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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Sir. 37 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 501 und ihrer Todeszuckungen eine öffentliche Volksbelustigung. Die verfeinerten Sitten des XIX. Jahrhunderts bringen es mit sich, daß die Grausamkeit andere, man möchte beinahe sagen literarische Forme«: angenommen hat. In der Sache gehört aber die gleiche Rohheit dazu, sich an den Qualen eines armen Sünders zu ergötzen oder über Frau und Kinder eines Unglücklichen zu spotten, denen der Gatte und Vater geraubt worden, und ihre Sehnsucht nach ihm lächerlich zu finden. In Deutschland hat soeben ein ehemaliger antisemitischer Parteihäuptling und Journalist nach Verbüßung einer mehrjährigen Kerkerstrafe das Zuchthaus verlassen, und gewiß hat auch ihn seine Familie mit Sehnsucht erwartet. Ist diese Sehnsucht Gegenstand des Spottes, und wird ein anständiger Mensch schuldlose Angehörige eines entlassenen Sträflings deshalb verhöhnen, weil sie dem Gatten oder Vater auch in seiner Schande und in feinem Unglück die schuldige Treue bewahrt haben? Als in Wien jener Mörder verurtheilt wurde, der im Aziendahof einen Briefträger erschossen und beraubt hatte, da gab es auf dieser Erde nur eine einzige menschliche Seele, die ihm das Erbarmen mit der Creatur nicht versagte: seine alte Mutter, die für ihn um Gnade bat. Für die ganze Welt war er der fluchbeladene Meuchelmörder; für das Mutterherz war er auch als Verbrecher noch immer der Sohn. Damals gab es Niemanden, der mit dieser unglücklichen alten Frau nicht das innigste Mitleid gefühlt hätte. Sind die Bande des Blutes ein Gegenstand des Spottes? Allerdings, derselbe Antisemitismus, der das Recht verleugnet, wo es sich um einen Juden handelt, der verleugnet auch in diesem Falle alle menschlichen Gefühle, und die citirten Sätze, in welchen die Sehnsucht einer aufopferungsvollen Gattin und die voraussichtliche Theilnahme mit ihr so roh und so albern verspottet werden, sind ein lehrreiches Document antisemitischer Bestialität. Diese ist umso empörender, als derzeit, nach dem Spruche des Cassationshofes, die Ver urtheilung des Dreyfus überhaupt nicht mehr zu Recht besteht. Was er bisher erlitten, war ein entsetzliches Unrecht, das ihm infolge einer unter allen Umständen incorrecten Rechtssprechung zugefügt worden. Die Verurtheilung ist null und nichtig, als Unbescholtener tritt er vor neue Richter, um sich gegen die Anklage des Verrathes zu vertheidigen, und das Verhalten der Wiener Antisemiten ist umso empörender, als sogar ein Deroulede erklärte, er werde sich vor dem neuen Spruche des Kriegsgerichtes beugen, und er wünsche nur, daß jene Kriegsininister zur Verantwortung gezogen werden, die sich für die Schuld des Dreyfus verbürgten. Kann die Bürgschaft eines Kciegsministers, kann das „Ehrenwort" eines Mercier die fehlenden Beweise für die Schuld ersetzen, und kann ein Mensch schuldig erkannt werden, blos deshalb, weil Personen, die nichts wissen, an seine Schuld glauben, ohne daß sie diesen Glauben begründen können? So ist derzeit der Stand des Processes Dreyfus, dessen Verlauf beruhigt abgewartet werden kann, wenn die Richter eingedenk sind ihrer Gewissenspflicht; daß Dreyfus vor unbefangene und unabhängige Richter komme, das ist der einzige Wunsch, der noch auszusprechen ist, mag das Ergebniß welches immer sein. Die antisemitischen Geier freilich umkreisen das Gerichtsgebäude, und Beaurepaire, dieser Verräther an der Rechtspflege, hat sich dem öffentlichen Ankläger zur Hilfe angeboten, allein diese schmutzige Mitarbeiterschaft wurde von der Justiz abgelehnt. Bis zum Tage der Verhandlung werden die Bertbeidiger, die Aerzte und die Gattin des Dreyfus um ihn bemüht sein, damit er sich geistig und physisch erhole und stark genug sei, vor seinen Richtern für seine Ehre einzustehen. Er wird vielleicht wieder sprechen lernen, wie in den Tagen, da er frei und glücklich war, und wenn das Urtheil des Kriegsgerichtes ihn den Seinen wiedergibt, dann wird das nicht in dem Sinne „rührend" und nicht „köstlich zu lesen" sein, wie es sich die publicistischen Schergen des Antisemitismus vorstellen mögen, und nicht blos die jüdischen Leserinnen werden weinen. Das wird vielmehr der erhebende und tröstende Ausgang eines Schauspieles sein, in welchem das Recht und die Menschlichkeit den Sieg davontragen werden über Niedertracht und Fälschung, über Corruption und Verrath, über Reaction und Jesuitismus, oder, um es in einem einzigen Worte zusammenzufassen: über den Antisemitismus. -i- * * Die Straßendemonstrationen, die am Freitag der vorigen Woche gegen die Wahlreformvorlage stattfanden, nahmen einen imposanten Verlauf. 30.000 Personen nahmen daran theil, Socialisten und Bürger, welche unter den Rufen: „Es lebe die Freiheit! Nieder mit den Wahlsälschern!" re. die Straßen durchzogen. Die Ordnung wurde nirgends gestört, da über Einschreiten des Bürgermeisters die Gendarmerie nicht in den Straßen erscheinen durfte. Diese Demonstrationen, bei deren Veranstaltung der Bürgermeister das Volk vor den Attaquen der Polizei schützte und es ermöglichte, daß die Meinung des Volkes zu lautem Ausdruck komme, haben sich selbstverständlich nicht in Wien ereignet, sondern in Brüssel. Zwischen dem Bürgermeister von Brüssel und dem von Wien waltet eben der kleine Unterschied ob, daß der Bürgermeister von Brüssel beliebt und geachtet ist, während Herr Dr. Lueger von einem großen Theile der Bevölkerung gehaßt und verachtet wird. Damit steht noch der weitere Unterschied in Zusammenhang, daß der Bürgermeister von Brüssel das Volk in der Kundgebung seines Willens vor polizeilicher Drangsalirung schützt, während Dr. Lueger die unerhörte Niedertracht begeht, die gegen ihn und seine Partei gerichteten Aeußerungen des Unwillens durch die Pferdehufe und Säbelhiebe der Polizei gewaltsam zu unterdrücken. Die Stadt Wien wird.förmlich in Belagerungszustand versetzt und bildet den Schauplatz von Straßenkämpfen, dainit nur ja der Ruf: „Pfui Lueger!" erstickt werde. Wenn das so fortgeht, dann werden die Tage kommen, die den Einbrechern und Raubmördern gefallen. Alle Kräfte der Polizei werden nämlich durch die Maßregeln in Anspruch genommen, durch die es verhindert werden soll, daß die öffentliche Entrüstung über das Vorgehen der christlich-socialen Partei und ihres Führers nicht zu lautem Ausdruck komme. Es ist unmöglich, daß der Sicherheitsdienst nicht darunter leidet, wenn die Wachmannschaft zur Bewältigung von Aufgaben herangezogen wird, die mit ihrer eigentlichen Bestimmung nichts zu thun haben. Das ist nicht Sache der Polizei, den Arbeitern und der freisinnigen Bürgerschaft die Achtung vor Herrn Dr. Lueger mit den: Säbel beizubringen. Wenn ein Arbeiter ausruft: „Pfui Lueger!" wird er arretirt, obgleich er damit nur eine rein private Ehrenbeleidigung begeht, für welche ihn Herr Dr. Lueger beim Bezirksgerichte belangen mag. Wenn die Bezirksgerichte nicht blos von ganz Wien, sondern von ganz Oesterreich nicht genug Arrestlocalitäten haben, um alle Diejenigen einzusperren, welche die von der christlich-socialen Partei beabsichtigte Wahlreform als einen perfiden Wahlrechtsraub erklären, so können die einzelnen Arbeiter nichts dafür. Wenn jeder Arbeiter von der Polizei gepackt wird, der dem Bürgermeister die Entrüstnng über den von ihm und seiner Partei geplanten Volksbetrug kundgibt, warum werden nicht die Herren Dr. Lueger und Strobach arretirt, wenn sie in öffentlicher Versammlung die gesammte demonsirirende Arbeiterschaft als Buben, als Gesindel, als Diebsgesindel bezeichnen? Ist das nicht eine größere Beleidigung, und ist sie nicht gefährlicher für die öffentliche Ruhe und Ordnung, ist sie nicht aufreizender und vielleicht zu böseren Folgen führend? Oder gehört das „Kind des Volkes" einer bevorrechteten Menschenclaffe an, die das Privilegium hat, alle anderen in so pöbelhafter Weise zu beschimpfen? Der Herr Bürgermeister und sein dickbäuchiges Anhängsel sind aber noch weiter gegangen. Sie haben nicht blos die Polizei auf die eigene Bevölkerung der Stadt gehetzt, die mit ihrer Verwaltung behaftet ist, sondern mobilisiren geradezu ihre Anhänger zur gewaltsamen Abwehr der gegen die Wahlreform gerichteten Kundgebungen. Daß die beiden Herren die Anwendung von Gewalt empfehlen, darüber läßt der Wortlaut ihrer bei den „christlichen" Frauen gehaltenen Reden nicht den geringsten Zweifel zu. „Bis jetzt habe ich meine Parteigenossen zurückgehalten", sagt Herr Dr. Lueger. „Ich habe ihnen erklärt, es dürfen keine Demonstrationen stattfinden. Wenn aber die Feigheit so weit gehen sollte, daß wir schutzlos preisgegeben sind gewissen Buben, dann wird der Ruf ergehen: Los gegen diese Buben!" Noch viel deutlicher, aber selbstverständlich noch ordinärer, dümmer und lächerlicher sprach der Vicebürgermeister, näinlich Herr Strobach. Er forderte die Frauen aus, s i e mögen zeigen, daß e r Muth besitzt, und sagte: „Wir sind Diejenigen, welche die Majorität haben und wir sind Diejenigen welche dieses elende Diebsgesindel in Scherben hauen werden." Es wäre interessant, das Experiment anzustellen, daß ein Redner in einer Arbeiterversammlung genau die Worte des Herrn Strobach aus die christlich-sociale Partei anwendet und seinen ...Parteigenossen zuruft : „Wir sind Diejenigen, welche dieses elende ^Diebsgesindel in Scherben hauen werden." Wir brauchen nich

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