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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Blorch's Wockensrl^rifk. Seite 499 Nr. 27 ' Daher fort mit der geheimen, verschwiegenen Politikthuerei! Wir wollen Thaten, Thaten nicht in den Vorzimmern der Diplomaten und gekrönten Häupter, sondern neue Gründungen, neue Colonien, neue Industrien, neue Pionniere, nicht in Europa, sondern in Palästina^Hier ist vieles noch zu thun und vieles noch zu erreichen, noch^evor wir die „gekrönten Häupter" brauchen. Die meisten Zionisten kennen die jetzige Lage des Zionismus und geben diese zu. Nur gefallen sie sich in der Vogel Strauß-Politik. Noch aber ist es Zeit. Noch kann ein muthiges Einschreiten der Politikthuerei das Handwerk legen und der That zum Siege verhelfen. Diese Aufgabe steht den Zionisten jetzt bevor, diese Wendung, soll der Zionismus vor Kataklysmen gewahrt werden, muß schleunigst vollführt werden. Verdächtige Geschenke. Berlin, den 2. Juli. Ganz unerwartet ist die Repräsentantenversammlung noch zu einer Sitzung vor den Sommerferien einberufen worden. Die Tagesordnung sah ungemein harmlos aus: Erledigung einiger untergeordneter Rechnungssachen und Beschlußfassung über die Annahme eines Geschenkes von 10.000 Mark. Das Geschenk hatte aber einen Haken. Die Erben des ohne Hinterlassung eines Testamentes verstorbenen Abgeordneten Ludwig Bamberger haben sich bewogen gefunden, der Gemeinde Berlin einen Betrag in der genannten Höhe anzubieten, gleichsam als Erkenntlichkeit dafür, daß der bekannte Parlamentarier auf Beschluß der Gemeindebehörden in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofes beigesetzt worden. Nebenbei bemerkt: es ist nicht recht zu verstehen, weshalb Ludwig Bamberger, der ein bedeutender Mann, aber ein herzlich schlechter Jude gewesen, der für das Judenthum weder Berständniß noch Gefühl 'gehabt, nicht das geringste jüdische Wissen besessen — man müßte dahin die Fähigkeit rechnen, „Moschelchen" mit ungewöhnlichem Geschick zu erzählen —, der in langjähriger parlamentarischer Thätigkeit niemals ein Wort für seine Glaubensgenossen übrig gehabt, gerade in einer jüdischen Ehrenreihe beizusetzen war. Es ist richtig: die Zugehörigkeit eines solchen Mannes machte uns alle Ehre. Doch er gehörte gar nicht zu uns, er war nur zufällig Jude, oder vielmehr: er war einzig durch Geburt Jude und hat sein Judenthum und Sinn für das Judenthum niemals bethätigt. Das braucht man ihm von Judenthums wegen nicht zum Vorwurf machen; doch von einer jüdischen Ehrenreihe schloß ihn solches Verhalten eigentlich aus. Herüber hat freilich die Berliner Gemeindeverwaltung ihre besonderen Ansichten schon früher kundgegeben, als sie beispielsweise den Justizrath Lewy, der ein guter Rechtsanwalt und ein sehr guter Jurist gewesen, ebendort bestattete. Jüdisch war an ihm nur seine Name; die Kinder hatte er theilweise —. nach Bedarf — taufen lassen. Vielleicht war es sein tragischer Tod — er wurde ermordet —, der ihm die seinen Verdiensten gegenüber recht incongruente Auszeichnung eintrug. Die Ehrenreihe auf dem jüdischen Friedhof sollte denen Vorbehalten bleiben, die als Juden und um das Judenthum sich verdient gemacht haben. Und dabei darf selbst die ungewöhnliche sachliche Tüchtigkeit nicht als jüdisches Verdienst gelten. Doch Ludwig Bamberger liegt in der Ehrenreihe und die Erben wollten sich mit 10.000 Mark» dafür erkenntlich zeigen. Sie thaten das nur nicht durch schlichte Hergabe der Summe für Gemeinde- oder wohlthätig Zwecke, sondern sie boten es zu einer „Stiftung" an — für ewige Zeiten, natürlich — und für diese Stiftung schrieben sie Bestimmungen und Bedingungen'vor. Von den Zinsen der Stiftung sollen an die lobenswerthesten Zöglinge der Schulen und Lehranstalten der Gemeinde alljährlich Bücherprämien vertheilt werden. Ausgegenommen aber sind die Religionsschulen der Gemeinde, also gerade die specifisch-jüdischen Gemeindeschulen. Für die Auswahl der Prämien ist vorgeschrieben, daß sie Bücher von ernstem wissenschaftlichem oder künstlerischem Inhalt sein sollen; bevorzugt sind vorurtheilslose historische Bücher. Besonders betont ist, daß die Bücher ihrer Anschauung nach die Liebe zum deutschen Vaterlande, zur Freiheit, zur Humanität, zur Wissenschaft und zur Kunst fördern. Die jüdische Gemeinde wird also von der Stiftung beauftragt, an die Zöglinge ihrer Schulen Prämienbücher zu vertheilen, darf aber die Schüler ihrer Religionsschulen nicht bedenken, muß auch von der Wahl religiöser Bücher absehen und muß sich überdies die Vermahnung gefallen lassen, daß sie nicht Bücher sittlich bedenklichen Inhalts aussnche. Endlich haben die „Stifter" noch verfügt, daß die Prämienbücher sämmtlich mit dem Bildniß Bamberger's geschmückt seien, und Name, Gebmts- und Todestag angeben müssen. Bamberger wäre sicher der letzte gewesen, eine solche Eitelkeitsbestimmung zu treffen, die noch weit mehr lächerlich, als in ihrem Personencultus unjüdisch ist. Vergeblich machte Justizrath Dr. Opolant auf das Unwürdige oder wenigstens Würdelose der Annahme einer Schenkung unter solchen Bedingungen aufmerksam. Nur drei Repräsentanten pflichteten ihm bei; die übrigen conservativen Säulen sanken Plötzlich um und stimmten für die Annahme der Stiftung. Wie werdelk sie beim Geld zurückweisen, das man ihnen anbietet; das bringen sie nicht übers Herz. — Vielleicht belehrt sie die verweigerte landesherrliche Genehmigung, daß man durch den Mangel an Tact die Grenzen des Erlaubten überschreiten kann. Die Debatte war recht belehrend, indem sie das völlige Unvermögen der sogenannten „Aufgeklärten" zeigte, zu verstehen, daß eine jüdische Gemeindeverwaltung eben die Verwaltung einer religiösen Gemeinschaft und nicht ein freireligiöser Club oder eine religiöse „Gesellschaft für ethische Cultnr" sei. Herr Löwe, der in seinem Civilverhältniß Landesgerichtsrath ist, stellte den Antrag aus Ablehnung der Schenkung in Parallele mit „gewiffen Bestrebungen gegen die Errichtung eines Goethedenkmals in Straßburg". Ob der Herr Landesgerichtsrath es sich wohl als möglich vorstellt, daß irgend einer Verwaltung einer Kirchengemeinde, einer evangelischen oder katholischen, das Ansinnen gestellt werden könnte, zur Errichtung eines Goethedenkmals positiv die Hand zu bieten? Selbst die liberalsten Mitglieder jener Kirchengemeinschasten, die an Verehrung für den großen Dichter hinter Niemanden zurückstehen, würden es als eine schamlose Zumuthung zurückweisen, daß sie von Kirchenregimentes wegen einen Mann glorificiren sollten, der außerhalb des Schattens der Kirche gestanden. Bamberger war, wie Herr Löwe hervorhob, bei der Wiederaufrichtung und dem Aufbau des Deutschen Reiches mitbetheiligt. Das soll nicht bestritten werden. Dafür sollen oder können ihm politische Bereinigungen Anerkennung zollen, Lorbeerkränze stiften. Die jüdische Gemeinde aber ist kein Bezirksverein, keine politische Parteigruppe, und man verkleinert Bamberger's Verdienste nicht, wenn man sagt, die deutsche Goldwährung sei keine jüdische Angelegenheit. Herr Professor Geiger ging noch einen Schritt weiter. Er hielt eine wichtige Bezirksvereinsrede zu Ehren Bamberger's, dessen Lebensthätigkeit eine Ehre, dessen Tod ein Verlust für das Judenthum und speciell für die Berliner jüdische Gemeinde gewesen sei. Das ist, mit Verlaub, eine Verkennung der Thatsachen. Was gehen Bamberger's parteipolitische Verdienste die Juden, und speciell die Berliner Juden an? Bamberger hat sich jüdisch nie bethätigt, obgleich er es gekonnt hätte, und deshalb steht er für uns Juden, die wir wirklich Juden sind, sehr dicht bei jenem Schlesinger, der nach der Taufe unter dem Namen Stahl sich um die Conservativen weit mehr verdient gewacht hat, als Bamberger um die Liberalen. Daß Bamberger nicht getauft war, wie seine Familienangehörigen, war Zufall; und selbst als Getaufter hätte er uns nicht fremder sein, hätte er nur so handeln können, wie er als Ungetanster gethan hat. Freilich: es hat sehr viele Minderbegabte Juden gegeben, als Bamberger einer war; doch schlechtere Juden kann es gar nicht geben, es sei denn unter den Verräthern und Ueberläufern. Das hindert nicht, daß er ein braver Mann und guter Bürger gewesen. Er war aber nur kein Jude, ganz wie seine Verehrer in der Repräsentantenversammlung. Diese sind nicht so klug wie Bamberger, nicht so von Selbsterkenntniß erfüllt; sonst würden sie sich blvs geschämt haben, das Amt von Repräsentanten einer jüdischen Gemeinde zu begehren und anzunehmen. Bamberger hätte es nicht gethan. Dazu war er zu klug und zu ehrlich. Herr Professor Geiger verkannte die thatsächlichen Verhältnisse so sehr, daß er sagte, es sei für die Versammlung eine Ehrenpflicht, das Geschenk debattelos anzunehmen; sie ehre nicht blos den Geber, sondern sich selbst, wenn sie dessen Namen mit ihren Institutionen verknüpfe. Der Herr Professor hat in seiner Begeisterung ganz vergeffen, daß die Stiftung gar nicht von Bamberger herrührt, sondern von Bamberger's dankbaren Erben,

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