Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Date
- 1899-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 503 Das Rabbiner feminar in Wien. Unter diesem Titel bringt die vom 1. Juli d. I. erschienene galizische Lehrerzeitung „Swiatto" in polnischer Sprache einen sehr guten Artikel aus der Feder eines galizischen Schulleiters, den wir hier in wortgetreuer deutscher Uebersetzung wiedergeben: „Noch ist das Echo eines Artikels des „Lemberger Israelit" über das Wiener Rabbinerseminar nicht verklungen, noch haftet in unserer Vorstellung das mit dicken Strichen gezeichnete Bild des realen Werthes dieser Institution und schon liegt vor uns ein neuer Beweis ihres rücksichtslosen Vorgehens. Wir bringen den Lesern in Erinnerung, daß das vor Jahren in Wien eröffnete Rabbinerseminar seine erste Generation promovirt hat. Es traten in die Welt junge Theologen hinaus mit dem Rabbinerdiplom, aber ohne Stellen und Aussichten. Aber um diese handelt es sich uns weniger, da ihnen fürs Leben wahrscheinlich die Ausrede der Gelehrsamkeit allein genügt. Aus den niederen, mit dem Seminar verbundenen Cursen ging aber eine zweite Kategorie junger Leute hervor, welche unter dem Einfluß rosigster Verheißungen die Studien in den Mittelschulen aufgaben, um nach vierjährigem Lehrgänge im Wiener Seminar Religionslehrerstellen in Volksschulen zu erhalten. Ihre Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch. — Die vier auf dem Wiener Pflaster verbrachten Jahre waren für sie eine Periode der Täuschung, welche zum Schluffe die nackte Wirklichkeit enthüllte, die da hieß: Mangel an wirklicher Fachausbildung, Mangel an den gesetzlichen Bedingungen für die Erlangung einer Lehrerstelle und das Gespenst des Hungers. Doch sieh' das Glück im Unglück. Die Baron Hirsch-Stiftung, augenscheinlich nur in der Absicht, die Situation zu retten, nahm die tüchtigsten dieser jungen Leute unter ihre schützenden Fittige und wies ihnen in den Stiftungsschulen Beschäftigung und entsprechende Entlohnung zu, um ihnen innerhalb Jahresfrist die Ablegung der Reifeprüfung an einer Landeslehrerbildungsanstalt zu ermöglichen. — Von Jahr zu Jahr verlängert die Baron Hirsch-Stiftung in hochherziger Weise den Termin für die Ablegung dieser Prüfung, worin eigentlich sich bis zu-einem gewissen Grade der Kern der Ersprießlichkeit und des Erfolges der Arbeit an dem genannten Wiener theologischen Institut manifestirt. Man sollte meinen, daß, durch die Thatsache belehrt, die Verwaltung des theologischen Institutes die Daseinsbedingungen des vierjährigen Religionslehrercurses untersucht, da es doch nicht anzunehmen wäre, daß eine derartige Institution die Aufgabe hätte, ein Proletariat heranzubilden gind zu vermehren und verkrachte Existenzen zu schaffen. Allein dem ist nicht so. Das theologische Seminar trachtet um jeden Preis, sich auf der Oberfläche des bewegten Meeres zu halten; unbekümmert um den Hafen, in den es einläuft, führt es vier Jahre seine Passagiere, um sie endlich auf irgend einer Sandbank stranden zu lassen. Solche Tendenzen leiteten und leiten die Verwaltung der Theologischen Lehranstalt in Wien und die neuesten Verlautbarungen in Nr. 24 der Wochenschrift geben uns Ursache, uns neuerdings mit dieser Institution zu befassen. Mit Stillschweigen wird da übergangen, daß auch bis jetzt am Seminar ein Curs für Religionslehrer bestand, augenscheinlich, um unangenehmen Reminiscenzen aus dem Wege zu gehen, und, als ob es sich um ein Novum handelte, angekündigt: „Die Verwaltung der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien verlautbart im Einverständnisse mit der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, daß ein vierjähriger Curs zur Heranbildung israelitischer Religionslehrer eröffnet wird. Zum Besuchs werden in erster Reihe Lehrer mit Reifezeugniß, Absolventen einer Mittelschule und Schüler der IV. Gymnasial¬ oder Realclaffe zugelaffen. Für die Besucher ist durch eine größere Zihl Stipendien und anderen Beneficien gesorgt." Für unsere galizischen Lehrer mit Reifezeugniß als auch für intelligente Leute ohne Prüfung hat dieser Curs denselben Werth. — Die ersteren können im Lande nach zweijähriger Praxis an einer Schule mit Oeffentlichkeitsrecht bei der Qualificationsprüfung die gesetzlich vorgeschriebene Autorisirung zur Ectheilung des Religionsunterrichtes an Volksschulen erlangen, und auch die anderen werden sicherlich schneller zum Ziele gelangen, wenn sie mit Umgehung des Wiener Rabbinerseminars als ordentliche Schüler ein Lehrerseminar im Lande besuchen. In sechs Jahren werden sie das Lehrerpatent haben, das sie im Falle des Besuches des Wiener Curses in 10 Jahren oder überhaupt nicht erlangt hätten. So stellen sich uns die Vortheile des vierjährigen Wiener Religionslehrercurses dar und die geräuschvoll versprochene materielle Hilfe sieht einer Mausfalle verdammt ähnlich." Tarnow, den 3. Juli 1899. Die tzchulftiftung des Baron Hirsch. Das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung zur Beförderung des Volksschulunterrichtes in Galizien veröffentlicht soeben den Bericht über seine Thätigkeit im Schuljahre 1897/98 auf den Gebieten des Schulwesens und des Handwerkes. Nach einem tiefempfundenen Nachrufe, der dem Andenken der Baronin Hirsch gewidmet ist. constatirt der Bericht, daß mit Beginn des Schuljahres 1897/98 fünf weitere Stiftuugsschulen, u. zw. in Tluste, Miculiuce, Zablotow, Bohorodczany und Korolowka, eröffnet wurden, so daß die Zahl der Stiftuugsschulen im abgelaufenen Schuljahre 45 betrug und mit den zu Beginn des laufenden Schuljahres (1898/99) eröffneten weiteren fünf Volksschulen die Zahl von 50 erreichte. Die Einschreibungen ergaben in den im Schuljahre 1897/98 neu eröffneten Stiftungsschulen zusammen 634, und wurden hievon 574 classificirt; die zahlreichen Einschreibungen in den neueröffneten Schulen haben die Eröffnung von Parallelklassen in Tluste, Mikulince, Zablotow und Bohorodczany nothwendig gemacht. Der Zuwachs au Frequenz gegenüber dem Vorjahre beträgt in den alten Schulen, in welchen pro 1896/97 6665 Schüler eingeschrieben waren, 995, dazu kommen die in den neueröffneten fünf Stiftungsschulen eingeschriebenen 634 Schüler, so daß die Frequenzsteigerung in den Tagesschulen allein 1609 beträgt. Diese erfreuliche Zunahme der Frequenz war an einzelnen Schulen über alle Erwartung stark. So hat sich die Frequenz in Ehrzanow verdoppelt, in Dukla und Rozwadow sogar verdreifacht; in Tarnow, Stanislau und Zloczow betrug der Zuwachs je 50 bis 100 Kinder. Eine erfreuliche Erscheinung ist es ferner, daß die Stiftungsschulen auch die Jugend der Umgebung heranziehen, und wurden im Schuljahre 1897/98 die Stiftungsschulen von 838 Schülern besucht, deren Wohnort mehrere Kilometer vom Orte der Schule entfernt ist. In einigen Schulen war die Zahl der auswärtigen Schüler eine besonders große, so in Stanislau 120, Sadagora 92, Kolonien 86, Monasterzyska 50, Gwozdziec 46, Horodenka 43. Die Classificationsresultate waren im Ganzen recht günstig, mit Ausnahme von einigen Schulen, welche infolge epidemischer Krankheiten zeitweilig gesperrt, waren. Die Berichte sowohl der staatlichen Jnspectoren als der Jnspectionsorgane der Stiftung lauteten durchaus befriedigend. Durch das hochherzige Mitwirken der Frau Baronin von Hirsch war es dem Curatorium ermöglicht, eine Anzahl von Häusern zu acqniriren und die dringendsten Schulbauten aufzuführen, so daß in dem abgelaufenen Schuljahr die Zahl der bereits bezogenen eigenen Schulhäuser von 14 aus 18 stieg und weitere 6 Schulbauten in Angriff genommen wurden, welche im Schuljahre 1898/99 werden fertiggestellt werden. Entsprechend der Zunahme der Frequenz und der Errichtung neuer Schulen hat auch das Lehrpersonale einen Zuwachs erfahren, so daß das Lehrpersonal von 172 auf 203 gestiegen ist. An den Volksschulen wurden im Schuljahre 1897/98 5250 Schüler bekleidet, 6847 Schüler mit Schulbüchern und Requisiten und 3048 Schüler während der Wintermonate mit Mittagskost versorgt. Außer den Stiftungsschulen erhielten im abgelaufenen Schuljahre noch nachfolgende nothleidende Schulen Subventionen für Bekleidung und Beköstigung armer Schulkinder, und zwar in Galizien; Brody fl. 600, Zablocie (Saybusch) fl. 500, Sambor fl. 300'54; in der Bukowina Wiznitz fl. 300, Radautz fl. 200, Stauestie fl. 200, Sereth fl. 100, Kimpolung fl. 100, Storozynetz fl. 100, Gurahumora fl. 100 und Sergie Putilla fl. 100. Die Zahl der Abendcurse ist im abgelaufenen Schuljahre von 28 auf 34 gestiegen In Boryslaw wurde in 5 Abtheiluugen während der Sommermonate für die dortigen Grubenaufseher ein Curs abgehalten, welcher denselben die Ablegung der von der Bergbehörde vorgeschriebenen Prüfungen ermöglichte. An diesem Curse hat eine Classification nicht stattgefunden, da der Curs nur eine Vorbereitung für eine öffentliche Prüfung war. In diesen Abendcursen waren 1997 eingeschrieben und 1207 classificirt. — Die Frequenz in den Abendcursen ist somit gegen das Vorjahr von 1596 auf 1997, also um 401 Schüler gestiegen. Außer den von der Stiftung erhaltenen Volks- und Abendschulen wurden im Schuljahre 1897/98 Subventionen im Gesammtbetrage vou fl. 9075 an nachfolgende Schulen in Galizien und der Bukowina ertheilt und zwar für Brody, Zablocie (Saybusch), Tarnopol, Sambor und Suczawa.