Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Blvch's Wochenschrifi. Seite 495 das heißt, nach ihrer talmudischen Gelehrsamkeit, Jichus'-), Vermögen, Alter u. s. f. an dem lang-n Tffche in dem großen Zimmer Platz genomm.'n; denn trotz des schweren Druckes, der auf den Juden lastete, hatte sich doch auch in ihren Kreisen eine Aristokratie nnd eine streng beachtete Etikette herausgebildet. — Obenan saß der Gemeindevorsteher Reb Jossef Singer, ein lang gewachsener, magerer Mann von achtzig Jahren. Er trug wie alle Anderen einen Bart, welcher, wie sein Haupthaar, silberweiß war. Sein Gesicht war vor Alter wie braun gebeizt. Schmale, feine Lippen, eine Adlernase, und namentlich große, schwarze, noch immer feurige Augen, welche unter buschigen, schneeweißen Brauen hervorblitzten, verliehen ihm den Ausdruck großer Klugheit und Energie, tie er auch in der That in hohem Grade besaß. Als dem Vorsitzenden die Versammlung vollständig schien, erhob er sich von seinem Sitze und begann: „Achat wereai!") Ich bin vor acht Tagen achtzig Jahre alt geworden, und bin nun durch vierzig Jahre hier Roschhakol. Ich glaube, ich darf ruhig mit dem Propheten Samuel sprechen: Hier stehe ich, sag an wider mich! Wem habe ich einen O hsen wem einen Esel genommen? Wem habe ich Unrecht gethan? Wen bedrückt? Von wem habe ich Bestechung genommen'?") und Ihr werdet genau so antworten müssen, wie das Volk Israel dem Prophetengeantwortet." „Ewadde, ewadde'^)" ertönte es stürmisch von allen Seiten, und der Nestor der Gemeinde, Reb Zodok Datschitz, ein blinder Mann, der das neunzigste Lebensjahr überschritten hatte und rechts neben Singer saß, sprach gerührt: „Jeschalem haschem peolcho, ushi maskurtech schlemo me-im haschem eloke Jisroel l'b) „Allein," fuhr der Vorsteher fort, „ich bin jetzt nicht mehr der Mann, die schwere Bürde dieses Amtes weiter sortzutrazen. Ich könnte sagen, ich lege mein Amt nieder, weil ich zu alt, zu schwach bin; aber das wäre unwahr, das wäre nur ein Vorwand. Ich habe zwar das achtzigste Lebensjahr überschritten, aber man kann'boruch haschem'') von mir dasselbe sagen, wo die Thoro"*) von Moscheh rabenu'") sagt: Lo chohasso enow welo noß lecho^"). — Ich könnte sagen, es werden in der nächsten Zeit Aufgaben an uns herantreten; zu deren Lösung es einer jüngeren Kraft bedarf, wir haben das Rabbinat in unserer Gemeinde, das seit einem Jahre, durch das Ableben unseres unvergeßlichen Rabbi verwaist ist, zu besetzen, aber ich würde nicht das Richtige, nicht die Wahrheit sagen. Wir haben seit einigen Monaten einen neuen Landesrabbiner, Reb Gerschom Chayes, haschem jarich jomow''), der unsere Wahl auf den rechten Mann lenken wird, dessen Stimme ja hierbei den Ausschlag gibt, der ja unsere Wahl bestätigen muß. Ich bin von jeher ein aufrichtiger, offener Mensch gewesen, ich habe nie ein unwahres Wort gesprochen und will auch Euch, den Mitgliedern meiner Gemeinde, die ich vierzig Jahre lang verwaltet und vertreten, die volle Wahrheit sagen. Ich lege mein Amt nicht meinetsondern Euretwegen nieder, ich lege mein Amt nicht nieder, weil ich die schwere Bürde nicht länger tragen will; sondern weil ich Euch als Gemeindevorsteher nicht mehr nützen, weil ich Euch jetzt nur schaden könnte. Ich habe mich nämlich mit dem neuen Bürgermeister, der vor vierzehn Tagen sein Amt angetreten, überworfen, ich habe mir den bösen, schlechten Menschen zum Todfeind gemacht." Der Vorsteher hielt inne, nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Ich habe mich vielleicht übereilt, aber ich bin ja doch nur ein Mensch von Fleisch und Blut, und Alles auf dieser irdischen Welt hat seine Grenzen, und ich bedaure nicht, so gehandelt zu haben, wie ich gethan." (Fortsetzung folgt) v2) Abstammung von berühmten Männern, Glaubensmärtyrern, hervorragender Schriftgelehrter oder von Männern, welche die Gunst der Fürsten besaßen und Gutes für ihre Glaubensgenossen erwirkt hatten. 13) Meine Brüder und Freunde! eine damals übliche Ansprache. ") Samuel a. C. 12. V. 3. '5) Gewiß, bestimmt. ,ü) Möge Gott Dir Dein Wirken vergelten, möge Dein Lohn voll sein vor dem Ewigen dem Gotte Israels. Ruth. 2. 12. ") Gott Lob. '*) Bibel, heilige Schrift. ,ö) Unserem Lehrer Moses. 2») Sein Auge war nicht geschwächt, sein Lebenssaft nicht geschwunden. Deuteronomius Cap. 34. Vers 7. Gott verlängere seine Lebenstage. Literatur. Kanzelreden von Dr. David Fe achtmalig, Rabbiner zu Nikolsburg. I. Theil, Frankfurt a. M., I. K a ii f m a n n, 18^9. Kanzelredeu sollten anstatt durch die Presse durch den Phonographen reproducirt werden, damit wenigstens die Tonsarbe und der Tonfall des Redners sich nicht ganz verflüchtigen; selbst dann würden noch immer „die Rednergeberde und das Sprechergewicht" des Vortragenden verloren gehen, und da desselben mit sich sortreißeude Begeisterung nicht wie sliissige Kohlensäure aus Flaschen abgezogen und dem Leier übermittelt werden kann, so werden gedruckte Predigten meist nur ein matter Abklatsch des gesprochenen lebendigen Wortes bleiben. Diese Erwägungen müssen bei oer Beurtheilung nie ans den Augen gelaiien werden. Umso höher anzuschlagen ist es, wenn eine solche Sammlung, wie es bei der vorliegende i der Fall ist, nicht den Eindruck der kümmerlichen Aschenreste eines abgebrannten Feuerwerkes hervorruft, sondern anregend wirkt, ja ein mächtiges, nachhaltiges Interesse im Leser erweckt. Erzielt wird dieser Effect durch den hohen Grad von Originalität, der diese Predigten auszeichnet. Der leitende Gedanke wird stramm durchgeführt, jede gewaltsame Auslegung der Bibeltexte, jede geistreichelnde, gezwungene Dentung ferngehalten. Der Redner will unseren Verstand nicht umnebeln, indem er mit sacerdotaler Pose fleißig das Weihrauchfaß schwingt, sondern wir fühlen in seinen Worten mächtig den Flügelschlag des Weltgeistes, der da rauscht von Ewigkeit zu Ewigkeit, und weder Anfang nochEnde kennt, während wir arme Menschen konunen und gehen wie die Eintagsfliegen. Aus seinen Worten spricht n:cht nur die weinerliche Wchleidigkeit des jetzt so arg unterdrückten Jndenthnms, sondern der männliche Geist einer fest in sich ruhenden Natur, der mit dem kräftigen Wagemuthe, den eine gute Sach^ verleiht, erfüllt ist. Ter Redner steht immer auf der der hohen Zinne elastischer Bildung und weiß uns von seinem erhabenen Standpunkt weite geistige Fernsichten zu eröffnen. Er entrückt uns ans den Niederungen des Altagslebens, in dem die Seele hinwelkt, in deren Unruhe sie vergißt, daß sie Flügel hat, zu jener sonnigen Höhe, in der wir Alles sin speoie aciemi betrachten Tie Sprache ist immer frisch und klar. Die Bilder quellen frei hervor, sie brauchen nicht erst gepumpt zu werden und kein Verständiger w'rd cs beinängelu, wenn >.m der Wirkung auf das Ohr Witten die Worte um eine Terz höher gestimmt sind, als beim Jammcrton der blos sachlichen Erörterung Nie wird sie banal, und überall erhebt sich der Ausdruck über das Gewöhnliche zu künstlerischer Freiheit und Lebendigkeit, nirgends verliert der Prediger über die Universalität seiner Weltanschauung die Individualität und niemals läßt uns die Höhe seiner Betrachtungsweise das Temperament vermissen Am Besten gefallen hat uns aber der „Das Ziel" betitelte, aus sechs Reden bestehende Cyclus, und der auf S. 72 ausgesprochene Gedanke hat uns lebhaft einen Ausspruch Brunetiöres ins Gedächtnis; gerufen, der, hier wiedergegeben, nicht übel angebracht sein dürfte: „Ohne jede beleidigende Absicht sei es gesagt: Seit 600«, Jahren haben uns so viele und so große Fortschritte um keine Spanne weiter in der Kenntniß unseres Ursprungs, unseres Wesens, unseres Zieles gebracht. Tas genügt, denn so lange die Wissenschaft keine Antwort auf diese Frage zu geben hat, wird sie, wie die Religionen, die sie ersetzt zu haben glaubt, nichts Anderes, als das sein, was Pascal undivertissement nennt, d. h. ein Auskunftsmirtel, das uns verhindern soll, an die einzigen Fragen zu denken, die von höchster Wichtigkeit für uns sind, das mit anderen Worten den Schmerz unserer Seele täuschen soll. Unter solchen Bedingungen ist nicht zu befürchten, daß die Wissenschaft jemals zur Universalherrschaft gelange, die man ihr jedesmal verspricht, wo sie den Eilwageu durch die Eisenbahn, das Calcium durch das Salicyl ersetzt." Die Reden Dr. F e u ch t w a n g's seien jedem gebildeten Juden zu echter Erbanung und Stärkung religiösen Sinnes bestens empfohlen. Nikolsbur g. Prof. I. Fr. Briefkasten. I. B. in Str. War bereits abgedruckt und kann nicht wiederholt werden. I. R., Lemberg. Es verlohnt nicht der Mühe, das unbedeutende Vorkommniß im Blatte zu besprechen, aber die Vereinsleitung sollte immerhin auf die Sache aufmerksam gemacht werden. 41. L.» Eger. Das Wochenblatt des P. Opitz ist ein christlichsociales Organ, also auch ein Organ der Jesuiten. Sie dürfen sich daher nicht wundern, daß es aus der im Stepyansdome gehaltenen Predigt des Jesuitenproviucials P. Widmann die Bezeichnung der Juden als „gottesmörderisches Volk" mit besonderer Genugthuung registrirt. Das Blatt des Herrn Opitz ist natürlich auch sehr erfreut darüber, daß dieser Festpredigt so viele hervorragende Persönlichkeiten beiwohnten I. M. B. Das betreffende Telegramm verzeichnet nur ein vages Gerücht, welches seither nicht bestätigt wurde; es ist also unmöglich, den Ursprung dieses Gerüchtes zu verfolgen.