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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Date
1899-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 498 Nr. 27 Dr. Bloch's des einzelnen Juden noch in der der Gesammtheit. Da entscheidet einzig und allein die Conjunctur, daß die Heranwachsenden sicb jenen Berufen zuwenden, in welchen sie ihr Fortkommen zu finden hoffen, und wenn die Antisemiten die Ueberzahl der Juden in den liberalen Berufen genirt, so gibt es dagegen nur ein einziges Mittel, nämlich die Beseitigung des Antisemitismus. Sobald es den Juden möglich sein wird, in allen Erwerbszweigen und in allen Berufsarten sich mit der gleichen Chance zu bethätigen wie ihre arischen Mitbürger, daun werden sie sich gewiß nicht in Berufe zusammendrängen, deren Angehörigen durch die übergroße Anzahl von Concurrenten ohnehin ein schwerer Kampf um die Existenz beschieden ist. Selbstverständlich wird auch dann der Jude immer noch das Object antisemitischer Verfolgung bilden. Er mag seine Kinder zu Handwerkern, Landwirthen, also zu „ehrlicher körperlicher Arbeit" erziehen, so wird er von den antisemitischen Gewerbetreibenden und Landwirthen angefeindet werden. Läßt er ihn Kaufmann werden, so erhebt sich das Geschrei über den verjudeten Handelsstand. Was immer mit dem Heranwachsenden Knaben geschieht, so hat er immer die Aussicht, als Jude verfolgt und angefeindet zu werden. Dem gegenüber bleibt nichts Anderes übrig, als sich über diese Gehässigkeit hinwegzusetzen und sich ihrer nach Kräften zu erwehren. Jeder jüdische Vater strebe unbeirrt und unbekümmert um den Haß unserer Feinde darnach, seine Kinder zu tüchtigen und gebildeten Menschen zu erziehen und sie für jenen Beruf vorzubereiten, zu welchem sie nach ihren physischen und geistigen Fähigkeiten am besten zu taugen scheinen, ob nun die jeweilige Kopfzahl der Juden in einzelnen Berufen den Antisemiten angenehm ist oder nicht. r Der organische Zionismus Von Dr. Abraham Salz, Präsidenten des Vereines „Ahavas Zion" in Tarnow. Ich gehöre nicht zu denjenigen Leuten, die da glauben, daß, wenn sie die ihnen unliebsamen Thatsachen nicht zugeben oder verkleinern, dieselben auch schon damit aus der Welt geschafft sind. Dieses Vorgehen der Sträuße, die der Gefahr ins Angesicht zu schauen nicht wagen, sondern die Köpfe hinter den Flügeln verbergen, ist immer gefährlich gewesen. Solche Vogel Strauß-Politik spielen jetzt viele Zionisten, von denen ein mannhaftes Stirnebieten der Gefahr und ein freies Wort der jetzigen Verwirrung gegenüber zu erwarten wäre. Man mvß doch mit Blindheit geschlagen sein, um die herrschende Verwirrung im Zionismus nicht zu sehen und die drohende Gefahr nicht zu erblicken! Diese Verwirrung und Gefahr bestehen und haben ihren Grund in der — ich möchte offen sagen — leichtsinnigen Verschiebung der Mittel, die uns zum Endziele führen sollen, und der Verdrängung des Princips der Selbsthilfe des jüdischen Volles. Die Mittel zur Erreichung des Endzieles! Wer will es bestreiten, daß gerade in diesem einzigen Wort der Schwerpunkt der ganzen Bewegung liegt? Wir können das erhabenste Endziel vor Augen haben, die schönste Zukunft für unser Volk uns austräumen — haben wir aber nicht die Mittel, um dieses Ideal zu erreichen, so sind wir Phantomen nachgegangen und haben uns an Fata morgana entzückt. Nun haben alle Zionisten, seien sie „praktisch", seien sie „politisch", doch zugegebenermaßen dasselbe Endziel vor Augen. Wennwirvon der Verbrämung „Oeffentlich-Rechtlich", welche nichts mehr als äußere Ausstaffiruug ist, absehen, streben doch alle Zionisten die Schaffung einer sicheren (nicht „gesicherten") Heimstätte für die Juden in Palästina an. Alle Zugaben sind hier leere Worte, denn im Völkerrechte sind nur Thatsachen, die respectirt werden, öffentlich, rechtlich und völkerrechtlich gesichert. Das weiß jeder Zeitungsleser und haben die rumänischen Juden, denen die Menschenrechte am Berliner Congreffe „völkerrechtlich zugesichert" worden sind — an sich erfahren! Also auf das richtige Mittel kommt es an! Wochenschrift. fiie organischen Zionisten — der Name „praktisch" ist nicht richtig, da auch die politischen praktisch sein wollen — erklären: Wir wollen den Weg der organischen Entwicklung, den wir bereits betreten haben, weiter mit verdoppelten, verzehnfachten Kräften fortsetzen. Palästina ist schwach bevölkert, es leben daselbst kaum 600.000 Seelen, darunter 300.000 Araber, die übrige Bevölkerung ist auf die verschiedensten christlichen Religionen und Seelen vertheilt. In den letzten 15 Jahren hat sich die jüdische Bevölkerung Palästinas verdoppelt und soll jetzt circa 60.000 betragen^ Wenn wir nun diese Bevölkerung dem Ackerbau, dem Handwerk, der Industrie zuführen, sie in den 15 und 20 Jahren durch unaufhörlichen Zuzug verdoppeln, und in immer stärkerer Progression fortschreitend vergrößern, ist es möglich, nach längerer oder kürzerer Zeit die Juden zu einer Majorität in Palästina zu machen. Und eben darum handelt es sich hier vor allem. kDie Juden müssen in Palästina das einzige Plätzchen auf der ganzen Erdkugel haben, wo sie in der Majorität sich befinden. Auf 30 oder 40 oder sogar mehr Jahre kommt es hier doch nicht an^Je früher desto besser. Unsere Politik, unsere Diplomatie, nnsere Kunststücke, unser ganzes, vereinigtes Streben hat darin zu bestehen, die sich diesem Werk in den Weg stellenden Hindernisse auf welche Weise immer wegzuräumen, — das soll ein friedlicher Kampf, aber energischer Kampf sein. Bei vor nichts zurückweichender Ausdauer, bei entsprechenden Geldmitteln und unaufhöflicher Einflußnahme auf die maßgebenden türkischen Kreise in Constantinopel, Jerusalem und Beyruth ist in dieser Richtung auf ausgiebigen Erfolg zu rechnen. Da kommen nun die zionistischen Politiker und Diplomaten und werfen ein: Nein, Dein Weg dauert zu lang! Wir wollen auf einmal das Endziel erreichen! Wir werden die europäischen Mächte, „regierende Häupter" für „das Project" gewinnen, und mit ihrer Hilfe und mittelst Abmachungen mit der türkischen Regierung eine öffentliche rechtliche Erlaubniß zur Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina erlangen. Da sitzen sie nun auf dem hohen Roß der Politik mit der Aussicht, auf demseMn recht lange — sitzen zu bleiben. fZch bitte Mn zu erwägen, was diese neuen Judenbeglücker erwarten! Die christlichen europäischen Mächte sollen uns Palästina zurückgeben oder zurücknehmen helfen! J Dieselben Menschen, denen der Jude ein Synonym allesBösen und Verkehrten, ein vergifteter Krebs am Organismus der Menschheit ist — sollen jetzt dem verhaßten jüdischen Volk zur nationalen Selbstständigkeit verhelfen und den Juden ebenbürtig machen. Auf dieses Wunder ist im natürlichen Laufe der Dinge nicht zu hoffen! Und die Türkei! Glauben denn wirklich unsere Diplomaten, daß dieselbe gestatten wird, daß auswärtige Mächte einen Anlaß erlangen, sich in die inneren Verhältnisse Palästinas zu mischen? Dieser Umstand allein wird den Sultan bewegen, sich absagend zu verhalten. Auch abgesehen davon wird die Türkei ihre wichtigste und schönste Provinz durch Geldabmachungen nicht preisgeben. Derzeit und für absehbare Zeit sind dies Phantasien, und keine Politik. fltbev biefe Phantasien bergen auch in sich große Gefahren für den Zionismus selbst. Sie benehmen nämlich den Massen das Gefühl der Selbsthilfe, Denn solche „Abmachungen" können natürlicher Weise nur von einer Person „abgemacht" werden. Die übrigen Zionisten sind da stumme Zuschauer. Und wgar der „Abmacher" muß sich absolutes Schweigen auferlegen,/ weil die „mächtigen Gönner" es so wünschen. * Das lähmt die Volkskraft. Ein „politischer Zionist" hat es bequem, er braucht nur alljährlich den Schekel im Betrage von 50 Kreuzern zu entrichten. Damit ist seine Selbsthilfe zu Ende. Das Uebrige wird schon für ihn der Abmacher besorgen. Ein solcher Zionismus ist lahmlegend, aber auch gefährlich! Denn, wenn die Abmachung nicht bald gelingt, werden die aufs Aeußerste gesteigerten Hoffnungen der zionistischen Massen eine Reaction bewirken, die uns um viele bisherigen Erfolge bringen kann. Darum ist es unsere Pflicht, die politischen Spielereien am Zionismus einzudämmen und dem organischen Zionismus seine gebührende Herrschaft zu verschaffen. Der Zionismus ist eine organische Volksbewegung, und solche Bewegungen müssen sich aus innerer Volkskraft und mit Hilfe des Volkes entwickeln und können nicht „abgemacht werden."

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