidel, geschriebenen Artikel deshalb katholisch sind, weil ihr Urheber schon a priori getauft war. Und nun erst die socialdemokratische Presse! Wie die gewissen jüdischen Damen, wenn am Familientische das Gespräch auch nur in die Nähe jüdischer Themen kommt, winden sich die socialdemokratischen Blätter in der Judenfrage. Ihre Redacteure möchten um Alles in der Welt nicht „Judensoci" sein und können wirklich vor ihrer confessionslosen Gegenwart meist eine christliche Vergangenheit aufweisen. Allein die Gewalt der Thatsachen zwingt sie zur Waffenbrüderschaft mit der „freisinnigen Bürgerschaft". Es ist dies ein Zug, der merkwürdigerweise gegenwärtig in ganz Europa zu bemerken und im Interesse einer besseren Zukunft freudig zu begrüßen ist. Galliffrt neben Millerand, Lorand neben Vandervelde, Jmbriani neben Ferri, überall der Bund des freisinnigen Bürgerthums mit dem „Socialismus". Das Vereinigende liegt offenbar in dem gemeinsamen Kampfe gegen die clericale Reaction. Dabei aber werden beide Verbündete innerlich gebessert. Der Freisinn wird mannhafter und rücksichtsloser, der Socialismus gewinnt „Bernstein"- farbe, er gibt es billiger als bisher, er verlangt nicht gleich dm Zusammenbruch der ganzen bürgerlichen Gesellschaft und kann deshalb innerhalb derselben werthvolle Bundesgenossen finden. Die Wiener Arbeiter, welche am letzten Donnerstag im Arbeitsrock zwischen den Palästen unserer Ringstraße promenirten, sind durchaus keine Anarchisten und Gesetzesverächter, sie wollen ihr gutes Recht haben, sie wollen an der Verwaltung ihrer Vaterstadt theilnehmen und vor Allem wollen sie nicht von ihrem eigenen Bürgermeister beschimpft werden. Das Wahlrecht der Arbeiter für den Gemeinderath ist z. B. in Paris längst verwirklicht. Der dortige Gemeinderath ist sogar in seiner Mehrheit socialistisch. Und Hand aufs Herz: Hat man vom Pariser Gemeinderath jemals etwas gehört, was an Verschleuderung von Gemeindegeldern oder an brutaler Vergewaltigung der Minorität an die Wiener Zustände erinnern würde? Das Aeußerste, was er sich geleistet hat, war die Votirung von Unterstützungsgeldern für Streikende und da hat der Präfect des Departements Seine regelmäßig den Beschluß cassirt, trotzdem es sich nur um Tausende von Franks handelte, nicht um Millionen von Gulden, wie bei den Wiener Kirchenbaubeschlüssen. Eine Parteiherrschaft in einer localen Körperschaft ist immer nur gefährlich, wenn sie von oben gestützt wird. Wir hallen also das Streben der Arbeiter nach communalem Wahlrecht selbst in seinen letzten Consequenzen für ganz ungefährlich. Ueberdies können diese Consequenzen niemals eintreten. Es hat gute Wege, bis selbst beim allgemeinen Wahlrecht das gründlich versumpfte und verseuchte Wien eine größere Anzahl von Socialdemokraten in den Gemeinderath entsenden würde. Um so rückhaltsloser und unbefangener kann jeder Menschenfreund dem Kampfe der Wiener Arbeiter zum Ausdrucke ihres beleidigten Ehrgefühls seine Sympathie entgegenbringen. Ein Mann, der niemals ernster Arbeit alternden Druck gekostet hat, wagt es, von einem großen Theile der Wiener Arbeiterschaft als von Leuten zu sprechen, die von Arbeit gar nicht träumen; ein Mann, der von der Bürgerschaft einen fürstlichen Gehalt bezieht, nennt Diejenigen Diebe, die durch ihre schwer erworbenen Steuerkreuzer die Grundlage seiner Herrlichkeit bilden. Man glaubt den Herren von Wien ihre Unverschämtheit, aber von wo nehmen sie nur diesen Fond von Verlogenheit, gerade die Mühseligsten und Beladensten als Müßiggänger zu beschimpfen? Es wäre gar nicht zu verstehen, wenn man nicht wüßte, wie sie emporgekommen sind. Hat nicht einer der