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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 600 Nr. 27 Vr» Bloch's die für das Ehrengrab sich erkenntlich zeigen und für ein Billiges noch ein kleines Bamberger-Denkmal herausschlagen wollten! Bamberger's selige Erben wissen, wie Bamberger über Religion im Allgemeinen und über jüdrsche Religion im Besonderen gedacht hat, und deshalb haben sie religiöse Bücher und Religionsschulen von dem Genuß ihrer Stiftung ausgeschlossen. Das ist ihr gutes Recht. Bamberger's selige Erben haben aber auch gewußt, welcher Geist jetzt wieder in der Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde weht, und deshalb haben sie gewagt, was sonst eine Dreistigkeit gewesen wäre, eine solche Stiftung nicht einem Club, nicht einem Bezirksverein, nicht einem freireligiösen Conventikel, sondern der Berliner jüdischen Gemeinde anzubieten! Herr Profeffor Geiger war so sehr in schwärmerische Ekstase gerathen, daß er sogar des liberalen Feigenblättchens zu achten vergaß. Bamberger, meinte er, sei bemüht gewesen, die vollständige Amalgamirung zwischen den Juden und den Deutschen herbeizuführen, „die unser Aller Streben sei oder wenigstens sein sollte". Habemus conütentem reum! Hier ist der Herr Professor offener gewesen, als sonst; er hat das Ziel aufgesteckt: die Erreichung eines Zustandes, den die religionslose Gemeinschaft der hohen Gebildeten unter dem Namen der Religion der Mehrheit umfaßt. Mommsen war der Erste, der dies offen aussprach, und es haben sich Biele gefunden, die ihm beipflichteten, theils aus Ueberzeugung, theils weil ihnen Mommsen's Gesellschaft gefiel, die meisten, well sie auf diese Weise ohne Anstrengung zu einer Art Erscheinung ihrer Zugehörigkeit zu den „höher Gebildeten" kamen. Die Herren haben ganz Recht, wenn sie solche Anschauungen hegen und bekennen. Sie haben sich nur geirrt, als sie mit solchen Anschauungen Vertreter der jüdischen Gemeinde wurden. Da haben sie sich selbst und mehr noch ihre Wähler arg getäuscht, die nichts von einer „vollständigen Amalgamirung" wissen mögen, die Deutsche sind und Juden bleiben wollen. Bamberger's selige Erben sind übrigens nicht die einzigen wunderlichen Stifter, die ihre bedenkliche Huld der Berliner Gemeinde und ihren Instituten zuwenden. So hat jüngst ein Mttglied der Gemeinde — natürlich „aufgeklärt" und „liberal" — dem jüdischen Krankenhaus, das nicht der Gemeinde gehört, sondern eine selbstständige Verwaltung hat, 6000 Mark mit der Bedingung gespendet, daß die Stiftung nur n i ch t j ü d i s ch e n Patienten zu Gute kommen dürfe! Man hat sich nicht verlesen, es steht wirklich so da: Ein Jude muthet dem jüdischen Kranken Haus, von dessen 150 Betten im Winter regelmäßig 38 durch Nichtjuden belegt sind, die Annahme einer Stiftung zu, von deren Genuß jüdische Kranke ausgeschlossen sind! Damit ist's noch nicht genug: Der Vorstand des Krankenhauses hat die Spende — allerdings mit nur einer Stimme Mehrheit — angenommen! Das ist den Liberalen selbst, die noch Juden sind, nicht eingegangen. Diese haben ihren Austritt aus dem Vorstand des Krankenhauses erklärt. Der Vorstand der Gemeinde hat, wie hervorgehoben werden muß, die Annahme jener Stiftung unbedingt und einstimmig abgelehnt. An der Spitze des Krankenhauses aber steht derselbe Herr Louis Sachs, den die Gemeinderepräsentanten zu ihrem Vorsitzenden gewählt haben. Ob es irgendwo in der Welt denkbar wäre, daß ein Katholik oder Protestant einem katholischen oder protestantischen Krankenhaus ein analoges Ansinnen stellte? Man würde ihn auf seinen Gemüthszustand untersuchen, und sicher gäbe es in der Welt keinen Vorstand eines katholischen oder protestantischen Krankenhauses, der eine solche Zumuthung in Erwägung zöge, geschweige denn annähme. Das jüdische Krankenhaus ist in erster Reihe für solcb Kranke, die in ihrem Gewiffen sich bedrückt fühlen und daher in der Aufsuchung und der Erlangung der Heilung bchindert sein würden, wenn sie nicht in Speise und Trank nach den religiösen Satzungen sich richten könnten. Diese Patienten geben dem jüdischen Krankenhaus die Existenzberechtigung, alle anderen Patienten stehen in zweiter Reihe. Das das jüdische Krankenhaus nicht confessionell engherzig verfährt, haben wir bereits erwähnt. Es thut damit nichts Uebriges und man folgt nur gutem Beispiel, geht auch vielleicht mit gutem Beispiel voran. Wochenschrift Und da will ein Jude durch die Bedingungen an einer armseligen Bettstiftung den Anschein erwecken, als müßte das jüdische Krankenhaus erst durch Stiftungsbestimmungen gezwungen werden, dem Gebot der Humanität nachzukommen! Und die Vorsteher dieses Instituts nehmen für 6000 Mark diesen Schimpf hin, den sie nicht verdient haben, den sie erst durch ihr jetziges Verhalten verdienen! M. A. K l a u s n e r. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Das verhöhnte Unglück. — Dreyfus in Frankreich. — Christlich-socialer Humor. — Der Polizei-Bürgermeister. — Der Mcebürgermeister, nämlich Herr Strobach. — Ein Appell an die Frauen.) „Der Dreysus-Roman erhält erst jetzt in der Judenpresse seine interessantesten, weil rührend st en Capitel. Es wird köstlich sein, bald zu lesen von der Sehnsucht der Madame Dreyfus und ihrer Kinder, von dem Herannahen des Dreyfus auf der Meerfahrt, vomWiedersehen u n d d e r Umarmung, von den schrecklichen Erlebnissen des Dreyfus aus seinem eigenen Munde und nach den Erzählungen der Madame Dreyfus, von den Interviews der jüdischen Journalistenschaar, die dem heimkehrenden Dreyfus entgegengereist rc. DieganzeJudenpressewirdinblutigen Thränen schwimmen, und wenn sich die Thränen der jüdischen Leserinnen nrit dieser Salzfluth vereinigen werden, wird es eine große Ueberschwemmung geben." Der christlich-sociale Satyriker, der diese Einleitung zu. einem Artikel der „Reichspost" niedergeschrieben, hat die Komik der Situation, in welcher sich ein unschuldig Berurtheilter nach viereinhalbjähriger Haft und seine Gattin nach ebenso langer schmerzerfüllter Trennung befanden,' mit echt antisemitischem Humor herausgefunden, und es ist wirklich Alles so gekommen, wie er es sich ausgemalt und wie er es vorhergesagt. Ist es nicht wirklich belustigend, wenn so eine Jüdin es erleben muß, daß ihr Gatte als Berräther gebrandmarkt, daß ihm die Epauletten herabgerissen werden und daß er aus der Armee ausgestoßen wird? Daß er auf eine wüste Insel verbannt, dort Jahre lang in einem Kerkerverschlag gefangen gehalten wird, allein mit seinem Unglück und verdammt zu ewigem Schweigen? Niemand durfte mit ihm sprechen und er hat mit Niemandem gesprochen; er hat das „Mauscheln" verlernt. Nunmehr haben die obersten Richter von Frankreich erklärt, daß verbrecherische Fälschungen das Kriegsgericht getäuscht und irregeführt haben, und er wird nach Frankreich zurückgebracht. Auch auf dem Schiffe, das ihn der Heimat zuführt, durfte Niemand mit ihm sprechen, und er hatte selbst nicht das Bedürfniß, zu sprechen. Und nun war es allerdings „köstlich", zu lesen, wie die Frau des Juden zum ersten Male in die Zelle des Heimgekehrten trat, zitternd an allen Gliedern, und wie er die Gattin erstarrt und schweigend ansah, und wie sie, laut aufschluchzend, vor ihm niedersank und seine abgemagerten Hände mit Küssen bedeckte. Ist das nicht komisch, und muß man nicht laut auflachen darüber, daß die Jüdinnen, welche diese Schilderung des Wiedersehens der Gatten lasen, Thränen vergossen? Daß Alfred Dreyfus beinahe die Sprache verloren, daß er, der jahrelang keinen menschlichen Laut vernommen, erst wieder die Fähigkeit erlangen muß, zu sprechen, daß ihn die Frau wiedersieht als einen gealterten und in seinem Lebensnerv erschütterten Mann, ist das nicht heiter? Und daß er stamm, ud und zagend nach den Kindern fragte, denen der Vater als verreist galt, das ist doch wirklich so „rührend", wie man es nur in Romancapiteln jüdischer Zeitungen findet, und so drollige Erlebnisse einer jüdischen „Mischpoche" würden ergötzlichen Stoff für eine antisemitische Posse mit Gesang abgeben. Der Verfasser jenes Artikels der „Reichspost" ist um einige Jahrhunderte zu spät aus die Welt gekommen. . Wer in dem Schicksal des Capitäns Dreyfus und seiner Familie, gleichviel, ob er ihn für schuldig hält oder nicht, in dem derzeitigen Stadium mit solcher Treffsicherheit der Beobachtung das Komische und das Jüdische herauszufinden weiß, der wäre nach der Bildung seines Geistes und seines Herzens berufen gewesen, bei der Verbrennung jüdischer oder maurischer Ketzer als Gehilfe des Henkers zu amtiren. Damals bildete der Anblick sterbender Menschen

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