Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Date
- 1899-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 27 Dl\ BlOCh’S Jahrgang XVI. Centralorgan für die gesannnten Interessen des Iudenthums. 1 1 " ■ 1 " -' Wien, 7. Juli 1899. Erscheint jeden F r e i t a e. -X—- Brief-Adresse; Wien, II., Untere Angnrtenstrafie 1 a. Teleqramm-Adresse; Blocii's Wochenschrift, Wien. . V. ft. Postsparrassrn-Vmr Tlearinnverlrehr j Nr. 810.976. i Nedaction unv Binmnülration: K> t c it II., Ankere BimarfL .ir 1a. Telephon-!>?r. 14.847 U : - Srrngsprri» für Oesterreich7 Halbjährig 4 fl. 8 Äc. Etnzeleremplare 25 kr. Tür's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 tkr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Inhalt. Leitartikel: Die Inden in den liberalen Berufen. — Der organische Zionismus. — Verdächtige Geschenke. — Vom I a h rmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Tie verschmähte Sonntagsruhe. — Das Nabbinerseminar in Wien. — Die Schulstiftung des Baron Hirsch. — Juden ans den katholischen Heiligenbildern. - Das Heil kommt von den Inden. — Correspondenzen: Sitzung der israelitischen Cnltusgemeinde Wien. Wien, Äorneubnrg, Eger, Rechnitz, Krakau, Oswiecim, Der Erfolg einer Boycottirung, Paris, London, New-Pork, Baltimore, Südafrika, - Vermischtes: Wien, Wien-Mariahilf, Hohenau, Groß-Meseritsch, Wagstadt, Prag, Lemberg, Sambor. — Feuilleton: Michael. — Briefkasten. — Inserate. Die Inden in den liberalen Berufen.« Die Staatsgrundgesetze gewährleisten die Zugänglich-.- keit aller öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger ohne Unterschied der Confession. Theoretisch ist es also auch den Juden gestattet, sich um die öffentlichen Aemter zu bewerben; in der Praxis zeigt es sich, daß bei der Erlangung eines Amtes und noch mehr bei der Beförderung innerhalb desselben die jüdische Confession ein Hinderniß darstellt. Umso größer ist die Ungerechtigkeit, die darin liegt, auch hinsichtlich der freien Berufswahl die Juden benachtheiligen zu wollen, und insbesondere der Bildungsdrang der Juden und ihr Eintritt in jene Berufsarten, zu deren Ausübung akademische Studien oder höhere Intelligenz überhaupt erforderlich sind, bildet den Gegenstand gehässiger Anfeindung seitens der Antisemiten. Jinmer wieder wird in der antisemitischen Hetzpresse hervorgehoben, daß die Juden in den sogenannten Gelehrten-Berufen in einem weit höheren Percentsatze vertreten sind, als es der Bevölkerungszahl der Juden entsprechen würde, während sie viel seltener in Berufen zu finden seien, in welchen es gilt, wie eines dieser Blätter sich ausdrückt, ehrliche körperliche und productive Arbeit zu verrichten. In dem Gehirnkasten dieser Leute ist also mit der Vorstellung eines Berufes, zu welchem nicht körperliche, sondern nur geistige Arbeit gehört, der Begriff der Unehrlichkeit verbunden, als ob die Thätigkeit des Richters, des Anwalts, des Arztes, des Schriftstellers und des Künstlers hinsichtlich der Ehrlichkeit in einem Gegensätze stünde zu der körperlichen Arbeit des Handwerkers oder des Bauern. /Unter den Advocaten Wiens sind nahezu zwei Drittel, unter den Aerzten nahezu die Hälfte Juden. ^Daraus folgern die Antisemiten, wie nothwendig es sei, ,^eu jüdischen Einfluß aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen", eine abgebrauchte Phrase, durch welche einer gehässigen und von den niedrigsten Motiven geleiteten Hetze ein nationales oder sociales Relief gegeben werden soll. Wenn man die Antisemiten um Erlaubniß fragen würde, so dürften die Juden überhaupt keinen Beruf ergreifen, denn das antisemitische Programm will ihnen die Existenz überhaupt unmöglich machen. Die Antisemiten wissen sehr gut, daß den Juden nicht blos öffentliche, sondern auch viele private Berufe ganz oder theilweise verschlossen sind. Es gibt Institute und Fabriken und Handelshäuser, die darauf bedacht sind, ihre Etablissements judenreiu zu erhalten, und daß der geschäftliche Verkehr durch den Antisemitismus leidet, lehrt die tägliche Erfahrung. Unter solchen Umständen ist es naturgemäß, daß die Juden sich Berufen zuwenden, in welchen die persönliche Bildung und Tüchtigkeit den Ausschlag gibt, und da gereicht es denn den Antisemiten zu ganz besonderem Aerger, daß die jüdischen Aerzte und Juristen, was gewissenhafte Pflichterfüllung und Verständniß anbelaugt, ihren arischen Collegen vollständig gleichkommen. In der mediciuischen Wissenschaft haben wir eine große Anzahl hervorragender Theoretiker und praktischer Aerzte, deren Fähigkeit und deren Vertrauenswürdigkeit auch in der christlichen Bevölkerung anerkannt wird, und die in der wissenschaftlichen Welt sich eines großen Ansehens erfreuen. Jüdische Advocaten sind gerade so gewissenhaft wie alle anderen; jede dem entgegen - steheude Behauptung ist eine verleumderische. 5Jm Richterstande sind die Inden noch nicht sehr zahlreich vertreten. / Hinsichtlich der geringen Anzahl jüdischer Richter, dereil"^ Thätigkeit in Oesterreich beobachtet wurde, darf mit Beruhigung constatirt werden, daß sie in ihrer Amtsführung ihren Pflichten nicht geringeres Verständniß und Gewissenhaftigkeit entgegenbringen. Die jüdischen Richter besitzen ebensoviel Kenntnisse und Gerechtigkeitssinn wie alle anderen. Mit welchem Rechte sprechen da die Antisemiten von einem Ueberwiegen und von einem Zurückdrängen des „jüdischen Einflusses?" Und mit welchen Mitteln und mit welchem Rechte wollen sie es verhindern, daß eine größere Anzahl von Juden sich dem einen oder dem anderen Berufe zuwendet? Was die Aerzte und die Advocaten betrifft, so klagen diese Stände ohnehin über zu großen Andrang, und die Wahrnehmung, daß eine größere Anzahl von Stndirenden sich diesen Berufen zuwendet, als es der Bedarf erfordert, wird allmälig auch den Zudrang verringern. Was aber die Vertheilung der Einzelnen in die verschiedenen Berufsarten betrifft, so liegt^ dieselbe weder in^der Macht